Fehler - frei

Ich fŸhle mich hier schon lange nicht mehr wohl, nicht zuhause, fŸhle mich fremd. Ich schalte den Schlaf-Traum-Modus ein und bin zerknirscht ob all der Gegebenheiten auf diesem Planeten.

 

WŠhrend meiner zweiten Schlafphase gleite ich in die Traumwelt ab und sehe mich auf einer blŸhenden Wiese wieder. Die Luft ist warm und riecht angenehm. Kaum habe ich mit meinen Sinnen diesen Ort richtig erfasst, da dringt eine Stimme an meine Ohren. "Hallo!"

 

Ich drehe mich um. Ein hagerer bŠrtiger Mann steht vor mir, er mag vielleicht Mitte drei§ig sein. Ich erwidere reflexartig seine BegrŸ§ung, "Hallo!".

 

"Du bist missmutig eingeschlafen, warum?"

 

"€h, warum?" frage ich verblŸfft.

 

"Ja, warum?"

 

Ich Ÿberlege kurz und frage, "Wer bist Du Ÿberhaupt und was machst Du in meinem Traum?"

 

"Ich bin Jesus!"

 

Ich lŠchle. "Ja klar, sicher - und ich bin Serwano, vom Planeten Krullso!"

 

"Ich bin wirklich Jesus, sieh meine HŠnde!" In der Tat, er hat Wundmale an den HŠnden. "Also sag mir nun, warum?"

 

"Wenn Du wirklich Jesus bist, von welchem Planeten stammst Du dann?"

 

"Wie, von welchem Planeten?" Er wirkt sichtlich Ÿberrascht.

 

Diese Frage habe ich fast erwartet und entgegne. "Naja, Du musst wissen, ich glaube nicht an Gott und so. Hšchstens an eine Art Vater- oder Mutterrasse, die uns auf diesem Planeten angesiedelt hat. Ergo kannst Du, wenn Du kein Mensch bist, hšchstens ein Au§erirdischer sein."

 

"Ich bin Jesus, Sohn Gottes und Dir im Traum erschienen, um nach dem Rechten zu sehen. Du bist einer von 12, die ich auserwŠhlt habe, um erneuten Kontakt zur Menschheit aufzubauen. Sind die Menschen denn immer noch so destruktiv?"

 

Ich blicke im tief in die Augen und denke kurz nach. Ich bin also vielleicht gar nicht von hier. Dass wŸrde natŸrlich einiges erklŠren. Aber wo komme ich her und warum wei§ ich nichts von meinem vermeintlich eigentlichen Zuhause? Andererseits ist ja alles nur ein Traum. Aber gut, es ist zwar nur ein Traum, aber die Gelegenheit mal alles raus zu lassen. Hier beobachtet einen ja keiner - zumindest soweit mir bekannt, aber wer wei§ dass schon... . "Also gut, Du willst Antworten, hier sind sie: Ich bin missgelaunt, weil die Menschen, trotz allen Fortschritts, oder vielleicht sogar gerade wegen dem Fortschritt, dumm wie Schatten sind!"

 

"Wie kšnnen Schatten dumm sein?" wirft er ein.

 

Ich stutze einen Moment. Mit so einer banalen Frage habe ich nicht gerechnet. "Ist so eine Redensart bei uns. Schatten sind nicht angepasste Freiprogramme, die nicht wissen, was sie tun.

 

Aber weiter im Zornmodus. Die Menschen bespitzeln sich gegenseitig, foltern Unangepasste, unterdrŸcken sich gegenseitig, beobachten misstrauisch alles und jeden, bestimmen Ÿber das Leben des jeweils Anderen, gucken dir direkt in den Kopf und >es< Ÿberwacht absolut alles. Und warum? Weil sie Angst voreinander haben. Dabei wusste jeder, dass eine Weiterentwicklung auf Angstbasis falsch ist. Schon in grauer Vorzeit, zu Beginn des technischen Zeitalters hat ein alter Všlkerchef gesagt >Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.< Ich glaube, er hie§ Benjamin Franklin oder so Šhnlich." fŸge ich nachdenklich hinzu. "Leider hat es sich mehr als bewahrheitet." Ich verschrŠnke die Arme vor der Brust. "Sag mal, habt Ihr, Du und Dein Vater, eigentlich Spa§ daran uns so leiden zu lassen, oder warum macht ihr nichts dagegen?"

 

Es scheint, als wŠre mein GegenŸber etwas blasser geworden. Jesus schŸttelt den Kopf. "Die Menschen mŸssen doch mittlerweile selbst in der Lage sein, sich entsprechend fair Gegeneinander zu verhalten, schlie§lich hat mein Vater ihnen Intelligenz gegeben. Emotionale Herausforderungen sind unabdingbar fŸr die Entwicklung und das †berleben der Menschheit. Angst gehšrt selbstverstŠndlich auch dazu. Man benštigt Angst, um sein eigenes Leben zu bewahren. Es ist absolut notwendig und in vielen Situationen die einzige Variante um nicht zu sterben."

 

Kann natŸrlich sein, denke ich bei mir, es scheint zumindest nicht unlogisch. "Aber was ist mit den Menschen, warum sind die trotz ihrer so genannten Intelligenz, so herzlos? Hat Dein Vater zu wenig HumanitŠt implantiert?"

 

Jesus sieht mich an, als ob er grŸbeln wŸrde. Und schlie§lich fragt er "HŠltst Du die Menschheit fŸr eine Fehlentwicklung?"

 

"In der Tat, ich wŸrde diese Dumpfboarde sofort durch wirklich intelligente Lebewesen ersetzen!" erwidere ich.

 

"Kšnntest Du dies tatsŠchlich mit Deinem Gewissen vereinbaren?"

 

"NatŸrlich!" antworte ich, ohne zu zšgern.

 

"WŠrst Du dann nicht wie jene, auf die Du schimpfst?"

 

"Ich wei§ nicht..." bin unsicher.

 

"Hier!" sagt Jesus zu mir und drŸckt mir etwas in die Hand. "Entscheide!"

 

Ich sehe auf ein blaues KŠstchen. In der Mitte befindet sich ein roter Knopf. Darunter steht in goldner Schrift >delete<. Als ich den Kopf wieder hebe, ist die seltsame Gestalt verschwunden.

 

Wenige Augenblicke spŠter rei§t mich der Zeitgeber aus dem Schlaf.

 

3:45 Uhr:

 

Ich muss aufstehen, gleich zur Arbeit. Die mir zugewiesene Frau ist schon gegangen.

 

HŠtte jetzt noch gerne noch fŸnf Minuten geschlafen oder Ÿber den seltsamen Traum nachgedacht, aber >es< hat mich davor bewahrt, diese NachlŠssigkeit zu begehen. FrŸhgymnastik ist angesagt. Ich mache also fŸnfzig Kniebeugen, fŸnfzig LiegestŸtze und einige DehnŸbungen.

 

3:55 Uhr:

 

>Es< erinnert mich daran, das Endorphinaktivatorprogramm zu initiieren. Ich aktiviere die nštigen Systembereiche und fŸhre die entsprechenden Schritte aus.

 

3:60 Uhr:

 

Ich wasche mich eigenhŠndig, bewahrt auch hier die nštige Muskulatur ein wenig. Die SensorprŸfung hat nichts zu beanstanden, alles sauber.

 

3:65 Uhr:

 

Die FrŸhstŸckspille ist eingeworfen und die FrŸhinformationen sind abgerufen. Ich kann aus dem Haus. Drei Schritte vor der TŸr und >es< erinnert mich daran, die HaustŸr zu codieren. Okay, gemacht. Alles im grŸnen Bereich.

 

3:75 Uhr:

 

Beinahe wŠre ich bei Rot Ÿber die Ampel gegangen, aber >es< hat mich Gott sei dank daran gehindert, diese Straftat zu begehen.

 

3:80 Uhr:

 

Auf der anderen Stra§enseite steht ein Typ, der aussieht, wie dieser Jesus aus meinem Traum. Er schaut zu mir herŸber. UnwillkŸrlich grinse ich in mich hinein und denke, so ein Blšdsinn.

 

3:90 Uhr:

 

Ich sitze im BŸro, kontrolliere Daten und Bewegungen der Anderen, gebe ein, gebe aus, korrigiere. Eine uralte Datei muss umgerechnet werden. Wie konnte man damals nur mit diesen krummen Zahlen leben und vor allem, wie rechnen? 24 Stunden der Tag, 7 Stunden die Woche und so weiter, ich verstehe es nicht. Gott sei dank ist heute alles rechenkompatibel in Zehnereinheiten eingeteilt. Am liebsten wŸrde ich jetzt mal einen Kaffee trinken gehen, aber >es< wacht auch Ÿber meine Pausen. Naja, so kann ich wenigstens diesbezŸglich nichts falsch machen.

 

4:25 Uhr:

 

Ich stehe in der wenig gefŸllten Kaffeezone und trinke eine Tasse Gesundheitskaffee - besser als gar nichts. Habe keinen Bedarf mich zu den anderen Kontrolleinheiten zu stellen, bleibe lieber hier in der Ecke und genie§e den Augenblick, so gut es geht,

 

4:70 Uhr:

 

Eine neue Kontrolleinheit >Chef< meldet sich und stellt sich vor, die Alte wurde ordnungswidrigen Verhaltens ŸberfŸhrt. Er hatte gestern anscheinend seine Pausenregelung Ÿbertreten und musste nun die Konsequenzen tragen.

 

Mšchte eine Bemerkung machen, aber >es< bemerkt so etwas und verhindert Schlimmes, ich bleibe stumm.

 

5:00 Uhr:

 

Zeit fŸr die Mittagspille, ich entscheide mich zusŠtzlich, fŸr Inhalierung, begebe mich an den Pizzaaromaten und atme Pizza Coolzone. HŠtte gerne lŠnger als eine Minute inhaliert, aber >es< lŠsst mich das Zeitlimit einhalten.

 

 

 

5:65 Uhr:

 

Ein Programmfehler legt den Betrieb lahm. Keiner hier wei§ was zu tun ist, solche Sachen passieren normalerweise nicht. Eine Ÿbergeordnete Stelle wird sich sicher darum kŸmmern. FŸr mich gibt es heute nichts mehr zu tun, aber ich kann leider trotzdem nicht weg. Auf Stšrungen im tŠglichen Ablauf ist >es< nicht vorbereitet. Also bleibe ich sitzen.

 

6:00 Uhr:

 

Die EndorphinaktivitŠt lŠsst schon wieder nach, wie so oft in letzter Zeit. Liegt es an mir? Ich wei§ es nicht. Wen kšnnte ich fragen? Ich grŸbele wieder mal.

 

6:30 Uhr:

 

Feierabend, endlich kann ich den Arbeitsplatz verlassen.

 

6:45 Uhr:

 

Nun kann ich aus einigen Angeboten wŠhlen. Ich gehe ins Freizeitcenter und klemme den Cyberclip an. Befinde mich nun direkt in der Auswahlkathedrale. Habe leider keine Lizenz fŸr Kampfsport, obwohl ich das Eine oder Andere gerne ausprobieren wŸrde. Ich wŠhle >Buch lesen< und lese Orwells 1984. Es ist ein lustiges Buch.

 

7:30 Uhr

 

Ich verlasse das Center und mache mich auf den Weg nach Hause. Wieder sehe ich diesen Jesustypen an der Stra§e stehen. Irgendwie finde ich es seltsam. Vielleicht steht er aber auch schon immer dort und ich habe ihn mit meinem Unterbewusstsein in den Traum genommen. Oder sollte es doch...? Quatsch!" sage ich mir.

 

8:00 Uhr:

 

Ich komme nach Hause. Die Wohnung ist, wie immer, klinisch rein. Ekelhaft, aber seit der letzten Gesundheitsreform, zwingend vorgeschrieben. Automaten reinigen und Ÿberwachen alle Wohnungen. Die Welt ist nahezu steril. Wie gesagt - ekelhaft.

 

8:15 Uhr:

 

>Es< erinnert mich daran, die aktuellen Weltinformationen in mich aufzunehmen und schaltet den Holographen ein. Ich tue nur so, als ob ich zuhšre. Ist eh immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es passiert ja nichts. Ausgenommen vielleicht mal so ein šrtlich begrenzter Programmabsturz wie heute. Aber darŸber wird natŸrlich nicht berichtet, solche Dinge werden immer totgeschwiegen.

 

8:30 Uhr:

 

Unterhaltungsprogramm - die schei§ Endorphine wirken nicht mehr, ich kann Ÿber den Dreck nicht lachen, tue aber so. Wer wei§ schon, was mit mir passiert, wenn die merken, dass ich nicht mehr richtig funktioniere.

 

9:45 Uhr:

 

Ich begebe mich in den Kšrperoptimierungsbereich. Solarlicht und wohltemperiertes Wasser Ÿberfluten meine komplette OberflŠche, es ist sehr angenehm, ich werde wieder etwas zufriedener mit mir und der Welt.

 

9:60 Uhr:

 

Begebe mich wieder in den Aufenthaltsbereich und nehme mir ein pseudoalkoholisches GetrŠnk. WŸrde lieber mal wieder was Echtes probieren, gibt es aber seit geraumer Zeit nicht mehr.

 

9:70 Uhr:

 

Die mir zugewiesene Frau kommt und lŠchelt.

 

>Es< schaltet sich ab, bis morgen frŸh habe ich Ruhe. Sie allerdings nicht, ihr Implantat arbeitet nachts, um meine WŸnsche zu erfŸllen.

 

10:00 Uhr:

 

Mitternacht. Habe mich mit der Frau einigerma§en abreagiert. Trotzdem, mir geht alles so auf den Sack. Vor allem die schei§ Implantate, immer diese Stromstš§e, selbst fŸr kleine Vergehen. Mšchte nicht wissen was passiert, wenn man mal eine richtige Straftat begeht.

 

Und die schei§ Endorphine, die nicht mehr wirken. Wie lange kann ich die Schauspielerei wohl noch aufrechterhalten. Vielleicht sollte ich doch mal alles auf eine Karte setzen, wie die Helden, in den BŸchern...

 

6:59 Uhr:

 

Die mir zugewiesene Frau liegt neben mir. Sie bekam gerade von mir, ein Messer ins Herz. Es schlŠgt nicht mehr, meins dagegen umso mehr, es pocht bis zum Hals. Ich spŸre mich - zum ersten Mal spŸre ich mich - spŸre ich Leben in mir...

 

Es ist 7:00 Uhr:

 

Ich warte.

 

- Nichts -

 

Was ist los? Was ist passiert? Wo bleibt die Bestrafung?

 

Ich stehe auf, gehe zum Fenster und erstarre.

 

†berall sehe ich Menschen herumirren und liegen - erschlagen - erstochen - tot...

 

Geistesabwesend aktiviere ich mein Brainphone und suche Kontakt zum Betrieb - nichts - keine Verbindung - noch nicht mal ein Summen.

 

So wie ich bin, stŸrze ich aus dem Haus, laufe an Leichen und zombihaften Erscheinungen vorbei und begreife nichts - was ist hier los? Kein Leit- oder Regellicht an - nirgendwo ElektrizitŠt - alles steht.

 

Ich renne und renne und stolpere schlie§lich - Ÿber Jesus - der Tod am Boden liegt - also doch nur ein Mensch.

 

Ich komme im BŸro an, steige Ÿber tote Kollegen und erreiche schlie§lich meinen Werkplatz.

 

Auf meinem Stuhl sitzt ein Wechselpartner der Nachtschicht. Er starrt auf den schwarzen Kontrollmonitor des Hauptrechners und stammelt: "Schwerer Ausnahmefehler - schwerer Ausnahmefehler - schwerer Ausnahmefehler - schwerer Ausnahmefehler - schwerer Ausnahmefehler - schwerer..."

 

Mein Blick fŠllt auf seine rechte Hand. Er hŠlt ein blaues KŠstchen...