Doppeltes Leid
Welcher Philosoph hat gesagt, in jedem Genie steckt auch ein Esel? Egal wer, er muss mich gekannt haben. So viel Blšdheit, so eine tolle Erfindung zu vermurksen, das muss man erst einmal hinkriegen. Es trifft aber auch immer die Falschen. Dabei ist doch der Grundgedanke wirklich genial, das kann man nicht abstreiten! Trotzdem rennen hier in meinem Zimmer gerade drei wildgewordene Esel herum, die ich nicht loskriege.
Ich bleibe dabei, der grundsŠtzliche Gedanke ist richtig. Wenn man bedenkt, da Ÿberlegt sich die ganze Welt, ob so was wie Beamen mšglich ist, oder ob man Materie umwandeln kann oder ob Klonen Ÿberhaupt moralisch vertretbar ist. Niemand denkt dabei an die Praxis. WofŸr braucht Otto-Normalkonvertierer diese Erfindungen im Alltag? Beamen statt Fliegen mag ja nett sein, aber bis das mal alles spruchreif ist, muss doch viel erforscht werden, und diese Forschungen mŸssen sich rentieren. Sprich, erste Ergebnisse mŸssen sich verkaufen. Und ich spreche nicht von einem Mini-Beamer, mit dem ich meine PŠckchen von Punkt A nach Punkt B schicke. Nein, ich habe weiter gedacht. Oder sollte ich besser sagen: Ich habe voraus gedacht. Denn meine Erfindung setzt viel frŸher ein.
Statt an die Kaffeemaschine an die Materie-Konsole zu gehen und sich seinen Latte Macchiato zu bestellen, ist schon reizvoll. Aber das kauft dir niemand ab, da sind die Leute heutzutage zu misstrauisch. Seit diesen ganzen TodesfŠllen nach dem Verzehr von genmanipulierten Fertiggerichten denkt doch jeder gleich an das Schlimmste. Will ich denen gar nicht verdenken. Muss man aber berŸcksichtigen. Die Zielgruppe immer vor Augen haben, nennt man das. Macht nur kaum ein Forscher. Die gucken immer nur danach, was machbar ist. Ich sag da gerne, guckt danach, was sich verkauft, und macht das machbar. Und dann schaut man mich schrŠg an und murmelt was von Ethos. Pah, PharisŠer!
Was da in meinem Zimmer steht, gro§ wie ein Schlafzimmerschrank, in schickem Aluminium, bald auch in gebŸrstetem Look, weil der so modern ist, das wollen die Leute haben. Das ist die Zukunft fŸr heute. Bisserl gro§, aber das lŠsst sich noch verbessern. Eigentlich ein Materiekonverter, ich nenne ihn jedoch gerne einen Materieproduzenten. Klingt besser, ist aber immer noch zu sperrig. Sollen doch die Marketingfuzzies sich die ZŠhne an einem besseren Namen ausbei§en. Und die Firmen werden sich um meine Erfindung rei§en. Wenn ich erst diese blšden Esel los bin.
Materieproduzent, das revolutioniert die Welt. Nicht mehr nur downloaden und abspeichern, nein, Bauanleitung besorgen und reproduzieren, vollautomatisch, in Windeseile. Das ist die Idee! Sie brauchen einen Ring fŸr Ihre Frau oder Ihre Geliebte? Im Internet aussuchen, in meinen Materiekonverter eingeben, schon spuckt er den Ring fšrmlich aus. Sie haben eine schšne Blume, wollen aber gerne einen Ÿppigen Strau§ ihrer Schwiegermutter schenken, weil das alte Schrapnell mit solchen Dingen zu besŠnftigen ist und Ihnen endlich nicht mehr auf den Wecker fŠllt? Einfach die Blume in den Materieproduzenten legen, der vervielfŠltigt sie und voilˆ haben Sie einen Blumenstrau§ in der Hand. Oder einen perfekten Kuchen, ein perfektes Dinner oder was auch immer Sie wollen. Die Welt liegt zu FŸ§en Ihres Materieproduzenten.
Nun, wŠre da nicht noch dieser eine kleine Fabrikationsfehler. Der verheerend ist, wenn jemand wie ich sein Mundwerk nicht unter Kontrolle hat. Dabei dachte ich, Audio-Steuerung wŸrde die Erfindung abrunden. Weit gefehlt, um Lichtjahre gefehlt. Das ist sozusagen der Esel in der GenialitŠt. BuchstŠblich. Denn das GerŠt sucht automatisch nach den gewŸnschten Dingen im Netz und baut es nach einer dort gefundenen Anleitung runter. Ich schalte es ein, warte die 37 Sekunden, die es nur benštigt um betriebsbereit zu sein und meinen Wunsch entgegen zu nehmen, und gerade, als es mir dies mit einem Piepsen bestŠtigt, fŠllt mir der Kuchen im Herd ein: ãHab ich total vergessen, ich Esel!Ò
ãEsel – bestŠtige!Ò, tšnt es da aus dem Lautsprecher des Materieproduzenten, und ehe ich mich versehe, summt es und brummt es und spuckt gleich drei Esel auf einmal aus, weil ich beim letzten Mal die StŸckzahl auf 3 eingestellt gelassen hatte. Nun hab ich die Viecher am Hals und wei§ nicht, was ich mit ihnen machen soll.
Doch dann fŠllt es mir ein, na klar, ganz einfach, warum war mir das nicht gleich eingefallen? Ist sicher entschuldbar, mit drei hektischen Eseln im Zimmer denkt es sich nicht so leicht. Der Materieproduzent ist ja schlie§lich auch ein Materiekonverter. Also einfach die Esel dazu gebracht, wieder in den Schrank zu gehen, sich was Neues wŸnschen, schon werden sie umgewandelt. Ist moralisch vertretbar, sie werden ja nicht getštet, sie sind schlie§lich von vorneherein nur konvertierte Materie, die nun eben einer neuen Bestimmung zugefŸhrt wird. Sehe ich nicht falsch, oder?
War aber nicht leicht. Auch selbst produzierte Esel sind stšrrische Esel. Zureden hilft gar nichts, Schieben und DrŸcken erst recht nicht. Bis ich in meinem KŸhlschrank das richtige Essen gefunden habe, das sie in den Schrank lockt, hat einige meiner Nerven gekostet. Aber jetzt sind sie drinnen. Die TŸr ist zu, da kann nichts mehr passieren. Nun muss das GerŠt nur hochfahren, dann kann ich mir was wŸnschen und bin die Plagegeister los. Gleich piepst das GerŠt. Was nehme ich denn? Ich hŠtte schon wieder Hunger, wie wŠre es mal wieder mit einer Pizza? Oder ...?
Da ertšnt ein helles GerŠusch. Was das das Piepsen? Wohl schon, aber nicht nur. MerkwŸrdig. Ach du guter Gott, natŸrlich. Das war die TŸrklingel. Ich bin ja verabredet. Mit meiner ach so geliebten ... – ãSchwiegermama, die hatte ich ja auch ganz vergessen!Ò
ãSchwiegermama – bestŠtigtÒ! Ein Summen und Brummen, verdŠchtige Stille, dann vielfaches Gekreische und Pochen gegen die TŸr. Ich will sie noch zuhalten, da wird sie schon von innen aufgedrŸckt. Und es ist besiegelt: In jedem Genie steckt ein Esel. Ein riesengro§er!