Die Welt
Die Kronen der BŠume ragten aus einem Meer von Grau. Blumen und GrŠser reckten ihre StŠngel und Halme in den schwarzen Himmel. Ein Insekt erhob sich von den BlŸten. In erratischem Flug flatterte es davon, bis eine unsichtbare Barriere es stoppte und verhinderte, dass es dorthin gelang, wo das Licht der Sonne scharfe Schatten auf den atmosphŠrelosen Boden warf.
Audrun-Tel beobachtete den Vorgang mit grš§tem Interesse. Er schwebte auf das Insekt zu und lie§ einen Handlungstentakel entstehen, um es zu fangen. Aber es war zu schnell und entschlŸpfte seinem Griff. Dem Grepronen entfuhr ein Gedanke der VerblŸffung. Trotzdem verzichtete er darauf, dem Tier nachzusetzen, stattdessen bildete er Sensoren am Tentakel aus.
Sanft strich er Ÿber den Stamm des nŠchststehenden Baums. Wie befremdlich sich das organische Material anfŸhlte. Audrun-Tel musste sich zum wiederholten Male klarmachen, wie sehr sich biologische Lebensprozesse von den rein energetischen der Grepronen unterschieden. Aber er war zufrieden: Die eingehenden Daten bestŠtigten, dass die StoffwechselvorgŠnge des Baums voll und ganz den Vorgaben der Matrize entsprachen. Dies schien auch fŸr all die anderen Wesen des VersuchsgelŠndes zu gelten.
Die Welt erwies sich als bestens geeignet Leben zu tragen und zu fšrdern.
Audrun-Tel konzentrierte sich. Die Initiierung kann beginnen!, sandte er ans Kollektiv.
Vereinzelte Stimmen antworteten:
Wie erwartet!
Wie berechnet!
Wie erhofft!
Audrun-Tel spŸrte, wie der Ruf zur Vereinigung erging. Er wandelte seinen Kšrper zurŸck in die zylindrische Grundform, die er bevorzugte, wenn er fŸr sich alleine war. Ein letztes Mal wanderte sein Sehsinn Ÿber die schŸtzende Energiekuppel und die feindliche Umgebung dahinter.
Es mŸsste gelingen, dachte er, diesmal mehr an sich selbst gewandt. Dies sollte ein Ort werden, der Sauerstoffatmern gefallen kšnnte. Ob die Frentiden ihn annehmen werden?
Der Greprone schwebte senkrecht nach oben, durchdrang die Schutzkuppel des Testareals und wandte sich in Richtung Orbit, wo er auf die Artgenossen traf. Sie verschmolzen miteinander, um GREPRON zu bilden, die Einheit des Kollektivs.
Die Gemeinschaft begann unverzŸglich damit, ihren lange vorbereiteten Plan durchzufŸhren. Rotleuchtende Kugeln manifestierten sich scheinbar aus dem Nichts. Die GerŠte WANDLER, TRANSKRIPTOR und BR†TER entstanden. Sie lšsten sich vom Kollektiv und sanken herab zur OberflŠche. Ihre Aufgabe war es, der Welt Luft und Leben zu schenken.
Nach zwšlf SonnenumlŠufen war es vollbracht. Die GerŠte der Grepronen hatten die €nderung der Umweltbedingungen durchgefŸhrt. Eine dichte AtmosphŠre umhŸllte nunmehr die Welt. WolkentŸrme quollen auf Ÿber dem sŸdlichen Gro§ozean. VerzŸckung erfasste die Gemeinschaft, als die ersten natŸrlichen Regentropfen fielen. Auch die Transkription der DNA war abgeschlossen. Es wimmelte vor Leben, vom Mikroorganismus bis hin zum hochentwickelten SŠugetier, die Welt barst fšrmlich davon.
Audrun-Tel lie§ sich treiben, Ÿber Berggipfel und FlŸsse, Ÿber WŠlder und fruchtbares Schwemmland. In seiner Eigenschaft als Leitender Former stie§ er hier und da herab, um GewŠchse zu beurteilen oder das Verhalten von Tieren zu beobachten. Immer wieder traf er auf dabei andere Grepronen, mit denen er kurzzeitig verschmolz. Sie tauschten Erfahrungen, teilten ihre Zufriedenheit und erinnerten sich an den Grund ihres Hierseins.
Auf seinen Reisen durch die Weiten des Alls war das Kollektiv auf eine Welt gesto§en, die rein gar nichts mit der von ihnen erschaffenen gemein hatte, die unbewohnbar geworden war, nachdem eine selbstverschuldete Naturkatastrophe sie verheert hatte. Bei dieser Gelegenheit begegneten sie auch einem Schiff, das von dort gestartet war. In ihm lebten die letzten Abkšmmlinge einer Rasse von Humanoiden, die sich auf der Suche nach einer neuen Heimstatt befanden – die Frentiden.
MitgefŸhl stellte sich ein, sowie der Wunsch, den Bedauernswerten zu helfen. Die Grepronen studierten die Frentiden – heimlich, im Verborgenen. Es lag ihnen nicht daran, auf ihre Existenz und technischen Mšglichkeiten aufmerksam zu machen, dazu quŠlten die negativen Erfahrungen vergangener Kontaktaufnahmen zu sehr. Dennoch schritten sie zur Tat. Das Bordarchiv und die hydroponischen Anlagen halfen, alles Wesentliche Ÿber Lebensweise und BedŸrfnisse der Intelligenzwesen zu erfahren. Nach Abschluss der Studien suchten die Grepronen nach einem geeigneten Himmelskšrper. Als er gefunden war, manipulierten sie den Kurs einer der frentidischen Sonden, die das All nach einem Exil erkundeten.
PŸnktlich erschien diese zwei SonnenumlŠufe spŠter am Rande des Systems. Sogleich vereinigten sich die Grepronen und zogen sich in die Sonnenkorona zurŸck. Dort erzeugten sie das GerŠt SP€HER und warteten.
Mit geringer Geschwindigkeit nŠherte sich der Flugkšrper und steuerte die Welt an. Lander wurden abgesetzt, welche AtmosphŠre und OberflŠche untersuchten. Schlie§lich spŸrten Audrun-Tel und die anderen die erlšsenden elektromagnetischen Wellen.
Die Sonde benachrichtigt das Schiff!, ging es durch die Gemeinschaft.
Sie werden kommen!
Sie werden all das vorfinden, was sie dereinst verloren haben!
Audrun-Tel wurde schier hinweggetragen von dem HochgefŸhl, welches das Kollektiv erfasste. Nur allmŠhlich wich es dem Wunsch zu ruhen – solange bis die Frentiden kamen.
Die Ankunft des Schiffes weckte die Grepronen und versetzte sie erneut in Euphorie.
Wie riesig!
Wie zerbrechlich!
Welch technisches Wagnis!
Sie empfingen die EindrŸcke, die SP€HER ihnen lieferte. Das GerŠt zeigte ihnen das Raumschiff, aufgebaut aus einem Dutzend aneinandergereihter Module, von denen jedes die Ausma§e eines kleinen Asteroiden einnahm. Ein fragiles Gebilde aus Metall und Verbundstoffen, angetrieben von primitiven Nukleartriebwerken, unterwegs seit einer kleiner Ewigkeit.
Es schwenkte in eine Umlaufbahn ein. Bald darauf šffnete sich eine Vielzahl an Luken. Aus Hangars schleusten Beiboote aus und setzten Kurs auf die Welt.
Wie herrlich!, begeisterte sich das Kollektiv.
Wie erfreulich!, frohlockte jemand.
Wie lohnenswert!, dachte Audrun-Tel und sah, wie die Frentiden ihr Schiff verlie§en, um die Welt in Besitz zu nehmen. Es wŸrde fŸr sie der Anfang einer neuen, blŸhenden, Zivilisation werden. Sicherheit wŸrde ihnen beschieden sein im Licht einer Sonne, die €onen von ihrem Ende als Nova entfernt war.
Dann war es soweit. Die ersten Beiboote landeten. Frentiden betraten die Welt.
Und zerstšrten sie.
Blankes Entsetzten griff nach der Gemeinschaft!
Audrun-Tel wollte nicht glauben, was SP€HER ihm und den Ÿbrigen zeigte. Das GerŠt vermittelte unfassbare Bilder. Die Frentiden! Was taten sie nur?
Der Strom der Beiboote riss nicht ab, im Gegenteil, es wurden immer mehr. Aber deren Besatzungen strebten keineswegs danach, die Welt zu kolonisieren. Stattdessen flogen die Boote gezielt waldreiche Gebiete an. Energiestrahlen brachen aus den RŸmpfen hervor. Sie fŠllten die BŠume reihenweise. Nachfolgende Einheiten sammelten die StŠmme, verleibten sie sich in ihre Frachtdecks ein. Andere steuerten Seen an, leerten sie mit Traktorstrahlern, bis nur noch sumpfige Kuhlen an ihre einstige Existenz gemahnten.
Geschockt verfolgte Audrun-Tel, wie sich Konglomerate aus Maschinen vom Schiff trennten, Hšhe verloren und zielstrebig vorherbestimmte Punkte auf den Kontinenten ansteuerten. Dort gruben sich ihre Landebeine in den Fels. Sogleich entfalteten sich Greifer, Schaufeln und Bohrer. Werkzeuge gruben nach den BodenschŠtzen der Welt.
Stumm sah das Kollektiv mit an, was ihrer Schšpfung angetan wurde, wie die Ausleger der Fšrdermaschinen tiefe Wunden in die OberflŠche der Welt schlugen.
Tiere wurden gejagt, Pflanzen gesammelt, Ozeane befischt, Ressourcen ausgebeutet. Erst nachdem die Welt ihre Sonne um ein weiteres Viertel umkreist hatte, lie§en die Frentiden von ihrem Tun ab und kehrten zum Mutterschiff zurŸck. MajestŠtisch langsam setzte es danach Kurs in den freien Raum.
Als es au§er Orterreichweite geriet, meldete sich eine einzelne hilflose Stimme: Warum weisen sie die Chance auf eine neue Heimat zurŸck? Was haben wir Ÿbersehen?
Niemand antwortete. Die EnttŠuschung war zu gro§.
SP€HER verging.
Das Kollektiv versank in Lethargie.
Viele SonnenumlŠufe spŠter fanden die Grepronen wieder zu sich.
Wie traurig.
Wie schade.
Wie nutzlos.
Es waren nur einige ihrer Meinungen. Die ErnŸchterung Ÿber das von den Frentiden verschmŠhte Geschenk sa§ tief. Gleichwohl anerkannte das Kollektiv die RealitŠten. Es war Audrun-Tel, der als erster die gewonnene Erkenntnis an die Gemeinschaft weitergab: Die Einstellung der Frentiden muss sich mit den Generationen geŠndert haben. Das Schiff ist inzwischen ihre Heimat geworden.
Niemand widersprach.
Die Frentiden hatten die Welt lediglich genutzt, um VorrŠte aufzustocken und Rohstoffe zu gewinnen.
GREPRON verlie§ die Sonnenkorona und schwebte hinŸber zur Welt.
Ein Hauch von Erleichterung schlich sich in die Gedanken der Grepronen, als sie darŸber schwebten und erkannten, dass ihre BemŸhungen nicht gŠnzlich vergebens gewesen waren. Das Leben ging weiter. Es pflanzte sich fort, Ÿberwucherte die Narben, welche die Frentiden der Welt zugefŸgt hatten. GrŸn eroberte kahlgeschlagene Gebiete, Ÿberzog Abraumhalden. Krater hatten sich in neue Seen verwandelt.
Plštzlich gerieten einige fremdartige Gebilde in Sicht. Sofort sank GREPRON tiefer, um sie in Augenschein zu nehmen. Audrun-Tel fixierte seinen Sehsinn ganz darauf. Konnte es denn sein, dassÉ Da durcheilte ein mentaler Aufschrei die Gemeinschaft! Im †berschwang spalteten sich einige Grepronen aus der Einheit ab. Audrun-Tel gehšrte zu ihnen. Vor Aufregung kreiselte er in rasendem Tempo auf der Stelle. Ja, es konnte kein Zweifel bestehen. Was sich dort an der KŸste des nšrdlichen Kontinent befand, war eindeutig kŸnstlichen Ursprungs: Einfache GebŠude, Stra§en, ein Hafen.
Eine Ansiedlung der Frentiden!
Sie waren also nicht alle auf ihrem Schiff geblieben. Eine Minderheit musste sich zum Bleiben entschlossen haben. Audrun-Tel erkannte AnsŠtze einer einfachen Technologie, nicht vergleichbar mit jener, Ÿber die das Schiff verfŸgte. Wie es schien, setzten die Kolonisten auf einen všlligen Neuanfang.
Von neuem Tatendrang erfŸllt, begutachteten die Grepronen die neuentstehende Zivilisation der Frentiden. Sie verharrten einen weiteren Sonnenumlauf Ÿber der Welt.
Audrun-Tel gab sich den Elementen hin. Der Wind wehte ihn sachte Ÿbers Meer zur Stadt der Frentiden und darŸber hinweg. Er lie§ die EindrŸcke auf sich wirken. Unter ihm wuchs die Stadt mit der Zahl ihrer Bewohner. Deren architektonischer Einfallsreichtum kannte keine Grenzen. Die Konstruktion der Behausungen folgte keinen erkennbaren Regeln und doch fŸgten sie sich perfekt in die Umgebung ein. Die Infrastruktur beschrŠnkte sich auf das Notwendigste: Ackerbau und Viehzucht dominierten die Umgebung, einige wenige Fabriken waren am Stadtrand errichtet worden. Insgesamt schienen die Frentiden, mit ihrer Umwelt leben zu wollen, anstatt gegen sie. Eine Lehre aus dem Verlust ihrer alten Heimat, wie Audrun-Tel vermutete.
Und sie schickten sich an, mehr von der Welt in Besitz zu nehmen. Solar-Segler verlie§en den Hafen, um die lange Fahrt zum benachbarten Kontinent anzutreten, wo eine zweite Ansiedlung im Aufbau begriffen war.
Audrun-Tel beobachtete und Ÿberlegte. Er kam zu dem Schluss, dass sie mit sich und ihrem Werk im Reinen sein konnten. Es wurde Zeit, aufzubrechen. Er begab sich in den Orbit und schloss sich wieder der Gemeinschaft an.
Als alle Grepronen zueinander gefunden hatten, erzeugten sie mit einer vereinten Willensanstrengung das GerŠt VERSETZER und aktivierten es.
Baglentin lenkte den Elektropflug in gleichmЧigen Bahnen Ÿber das Feld. Er erfreute sich an den hervorragenden Bšden, welche die Triebe doppelt so hoch sprie§en lassen wŸrden, wie es auf den GŠrten des Schiffs der Fall gewesen war. Auch in dieser Saison wŸrde Frenta seinen Clan Ÿberreich ernŠhren.
Keinen Moment bedauerte er den Entschluss, sich den Siedlern angeschlossen zu haben. Er hatte das Schiff und dessen Enge nie gemocht.
Manchmal wunderte er sich allerdings auch noch heute, mehr als zwanzig Jahre nach der Besiedlung, wie sehr die Vegetation dieses Planeten der der alten Heimat zu gleichen schien. Offensichtlich fŸhrten Šhnliche Lebensbedingungen zu Šhnlichen evolutionŠren Entwicklungen. Aber es sollte ihm ziemlich egal sein, schlie§lich kannte er den Ort seiner Herkunft nur aus alten Aufzeichnungen. FŸr ihn zŠhlte, dass Frenta nahezu paradiesische Bedingungen bot.
In diesem Moment erhellte ein grelles Aufblitzen den Tageshimmel Frentas. Baglentin blickte hinauf, aber da war es bereits wieder verschwunden. Der Frentide rŠtselte eine Weile, woher das Licht stammen mochte. Schlie§lich kŸmmerte er sich wieder um sein Feld.
Er verblieb in seiner Ahnungslosigkeit Ÿber das Kollektiv, das ihm und seinen Artgenossen diese Welt geschenkt hatte und nun seine Reise fortsetzte, um zu forschen und nach neuen Aufgaben zu suchen.