Equator Highway
Damals, im Jahre Õ78 stand ich an einem Scheideweg. Ich stellte mir die Frage wie es in meinem Leben weitergehen sollte. Meine GefŸhle waren wiedersprŸchlich, zum Einen hegte ich eine tiefverwurzelte Bewunderung fŸr die Naturwissenschaften, und ich Ÿberlegte ob ich in die Fu§stapfen meines Vaters treten sollte. Zum Anderen war ich stets von Sprachen und Literatur fasziniert gewesen und glaubte, da§ – ungeachtet meiner familiŠren Vorbelastung – auf diesem Gebiet meine eigentlichen FŠhigkeiten lagen.
Um mir Ÿber meine Situation und mich selbst klar zu werden, beschlo§ ich auf Reisen zu gehen. Seltsamerweise mu§te ich – obgleich ich mich im Allgemeinen mit Entscheidungenm jeglicher Art nicht leicht tat – nicht lange Ÿber Ziel und Zeitpunkt der Reise Nachdenken. Der Zeitpunkt sollte jetzt sofort sein, das Ziel kam Ÿber mich wie eine Vision, als sei es schon lange vorherbestimmt, und mich ergriff eine beinahe religišse Ehrfurcht gepaart mit einem Anflug von – einem VierzehnjŠhrigen kaum angemessener - kindlicherVorfreude und Erregung.
FŸr ein ein Jahr, so nahm ich mir vor, wŸrde ich mich mit dem Fahrrad als Pilger auf den Equator Highway begeben und auf ihm die Erde umrunden. Die zweihundert Jahre alte Versorgungsstra§e, die damals zusammen mit dem weltumspannenden Teilchenbeschleuniger, dem technischen Wunderwerk des 22. Jahrhunderts, entstanden war, wurde zu dieser Zeit kaum mehr benutzt, und der Beschleuniger, der Equatorial Collider, wie man ihn genannt hatte, war schon seit fast fŸnfzig Jahren stillgelegt.
Zugegeben, im Zeitalter der Teleports und Farcaster, der Kolonien auf den Jupiter- und Saturnmonden, war dies eine reichlich verschrobene und au§erdem erschreckend langweilige Idee, aber gerade Letzteres war es, was mich daran so faszinierte. Ich wŸrde sogar noch weiter gehen, beschlo§ ich, und wŸrde meine sŠmtlichen KommunikationskanŠle und Implantate deaktivieren und die Reise in Realzeit durchfŸhren. Ein ganzes Jahr abgekoppelt vom Netz und dem Rest der Menschheit, in všlliger Ruhe, das ZeitgefŸhl meiner VorvŠter wiederentdeckend und von eigener Muskelkraft vorangetragen. Eine solche Lebensweise wŸrde mich zurŸckbringen zu den Wurzeln des Homo Sapiens, zurŸck zu den ursprŸnglichsten GrŸnden des menschlichen Strebens nach Erkenntnis. Die Welt wŸrde meine Kirche sein, der Highway ein allumfassender meditativer Kreis dem ich Tag fŸr Tag in phantastischer Eintšnigkeit folgen wŸrde, nur damit er mich am Ende dorthin zurŸckbrŠchte wo ich begonnen hatte. Beinahe wie im gro§en Rad von Kharnabar, nur hŠtte ich tags den blauen Himmel und nachts die Sterne Ÿber mir.
WŸrde mir unterwegs ein anderes, Šhnlich psychopathisches Individuum begegnen (so dachte ich trotzig) dann wŸrde ich eben meine Stimme benutzen um mit ihm zu reden, wŸrde Sachverhalte ausgiebig beschreiben und erklŠren, die ich ansonsten innerhalb einer Millisekunde Ÿbermittelte. Kurzum, ich war jung, und ich fŸhlte mich der Herausforderung mehr als gewachsen. Also begann ich mit den Reisevorbereitungen.
Da ich in wie alle meine Zeitgenossen in einer exzellenten kšrperlichen Verfassung war, sollten die vierzigtausend Kilometer innerhalb eines Jahres zu schaffen sein. Bei meinen vorbereitenden Recherchen im Netz fand ich heraus, da§ weit mehr Menschen als man vermuten wŸrde auf dem Equator Highway gereist waren - allerdings meist nur auf kurzen Abschnitten, wobei der Teil, der den Pazifik Ÿberspannte, sich offenbar der grš§ten Beliebtheit erfreute. Es gab jedoch auch Berichte in denen behauptet wurde man habe die Strecke zu Fu§ zurŸckgelegt, doch hatte ich daran meine Zweifel, denn die Schilderungen waren einsilbig und lie§en sich nicht zu ihren Verfassern zurŸckverfolgen.
So nahm mein Plan in relativ kurzer Zeit klare Formen an, und bald war ich zur Abfahrt bereit. Verpflichtungen hatte ich keine, weder meiner Familie noch der Gesellschaft gegenŸber. Im Jahre 2378 war die Menschheit geeint, ausgehend von den VerŠnderungen die zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts stattgefunden hatten, war die Welt ein friedlicher Ort geworden, in dem Wohlstand und Frieden fŸr alle Všlker herrschte. RŸckblickend auf die wechselhafte Geschichte der Menschheit schien es beinahe unmšglich wie sich die Dinge zum Guten gewendet hatten, und trotz dem die Religionen schon lange auf dem RŸckmarsch waren und trotz des umfassenden rationalen VerstŠndnisses, das die Menschen meiner Zeit fŸr Ursprung und Wandel unserer Welt hatten, gab es nicht wenige die glaubten, da§ die Menschheit nach entbehrungsreichen zweitausend Jahren das Wohlwollen einer hšheren Macht zurŸckgewonnen hatte. Was ich darŸber dachte? Nun, ich verbuchte dies als eine der vielen Fragen, denen ich mich wŠhrend meiner einjŠhrigen Eremitage auf dem Highway stellen wŸrde.
Ich begann meine Reise an der WestkŸste SŸdamerikas. Meine Famile lebte in der Vorstadt von Quito, der Highway lag praktisch vor unserer HaustŸr. Mein Vater hatte bis zuletzt an den Collider-Experimenten mitgearbeitet und beschŠftigte sich seitdem der Beschleuniger abgeschaltet worden war mit interstellaren Schiffsantrieben. Meine Mutter lehrte klassisches Ballett – eine etwas ungewšhnliche Konstellation, die zum Teil meinen inneren Zwiespalt erklŠren mochte. Beide machten mir angesichts meiner PlŠne keinen Vorwurf, waren jedoch wenig begeistert von der langen Dauer der Reise und vor allem von den abgeschalteten KommunikationskanŠlen. Vielleicht nahmen sie auch an, mich binnen kŸrzester Zeit von Langweile geplagt wieder in ihrer Mitte zu haben.
Der Equator Highway umspannte den Globus in etwa einhundert Metern Hšhe auf einer exakten Linie entlang des €quators, parallel zur Beschleunigerršhre, an der er in regelmЧigen AbstŠnden verankert war. Der Beschleuniger selbst war eine titanische selbsttragende Konstruktion die mittels eingebauter Mechnismen ihre Form bis auf den Bruchteil eines Millimeters genau beibehielt. Es gab weder StŸtzen noch Pfeiler, der Ring um die Erde trug sich allein aufgrund seiner Steifigkeit selbst. Nur gelegentlich gab es Rampen, die von der ErdoberflŠche in die Hšhe fŸhrten und so Zugang zum Highway gewŠhrten.
Auf einer dieser Rampen stand ich am Tag meiner Abfahrt. Ausgestattet mit Proviant fŸr die ersten Wochen und dem Nštigsten, was mir die †bernachtung auf dem rauhen Highway gestatten wŸrde, war ich zu Abfahrt bereit. Die €quatorsonne schien von einem strahlend blauen Himmel. Mehrere Bewohner der Siedlung in der ich mit meinen Eltern und meinen sechs Šlteren Geschwistern lebte kamen, um mich zu verabschieden. Sogar einige Webcams schwebten in der Gegend herum, obgleich eigentlich klar war, da§ der Event in der allgemeinen Informationsflut untergehen wŸrde. Da es mir nichtsdestotrotz unangenehm war auf solche Weise im Mittelpunkt zu stehen, verabschiedete ich mich in aller KŸrze und schob das Rad mit dem AnhŠnger die Rampe hinauf.
Oben angekommen trat ich sogleich krŠftig in die Pedale ohne zurŸckzuschauen. Nicht lange und das blaue Wasser des Pazifik breitete sich unter mir aus. Ich hielt an und deaktivierte wie geplant meine Implantate. Ich unterdrŸckte den damit verbundenen Schwindel, und sogleich empfand ich meine Gedanken als unglaublich trŠge, sah Himmel und Meer wie im Traum, wŠhrend die flirrende Sonne mir das Hirn aus dem Kopf zu brennen schien. Die Zeit raste nur so vorbei, jede noch so simple †berlegung erforderte eine ungeheure Kraftanstrengung, und bald schimpfte ich mich einen Idioten und Neandertaler. Es erforderte eine gewaltige Willensanstrengung die Implantate nicht wieder einzuschalten, stattdessen schwang ich mich in den Sattel und begann die Pedale zu bearbeiten als sei ich tatsŠchlich verrŸckt. Ich fuhr solange bis in meinem Kopf Ruhe einkehrte. An diesem ersten Tag legte ich zweihundertfŸnfzig Kilometer zurŸck. Am Abend fiel ich aus dem Sattel, legte mich mitten auf die Stra§e und schlief traumlos wie ein Toter.
Am folgenden Tag erwachte ich ausgeruht, und die nervšse Ohnmacht, die ich zuvor gespŸrt hatte, begann langsam abzunehmen. Als ein krŠftiger Ostwind aufkam setzte ich mein hauchdŸnnes, aus einem einzigen KohlenstoffmolekŸl bestehendes Segel, mit dessen Hilfe ich bald eine betrŠchtliche Geschwindigkeit erreichte. Es war ein herrliches GefŸhl der Freiheit und des Einklangs mit den Elementen, wie ich da so zwischen Himmel und Erde dahinscho§. Unter mir im Ozean tummelten sich Delphine und Meeresschildkršten, wŠhrend Ÿber mir am Himmel halborganische Flugrochen und Schweber mit ihren schimmernden Sonnenkollektoren dahinglitten. Als ich bei Sonnenuntergang auf meinen altmodischen Tachometer schaute traute ich meinen Augen nicht, ich hatte an diesem Tag beinahe achthundert Kilometer zurŸckgelegt und befand mich bereits unweit der Galapagos Inseln.
Ich wu§te, da§ es entlang des Highways in unregelmЧigen AbstŠnden alte Versorgungsdepots gab, die - gleicherma§en stillgelegt - zu dieser Zeit von allerlei schrŠgen Gestalten und Aussteigern bewohnt waren. Die Depots lagen in der Regel dort wo die Rampen von der OberflŠche auf den Highway trafen, mit anderen Worten es gab Depots nur an Stellen wo unter dem Ring Festland lag. Auf meiner Ost-West Umrundung des Planeten lag das erste dieser Depots Ÿber den Galapagos Inseln, und als ich am Abend des dritten Tages den Archipel unter der Sonne am Horizont auftauchen sah (der Wind hatte sich gedreht und ich mu§te mich mŠchtig ins Zeug legen), sah ich bereits von weitem den Rauch vieler Feuer, die sowohl oben auf dem Highway als auch unten auf der Erde brannten.
Hier verlie§ ich den Highway fŸr einen Tag und eine Nacht, die ich in der Gesellschaft dieses buntgemischten Volkes und anderer Weltreisender am Strand unter Palmen verbrachte. Abends sa§en wir an den Feuern, tranken Kawa-Kawa, rauchten Gras und fŸhlten uns wie die ersten und ursprŸnglichsten aller Menschen. Manche erzŠhlten von ihren ZukunftsplŠnen, andere schwiegen und genossen die Stille der tropischen Nacht, und wieder andere – darunter ich - verlie§en die Feuer um sich im seichten Wasser der Lagunen zu lieben, wohl wissend, da§ keine Verbindung dieser Nacht Bestand haben wŸrde, waren wir doch zuallererst auf der Suche nach Einsamkeit und Stille und - in meinem speziellen Fall - Erkenntnis.
Unter den Reisenden waren einige, die bereits zum zweiten oder gar zum dritten Mal hier vorbeikamen. Ein Fu§gŠnger war auch darunter. Sie kannten die ortsansŠssigen Hippies von frŸheren Fahrten und lieferten sich mit diesen – sozusagen als Kontrapunkt zur Hektik und Unrast der Welt dort drau§en - einen Wettbewerb im langsam Sprechen (und Denken) den ich als unfreiwillig komisch empfand.
Beim Versuch einzelnen Sterne in der Gro§en Magellanschen Wolke auszumachen schlief ich schlie§lich ein.
Nach diesem kurzen Zwischenspiel bestieg ich am nŠchsten Morgen das Rad und setzte meine Fahrt fort. Ich geno§ die verzaubernde Monotonie, fernab der Komunikations- und Informationsgesellschaft, die mein bisheriges Leben so sehr geprŠgt hatte. Ich lebte meine (mir selbst ketzerisch erscheinende) Ablehnung des allgegenwŠrtigen Prinzips des Lebens im Kollektiv aus. Gleichzeitig war ich mir meiner Langsamkeit bei der Umrundung des Planeten auf so wohltuende Weise bewu§t das es kaum ertrŠglich war, fŸhlte mich wie einer der ersten Pioniere, die mit primitivsten Mitteln die gro§en Herausforderungen ihrer Zeit angenommen hatten. Gedanken kamen mir an gro§e Abenteurer und Forscher vergangener Zeiten wie Alexander von Humboldt und Thor Heyerdahl. Heyerdahl, den seinerzeit auf seiner Kon-Tiki die gleichen Winde begŸnstigt hatten, die nun auch mir die Fahrt mit dem altertŸmlichen Fahrrad erleicherten.
Getragen von derlei mŸ§igen †berlegungen und inspiriert von der Natur und der Stille um mich herum erreichte ich nach tausenden von Kilometern schlie§lich eine Bewu§tseinsebene von der ich annahm, da§ sie eine elementare Stufe menschlichen Denkens darstellte. Ich hatte mich von allen Šu§eren EinflŸssen befreit und hatte den natŸrlchen Zustand der menschlichen Seele zurŸckerlangt, den die Menschen trotz all der Harmonie und des Friedens auf der Welt dennoch verloren hatten.
Ich fŸhlte mich nunmehr, als ich eines Morgens in der NŠhe von Singapur mein Rad bestieg, in der Lage mich der gro§en Frage nach Gott und der menschlichen Seele zu stellen, weniger auf eine rationale Art als vielmehr mit einem tiefen inneren Empfinden, da§ die Zeit reif sei und die Leere in meinem SchŠdel fernab aller TŠuschungen und Dogmen war.
Gott, so wurde mir klar (wŠhrend ich wie besessen strampelte und der Monsunregen auf mich niederklatschte), war nichts anderes als die Gesamtheit jener unendlich vielen Paralleluniversen, die zusammen mit dem unsrigen existieren, und von denen sich jedes einzelne mit jedem Quantenereignis in unendlich viele neue Universen aufspaltet. Wer einen Teil dieser Unendlichkeit erkennt, der spŸrt einen Hauch der Existenz Gottes.
Besa§ diese Gesamtheit etwa nicht jene Attribute, die der Mensch seit jeher mit dem Gšttlichen in Verbindung brachte? Allmacht, Allwissenheit, AllgegenwŠrtigkeit? Irgendwo in der unendlichen Anzahl von Universen liegt die Antwort auf jede Frage verborgen, die der Mensch nur jemals stellen kšnnte. In einem jener allgegenwŠrtigen Parallelunversen - und sei die Wahrscheinlichkeit dafŸr auch verschwindend gering - ist/wird diese Frage beantwortet.
AllmŠchtigkeit fŸhlt der Mensch, weil er das Wesen dieses unendlichen Multiversums unbewu§t erkennt, und dennoch keine Mšglichkeit hat den Lauf der Dinge wesentlich zu beeinflussen.
Doch warum spŸrt der Mensch all dies? NatŸrlich, so dachte ich, weil er eine Seele besitzt, einen Teil seines Bewu§tseins der aus ungeklŠrtem Grund nicht vollstŠndig an das Hier-und-Jetzt-Universum gebunden ist, sondern der gleich einer diffusen SphŠre (die eine grš§er, die andere kleiner) einen weiten Bereich dieser VerŠstelungen, Wahrscheinlichkeits-Welten oder AlternativenrealitŠten umfa§t.
Das Konzept gefiehl mir, schien es doch eine tiefe Wahrheit zu beinhalten, und ich dachte weiter darŸber nach, wŠhrend ich auf meinem Bart kaute, den Indischen Ozean Ÿberquerte, Ÿber die RegenwŠlder des Kongobeckens radelte und irgendwann unter mir die grauen Fluten des Atlantiks erblickte. Irgendwo auf dieser Strecke beschlo§ ich, Naturwissenschaften zu studieren, bildeten sie doch das Fundament der faszinierenden Idee die ich gehabt hatte.
Noch bevor ein Jahr vergangen war, hatte ich das Festland SŸdamerikas Ÿberquert und nŠherte mich dem Ausgangspunkt meiner Reise. Mit einem Anflug von Wehmut verlie§ ich den Equator Highay. Meine Familie erwartete mich am Fu§ der Rampe. Alle redeten durcheinander und wirkten auf mich etwas Ÿberdreht und hyperaktiv.
Mutter erschrak zunŠchst etwas als sie mich sah, doch war sie ŸberglŸcklich, da§ meine Fahrt zu Ende und ich wieder zuhause war.
Ich holte tief Luft. ãJa, ich bin zurŸckÒ, sagte ich.