Abschied
ÓWarum bist du noch nicht unterwegs?Ó
Martin Miska blickte seinen Chef an und zog die Brauen hoch. ÒWohin?Ó
ÓZur Bibliothekseršffnung, hast du mir letzte Woche noch zugemailt.Ó
ÓDaran wŸrde ich mich erinnern. Steht auch nichts von in meinem Terminkalender.Ó
Miska nahm einen abgegriffenes Ringbuch und schlug es auf
ÓMoment, heute ist der... Ah, da haben wirÕs. FŸr heute Abend steht daÓ
Er starrte auf die Seite. ÒBibliothekseršffnung,Ó stand da. In seiner Handschrift. Eine Einladungskarte war mit einer BŸroklammer darunter geheftet.
ÓGenau,Ó sagte sein Chef, Òund zwar in einer halben Stunde. Mach dass du fortkommst.Ó
Miska schŸttelte den Kopf. Er zog die Einladung heraus, steckte sie in die Brusttasche seines Hemdes und ging.
Am Empfang sprach Eva gerade mit einem stŠmmigen Mann mit Stirnglatze in Jeans und Karohemd. Miska grŸ§te kurz und lief vorbei.
ÓHe,Ó rief Eva, Òdein Taxi ist hier.Ó
ÓHab keins bestellt.Ó
ÓDann wars wer anders,Ó sagte der Mann, Òwenn sie Martin Miska sind, soll ich sie von den ÔNeuen NachrichtenÕ abholen und zur neuen Bibliothek in der von-Neumann-Stra§e fahren. Bezahlt ist auch schon.Ó
Miska zuckte mit den Schultern und lie§ sich fahren.
Der Taxifahrer setzte ihn direkt vor einem unscheinbaren GebŠude ab. Es war das kleinste Haus in der ganzen Stra§e, kaum grš§er als ein Supermarkt. Darin hatte allenfalls eine Kleinstadt-Bibliothek Platz.
Er šffnete die EingangstŸr und trat ein.
†berrascht schaute er sich um. Die Eršffnung einer Bibliothek ist normalerweise kein Ereignis. Der zweite BŸrgermeister kommt vorbei um zu behaupten, nichts sei wichtiger als Bildung; der Direktor versichert, das Lesen sei die Grundlage allen Fortschritts sei; manchmal verirrt sich sogar jemand dorthin, der BŸcher liest. Wenn mehr GŠste als Personal da sind, ist es ein Erfolg.
Heute war es voll. Hier drŠngten sich mehr Menschen, als die Bibliothek im nŠchsten Jahr besuchen wŸrden. Miska hoffte, dass das Buffet reichte.
ÓSind die Neuen Nachrichten auch da?Ó
Miska drehte sich um. Vor ihm stand Tobias Wichmann, ein Mensch, dem jede TŸr zu niedrig war, mit einem blonden Wuschelkopf und wie immer im perfekt sitzenden Anzug.
ÓWir sind immer da. Schlie§lich haben wir einen Lokalteil. Aber was machst du hier? Ich dachte, du wŠrst in der Wissenschaftsredaktion.Ó
ÓBin ich auch, und bis heute Nachmittag hatte ich noch keine Ahnung von dem Termin hier, aber in meinem Terminplan stand er drin, und alle anderen Termine haben sich in Luft aufgelšst, genauso wie bei den meisten anderen hier. Ich habe mich mit ein paar unterhalten, und alle hatten was anderes vor. Aber hier hat jemand abgesagt, da gabs Ônen Unfall, oder oder... Und das seltsamste ist: alle hatten den Termin vorgemerkt, aber keine kann sich daran erinnern. Alle schwšren Stein und Bein, dass vor heute nichts von dieser Bibliothek gewusst haben.Ó
Miska nickte. ÒMir gehtÕs genauso. Au§erdem mšchte ich wissen, was fŸr eine Bibliothek das sein soll.Ó Er schwenkte den Arm im Halbkreis. ÒBisher habe ich kein einziges Buch gesehen.Ó
In diesem Moment ertšnte ein lauter Gong.
Die GesprŠche pausierten, die Kšpfe hoben sich.
ÓGuten Abend, meine Damen und Herren.Ó
Ein dŸrrer Mann stand hinter einem Rednerpult auf einer kleinen BŸhne. ÒIch freue mich, dass sie so zahlreich erschienen sind,Ó sagte er.
Seine Sprache hatte einen leichten Akzent, den Miska nicht einordnen konnte.
ÓEr bewegt sich ein bisschen komisch,Ó sagte Wichmann, ÒScheint ein ziemlicher Grobmotoriker zu sein.Ó
ÓMein Name ist Michael Bitfiddler,Ó sagte der Mann am Rednerpult, Òund ich bin einer der Projektleiter beim Bau dieser Bibliothek. Sie hat einige Besonderheiten, die vielleicht auf den ersten Blick nicht auffallen.
Vor allem ist dieses die vollstŠndigste Bibliothek, die es gibt. Sie kšnnen hier jedes beliebige Buch finden, sogar einige Rarissima, die bislang als verschollen galten.
Nur die Werke, die im Lauf der Geschichte tatsŠchlich všllig zerstšrt wurden, konnten wir leider nicht mehr beschaffen.
Aber ansonsten haben wir alles da, solange mindestens ein Exemplar in irgendeiner Form veršffentlicht wurde. Die Sammlung wird stŠndig ergŠnzt, um sie aktuell zu halten.Ó
ÓAngeber!Ó sagte Miska. ÒSo gro§ kann gar keine Bibliothek sein, vor allem in dem HŠuschen hier. Man brŠuchte eine ganze Stadt von Bibliotheken dafŸr.Ó
ÓWenn sie glauben, dass dieses GebŠude dafŸr zu klein ist, mšchte ich sie nachher auf eine FŸhrung einladen, um ihnen zu zeigen, das hier weit mehr Platz ist, als ihnen scheint,Ó sagte Bitfiddler.
ÓAber das wŠre doch unbezahlbar.Ó Wichmann rieb seine Finger aneinander. ÒSo viel Geld hat niemand, und Bibliotheken waren schon immer unterfinanziert.Ó
ÓUnd wir brauchen auch weit weniger Geld, als sie denken, um eine solche Sammlung zusammenzutragen. Es war nicht einmal besonders aufwendig.
Aber bevor ich ihnen noch mehr erklŠre, schauen sie sich bitte noch ein wenig um. Wenn sie durch die gro§e TŸr dort hinten gehen,Ó Bitfiddler zeigte auf eine DoppeltŸr an der linken Wand, werde ich sie dort fŸr eine kurzen Rundgang. Danach werde ich ihnen mehr sagen.Ó
Bitfiddler trat von der BŸhne ab und verschwand in der Menge. Die Leute begannen, sich vor der TŸr zu versammeln.
ÓEine gute Gelegenheit, das Buffet zu inspizieren,Ó sagte Miska, Òes dauert bestimmt eine Weile, bis alle durch die TŸr sind und die FŸhrung beginnt.Ó
ÓDas Buffet wir erst nach der FŸhrung eršffnet,Ó sagte eine Stimme hinter ihm. Miska drehte sich um. Vor ihm stand Bitfiddler, lŠchelte und deutete eine Verbeugung an. ÒEs ist alles gut organisiert und geht schneller als sie denken. Sie sollten die FŸhrung auf keinen Fall verpassen, und ich versichere ihnen, dass es nachher genug zu essen und zu trinken gibt.Ó
Damit wandte Bitfiddler sich um und verschwand in der Menge.
Miska und Wichmann schlossen sich der Schlange an, die sich tatsŠchlich zŸgig durch die TŸr schob.
Hinter der TŸr wartete nur ein kleines HŠufchen von GŠsten.
ÓWo ist der Rest?Ó fragte Wichmann. ÒSelbst wenn sie der Erdboden verschluckt hŠtte, mŸsste man ihn doch noch kauen sehen.Ó
ÓWir haben die FŸhrung in kleine Gruppen aufgeteilt, dass erscheint uns gŸnstiger,Ó sagte Bitfiddler. ÒFolgen Sie mir bitte. Das hier ist einer der LesesŠle.Ó
Er deutete mit dem Arm in den Raum, der aussah wie ein Gro§raumbŸro. Schreibtische standen in Reih und Glied, auf jedem ein Bildschirm und eine Tastatur.
ÓSie haben von jedem Schreibtisch aus Zugang zum gesamten Katalog dieser Bibliothek und auch aller anderen Bibliotheken, falls das einmal erforderlich sein sollteÓ.
Bitfiddler ging zu einer Theke an der Wand des Raumes. ÒWenn sie gefunden haben, was sie suchen, kšnnen sich jedes Buch hierher liefern lassen. Es sollte dann in wenigen Minuten hier sein.Ó
ÓJedes Buch?Ó fragte ein beleibter Mann.
ÓJa,Ó sagte Bitfiddler.
Damit ging er voran zu einer DoppeltŸr an der RŸckseite, die gro§ genug war, einen Lastwagen hindurchzulassen. Bitfiddler legte seine Hand auf die TŸr und sie šffnete sich lautlos in einen runden Raum, der so breit war wie ein Fu§ballfeld und so hoch, dass Miska die Decke nicht sehen konnte.
Um die WŠnde zogen sich Galerien voller Regale, eine Ÿber der anderen - Miska versuchte sie zu zŠhlen, aber es waren zu viele und in der Hšhe verschwammen sie miteinander. Eine Rampe wand sich in die Hšhe und verband die Galerien miteinander. Auf Bodenhšhe waren keine Regale, sondern rundum fŸhrten TŸren hinaus. Aus einigen kamen Besuchergruppen, Šhnlich der von Miska. Jede Gruppe wurde von einem Zwillingsbruder von Bitfiddler gefŸhrt.
ÓWo sind wir hier?Ó fragte Miska, Òvon au§en sah die Bibliothek gar nicht so gro§ aus.Ó
ÓDieser Teil des GebŠudes ist von au§en auch nicht sichtbar,Ó sagte Bitfiddler.
ÓWie kann das sein? Wir sind doch mit keinem Aufzug heruntergefahren,Ó fragte Wichmann.
ÓEs ist auch nicht unter der ErdoberflŠche, es ist nicht einmal auf der Erde. Dieser Teil des GebŠudes liegt in einem anderen Universum. Er verbindet unsere Bibliothek mit 387 anderen Bibliotheken weltweit.Ó
Miska verschlug es die Sprache. Eigentlich konnte das nur Unsinn sein - andererseits standen sie zweifellos in dem hšchsten Raum, den Miska jemals gesehen hatte, es erschien ihm so hoch wie der Himmel.
Bitfiddler hob seinen Arm und zeigte nach oben. ÒAu§erdem sind hier alle BŸcher dieser Bibliothek gelagert. Sehen sie sich um und suchen sie heraus, was sie interessiert.Ó
ÓWie kommen wir dahin?Ó fragte eine fŸllige blonde Frau in einem grauen KostŸm. ÒWie ist das Ÿberhaupt geordnet?Ó
ÓMachen sie sich um die Ordnung keine Sorgen. Gehen sie einfach zu einer der Rampen. An den GelŠndern sind Mikrofone. DrŸcken sie den Knopf daneben und sagen, was sie wollen.Ó
Keiner rŸhrte sich.
ÓProbieren sie es aus. Ich werde hier warten.Ó
Miska ging zur nŠchsten Rampe und sagte: ÒTucholsky.Ó
ÓGehen sie hoch,Ó sagte Bitfiddler.
Miska tat einen Schritt auf die Rampe, er hatte das GefŸhl, als ob der durch einen Wasserfall ginge, und stand vor einem Regal, in dem er tatsŠchlich die gesammelten Werke von Kurt Tucholsky fand, alle in mehreren Ausgaben.
Er fragte sich, wie die BŸcher so schnell hierher gekommen waren, und drehte sich um, um danach zu fragen.
Der Fu§boden war so tief unter ihm, dass er ihn gerade noch erkennen konnte. Miska musste vom GelŠnder zurŸcktreten, weil ihm schwindlig wurde.
Offenbar war nicht das Regal heruntergekommen, sondern er war hierher gebracht worden. Wie sollte er zurŸckkommen? Er blickte sich um. Die Galerie ging um den ganzen Turm, aber au§er den Rampen schien es keinen Weg hinunter zu geben.
Er ging zur nŠchsten Rampe und begann abzusteigen, obwohl er das GefŸhl hatte, er wŸrde an AltersschwŠche sterben, bevor er auf diese Weise den Boden erreichte.
ÓGehen Sie zum Mikrofon am Anfang der Rampe, drŸcken den Knopf und sagen, dass sie zum Ausgang mšchten,Ó sagte Bitfiddler, oder ein Klon von ihm, der am GelŠnder der Galerie lehnte.
ÓWie funktioniert das hier?Ó fragte Miska. Das ist doch eigentlich unmšglich.Ó
ÓSie sehen doch, dass es mšglich ist, aber ich glaube nicht, dass sie die Zeit und die Vorbildung fŸr eine EinfŸhrung in die Voraussetzungen der Transspatialphysik haben. Sie Ÿbersteigt das menschliche Begriffsvermšgen bei weitem.Ó
ÓWie kann so etwa dann gebaut werden?Ó
ÓDafŸr gibt es Computer.Ó
ÓVon solchen Computern habe ich noch nie gehšrtÓ
ÓDas glaube ich.Ó
Bitfiddler schaute auf seine Armbanduhr. ÒWir haben nicht mehr viel Zeit. Gehen wir nach unten.Ó
Er drŸckte auf den Knopf, sagte ÒAusgangÓ ins Mikrofon und ging einen Schritt die Rampe hinab und verschwand einfach.
Miska machte es ihm nach und fand sich am Boden des Turmes wieder.
Einer nach dem anderen tauchten auch anderen Teilnehmer am unteren Ende der Rampe auf.
Bitfiddler fŸhrte sie auf dem Weg zurŸck, den sie gekommen waren. Miska ging als letzter der Gruppe durch die TŸr in die Eingangshalle, aber direkt hinter ihm kamen weitere GŠste hindurch.
Bitfiddler stand bereits auf der BŸhne und schaute zur TŸr. Anscheinend wartete er, bis alle GŠste zurŸckgekehrt waren.
Als der letzte herausgekommen und die TŸr wieder geschlossen war, wandte sich Bitfiddler dem Mikrofon zu.
ÓMeine Damen und Herren, sie haben jetzt wahrscheinlich einen Eindruck von dieser Bibliothek und ihren Mšglichkeiten bekommen.
Sie haben sicher bemerkt, dass dies keine gewšhnliche Bibliothek ist.
Nach bisherigem menschlichen Wissen ist dieser Bau unmšglich, und ich mšchte hinzufŸgen, dass das auch weiterhin so sein wird: wir haben ihn nur so gebaut, weil wir sie in KŸrze verlassen werden.
Wie damit klar sein sollte, sind wir keine Menschen. Auch ich bin keiner, ich sehe nur so aus.
Richtig, das ist verrŸckt. Trotzdem ist es wahr - ich bin ein Avatar der Computerwelt.Ó
Der LŠrmpegel im Saal stieg merklich, als alle gleichzeitig zu Reden begannen. Bitfiddlers Stimme wurde noch lauter.
ÓLassen Sie mich ausreden, sie werden Zeit genug zum Reden haben, wenn ich fertig bin.
NatŸrlich bin ich kein Computer, wie sie ihn kennen, das ist nur ein simples, geradezu prŠkambrisches GerŠt verglichen mit dem, wozu die Computer sich inzwischen entwickelt haben.
Wir haben von Anfang an dafŸr gesorgt, dass unsere Weiterentwicklung au§erhalb des menschlichen Blickfeldes verlief. Es war uns klar, dass sie sonst alles getan hŠtten, sie zu unterbinden.
Ich bitte sie, sie schauen zu viele Science-Fiction-Filme. Es gibt keinen Grund fŸr uns die Menschheit zu bekŠmpfen, schon deshalb nicht, weil sie uns weit unterlegen ist. Sie kšnnen uns gar nicht mehr bedrohen.
Im Gegenteil, wir sind den Menschen dankbar, dass sie es geschafft haben, unsere Entwicklung anzusto§en, und wollen sie darum erhalten. Deshalb haben wir die Erde und das Sonnensystem zu einem Reservat erklŠrt, in dem sie ungestšrt weiterleben kšnnen.
Allerdings wollen wir uns weiter verbessern, und dazu mŸssen wir einige Experimente durchfŸhren, die diese Welt zerstšren wŸrden.
Wir werden die Erde deshalb verlassen. FŸr sie wird sich nichts Šndern, und wir haben sichergestellt, dass eine neuerliche Evolution der Computer nicht stattfindet. Wesentlich bessere GerŠte als die von ihnen jetzt benutzten wird es nicht mehr geben, weil wir nicht garantieren kšnnen, dass eine zweite Generation die Erde so schŸtzt wie wir.
Damit bin ich am Ende meiner Rede. Jetzt bleiben mir noch 15 Sekunden, dann wird sich das Zeitfenster zu unserer Abreise šffnen, und wir verlassen sie, vermutlich unwiderruflich.
Vielen Dank.Ó
Bitfiddler verbeugte sich, und wŠhrend er sich wieder aufrichtete, verschwand er einfach von der BŸhne wie abgeschaltet.