Ein Augenblick Unendlichkeit

 

Es war die Nacht vom dritten zum vierten Mai des Jahres 2321 und ich stand in der Bordkapelle. Meinen rechten Unterarm an den kŸhlen Metallrahmen des transparenten Panzerglaskunststoffes abgestŸtzt, blickte ich ins Weltall hinaus. Dort drŸben, Ÿber dem Schlund des Objektes ST-27, fand die kosmische Hochzeit zweier phantastischer Wesen statt.

Ich war allein an Bord der INFINITY. Selbst LAURA, die KŸnstliche Intelligenz des Bordcomputers, hatte die Kommunikation mit mir eingestellt, nachdem ich den Kampf gegen die Infektion der biologischen Komponenten des Rechnerverbunds verloren hatte. So war mir niemand mehr geblieben, mit dem ich hŠtte sprechen kšnnen.

Meine Situation entbehrte nicht einer gewissen Ironie, denn eigentlich hatte ich mich fŸr den Dienst an Bord dieses Forschungsraumschiffes gemeldet, um nach dem Tod meiner Frau Helen die Probleme mit den GefŸhlen der Einsamkeit und der Verlassenheit besser in den Griff zu bekommen. Eine Entscheidung, die meine Therapeuten sehr begrŸ§ten.

Ich beobachtete den Tanz des Quasarischen Stellariten um die im Zenit Ÿber dem Schlund verharrenden blauen Nebel. WŠhrend die beiden Lebensformen am Rand meines Bewusstseins sachte wisperten, dachte ich zurŸck, wie diese Reise fŸr mich begonnen hatte.

 

Bereits vor Ÿber einem halben Jahr hatte ich die Zusage auf eine Anstellung als Mitglied des Kommunikationsteams des Forschungsraumers INFINTY erhalten. Doch erst vor drei Wochen konnte ich an Bord gehen, als das Raumschiff die terranische Werft im Irivar-System erreicht hatte.

Die INFINITY war ein zweihundert Meter langes, spindelfšrmiges Raumschiff. Ihre Mission galt seit fast fŸnfzehn Jahren der Erforschung von WeltraumphŠnomenen und besonders ungewšhnlichen Orten innerhalb der Milchstra§e. Eine Auswahl hochdekorierter Wissenschaftler aus allen Bereichen war stets an Bord, um alle Erkenntnisse zu dokumentieren und sie nach der Verwendbarkeit fŸr die potenzielle touristische Erschlie§ung der bereisten Ziele einzustufen.

Mit an Bord war auch immer eine Handvoll Passagiere. Terraner, die es durch Geld oder Beziehungen, oft durch beides, an Bord der INFINITY geschafft hatten und die Forschungsreisen wie eine intergalaktische Kreuzfahrt gebucht hatten.

Mein Aufgabengebiet war die Organisation und Pflege der Bordkommunikation gewesen. Die optische Gestaltung der holografischen Darstellungen, die Programmgestaltung der Multimedia-KanŠle an Bord und die Berichterstattung der Forschungsergebnisse in den Passagierbereich waren mein Ressort.

Von Irivan-Sieben aus machte sich die INFINITY auf in Richtung eines Sternentstehungsgebietes im Orionnebel-Sektor M 42. Das Forscherteam hatte eine protoplanetare Scheibe mit au§ergewšhnlichen Emissionen angemessen. Dieser Bereich, aus dem in einigen tausend Jahren ein stabiles Planetensystem entstehen konnte, war das Ziel der Reise.

Eine Woche lang befanden wir uns im Hyperraum. Ich schaffte es, erste Kontakte zu Kollegen zu knŸpfen. Meine BefŸrchtungen, ich kšnnte mich der Eingesperrtheit nicht gewachsen fŸhlen und daher mit EinsamkeitsgefŸhlen reagieren, zerstreuten sich zu meiner gro§en Erleichterung.

Nach sieben Tagen, beim routinemЧigen Orientierungshalt im Normalraum auf halbem Wege, entdeckten zwei junge Astrophysiker eine hyperphysikalische Resonanz von au§erordentlicher IntensitŠt. Der Ursprung war ein Objekt im Weltraum, das wie ein altertŸmliches Feuerwerk geladene Teilchen ins All streute und sprŸhte. Die Strahlungsquelle war nur ein Dutzend Sprungstunden entfernt und erhielt den Namen ST-27.

KapitŠn Leylan Kerris beschloss, einen kurzen Umweg zu nehmen und ST-27 nŠher zu untersuchen. Einen knappen Tag danach tauchte die INFINITY an einem neu berechneten Sprungpunkt in den Hyperraum. Und etwa zwei Stunden spŠter starb das erste Besatzungsmitglied.

Halra Eisic war eine medizinische Assistentin von Bordarzt Jacobsen gewesen. Sie brach wŠhrend ihrer Arbeitsschicht zusammen und starb unter SchŸttelfrost und wirrem Gestammel nur Minuten spŠter.

Kurz darauf fand man die Neranu-Zwillinge. Die MilliardŠrstšchter hatten sich selbst getštet. Die Vermutung lag nahe, dass sie gemeinsam in den Tod gegangen waren. Keiner wusste, warum. Niemand fand ein Abschiedsschreiben.

Als nŠchstes brachen zwei Konvertertechniker zusammen und starben mit wei§em Schaum vor dem Mund. Dann einer der drei Navigatoren, kurz danach eine meiner Kolleginnen.

 

Ich bemŸhte mich, an angenehme Bilder zu denken. Getreide im Wind, ein Sonnenuntergang am Meer, vor VergnŸgen quiekende Kinder auf Schaukeln. Nur mŸhsam konnte ich die in mir aufkommenden Bilder der Sterbenden abschŸtteln, doch es gelang.

Der faszinierende Tanz des wei§ leuchtenden Stellariten unterstŸtzte mich darin, mich von den Erinnerungen an all die Toten abzulenken. Immer wieder umrundete das verwaschen aussehende Sternenobjekt die zerfaserten Schwaden des blauen Nebels.

An das fast geisterhafte Wispern, das von den beiden Wesen ausging, hatte ich mich gewšhnt. FŸr mich war es in den letzten Tagen zu einer leise dahin plŠtschernden Wahrnehmung geworden, die im Hintergrund meines Kopfes stattfand. Ich lŠchelte, als ich daran zurŸckdachte, wie ich das Wispern zum ersten Mal hšrte.

 

Als die INFINITY in der NŠhe des Objektes ST-27 aus dem Hyperraum auftauchte, war fast die gesamte Bordbesatzung tot. Nur Dr. Jacobsen, die Navigatorin Elena Nessar und ich lebten noch. Alle anderen waren unter AnfŠllen oder durch Selbstmord gestorben.

Verschiedene Sonnen und Materiewolken befanden sich mit der INFINITY in der NŠhe von ST-27. Darunter befanden sich auch ein enorm gro§er, blauer Nebel aus Protomaterie und ein Stellarit, der quasarische Eigenschaften aufwies.

Ich begann das Wispern mit der Ankunft des Raumschiffs im Normalraum wahrzunehmen. Zuerst war es nur ganz leise in meinem Kopf, doch allmŠhlich wurde es intensiver.

Elena und der Bordarzt verstanden mich nicht, als ich ihnen davon berichtete. Jacobsen glaubte, ich kšnnte vielleicht eine ankŸndigende Symptomatik entwickeln. So oder Šhnlich drŸckte er sich aus. Er glaubte, ich kšnnte bald sterben. Mit dem verzweifelten Eifer eines Forschers setzte er mich einer ganzen Reihe Tests aus, bei denen er in meinem Gehirn ungewšhnliche NervenaktivitŠten feststellte.

Doch die Navigatorin ereilte der Tod als NŠchste. Sie starb kurz nach der Aktivierung des Notfallprogramms LAURA auf der BrŸcke, wŠhrend Jacobsen mir ein Hologramm meines Kopfes zeigte.

 

DrŸben, Ÿber dem Schlund des Dimensionstunnels ST-27, bildete der blaue Nebel jetzt eine blasenfšrmige Schwade in Richtung des Stellariten aus. Dieser stellte sogleich seinen umrundenden Tanz ein und steuerte diese Ausbuchtung an.

Neue Impulse durchwisperten jetzt meine Gedanken. Ein an- und abschwellendes Raunen lšste das bisherige FlŸstern ab. Ich nahm es verwundert und fasziniert zugleich zur Kenntnis. Es war fremdartig, aber nicht unangenehm. Da waren keine konkreten Worte oder Bilder in meinem Kopf, aber ich spŸrte, dass ich Zuhšrer einer Kommunikation war. Wenn ich auch nicht verstand, worŸber sich diese beiden Wesen austauschten, so hšrte ich ihnen doch zu.

 

Die Notfall-KI LAURA und Dr. Jacobsen hatten einander sehr gut verstanden. Gemeinsam eršrterten sie die medizinischen Ergebnisse des Bordarztes. Derweil brachte ich mit LAURAS Hilfe auf der BrŸcke die INFINITY auf eine stabile Position in der nŠheren Umgebung von ST-27.

Die Bordsensoren lieferten unglaubliche Daten. ST-27 war eine Art Dimensionstunnel, ein Eingang zu einer zwischendimensionalen Ršhre. Ein Spalt zwischen den Universen und Dimensionen. Aus ihm heraus brandeten Partikelschauer verschiedenster Ladung, teilweise wohl auch hyperdimensionaler Art. LAURA erlŠuterte mir in epischer Breite Informationen, von denen ich nur einen winzigen Bruchteil verstand.

In dieser Region des Weltalls wurden von ST-27 offenbar unzŠhlige stellare und interstellare Objekte angezogen wie die Motten von einer Lichtquelle. Sie wollten den aus dem Dimensionstunnel herausstršmenden Partikeln nahe sein, sich an ihnen laben oder sich in ihnen baden. Dann tauchten sie in den Schlund von ST-27 ein und verschwanden zwischen den Dimensionen. Wandernde Sterne, Wolken bekannter und unbekannter Materie sowie Objekte, die vermutlich aus multidimensionalen Energien bestanden und diese auch streuten.

Als mich Jacobsen zu sich in die Krankenstation rief, fand ich ihn dort in hšchster Erregung vor. Er erklŠrte mir seine Theorie, nach der ein durch ST-27 in den Hyperraum ausgeschŸttetes, psionisches Virus fŸr den Tod der Mannschaft verantwortlich sei. Verwirrt hšrte ich Begriffe wie Ètransdimensionale InfektionÇ und ÈPsi-Teilchen-DurchdringungÇ. Jacobsen redete sich regelrecht in Rage. Dann brach er zusammen und lie§ mich allein an Bord zurŸck. Einsamkeit und Verlassenheit erfassten mich.

 

Der Stellarit drang in die Ausbuchtung des blauen Nebels ein. Mit der Vereinigung der beiden Wesen schwoll das Wispern in mir an. Ich fragte mich, ob ich in gewisser Weise eine kosmische Hochzeitsnacht belauschte.

ÈVielleicht gibt es ja sogar einen kosmischen Moralgerichtshof, der solche Art Vergehen bestrafteÇ, dachte ich.

 

Nach dem Tod von Jacobsen durchlebte ich einige Tage voller Hoffnungslosigkeit. Depressive SchŸbe quŠlten mich.

Jetzt waren alle tot. Die EinsamkeitsgefŸhle waren kaum auszuhalten. Ich fŸhlte mich von allen allein gelassen, als wŠre ich das einzige Wesen in diesem Universum.

Es war LAURA zu verdanken, dass ich wieder zur Besinnung kam. Die KI der INFINITY hatte inzwischen weitere Messdaten von ST-27 gesammelt, ausgewertet und in Vergleich zu Dr. Jacobsens Hypothese gesetzt. LAURA glaubte an die Richtigkeit der Theorie des Bordarztes und vermutete, ich sei gegen psionische Viren auf eine einzigartige Weise immun. Dies sei auch der Grund, warum ich das Wispern wahrnahm. Ich war offenbar empfŠnglich fŸr die psionischen Impulse zweier Objekte nahe ST-27. Der blaue Materienebel und der quasarische Stellarit sendeten anscheinend auf einer von LAURA so genannten Èpsionischen FrequenzÇ.

Also war ich nicht allein. Da drau§en waren zwei Wesen und ich spŸrte ihre Unterhaltung. Und dann begriff ich, dass da auch noch LAURA war. Wenngleich sie Teil des Computerverbunds der INFINITY war, so besa§ sie doch biologische Komponenten. Sie nahm Anteil und verstand es, auf mich einzugehen.

Ich tauchte aus meiner Verzweiflung auf und schšpfte wieder Hoffnung. Zusammen mit LAURA beobachtete ich, wie der blaue Nebel und der Stellarit begannen, sich aufeinander zuzubewegen und sich Ÿber dem Schlund von ST-27 trafen.

 

Die beiden Lebensformen hatten sich vereinigt. Ich stand am ruhigsten und einsamsten Ort der INFINITY und blickte hinaus ins All, wŠhrend in meinem Kopf das Wispern stetig intensiver wurde. Und mit jedem Impuls, der durch meine Gedanken huschte, ergriff mich eine fast Ÿberirdische Faszination. Eine Sehnsucht kam in mir auf, ein fast kšrperliches BedŸrfnis nach Weite und Aufbruch erfasste mich.

ÈSpŸre ich nur die beiden Wesen oder weckt dieses Wispern etwas in mir?Ç, dachte ich.

 

LAURA hatte mir vor zwei Tagen mitgeteilt, dass eine ihrer biologischen Komponenten einen Komplettausfall hatte. Sie konnte den Schaden kompensieren, doch als die zweite Komponente ausfiel, war klar: das Psi-Virus hatte vor dem Bordrechner der INFINITY nicht Halt gemacht.

Ich kŠmpfte fast einen ganzen Tag um LAURA und versuchte, Teile von ihr auf nicht infizierten DatentrŠgern zu sichern. Doch es nutzte nichts und LAURA starb.

Ich war allein an Bord der INFINITY zurŸckgeblieben und doch fŸhlte ich mich nicht mehr verlassen. Auf eine fŸr mich nicht erfassbare Weise war ich mit zwei der ungewšhnlichsten Lebensformen des bekannten Weltraums verbunden und hatte Anteil am Kontakt zwischen ihnen.

 

In mir erwachte ein GefŸhl, das ich niemals zuvor gespŸrt hatte. Es war, als wollte ich unbedingt auf einer Treppe nach oben zum nŠchsten Treppenabsatz gehen. Ich spŸrte den Drang weiterzukommen, wŸnschte mir ein Aufbrechen zu einem neuen Ufer.

Die immerwŠhrende Einsamkeit, die ich nach Helens Tod empfunden hatte, war fort. Ich hatte meine Verhaftung an den Schmerz und das Alleinsein gelšst.

ÈIch war mit meiner ursprŸnglichsten Angst konfrontiertÇ, dachte ich. Èund habe sie Ÿberwunden.Ç

VerblŸfft nahm ich das Aufwallen ungewohnter KrŠfte in mir wahr. Als hŠtte ich metallene Fesseln abgestreift, gewahrte ich ein gŠnzlich neues Potenzial in mir.

ÈWas passiert mit mir?Ç, dachte ich noch. Dann durchtoste mich ein glei§endes Leuchten.

 

Ich stand wieder, oder noch immer, in der Bordkapelle. Vieles in mir war gestorben, vieles aber auch neu geboren worden. Ich hatte einen Blick in grš§ere ZusammenhŠnge werfen dŸrfen und wusste jetzt, dass es so viel mehr gab, als die terranische Wissenschaft entdeckt hatte.

Die Wesen dort drŸben besa§en Namen, die ich nicht hŠtte aussprechen kšnnen, die ich aber jetzt kannte. Ich hatte begriffen, was die beiden erlebt hatten und worŸber sie sich ausgetauscht hatten.

Und ich wusste, welche Entscheidung ich treffen musste.

Ich schloss die Augen und versenkte mich in mich. Allein in mir suchte ich meine neu erwachten KrŠfte und fasste mit ihnen hinein in den Schiffskšrper, in den Rumpf der INFINITY. Tief in die Schaltkreise und in die lahmgelegten neuronalen Vernetzungen drang ich vor. Ich streifte die abgestorbenen Komponenten von LAURA und durchflog innerhalb weniger Sekunden das Raumschiff von einem Ende zum anderen. Die Konverteranlagen und den Antriebswandlerkern nahm ich wie Organe eines lebenden Organismus wahr. Auf der Konfiguration der Hyperkristalle spielte ich wie auf einem Klavier, zupfte an den Energietransferstrecken wie auf den Saiten einer Harfe. Ich weckte den Impulsantrieb im Heck und die INFINITY nahm Fahrt auf.

Das Raumschiff zu steuern fiel mir seltsam leicht. ÈAufbruchÇ, dachte ich. ÈDas ist mein Aufbruch.Ç

Ich setzte Kurs auf ST-27. Die INFINITY schwang mit schwerfŠlliger Eleganz in die von mir gewŸnschte Flugrichtung. Das Raumschiff passierte den blauen Nebel mit dem Stellariten-Kern. Der Dimensionstunnel erfasste die INFINITY und mich.

Gelassen zog ich mich aus dem Schiff zurŸck. Alles Nštige war veranlasst. Ich hatte meine Reise begonnen. Und als sich die Dimensionen fŸr mich šffneten, spŸrte ich einen Augenblick lang die Unendlichkeit.

Ich wusste, wohin ich unterwegs war, und ich dachte: ÈIch war nie allein. Ich bin nicht allein. Und ich werde niemals allein sein.Ç