Zwei Jungen

 

Goldener KŠfig

 

Es war ein wieder einer jener Tage, die John so ganz und gar nicht mochte. So langweilig, wie der Tag angefangen hatte, sollte dieser auch enden. So war jeder Tag in seinem Leben. Langweilig und trist. FrŸh morgens um acht Uhr wurde er kurz von seiner Mutter geweckt, die ihn wie jeden Morgen mit einem sanften LŠcheln und einen widerlichen Kuss auf seine Stirn begrŸ§te. Er war zu alt mit zwšlf Jahren so behandelt zu werden, aber seine Mutter bestand darauf. Wenn er morgens verschlafen zum FrŸhstŸckstisch ging und ihm ihr Hausroboter sein FrŸhstŸck servierte, was aus MŸsli und gesunder Kost bestand, so hŠtte er sich einmal nach einem StŸck Schinken gesehnt. Aber auch da hielt ihm jeden Morgen seine Mutter mit einem charmanten LŠcheln das Argument entgegen, dass es fŸr seine Entwicklung wichtig war, sich ausgewogen und gesund zu ernŠhren. So wŸrgte John jeden Morgen dasselbe FrŸhstŸck hinunter und trŠumte sich in Gedanken fort aus dem stŠhlernen GefŠngnis des High Tower Centers in New York in dem er mit seiner Familie lebten.

 

Sein Vater war ein anerkannter Programmierer in Microsoft Seatech Center und seine Mutter war eine berŸhmte Schauspielerin. Jeden Tag fuhren beide vor ihm zur Arbeit und Ÿberlie§en ihren Sohn der Computerlerneinheiten und den Lehrern im fŸnfzehnten Stock des Towers. Dann sah er sie nicht den ganzen Tag und er fragte sich, was sie den ganzen Tag taten. Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 bis zum Jahr 2012 hatte die Erde ihr Gesicht verŠndert.

Durch die Krise hatte sein Vater ihm einmal zu einem Geschichtsvortrag erklŠrt, hatte sich Ÿber mehrere Jahre hinweg die Splittung der Gesellschaft, wo von nur zehn Prozent der Bevšlkerung in solch einem Luxus lebten, wie sie es taten. Immer wieder hatte ihn sein Vater daran erinnert, dass er in jener Zeit gelebt hatte und sie stolz sein konnten so viel genie§en zu dŸrfen. Wie immer hatte sich seine Mutter seinem Vater angeschlossen, was fŸr John unverstŠndlich war. Trotzdem fŸhlte er sich wie ein Gefangener in einem goldenen KŠfig. Sein Tag war streng durch geplant mit Schule, Hausaufgaben und Freizeit, die ebenfalls aus spielerischen Lerneinheiten bestand und die KreativitŠt fšrdern sollte. Wozu John selten Lust verspŸrte. Nach dem seine Eltern ihn einen Kuss auf die Stirn gegeben hatten und ihn stolz in die Arme genommen hatten, lie§en sie ihn allein zurŸck. John Marsden war als Einzelkind aufgewachsen und hatte alles bekommen, was er sich wŸnschte. Allerdings erwarteten seine Eltern von ihm die besten Noten, da der Leistungsdruck am College hoch war. Mit der Splittung der Gesellschaft hatte auch die Bestimmung der Resonanz der Gene begonnen. Nachdem im Jahre 2012 durch einen Virus fast die ganze Menschheit dahin gerafft worden war. Heut zutage war es ganz normal, wenn man auf seine genetischen Veranlagung geprŸft wurde. Bevor man sich entschloss ein Kind in die Welt zu setzen. Dadurch war er auch geboren worden. Die Regelung erlaubte Paaren hšchstens zwei Kinder zu bekommen, da es auf der Erde nach der Seuche zu einer Art Bevšlkerungsexplosion gekommen war. Nur zehn Prozent der Gesamtbevšlkerung lebte in solchen Towern wie er. John legte den Lšffel beiseite, nachdem er sein MŸsli und seinen Kakao getrunken hatte. Beobachtete er fŸr einen Augenblick den klobigen Hausroboter, der das Geschirr ohne ein Wort automatisch wegrŠumte. WŠhrend er ihn so beobachtete, kam ihn der Gedanke, dass sein Leben wie ein Programm von morgens bis abends durchgeplant war. Frustriert und mit einem missmutigen Gesichtsausdruck beschloss er einen Weg zu finden, um seinem Leben mehr Sinn zu geben. Er sprang vom Stuhl und ging ins Badezimmer, wo ihr Haushaltsroboter ihn bereits frisch gereinigten Alltagsanzug bereitgelegt hatte. Wie jeden Morgen. Der Anzug war aus synthetischer Baumwollfasern gefertigt worden, die man unter kontrollierten Umweltbedingungen in den obersten Etagen des Towers zŸchtete.

John starrte sein Spiegelbild an, das ihn genauso zurŸck anstarrte. Er war von schmŠchtiger Statur. Das Haar dunkelbraun. Die grŸn-braunen Augen hatte er von seinem Vater geerbt. Er warf einen Blick auf die Uhr, die in die Wand mit eingebaut worden war. Sieben Uhr drei§ig. Und er stand noch immer nicht unter der Dusche. Er zog sich aus und duschte. Danach putzte er sich rasch die ZŠhne, die einen Scanner enthielt, die den Zustand seiner ZŠhne ŸberprŸfte. Die integrierte Diode der elektrischen Zahnpasta sprang auf grŸn und zeigte an das keine Anzeichen von Karies oder anderen schŠdlichen Bakterien erkannt worden waren. Danach kŠmmte er sich seine Haare und schlŸpfte in seine bereitgelegte Kleidung. John fragte sich, wŠhrend er seine Hose und das T-Shirt schlŸpfte, was in der Welt au§erhalb des Towers geschah. Obwohl die Nachrichtensender BBC und NBC stŠndig Nachrichten Ÿber AufstŠnde in den UnterstŠdten brachten, fragte sich John das erste Mal in seinem Leben, wie andere Menschen lebten?

Er sah auf seine Armbanduhr, als er sie anlegte und bemerkte das er heute wieder mal zu spŠt zum Unterricht kam. Er griff sich sein E-Book und rannte aus der Wohnung. Einen noch langweiligeren Tag seines Lebens entgegen.

 

 

In den Stra§en der Stadt

 

Der Tower schien sich bis in den Himmel zu strecken und schien ihn zu tragen. Martin«s Blick wanderte nach oben zu der Spitze des Towers, die sich in Wolken an diesem Morgen hŸllte. Die Sonne tanzte auf den blauen Spiegelfenstern des Turms und lie§en ihn glitzern. Es war ein fantastischer Anblick, der sich ihm jeden Morgen bot. Seine Eltern schliefen noch nach einer Nacht, die sie wieder einmal mit Freunden verbracht hatten. †berall standen leere Bierflaschen im Wohnzimmer herum. Es war lange her das seine Eltern aufgerŠumt hatten und der Hausroboter tat schon lange seine Dienste nicht mehr und war von seinem Vater in einen KleiderstŠnder umgebaut worden. Sorgsam schloss Martin die BadezimmertŸr hinter sich ab und duschte eiskalt. Warmes Wasser wurde einmal in der Woche verwendet um WŠsche zu waschen, aber selbst das reichte nicht mehr. Geschirr wurde mit eiskaltem Wasser gespŸlt. Zum Abtrocknen benutze er nach dem duschen eines der wenigen HandtŸcher, die von seiner Mutter vor wenigen Tagen mit der Hand gewaschen hatte mit der Tagesration, die man ihnen zugeteilte. Rasch zog sich Martin seine Kleidung an, die er schon seit Tagen trug. Ihm stieg der vertraute Geruch von verschmutzter, durchgeschwitzter Kleidung in die Nase. Um den unangenehmen Geruch zu Ÿberdecken, benutzte er das Deo seines Vaters, der die meiste des Tages zu Hause oder auf den Jobcenter verbrachte. Alexander Ferres-Gonzales bemŸhte sich manchmal tagelang nicht um eine Arbeit, die von den Jobcentern an die einfache Bevšlkerung verteilten, die in den Towern anfiel. Inzwischen wurde diese Art der Arbeitssuche als Job-Lotterie genannt, weil keiner wusste, wohin man geschickt wurde. Grade diese Art der Ungewissheit, trieb seine Eltern dazu jeden Abend mit Freunden ihre Sorgen in Alkohol zu ertrŠnken und sich Ÿber die ZustŠnde in ihrem Leben zu beklagen. Manchmal hatten seine sogar ein nettes Wort fŸr ihren Sohn Ÿber, aber im Grunde war es ihnen gleich, was aus ihrem Sohn wurde. Und so behandelten sie ihn auch meistens. Obwohl seine Mutter als einfache Haushaltshilfe nebenbei ein wenig Geld dazu verdiente in den mittelstŠndischen Bezirken vor der Stadt, lebten sie an einer Armutsgrenze. Der KŸhlschrank war nur spŠrlich gefŸllt mit Lebensmitteln und die Wohnung, die man ihnen zugewiesen hatte, hatte nur zwei Zimmer. Seine Eltern gaben der Regierung die Schuld fŸr die Welt, wo Martin hineingeboren worden war. Nur aus den Geschichten seines Gro§vaters die Vergangenheit. FŸr Martin war eine Welt unvorstellbar, wo keine zwei Klassen Gesellschaft existieren sollte, auch wenn er sich nach einer besseren Welt sehnte, so sah doch seine RealitŠt anders aus.

Sein Gro§vater erzŠhlte ihn oft von dem Leben, was er als Student gelebt hatte. Bevor die Wirtschaftskrise alles zerbrochen und die Pandemie das Leben der Menschen endgŸltig verŠndert hatte. Damals hatte er in einer gro§en Firma gearbeitet, bis er entlassen worden war, weil die Firma ihn nicht lŠnger halten konnte. Trotz seines UniversitŠtsabschlusses fand er danach keine Arbeit mehr. Er hatte eine Zeit erlebt, wo man nicht bei den Jobcentern stundenlang anstehen musste. FŸr Martin war es wie ein unwirklicher Traum, sich Arbeit suchen zu kšnnen mit einer vernŸnftigen Ausbildung. Martin war zwšlf Jahre alt und nur hielt nur ein spŠrliches Grundzeugnis in den HŠnden. Frustriert zog er sich sein dunkelblaues Cap ins Gesicht und schloss hinter sich die EingangstŸr der kleinen Wohnung, die in einen der Sozialwohnblšcke lag. Diese Blšcke ragten mit ihrem tristen, vertrauten Grau und starr in den grau-blauen Himmel. Es wurde Zeit, dass er sich in die wartenden Schlangen stellte, die sich vor einem der glŠsernen blauen KuppeldŠcher gebildet hatte an diesem Morgen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Baseball

 

John Marsden erledigte wie gewohnt seine Aufgaben in der Schulungsebene wie immer zur vollsten Zufriedenheit seines Lehrers. Nachdem ihn sein Lehrer erlaubt hatte sich in den nŠchsten Stunden freizunehmen, wusste John im ersten Moment nicht genau, was er tun sollte. Es kam hin und wieder vor, dass er rasch mit seinen Aufgaben fertig war und so einige freie Stunden genie§en konnte. Also schlenderte er durch die grauen GŠnge des Towers und beobachtete fŸr eine Weile die Menschen. Die meisten der Menschen schenkten ihm keine Beachtung oder Ÿbersahen ihn einfach. In ihren Gesichtern spiegelte sich Hast und Stress ab, wŠhrend sie mit ihren Handys telefonierten oder sich mit ihren Notebooks beschŠftigten. FŸr sie waren Kinder nur ein zu selbstverstŠndlicher Anblick und Teil einer abgeriegelten Welt, die nichts mit der Welt dort drau§en gemein hatte. Nach einer halben Stunde begannen John diese Menschen zu langweilen, deren Gesichter er schon sein ganzes Leben lang kannte. So wollte er nicht enden. Nicht enden in einer Arbeit, die er nicht mochte. Durch seinen hohen Status in dieser Elitegesellschaft erhielt er alle Mšglichkeiten, um spŠter studieren zu kšnnen. John«s Blick wanderte auf den Wegweiser. Die Schilder wiesen in verschiedene Richtungen. Der Tower war aufgebaut wie eine kleine Stadt, wo die Bewohner alles fanden, was sie zum Leben brauchten. John empfand den Gedanken verlockend in die GŠrten zu gehen, die unter einer Glaskuppel auf dem Dach des Towers gediehen. So schlenderte er lŠssig zum Lift und fuhr gemeinsam mit einer Gruppe von Menschen nach oben. Und wieder wurde ihm bewusst, wie unbedeutend er war in dieser Welt.

 

Die GlastŸr des Panoramalifts schwang auf und šffnete ihm den herrlichen Anblick einer grŸnen intakten Welt, die Ÿber den DŠchern von New York existierte. Das Glasdach schŸtzte die zahlreichen pflanzen vor der intensiven Sonneneinstrahlung. Auf der grŸnen Wiese lagen PŠrchen und genossen den schšnen Sommertag. Im Osten lag ein Baseballfeld, wo John sofort einige bekannte Gesichter wieder erkannte. Chrystal und Max besuchten mit ihm zusammen den gleichen Technikkurs und warfen sich nun mit zwei anderen Jungen ein paar BŠlle gegenseitig zu. Chrystal kam auf ihn fršhlich lachend zu gelaufen.

ãMagst du mitspielen?Ò fragte sie ihn.

Max kam ihr nach und rief: ãHast du schon wieder frŸher Schluss.Ò Dabei schenkte er ihm ein breites verspieltes Grinsen, was seine Sommersprossen betonte. Max und Chrystal waren nur Schulkameraden, aber John hatte nie wirklich einen Freund gehabt. Zum einem, weil ihn zum Teil seine Begabung im Wegstand. Wenn man ein Genie war, hatte man es eben nicht leicht echte freunde zu finden. John genoss es immer, wenn er die Gelegenheit bekam, mit anderen Kindern zu spielen, die ebenso wie er unter einem hohen Leistungsdruck standen.

ãJa, gerne.Ò nickte John und schenkte Chrystal ein LŠcheln. Bewegung wŸrde ihn von seinen GrŸbeleien abhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwillinge?!

 

Die Stunden schienen im Spiel dahin zu flie§en. John fing jeden Ball ohne MŸhe bis Max an die Reihe kam. Beobachtete John wie Max ein Handzeichen fŸr einen weiten Schlag gab. Chrystal trat auf ihr Mal und warf den Ball zu Max, der ihn mit einem krŠftigen Schlag zurŸckschlug. Die Sekunden schienen zu endlosen Stunden zu zerflie§en. John konzentrierte sich auf den Ball, der durch die Luft einen hohen Bogen zog. Er begann zu laufen und sah aus den Augenwinkeln, wie der Ball in einen der BaumwollstrŠucher fiel. Ohne weiter nachzudenken, verschwand John in den StrŠuchern und suchte am Boden den Ball. Er achtete nicht mehr darauf, wohin er kroch. Dann entdeckte er den Ball und wollte danach greifen, aber eine fremde Hand kam ihn zuvor.

ãHey!Ò sprang John auf und sah nur wie sich ein Junge seines Alters sich die Stirn abtupfte mit dem Cap. John konnte nicht das Gesicht erkennen und bemerkte, dass sich einer der BaumwollstrŠucher zwischen ihm und den Ball stand. Also lief er die Reihe zurŸck und wechselte am Rand des Baumwollfeldes in die Reihe, wo er den Jungen mit den Ball gesehen hatte. Keuchend und au§er Atem lief und lief. Konnte aber nicht den Jungen finden. Dann sah er das blaue Cap Ÿber den StrŠuchern auf blitzen. Nochmals holte er alle Reserven hervor und erreichte schlie§lich den Jungen, der den Baseball aufgelesen hatte. Da er einer der BaumwollpflŸcker war, trug der junge einen Beutel, in den er den wei§en Pflaum steckte, nachdem er ihn gepflŸckt hatte. Je nŠher John den Jungen kam umso unruhiger wurde er. Es war ein seltsames GefŸhl als wŸrde er sich selbst entgegen laufen. Kurz bevor John den Jungen erreichen konnte, wandte sich dieser um und John erstarrte mitten im Gehen. Entsetzen zeichnete sich in John«s ZŸgen ab als er in sein eigenes Spiegelbild blickte. Der Junge starrte ihn ebenso erstaunt an wie ihn. John bemŸhte sich seine Gedanken zu ordnen, die ihn durch den Kopf schossen wie Blitze. Er war ein Einzelkind und hatte weder BrŸder noch Schwestern. Oder war er dass, was schon seit Langem vermutet wurde. Es konnte nicht anders sein. Aber warum hatten ihn seine Eltern verschwiegen, dass es ihn gab. John stand immer noch wie versteinert da, wŠhrend sein Spiegelbild sich fing und gleichgŸltig die Schultern zuckte. Dann pflŸckte er weiter den wei§en Pflaum von den StrŠuchern und schenkte ihm keine Beachtung mehr.

 

 

John kŠmpfte immer noch mit sich. Wenn es wahr war? Was konnte er tun? Seine Eltern zur Rede stellen? Es war keine gute Idee. Wie hatten sie ihm das nur verschweigen kšnnen. Langsam trat John kreidebleich zurŸck und begann zu laufen.

Wo lag die Wahrheit? Aber tief in seinem Inneren nagte eine andere Frage:

Wer von ihnen beiden war der Klon?