Wir wollten Dinosaurier zŸchten
ãWas genau suchen wir jetzt?Ò
Dev Fox sah seinen Assistenten Mark irritiert an und fand in dessen jungem Gesicht Neugier und Verwirrung. Er hatte ihm schon mehrmals erklŠrt, worin ihre heutige Aufgabe bestehen wŸrde, aber anscheinend hatte Mark es immer noch nicht ganz begriffen. Fox konnte ihn teilweise verstehen. Seit seinem MIT-Abschluss vor fŸnfzehn Jahren arbeitete Fox fŸr die CTT, die ãCyber Terrorism TaskforceÒ, eine internationale, der UNO unterstellte Organisation, die fŸr die †berwachung des Internets und Cyberspaces verantwortlich war. Er war fŸr die Entwicklung neuer Firewalls und Abwehrprogramme zustŠndig und stand seit gestern einem Problem gegenŸber, bei dem ihn auch die Fachliteratur im Stich gelassen hatte.
ãIch habe gestern einen Test gestartet und einen Virus losgeschickt, der in den Zentralrechner der CTT eindringen sollteÒ, erklŠrte Fox seinem Assistenten, wŠhrend dieser ihm half in den Virtual-Reality-Anzug zu schlŸpfen. ãEine všllig neue Methode des Angriffs, gegen die es eigentlich noch keinen Schutz gibt. Und trotzdem hat die Firewall den Virus abgewehrt.Ò
ãDas hei§t... was?Ò, fragte Mark und reichte Fox den VR-Helm.
ãDas sie von selbst lernt?Ò, schlug Fox mit wenig †berzeugung vor. ãIch wei§ es nicht genau, deswegen sind wir ja hier.Ò Er setzte den Helm auf. FŸr einen Moment herrschte absolute SchwŠrze um ihn herum. ãIch bin bereit, legen sie los.Ò
Um ihn herum entstand plštzlich eine ganze Welt.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Diesem Leitspruch folgend war die Virtual Reality des Cyberspace konstruiert worden, die das Internet teilweise abgelšst hatte. Ordner und Dateien waren keine langen Listen mehr, sondern eine eigene Welt. Sie konnten Kisten, HŠuser oder ganze StŠdte bilden. Meere stellten gelšschte, aber noch nicht vollstŠndig verlorene Daten dar, am Himmel zischten Nachrichten, Mails und Befehle in der Form von Všgeln mit DŸsenantrieb. Pulsierende Linien waren das virtuelle Pendant zu Kabeln in der realen Welt und verliefen unter Stra§en aus Glas.
Nichts davon existierte wirklich, aber der Virtual-Reality-Helm interpretierte alle Daten in dieser Form und zeigte sie dem TrŠger an.
Fox materialisierte scheinbar mitten in einer Stadt aus grŸnen, blauen und roten GebŠuden, einige davon nur wenig grš§er als sein virtueller Kšrper, andere Kilometer hoch. Es gab keinen Ton und keinen Geruch in dieser Welt, nur Sehen und Tasten.
Die Stadt wurde von einer grŸnen Mauer umringt. Sie war die Firewall und das Abwehrprogramm des CTT und dahinter verbarg sich der šffentliche Cyberspace. Es gab einige Fenster in der Mauer, unterschiedlicher Grš§e, aber man konnte durch sie nur hinaus sehen und nicht hinein. Egal wie hoch man fliegen wŸrde, die Mauer war immer hšher. Wollte man die Stadt verlassen, musste man durch eines der Tore gehen, die schwer bewacht waren. Fox Helm stellte diese Wachprogramme als Ritter dar, die mindestens zehn Mal so gro§ waren wie er und riesige Schwerter und Schilde in den HŠnden hielten.
Doch Fox hatte die Erlaubnis zu passieren und als er sich nŠherte, wichen sie automatisch zur Seite.
Die Welt, die sich hinter der Wand erstreckte, war gewaltig. Sie war um ein tausendfaches Grš§er als die Erde und ihre komplett flachen Ebenen erstreckten sich in allen Richtungen scheinbar bis ins Unendliche. Es gab keinen Horizont. Millionen Lichter funkelten nah und fern. Sie waren die anderen User des Cyberspace. Fox konnte zwei seiner Kollegen an einem Tor arbeiten sehen und winkte ihnen zu. Sie winkten zurŸck, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit widmeten.
Auch Fox wandte sich wieder von den ewigen Weiten des Cyberspace ab und richtete seinen Blick auf die grŸne Mauer. Er wusste, an welcher Stelle er versucht hatte anzugreifen und flog dorthin. Die Art und Weise, wie man sich im Cyberspace fortbewegen konnte, hing von der Rechenleistung des Computers ab, den man benutzte. Einfache Heimcomputer, wie sie in den meisten privaten Haushalten zu finden waren, erlaubten blo§, dass man gehen konnte, wŠhrend die modernsten Rechner des CTT einem das Fliegen ermšglichten.
Fox fand den von ihm geschaffenen Virus rasch. Er wurde wie ein biologischer Virus dargestellt, eine Form, die an einen Weberknecht erinnerte. Er hatte seine Beine eingezogen, als Zeichen dafŸr, dass er deaktiviert war.
Doch Fox war nicht an ihm interessiert, sondern viel mehr an der Stelle in der Wand, vor der dieser schwebte. Er stie§ den Virus zur Seite, damit er freie Sicht hatte. Die Wand war in diesem Bereich nicht grŸn und solide, sondern ein violetter Nebel.
ãMark, sehen sie, was ich sehe?Ò, fragte Fox seinen Assistenten, der seine Aktionen im Cyberspace auf einem gewšhnlichen Computer mitverfolgte.
ãJa, aber... Was ist das?Ò, kam die Antwort als Frage zurŸck. Im Cyberspace gab es keinen Schall, aber Fox konnte trotzdem alles hšren, was sich in der realen Welt ereignete. So konnte er auch ohne Schwierigkeiten mit dem Assistenten kommunizieren.
ãIch habe keine Ahnung, ich habe so etwas noch nie gesehenÒ, sagte Fox.
ãIch ŸberprŸfe gerade die Datenbanken...Ò, sagte Mark. ãNein, auch nichts. Kein Programm erkennt diesen... dieses... was immer es auch ist.Ò
Deswegen wird es auch als violetter Nebel dargestellt, dachte Fox. Auch der Helm kann mit den Informationen, die er empfŠngt, nichts anfangen.
ã†berprŸfen sie, ob sie etwas in šffentlichen Foren findenÒ, bat Fox. ãIch versuche inzwischen festzustellen, von wo der... Nebel gekommen ist.Ò Er drŸckte einige Knšpfe auf seinem Helm, woraufhin sich ein virtueller Filter Ÿber sein Sichtfeld ausbreitete. Er stellte den Filter auf die Substanz des Nebels ein und begann dann zu scannen. Jedes Programm, das sich durch den Cyberspace bewegte, hinterlie§ Spuren. Es dauerte nur einen Moment, bevor der Helm eine violette Linie anzeigte. Sie ging von dem Nebel aus und erstreckte sich in die Ferne.
ãIch habe etw猀愀Ò, meldete Fox und flog los.
Mit einer Hand hielt er sich an der Linie an und beschleunigte immer mehr. Unter ihm rasten Gebirge (Bereiche, die schlechte oder veraltete Server aufwiesen), StŠdte (šffentliche Bereiche, die nicht geschŸtzt waren) und schwarze Lšcher (Bereiche ohne Zugang zum Cyberspace) vorbei. Hin und wieder machte die Linie eine Kurve, wenn sie den grŸnen Mauern einer Stadt ausweichen musste.
ãIch habe etwas gefundenÒ, ertšnte da plštzlich die Stimme des Assistenten.
ãLassen sie hšren!Ò Fox schŠtzte, dass er bereits zwanzig Minuten lang der Linie gefolgt war.
ãIch habe in mehrere Foren Meldungen Ÿber Šhnliche Nebel entdeckt, aber keiner wei§, worum es sich dabei handeltÒ, berichtete Mark. ãScheinbar sind sie das erste Mal vor etwa fŸnf Jahren aufgetaucht und haben sich seitdem immer weiter ausgebreitet. Es...Ò
ãOh mein Gott!Ò
ãSir, was ist los?Ò, fragte Mark besorgt.
ãSchnell, bestimmen sie mein PositionÒ, befahl Fox.
Mark warf einen Blick auf seinen Bildschirm. Seine Stirn wšlbte sich. Er drŸckte mehrere Tasten, aber das Ergebnis war das gleiche. ãMister Fox, ich kann sie nicht finden.Ò
ãIch bin in einem gewaltigen NebelÒ, staunte Fox. Er hatte, immer noch der Linie folgend, ein weiteres Gebirge Ÿberquert und war dann in eine Hšhle geflogen. Diese hatte ihn in einem gigantisches Tal wieder ausgespuckt, das fast vollstŠndig von einem violetten Nebel ausgefŸllt war. Doch die Linie hšrte hier nicht auf, sondern ging immer weiter und Fox glitt jetzt durch den Nebel. Neben sich konnte er zahlreiche andere violette Linie sehen und er erkannte, dass sie alle an einem Ort zusammenliefen: Ein gro§er violetter Brocken, dŸnkler als seine Umgebung und in der Mitte des Nebels.
Auch wenn er wusste, dass ihm keine Gefahr im Cyberspace drohte, begann Fox Herz schneller zu schlagen. Was hatte er da gefunden? Er musste sich in einem extrem abgelegenem Teil des Cyberspace befinden, wenn ihn Mark nicht mehr orten konnte. Ein nicht registrierter Server vielleicht? Nur die hohe Rechenleistung, die der CTT zur VerfŸgung stand, hatten diese Reise Ÿberhaupt erst ermšglicht, sie hŠtte sonst sicher Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre gedauert.
Fox berŸhrte den violetten Brocken und seine Handschuhe simulierten ein GefŸhl, als wŸrde er in Pudding greifen. Die Masse lie§ sich leicht teilen, aber wenn er die HŠnde wieder zurŸck zog, schloss sich das Loch sofort wieder. Fox grub ein grš§eres Loch und grub weiter und tiefer und merkte erst gar nicht, wie sich die Masse hinter ihm wieder schloss. FŸr einen Moment hatte er das absurde GefŸhl keine Luft mehr zu bekommen, bevor er sich daran erinnerte, dass sein wirklicher Kšrper ja immer noch im CTT-Hauptquartier war. Er beruhigte sich ein wenig und drang mit Schwimmbewegungen immer weiter zum Zentrum der Masse vor.
ãZeichnen sie alles auf, Mark?Ò, fragte er. Er musste eine Stimme aus der realen Welt hšren.
ãNatŸrlich, SirÒ, antwortete der Assistent. ãIch habe auch schon Mrs. Piper alarmiert. Sie sagte, dass sie ihnen sofort UnterstŸtzung schicken wird.Ò
ãDanke, Mark.Ò Aber die UnterstŸtzung wŸrde noch mehr als eine Viertelstunde auf sich warten lassen. WŠhrend er immer weiter schwamm, Ÿberlegte Fox, was er gefunden haben kšnnte. Sein Assistent hatte gesagt, dass es sich immer mehr ausbreitete und das sprach fŸr einen Virus.
Aber ein so fremder und riesiger Virus...
Fox lief es kalt den RŸcken hinunter und er konnte spŸren, wie sich die Haare auf seinen Armen und am Nacken aufstellten. War es mšglich sein, dass jemand es geschafft hatte, einen Virus zu konstruieren, der das Internet selbst angreifen konnte? Noch gestern hŠtte Fox diese Idee als absurd abgetan, das Internet war schlie§lich viel zu dezentral, um angegriffen werden zu kšnnen, aber dieser Nebel schien alles mšglich werden zu lassen.
Aber warum hatte er dann den von Fox geschriebenen Virus am Eindringen in das CTT-System gehindert?
Etwas Silbernes glitzerte inmitten der violetten Masse. Fox streckte seinen Arm aus und nahm es in die Hand. Es war eine kleine Plakette, wie sie von sŠmtlichen UniversitŠten und Laboratorien bei ihren Programmen angebracht wurde, um ihre Programme zu kennzeichnen.
ãMark! Mark!Ò, rief Fox erfreut, als er den Namen des Labors auf der Plakette las. ãWir haben unseren Schuldigen.Ò
Die folgende Woche musste Fox mit Warten verbringen. Es war die vielleicht schlimmste Woche seines Lebens. Er wurde zu einer rasch gegrŸndeten Sondergruppe versetzt, deren Aufgabe es war, alle Nebel im Cyberspace ausfindig zu machen.
Aber er konnte sich kaum auf seine Arbeit konzentrieren und schlief nur noch drei Stunden jede Nacht. Seine Gedanken kreisten stŠndig um das Labor.
Und es tauchten immer mehr Nebel auf.
Jetzt, wo sie wussten, wonach sie suchen mussten, fanden die Spezialisten des CTT die Nebel im ganzen Cyberspace und somit im ganzen Internet verstreut. Die SchŠtzungen Ÿber ihre Gesamtzahl mussten stŠndig nach oben revidiert werden. Schlie§lich wurde sogar ein zweiter Massennebel gefunden, wieder weit abseits der Ÿblichen Pfade und Wege des Cyberspace.
Neun Tage, nachdem Fox das erste Mal einen violetten Nebel gesehen hatte, wurde er zu Mrs. Piper, seiner direkten Vorgesetzten, gerufen. Sie erklŠrte ihm, was in der vergangenen Zeit geschehen war.
ãWir haben natŸrlich sofort eine Einheit zu dem Labor geschicktÒ, erzŠhlte sie. ãDas GebŠude wurde umstellt und alle die darin arbeiteten festgenommen. Die letzten Tage wurde sie alle verhšrt. Gestern gab es ein... GestŠndnis? Ich wei§ nicht, ob das das richtige Wort ist... Vielleicht passt Beichte besser...Ò Sie hielt einen schwarzen USB-Stick in der Hand und reichte ihn Fox. ãSie haben die ganze Sache entdeckt, sie haben das Recht zu erfahren, was dahinter steckt. Aber sagen sie es vorerst keinem weiter. Die Sache ist, noch, streng geheim. Verstanden?Ò
Fox nickte.
ãSpulen sie zur vierunddrei§igsten Minute vor, da beginnt... die Beichte.Ò
Wie ein ferngesteuerter Roboter kehrte Fox in sein BŸro zurŸck und versperrte die TŸr hinter sich. Mit zitternden HŠnden steckte er den USB-Stick in seinen Computer und startete die Audio-Datei, die sich darauf befand. Er spulte aber nicht vor. Er hšrte sich das ganze GesprŠch an.
Ermittler und AnwŠlte fielen einander ins Wort, beschuldigten und beschimpften. Hin und wieder einen rauchige Stimme, der Wissenschafter.
Dann plštzlich der Satz: ãWir wollten Dinosaurier zŸchten.Ò Die rauchige Stimme!
Fox sa§ still und steif auf seinem Sessel. Eine Anzeige auf seinem Computer zeigte an, dass die Aufzeichnung bereits 34 Minuten abgespielt worden war.
ãDinosaurier oder Mammuts oder andere ausgestorbene Tiere. Aber das geht in der wirklichen Welt nicht. Die meisten Leute glauben, dass, wenn man die DNS von einem Tier kennt, man sofort das ganze Tier erschaffen kann. Aber das stimmt nicht. Auch die Umgebung, in der die DNS arbeitet muss stimmen, die Bausteine, die... Nahrung, die ihr zugefŸhrt wird. Es ist unmšglich in der wirklichen Welt ein Dinosaurier Ei zu schaffen. Aber im Cyberspace... Im Cyberspace kontrollieren wir alle Parameter. Wir kšnnen alles verŠndern, sogar die Zeit. Wir mŸssen nicht Tage oder Wochen warten, um festzustellen, ob die Befruchtung geglŸckt ist oder nicht, ob der Embryo lebensfŠhig sein wird... Es ist die perfekte Umgebung fŸr experimentelle Biologie.
Und es hat auch funktioniert! Keine Dinosaurier zu Beginn, aber kleine einzellige Lebewesen. FŸr ein komplexeres Tier reichte unsere SpeicherkapazitŠten und unsere Rechenleistung nicht aus. Aber dann hatte ich eine Idee: Das SETI-Programm! Es wurde im vergangenen Jahrhundert gestartet und hŠtte au§erirdisches Leben finden sollen. Die gewaltigen Rechenleistungen, die dazu erforderlich waren, hat man in der ganzen Welt, auf gewšhnlichen PCs, gesucht. Jeder konnte, wenn er wollte, das SETI-Programm herunter laden und wenn er seinen Computer nicht verwendete, wŸrde dieses Programm laufen. Die SETI-Forscher konnten so in kurzer Zeit unglaubliche Datenmengen verarbeiten und genau das wollten wir auch machen. Wir verteilten unsere befruchteten Zellen im Netz und im Cyberspace... Ÿberall.Ò
ãWas geschah dann?Ò Die Stimme eines Ermittlers.
ãWir hatten Erfolg. Mehr als wir uns erhofft hatten. Wir konnten virtuell den kompletten Lebenszyklus ausgewachsener Tiere nachstellen, aber das war nicht alles. Ein Teil unserer Zellen ging im Cyberspace verloren, wie das immer wieder mit Daten passiert. Wir dachten nicht weiter darŸber nach, wir hatten es ja sogar erwartet, aber... Aber die verlorenen Zellen starben nicht ab. Sie fanden... alte Server? Vergessenen Speicher? Ich wei§ es nicht genau, aber sie Ÿberlebten. Sie teilten sich, sie breiteten sich aus. Sie griffen Viren an, wie jeder lebende... echte Organismus ein Virus angreifen wŸrde. Sie lernten dazu und bald begannen sie sich vor Dingen zu schŸtzen, die es noch gar nicht gab. Evolution, verstehen sie? Wir haben Leben im Cyberspace geschaffen, wir haben... wir haben das Internet lebendig gemacht!Ò
Die Welt drehte sich um Fox. Er hielt sich an den Lehnen seines Sessels fest, um nicht zu Boden zu fallen. Vor seinen Augen sah er einen alten Film, den er als Kind einmal gesehen hatte und der ihm mehrere Wochen lang AlptrŠume beschert hatte. Ein verrŸckter Doktor stand in seinem Labor in einem alten Schloss. Regen prasselte an die Fenster, Donner lie§ die WŠnde erzittern. Ein Blitz erhellte das Labor fŸr einen Moment. Der Doktor stand triumphierend vor seiner Schšpfung und schrie, die Welt und den Himmel herausfordernd:
ãIt's alive!Ò