Das Experiment
Der Raum lag dazwischen. Er lag zwischen der Zeit, zwischen Dimensionen, zwischen der Materie und zwischen dem Nichts, zwischen allen Ebenen der Erscheinung. Die Versammlung hatte ihn geschaffen. Das tat sie selten und nur wenn Anlass dazu bestand. Nun bestand ein Anlass und der Raum entsprach ihm ganz, geformt aus schlichten, dumpf scheinenden Bahnen aus Licht. Es schuf dunkel glŸhende Barrikaden, ohne den Raum, den sie umgaben, wirklich zu erhellen und breitete ihr Licht nur soweit darin aus, dass es eine Wahrnehmung erlaubte.
Die Gro§gewordenen hatten sich darin versammelt, einige Wachsende waren anwesend, doch in der Mitte von allem und mit einigem Abstand zu allen befand sich ein Kleinling. Vollkommene Stille lag Ÿber den Anwesenden, die Stille des Wartens und des Erwartens der Versammlung. Und trotz der Stille schien Unruhe in jedem zu liegen – ganz besonders aber in dem Kleinling.
Die Versammlung erschien gemeinsam in dem Raum. Es waren die Uralten, jene, die immer waren, alles sind und sein kšnnen. Sie waren UnzŠhlige, doch ihre Stimme war alleinig und alle Anwesenden konnten sie in sich hšren, klar und gro§ teilte sie die Stille und den Raum.
ãWir sind gekommen und haben uns getroffen eine Regel zu finden fŸr jenes, was geworden ist aus dem Handeln dieses Kleinlings. Seit es Zeit gibt und noch vor dem denken einer Zeit hat es nicht gegeben, was jetzt ist. Wir werden forschen mŸssen, was nun sein soll und wollen hšren, warum es war. Den Kleinling sehen wir. Wer gab ihm die Aufgabe, wer ist sein Lernanleiter?Ò
Einer der Gro§gewordenen verlie§ seinen Platz und tauchte an der Seite des Kleinlings auf, dessen Unruhe seit dem Erscheinen der Uralten gewachsen war und der sichtlich begann seinen Namen zu verdienen.
ãIch bin jener, der ihn lehrt, jener, der seine Gabe wachsen lŠsst, so wie er wŠchst und ich gab ihm seine Aufgabe, sein Experiment. Sein Augenblick war gekommen es zu versuchen und die ersten Schritte seines Weges waren gut, sie waren sogar au§er der Gewšhnung gut, ideenreich, ergebnisvoll, ungebunden an schon gewesenes undÉÒ
ã...und dann ist er zu weit gegangen auf seinem Weg.Ò
Die Stimme der Uralten unterbrach schneidend den Bericht des Lernanleiters, dessen Rede zunehmend an Begeisterung gewonnen hatte.
ãEs ist nicht an den Kleinlingen gewesenes zu Ÿbertreffen. Jeder von uns wŠre fern und anderorts, wenn dieser Kleinling nicht getan hŠtte, was Gro§gewordene kaum wagen. Abseits von allem, was die Versammlung fŸgt, hat er gehandelt. Wie lautete seine Aufgabe bevorÉ dasÉ passierte?Ò
ãDas Experiment lautete: erschaffe einen Ball aus Licht und WŠrme, begleite ihn mit einigen, die nicht erstrahlen, gib denen noch GefŠhrten und allem lebendige Bewegung die bestehen bleibt.Ò
Ein Raunen aus Gedanken flutete in Wellen eines einzigen Begriffes aus allen Seiten des Raumes Ÿber alle Seiten des Raumes – und der Begriff lautete ãlebendigÒ.
ãIch hatte nie erwartetÉ er ist ein Kleinling..Ò fuhr der Lernanleiter hastig fort. ãÉwie konnte ich erwarten, wie konnte ich vorhersehen, dass er verstehen wŸrde, was niemals seine Aufgabe sein konnte!Ò
Die Wellen des Begriffes legten sich und machten Platz fŸr die Sprache der Versammlung.
ãSo ist es nun an dem Kleinling sich zu erklŠren und zu schildern warum und wie er tat, was derart unerwartet war.Ò
Der Kleinling spŸrte, dass die Aufmerksamkeit aller sich unŸberfŸhlbar auf ihn richtete und er begann seine ErklŠrung in wohl ausgesuchten Gedanken, die nur zu deutlich machten wie unruhig sein Befinden war.
ãIch begann im Zentrum mit dem LichtÉund stellte ihm zur Seite dunkle BegleiterÉ von ganz verschiedener Grš§e und GestaltÉ und denen gab ich dann noch Kleinlinge, als Begleiter der BegleiterÉ ich formte einfach alles wie Zeichen dessen, was wir sind, in jedem AlterÉ und dann gab ich allem die Bewegung.Ò
Der Kleinling machte eine Pause, fast so, als wŠre Hoffnung in ihm, dass jemand ihm die Gedankensprache abnehmen wŸrde. Doch nichts regte sich in dem Raum und unweigerlich musste er fortfahren.
ãUnd dann war noch lebendig Ÿbrig in der AufgabeÉ und ich versuchte ganz zu Anfang den vierten Ball vom Zentrum aus zu Ÿberziehen mit Leben – doch, das gelang nicht gut und nur ganz wenig. So nahm ich dann den dritten und dort ging alles besser, es war sogar ganz leichtÉ ich fing mit kleinem Leben an, doch bald gewann es schnell an Grš§e, auch an Vielfalt in der Form, es gewann ganz unterschiedlichen Ausdruck und nahm bald an FŠhigkeiten zuÉÒ
ãGanz recht, es nahm an FŠhigkeiten zu!Ò unterbrach ihn die Versammlung. ãManche sind so weit, sie schauen schon nach oben in der Frage, was fŸr Lichter ihnen dort begegnen, sie sind viel zu weit geraten in viel zu kurzer Zeit, mit viel zu wenig Plan.Ò
ãDas war ich nichtÉ Ò beteuerte der Kleinling. ãManche Fragen geben sich die Lebendigen ganz selbst!Ò
ãAuch deshalb und noch aus vielen GrŸnden mehr darf nicht bleiben, was jetzt ist.Ò
Die Versammlung schnitt mit ihrer Stimme aus vielen in die Rede des Kleinlings und bedeutet ihm so, dass seine ErklŠrung abgeschlossen zu sein hatte.
ãWir fragen alle unter allen was zu tun sein kšnnte das Experiment des Kleinlings einem Ende zuzufŸhren.Ò rief die Versammlung auf.
Schweigen umfasste den Raum und alle darin Anwesenden. Jeder schien suchend und fŸr sich bis einer der Wachsenden zšgernd und verhalten die Sprache aufnahm:
ãWir kšnnten es beenden. Nicht wahr, wir haben alle Mittel, die man dafŸr braucht.Ò
ãWir kšnnen es nicht!Ò ma§regelte ihn die Stimme der Versammlung. ãWir sind nicht geworden, was wir sind, indem wir nehmen. Es ist an uns zu geben, zu erschaffen, keiner von uns, gleich welchen Alters, darf zerstšren, darf zurŸcknehmen, was bereits geschehen ist und Leben in sich trŠgt!Ò
ãIst denn das Leben Ÿberall in diesem Experiment des Kleinlings?Ò fragte einer der Gro§gewordenen. Die Versammlung antwortete sofort:
ãWir haben nachgeforscht und festgestellt und nirgends ist es ihm gelungen, allein der dritte Ball vom Zentrum aus trŠgt Leben und ist das Problem.Ò
Wieder legte sich Schweigen Ÿber den Raum und blieb dort lange ausgebreitet Ÿber den Anwesenden. Dann hšrte man die langsamen Gedanken eines anderen Gro§gewordenen:
ãUnd.. wenn wirÉ ihnen etwasÉ geben?Ò
Eine Stille, geformt aus der †berraschung aller, folgte den Gedanken, die sich deutlich und gewichtig in den Raum gestellt hatten. Der Gro§gewordene spŸrte das Interesse jedes Anwesenden und bewegte sich unaufgefordert ein wenig mehr in die Mitte des Raumes.
ãNunÉÒ begann er, ãÉwenn wir nicht nehmen dŸrfen, dann kšnnen wir nur geben. Wenn wir ein Ende dieses Lebens wollen und nicht vernichten dŸrfen, dann muss das Leben sein Ende selbst bereiten.Ò
ãWie sollte es?Ò warf ein Wachsender ein. ãKein Leben tut das!Ò
ãKein Leben, das die Versammlung erschaffen hat, wŸrde das tun.Ò stimmte der Gro§gewordene zu. ãDoch dieses ist ein Kleinlingswerk, nicht reif genug zu sein, was es ist und nicht bestimmt zu Ÿberleben, es ist nur ein Experiment.Ò
ãWas willst du ihnen geben?Ò forschte die Versammlung nach und Neugier schien in ihrer Frage zu liegen.
ãIch will nicht allen etwas geben.Ò wehrte der Gro§gewordene ab. ãVon allen Formen, die dort sind, erwŠhlen wir nur eine. Und nur dieser einen geben wir, was sie niemals in diesem †berma§ besitzen sollte. Wir geben ihr so viel davon, dass sie es, unreif, wie sie ist, gegen sich selbst und jedes andere Leben richten wird und lassen sie gewŠhren. Es wird nicht langes Warten brauchen und das Experiment dieses Kleinlings ist frei von Leben und wir kšnnen aufheben, was er getan hat!Ò
ãDein Plan verdient Beachtung.Ò stellte die Versammlung fest. ãDoch was willst du ihnen geben?Ò
Der Gro§gewordene lie§ einen Augenblick verstreichen, dann antwortete er:
ãWir geben ihnen Intelligenz!Ò
FŸr kurze Zeit vernahm man keinen Gedanken, dann aber schienen alle zur gleichen Zeit und doch vernehmlich zu denken.
ãSie werden keine ihrer Grenzen kennen.Ò –ã Sie kšnnen dannÉÒ - ã Sie werden kein Gleichgewicht der Achtung...Ò –ã Sie haben dann nichtÉÒ - ãSie werden Tšter bauen.Ò – ãSie werden ihre Grš§e ŸberschŠtzen und anderes Leben niedrig finden.Ò – ãSie mŸssenÉ intelligent ohne VerstandÉÒ
Die Versammlung beendete die durch den Raum fliegenden Gedanken der Anwesenden und ihre Stimme aller war Entschluss.
ãSo soll es sein. Wir wollen, dass dieses Experiment des Kleinlings endet, weil es nicht reif zum †berleben ist. Und weil es das nicht ist wird unsere Gabe ein Ende sein, das dieses Leben sich selbst und allem anderen findet. Welche Form des Lebens soll gewŠhlt sein diesem Plan dieses Gro§gewordenen Wahrheit zu geben?Ò
ãNehmt jene, die schon weit genug sind nach den Lichtern zu schauen, die sie Ÿber sich gefunden haben!Ò
Der Gedanke flog aus der Mitte aller Anwesenden, er folgte der Frage der Versammlung ganz unmittelbar und hastig und es dauerte eine kurze Zeit, bis alle begriffen hatten, dass es der Kleinling gewesen war, der den Gedanken auf seine Reise geschickt hatte. Auch dieses Tun des Kleinlings war unerhšrt und wie sein Werk ganz gegen alle je gewesenen Regeln. Die Anwesenden verstummten in Erwartung, was die Versammlung erwidern wŸrde. Doch als sie sprach verbreitete sie nur Ruhe und Bestimmtheit.
ãWir werden billigen was du gewŠhlt hast, denn es ist dein Werk, das enden wird. Dein Experiment hat unsere Gabe in diesem Zeitmoment empfangen. Wir werden weiter nichts und niemals mehr noch anderes tun und Ÿbergeben es der Entwicklung, die es nehmen wird. Dir ist untersagt es zu begleiten, so wie wir es erst erneut beachten werden, wenn das Leben es verlassen hat. Dieser Raum hat seinen Schluss gefasst und ist nun aufgehoben. Die Anwesenden sind jetzt befreit fŸr andere Orte.Ò
Kaum war die Stimme vieler der Versammlung im Raum verhallt hatte sie sich auch schon zurŸckgezogen, war verschwunden, so gemeinsam, wie sie als letztes zum Raum gekommen war. Auch immer mehr Anwesende verlie§en ihn, allein, in kleinen Gruppen, mit unerkennbarem Ziel und je mehr von ihnen den Raum verlie§en, desto schwŠcher wurden die Bahnen aus Licht, die ihn geformt hatten.
Und wŠhrend die Helligkeit mit den zu Abwesenden werdenden Anwesenden schwand schien nur der Kleinling keine Anstalten machen zu wollen den Raum hinter sich zu lassen. Auch sein Lernanleiter war noch geblieben und bewegte sich in seine NŠhe.
ãNun wird dein Experiment dich lehren, was du gar nicht lernen solltest.Ò lie§ er vorsichtig seine Gedanken zu dem Kleinling schweifen, der immer noch in sich versunken blieb, wo er gewesen war.
Der Kleinling rŸhrte sich nicht und sein Lernanleiter hatte MŸhe sein Befinden zu erkennen. Gerade wollte er sich von dem Kleinling entfernen, da hšrte er plštzlich seine Gedanken – und in ihnen lag nicht die EnttŠuschung, die er erwartet hatte, nicht jene Traurigkeit, die er gemeint hatte:
ãSie haben jene genommen, die schon nach den Lichtern Ÿber sich schauenÉÒ
ãJa, das haben sie. Das war dein Wunsch. Was meinst du?Ò fragte der Lernanleiter.
Der Kleinling schien in sich selbst Gedanken zu finden, die ihn an sich selbst aufrichteten.
ãSie werden vieles tun, was ihnen nicht gelingt.Ò stellt er dann seltsam bestimmt fest. ãVieles, was ihnen und den anderen schadet, vieles, was gefŠhrlich nah am Weg zu ihrem Ende ist. Sie werden Tšter bauen und plŸndern was sie haben, sie werden achtlos sein und eine Bedrohung in allem, was sie kšnnen... nun, da sie so intelligent sind. Doch weil sie intelligent sind werden einige von ihnen einen Weg finden zu den Lichtern, die sie angeschaut haben, schon bevor sie unsere Gabe hatten. Sie werden wissen wollen, was sie sind und wissen wollen, wo sie sind. Dann werden sie verlassen, was ich ihnen gegeben habe und es so sehen, wie ich es sehe. Es wird vieles Šndern, es wird sie verŠndernÉ deswegen wollte ich, dass sie unsere Gabe erhalten.Ò
Der Lernanleiter schwieg einen Augenblick.
ãVielleicht.Ò sagte er. Dann lie§ er den Raum hinter sich, der nun kaum noch Licht trug und in dem der Kleinling allein zurŸckgeblieben war.
ãEs wird sie verŠndernÉÒ dachte der Kleinling wieder – und verlie§ den Raum.