Der Vierte
Das Blut der Dinelin breitete sich langsam Ÿber den kŸhlen Metallboden aus. Einen Augenblick spŠter vermischte es sich mit dem des Soldaten. In der gro§en Lache verwuschen die verschiedenen Farbtšne, das etwas violettere Blut Simionnas, und das tief rote des Menschen, zu einem einzigen. FŸr einen Moment noch hatte die dunkle FlŸssigkeit ihre uralte, hypnotische Wirkung auf Byron, dann schaffte er es, sich loszurei§en. Der Soldat war tot. Es war Notwehr gewesen, aber wenn Byron es schaffte, sich und Simionna zu retten, wŸrde er trotzdem damit zu kŠmpfen haben, dass er einen Menschen getštet hatte. Das war eine Tat, die nie leichter zu ertragen wurde, ganz gleich, wie oft man sie begangen hatte. Sein Blick fiel auf die Dinelin. Bewusstlos lag die sie vor ihm, wŠhrend mehr und mehr Blut aus ihrer Flanke stršmte. Der blaue Flaum auf ihrer ebenso blauen, aber etwas dunkleren Haut war durchtrŠnkt davon. Er mu§te sich zusammenrei§en. Byron spŸrte, wie sein Atem sich vertiefte, beruhigte und Kraft seinen Kšrper durchstršmte. Sein Geist klŠrte sich etwas und seine Hand fuhr zum Medipack an seinem GŸrtel. Die ersten Handgriffe waren noch ein wenig fahrig, dann bemŠchtigte sich mehr und mehr die Routine des Veteranen seiner Bewegungen. Mit sicherer Hand und geschickten Griffen hatte er Simionna in wenigen Augenblicken einen Druckverband angelegt und die Blutung gestillt. Sobald sie in der Yacht waren, wŸrde der Bordcomputer und die medizinische Einrichtungen den Rest erledigen.
Nachdem er Simionna ergebnislos auf weitere Verletzungen untersucht hatte, richtete er sich auf. Gleich wŸrden drei weitere Verfolger durch das Transmitterfeld kommen. Ein kleiner Personentransmitter wie dieser konnte lediglich drei hšhere Lebensformen auf einmal senden, bevor sein Arbeitsspeicher entleert werden musste. Dann wurde ein kurzer Check des Systems durchgefŸhrt, bevor es bereit fŸr den nŠchsten Transport war. Ein Vorgang, der knapp zehn Minuten dauerte. Der Soldat des Geheimdienstes war kurz nach Byron und Simionna durch den Transmitter gekommen. Ohne Vorwarnung hatte er das Feuer eršffnet. Der Schuss hatte Simionnas Seite durchschlagen und den …ffnungsmechanismus der Schleuse getroffen. Zu einem zweiten Schuss war der Mann nicht gekommen. Byron versuchte abzuschŠtzen, wie viel Zeit schon vergangen war. Es mussten etwa fŸnf Minuten gewesen sein. Nicht ganz sicher stellte er seine Uhr und hoffte, sich unter dem Eindruck der Ereignisse nicht zu sehr verschŠtzt zu haben. Dann blickte er sich in dem kleinen Raum um. Auf der einen Seite befand sich der Transmitter, diesem gegenŸber die Schleuse zum Raumschiff. An den WŠnden einige Sitzgelegenheiten. Es war die typische Einrichtung fŸr kleine Orbitdocks wie dieses, an denen Reisende ihre nicht atmosphŠrentauglichen Raumer andocken konnten – fŸr den Fall, dass diese kein Transmittersystem besa§en, oder es nicht kompatibel mit dem bereisten Planeten war. Mit Werkzeugen aus seiner Kampfmontur hatte Byron mit ein paar Handgriffen einige der Sitzgelegenheiten entfernt. Er zerrte den toten Soldaten vor das Transmitterfeld, in der Hoffnung, die Verfolger wŸrden Ÿber ihn fallen, und ihm somit einen kleinen Vorteil verschaffen. Dann schob er die Sitzgelegenheiten in die Mitte des Raumes, und legte behutsam Simionna in ihren Schutz. Schlie§lich wandte er sich dem …ffnungsmechanismus der Schleuse zu. Die Zerstšrung sah schlimmer aus, als sie war. Er fing an, sich an den brachliegenden Innereien des Mechanismus zu schaffen zu machen.
Wer ihn und Simionna verraten hatte, vermochte er nicht zu sagen, und es war auch nicht von Bedeutung. Ihm selbst hatte er diese Situation zu verdanken. Als er seinen MilitŠrdienst abgeschlossen hatte, und den Job in der Leibgarde der dilenischen Botschafterin Chirida angeboten bekam, war seine Freude nicht zu zŸgeln gewesen. Erst sechzig Jahre war es her, dass die Menschheit Kontakt zu einer extraterrestrischen Zivilisation hergestellt hatte, ein Kontakt, der ihr das Tor zur Milchstra§e und vielen weiteren Zivilisationen gešffnet hatte. Die Mšglichkeit, wenigstens einem dieser Všlker und seinen Vertretern nŠher zu kommen, hatte Byron berauscht. Wie weit diese AnnŠhrung gehen durfte, darŸber allerdings hatte die Regierung der Irdischen Fšderation ganz eigene Vorstellungen. Kurz nach den ersten Kontakten mit anderen Všlkern gab es die ersten GerŸchte von Interspezies-Beziehungen. Einige der Milchstra§enzivilisationen waren den Menschen in ihrem €u§eren nicht unŠhnlich, und von dieser Warte das Auftreten solcher Beziehungen nichts allzu †berraschendes. Die Regierung jedoch wurde von Sorge geleitet, Sorge um einen IdentitŠtsverlust der Menschheit. Wahrscheinlich lag die viel tiefer sitzende Angst vor Kontrollverlust dahinter, aber derartige Ehrlichkeit schien fehl am Platze, wenn es galt, einen Planeten zu regieren. So wurden schnell Gesetze erlassen, die jegliche Form der Interspezies-Beziehung unter Androhung der Todesstrafe verboten. Byron hŠtte sich nie TrŠumen lassen, dass er einmal mit diesen Gesetzen in Konflikt geraten wŸrde. Doch schnell vereinnahmte ihn die Schšnheit und Eleganz der dilenischen Kultur, ihr nahtloses Verschmelzen von nŸchterner Vernunft und ergreifender ReligiositŠt, von hochstehender, brillanter Technologie und einem einfachen, die Natur ihrer Heimat verehrenden Lebenswandel. Und vor allem in einer Person kamen fŸr ihn diese Dinge zu einem lebendigen, betšrenden Ausdruck – Simionna, der Assistentin von Botschafterin Chirida. Dass sie seine GefŸhle erwidern wŸrde, hŠtte Byron sich nie trŠumen lassen. Er konnte sich nur schwer vorstellen, was die Angehšrige eines solchen Volkes Aufregendes an einem normalen ErdenbŸrger wie ihm fand, aber er nahm den Umstand dankend an. In einer kleinen, natŸrlich geheimen, Zeremonie in der dilenischen Botschaft hatten die beiden nach kurzer Zeit geheiratet.
Sein Werkzeug fiel ihm auf den Boden, schnell bedacht mit einem ungestŸmen Fluch. Er hob es auf und versuchte, das Schweifen seines Geistes zu unterdrŸcken. Mit mЧigem Erfolg, denn die Uhr erinnerte ihn daran, dass noch zwei Minuten blieben. Sofort waren seine Gedanken wieder bei den Soldaten, die fiebernd vor dem Transmitter auf der Erde bereitstehen mussten, um ihn und Simionna in zwei Minuten ihrer Strafe zuzufŸhren. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, die nŠchsten drei zu erledigen wie er den armen Kerl erledigt hatte, der ihm und Simionna durch den Transmitter gefolgt war, er war sicher, am Raumhafen stand mittlerweile jede Menge Nachschub bereit.
Es war noch keine Stunde her, da hatte Chirida ihn zu sich und Simionna in ihre RŠume gerufen, und ihm mitgeteilt, sie hŠtte Ÿber ihre KanŠle erfahren, dass ein Einsatztrupp des Geheimdienstes unterwegs sei um ihn festzunehmen. Seine einzige Chance sei, so schnell wie mšglich unterzutauchen. Simionna hatte die ganze Zeit dabeigestanden, ohne eine einzige Regung. ãIch werde ihnen sagen, Du hŠttest mich Ÿberrumpelt und sie mir abgenommen.Ò sagte Chirida, als sie Byron die Codes fŸr ihre im Orbit stationierte Privatyacht gab. Byron wollte Worte des Dankes sagen, aber sie schienen ihm zu profan. Er nickte Chirida kurz zu, und er hoffte, dass sein Blick mehr sagte, als seine Lippen es gekonnt hŠtten. Ein sanftes LŠcheln von Chirida schien diese Hoffnung zu bestŠtigen. ãIch komme mit dir.Ò sagte Simionna mit ruhiger und entschlossener Stimme. Er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er sie davon nicht wŸrde abhalten kšnnen, und fŸr lange Streitereien hatten sie keine Zeit. Also hatten sie den nŠchsten Expressbus zum am Rande des Diplomatenviertels gelegenen Raumhafens genommen, waren zwischen Reisenden aller Všlker zu den Transmitterhallen fŸr die Orbitdocks gerannt. Als sie im Orbitdock angekommen waren, und sich gerade in die Yacht begeben wollten, war der Soldat durch das Transmitterfeld gehastet und hatte geschossen. Der Geheimdienst hatte sehr schnell geschaltet, vielleicht schon vorsorglich MŠnner am Raumhafen stationiert, mit dem Auftrag, die Augen offen zu halten.
Noch eine Minute. Er drehte sich kurz zu Simionna um. Schwach atmend lag ihre grazile Gestalt auf dem Boden, hinter den Sitzen. Sich nach seiner Frau umzusehen, war ein Fehler gewesen. In schonungsloser Klarheit wurde ihm bewusst, was er zu verlieren im Begriff war. Eine Minute wŸrde nicht reichen. Seine HŠnde fingen an zu zittern, wieder fiel ihm sein Werkzeug runter. Anstatt eines Fluches drang diesmal nur ein flehendes, der Verzweiflung nahes Wimmern Ÿber seine Lippen. Wieder wendete er sich dem Mechanismus zu. Er musste es schaffen. FŸr einen Moment wurde er wieder Herr seiner selbst, stellte einige der unterbrochenen Verbindungen wieder her. Und dann fing seine Uhr an zu piepen, und diesmal bedeutete dies noch zwanzig Sekunden. Sie zŠhlte herunter, wŠhrend er den Blick fŸr nicht eine Sekunde von dem Mechanismus nahm. Noch zwei Verbindungen, noch eine. Er hatte es geschafft ! Das SignallŠmpchen leuchtete auf, funktionsbereit. Achtlos lie§ er das Werkzeug auf den Boden fallen, warf sich zu Simionna, nahm sie hastig aber achtsam in seine Arme. Dann setzte er sich in Bewegung zur TŸr, die, wieder einsatzbereit, šffnete. Da ertšnte hinter ihm der Warnton der Transmitteranlage. Schnell legte er Simionna ab, warf sich vor sie und zog seine Waffe. Ein Soldat trat durch das Energiefeld, legte an und stolperte Ÿber den Leichnam. Von Byron in der Brust getroffen, sackte der Mann zusammen. Leblos fiel er zu Boden, nur um den Weg frei zugeben fŸr das Feuer des hinter ihm auftauchenden Soldaten. Der Schuss traf Byron in der Schulter seines Waffenarms, und mit schmerzverzerrtem Gesicht lie§ er seine Waffe fallen und schaffte es gerade noch, bei seinem Sturz nicht auf Simionna zu landen.
Der Soldat, hinter dem nun der letzte aus dem Energiefeld trat, schaffte wŸtend die Sitze aus dem Weg und trat auf Byron zu. Als er anlegte wurde er unversehens Ÿberrascht von Byron, der ihm mit einer unerwartet starken Tritt die FŸ§e unter dem Kšrper wegriss. Mit einem Aufschrei landete der Mann auf dem Boden, und Byron warf sich auf ihn. WŠhrend sein getroffener Arm schlaff an seiner Seite hing, schlug er mit dem anderen Am auf den Soldaten ein. Rasende Wut ergriff Besitz von ihm, jeder Gedanke an Taktik war dahin. FŸr einen Moment konnte er sich in seiner Raserei verlieren, bevor der Schrei des letzten Soldaten ihn aus seiner Trance riss. Innehaltend blickte er auf, und sah wie der bullige, junge Mann mit seiner Waffe auf Simionna zielte. ãLangsam, ganz langsam...steh' auf, und dann tritt ein paar Schritte zur Seite. HŠnde nach oben, HandflŠchen zu mir !Ò Die Stimme des Soldaten wirkte nicht sonderlich sicher. Aber das war es nicht, was Byron davon abhielt, den Anweisungen des Soldaten Folge zu leisten. Alles was zŠhlte war Simionnas Leben. Er warf sich vor sie, nahm sie, ohne den Soldaten zu beachten, in den Arm wie ein Neugeborenes und fing an zu schluchzen. Es war aus.
Der von Byron angegriffene Soldat richtete sich auf. Mit dem HandrŸcken wischte er sich Blut aus dem Gesicht. Dann schaute er zu seinem Kameraden, und erblickte etwas zu weit gešffnete Augen, und ein langsames Zerfallen des vorher einigerma§en entschlossenen Gesichtsausdrucks. ãKomm' schon, schie§ ! Meinst du, ich hab' Spa§ an sowas ? Aber verdammt nochmal, wir habe hier einen Job zu machen. Einen Job ! Du bist kein Killer, du tust deine Arbeit ! Jetzt schie§ !Ò Die ZŸge des Jungen entglitten weiter, wŠhrend Byrons Schluchzen langsam verebbte. Der krŠftige Mann mit den markanten ZŸgen, umhŸllt von seinem dunklen Kampfanzug, hatte alle Hoffnung verloren. Alles was er noch zustande brachte, war die schŸtzende Haltung Ÿber dem zarten Wesen in seinen Armen. Der Soldat schluckte. FŸr einen weiteren Moment hielt er seine Waffe auf Byron und Simionna gerichtet, fŸr einen weiteren Moment wirkte der Anblick auf ihn.
ãDas kann...nicht falsch sein. Oder ?Ò Seine Stimme war brŸchig. ãNicht...abartig.Ò Byron blickte auf. Er schŸttelte den Kopf. ãNein. Nein, ist es nicht. Kann es nicht.Ò Der junge Soldat nickte kurz. Sein Kamerad schaute fassungslos zwischen ihm und den beiden auf dem Boden kauernden Gestalten hin und her. Dann traf ihn der harte Schlag seines Kameraden, und bewusstlos sank er zu Boden. Der andere folgte ihm nach, sank zuerst auf die Knie, dann ganz zu Boden wŠhrend er seine Waffe fallen lie§. ãGeht.Ò sagte er nur, dann wendete er seinen Blick ab. Machte er sich nun Gedanken Ÿber die Konsequenzen, die sein Handeln haben wŸrde ? Oder Ÿber die Werte, die so lange Zeit sein Leben bestimmt hatten, entgegen dem, was sein Herz ihm nun sagte, da es nur laut genug angesprochen worden war ? DarŸber zerbrach sich Byron nicht den Kopf, als er Simionna abermals auf die Arme nahm und mit ihr in die Schleuse trat. Hinter ihm schloss sich die TŸr und er warf einen letzten Blick auf den Soldaten. Dann trat er in die Yacht.
Als sie abgelegt hatten, und langsam Geschwindigkeit gewannen auf ihrem Kurs nach Dilen, betrachtete er die Erde. Auf der Tagseite des Planeten sah er die SŸdspitze SŸdamerikas. Zwei Ozeane trafen sich dort, flossen ineinander, so wie unendlich viele Kulturen, so unendlich viele Leben auf dieser blauen Kugel inmitten des kalten Alls zusammengeflossen waren. Ohne ein wenig IdentitŠtsverlust geschah so etwas nie, aber das war ein geringer Preis fŸr die Tore, die das ZusammenrŸcken šffnen konnte.