Nekrotin

 

sie sind sŸchtig!

ihr atem stinkt! ihre haare stinken! ihre kleidung! ihre haut!

wenn sie glŸcklich sind, wenn sie ihre sucht befriedigen kšnnen, sind sie bestenfalls herablassend. wie sie immer in den dunklen ecken stehen, wie nutten und dirnen.

sie sind huren ihrer sucht!

um an ihr mittel zu gelangen, wŸrden sie alles tun. das macht sie schwach.

ein grund, sie zu tšten.

 

Sie blickte von der kleinen Notiz auf und in die nebeligen Augen des anderen. Er blickte ins Leere; die Haut in einem leichten Grauton verfŠrbt. Der ganze Kšrper stank. Stank nach Rauch.

Ana seufzte und erhob sich schwerfŠllig. Sie hatte mal wieder schlecht geschlafen. Den eingeschwei§ten Notizzettel reichte sie einem Kollegen von der Forensik. Sie konnte diese Kritzeleien nicht mehr ertragen. War es nicht der Inhalt, so die Rechtschreibung, die sie wŸtend machte.

Au§erdem konnte sie es nicht verstehen. Die Gegend sah so normal aus, so unbedeutend normal. Wie kam es, dass sich hier einer von denen befand? Sie verstand es einfach nicht.

Die letzten Beweisaufnahmen wurden gescannt, dann wurde der Kšrper fortgeschafft.

Sie sah den MŠnnern nach, die die Leiche in den bereitstehenden Medi-Schwebewagen schafften und eine leichte MigrŠne Ÿberfiel sie beim Anblick. Sie wŸrde den Smoker-Fall wohl abgeben, wenn diese AlbtrŠume nicht aufhšren wŸrden. Das ganze Geschehen belastete sie zu sehr.

ãWer tut so etwas nur?Ò, murmelte sie geistesabwesend, strich dabei mit einem Finger Ÿber die Neonmarkierungen auf dem Boden.

ãJemand mit einem GerechtigkeitssinnÒ, murrte plštzlich eine bekannte Stimme hinter ihr.

ãViidarÒ, drehte sie sich erschrocken um und ermahnte ihn sogleich, ãdas kannst du nicht denken!Ò

ãDoch, das tue ich. Komm schon: Geht es dir anders? Alles geht vor die Hunde seit dem San-Angeles-Fallout, weil die Leute sŸchtig nach diesem Schund werden. Ist es da nicht gerecht, dass jemand die SŸchtigen bestraft, diese ach so geschŠtzten Mitglieder der Gesellschaft?Ò

ãAber es ist falschÒ, konterte sie lediglich mit einer der Ÿblich flachen Phrasen. Sie wollte sich nicht wieder auf eine Diskussion einlassen, nicht hierbei. War ihre eigene Vergangenheit dabei doch alles andere als rein.

ãWas Besseres fiel dir nicht ein, wie?Ò, stichelte er. ãAllein schon der Gedanke ist doch widerwŠrtig: Die verseuchten Gebeine mahlen und als Droge verkaufen? Das É das ist nicht mal mehr perversÒ, meinte er angewidert.

Sie sah ihm nach als er sich auf einmal wortlos von ihr abwandte und sich mit dem RŸcken zu ihr vor eine Bodennische hockte. Ana sah nur, dass er etwas metallisch Glitzerndes aufhob; in der Grš§e eines altmodischen SchlŸssels. Doch dann stockte er auf einmal in seiner Bewegung, hielt inne.

"Was ist-", wollte sie gerade fragen, doch er stob davon, wirkte merkwŸrdig gehetzt.

"W-wir sehen uns auf dem Revier. Ich m-muss was ŸberprŸfen!", stammelte er sichtlich verwirrt, und stolperte die Stra§e entlang.

 

sie sind unsozial!

sie kšnnen ihre sucht nicht einmal in der šffentlichkeit verbergen.

ihre widerwŠrtigkeit verdient keinen respekt oder achtung, nicht einmal verachtung.

ein weiterer grund, sie zu tšten.

 

Einer Litanei gleich ging sie jeden dieser verdammten Zettel immer wieder durch. Doch es brachte sie nicht weiter. Manchmal fŸhlte sie sich schon wie dieser Psychopath, konnte dessen Weltsicht fast verstehen. Sie wusste nicht, was ihr mehr Angst bereitete.

Seufzend erhob sie sich vom Hocker in der Pathologie. Der Pathologe selbst war schon seit Stunden weg, hatte Feierabend. Sie aber zermarterte sich hier in der angenehmen KŸhle das Hirn und grŸbelte.

Nach dem letzten Toten war sie zunŠchst nach Hause gefahren, hatte wie immer die Kopfschmerztabletten eingeworfen und versucht, zu schlafen. Doch wie immer wachte sie noch mŸder auf als sie eingeschlafen war. Všllig verspannt und verkrampft – als wŠre sie einen Marathon gelaufen. Seit dieser verdammte Psychopath sein Unwesen trieb, ging es ihr schon so elend.

HŠtte meine Vergangenheit mit diesem Zeug nicht schon gereicht, um mich zu bestrafen?, fragte sie sich und dachte an das Nekrotin. Doch wie die toten Seelen auf dem Friedhof wŸrden die Erinnerungen in ihr umhergeistern.

Vielleicht hatte Ana aber auch nur schon Wahnvorstellungen. Der Schlafentzug kšnnte es erklŠren.

Da klopfte es plštzlich und Tara mit ihrer schreiend blauen MŠhne trat ein. Jeder Schritt mit ihren verzinkten Hochhackigen knallte in Anas SchŠdel wie ein hydraulischer Dampfhammer.

ãWeibÒ, fluchte sie, ãmusst du stŠndig diese Absatzschuhe tragen?Ò

Sie lachte nur und meinte, dass sie Ana auch spŠter Šrgern kšnnte, wenn ihr danach wŠre. Aber jetzt sei sie wegen etwas anderem hier.

ãUnd zwar?Ò

ãViidar ist wegÒ, meinte sie unverblŸmt.

ãWie, weg?Ò

ãWeg eben. Hat sich nicht zum Dienst gemeldet. Auf TriCom-Anfragen reagiert er auch nicht. Seine Wohnung ist verschlossen und in der Unterstadt gibtÕs keine †berwachungsanlagen, in die wir uns einklinken kšnnten.Ò

ãDer verwšhnte Kerl.Ò

Die Unterstadt. Das noble Handels- und Bankenviertel war eine eigene, isolierte Welt. Dort gab es – offiziell – keine KriminalitŠt, keine DiebstŠhle und keinen Mord. Also auch keinen Anlass zur †berwachung.

ãWillst du, dass ich ihn hole?Ò

ãJa, bitte. Bei eurer gemeinsamen Vergangenheit ... au§erdem habe ich hier zu tun und die meisten anderen haben sich morgen – okay, inzwischen heute – frei genommen, um die Ariel-Landung zu verfolgen.Ò

ãDass Raumfahrt heute ein derartiges Medienereignis ist?Ò

ãMan muss es nur richtig vermarkten, Liebes. Apropos: Du solltest vielleicht mal wieder etwas schlafen. Du siehst aus als hŠttest du einen Mord begangen oder seist Opfer eines.Ò

Mit einem zwinkern und einem Griff an ihr DekolletŽ unterstrich Tara die Bedeutung ihres Konzepts von ãVermarktungÒ. Ana rollte nur die Augen und machte sich auf den Weg zu Viidars Wohnung im KŸstenviertel.

 

sie sind sklaven!

nicht nur ihrer sucht, sondern auch meines willens. sie sind schwach.

ich bin ihr beschŸtzer.

sie begeben sich zu mir, voller angst, und suchen schutz vor der welt. sie flŸchten in meine sphŠre. in den stunden bin ich ihr selbst und ihre welt. denn sie verdienen keine autoritŠt Ÿber sich.

der schšnste grund, sie zu tšten.

 

Ana konnte nicht atmen als sie diesen Zettel unter der TŸr Viidars fand. Mit zittrigen HŠnden drŸckte sie ihren Daumen auf das BerŸhrungsfeld neben der TŸr. Ein kurzes Klicken und sie wurde als zutrittsberechtigt eingelassen.

Mit vorsichtigen Schritten und gezogener Gau§pistole trat sie in die Wohnung, doch roch bereits etwas.

Nein, nein, nein! Bitte nein!

Sie stolperte, wahnsinnig vor Angst, durch die kleine Wohnung. Ihr Kopf raste und die MigrŠne zog den Schraubkopf um ihre SchlŠfen enger.

Gehetzt nahm sie alle RŠume unter die Lupe und entdeckte ihn schlie§lich – mit nacktem Oberkšrper rŸcklings auf seinem Bett. Sein Gesicht war von Nebel verhŸllt. Denn sein Kopf steckte in einem GlaswŸrfel.

Ein mit Nekrotin gefŸllter GlaswŸrfel, dessen war sich Ana sicher!

Diesen Anblick hatte sie bereits ein halbes Dutzend Mal zuvor erblickt. Smoker tštete auf diese Weise. Erstickte seine Opfer mit Nekrotinrauch. Hinterlie§ nie eine Spur. Kannte wohl die Opfer.

Das war zu viel fŸr sie, zu viel. Sie torkelte zurŸck, stie§ einen Beistelltisch um und wurde von diesem selbst so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sie stŸrzte.

Noch im Fallen, diesem Sekundenbruchteil, sah sie erneut zu ihm auf. Als sie auf dem Boden lag Ÿbergab sich voller Abscheu.

 

Sie nahm die warme Decke dankend an, wŠhrend Viidars Schlafzimmer notdŸrftig abgesperrt wurde. Ana hatte ihre Kollegen herbeigerufen als sie nach einer gefŸhlten Ewigkeit wieder stehen konnte.

Ihr Vorgesetzter, Saram Agodin, sah sie mit einem undefinierbaren Blick an, als er das Protokoll aufnahm. Besorgt? Misstrauisch?

ãGeht es dir gut?Ò

ãNeinÒ, gab Ana nach einem kurzen Moment und mit zittriger Stimme zu.

ãIch glaube, dass ich dem Smoker-Fall nicht mehr gewachsen binÒ, sprach sie zittrig und schwach. Das war zu viel.

Agodin meinte lediglich: ãViidar passt nicht ins Opferprofil. Er war sauber.Ò

ãDie Tat wurde nach dem typischen Muster begangenÒ, meinte sie. ãEs ist kein Trittbrettfahrer, da bin ich mir sicher. Und: Viidar war sauber. Das wei§ ich.Ò

ãUnd du?Ò

ãDas liegt lange hinter mir. Und ich habe meine halbjŠhrliche Untersuchung nŠchste Woche. Warum?Ò

Lang gezogen atmete er ein und wandte sich dann wortlos wieder der Untersuchung zu.

Kurz darauf setzte sie ein missmutig gelaunter Kollege vor ihrer HaustŸr ab. Die Gegend schien verwaist. Alle waren wohl an den NetzgerŠten, um sich die Ariel-Landung anzusehen. Doch Ana war nicht nach derlei Spuk.

Sie zog sich allein in einer Ecke ihres Wohnzimmers zurŸck, immer noch in ihrer Stra§enkleidung. Sie kam sich so vor, als befŠnde sie sich auf Drogenentzug. Schwei§ausbrŸche, rasendes Herz und Kopfschmerzen. Sie wusste nicht ob sie hungrig war oder wieder erbrechen wŸrde. Sie fŸhlte sich einsam und wollte umsorgt werden. Wie frŸher – als sie noch ein Kind war und ihre Mutter sie immer umhegt hatte, wenn es ihr nicht gut ging.

Aber ihre Mutter war tot, schon seit Jahren. Doch etwas konnte sie tun. Ja, da war was, fiel ihr ein. Mit neuer Kraft tippelte sie schnell zu ihrem Wandschrank und šffnete eine Blende am Boden. Hier lagen ihre Kindheitserinnerungen. WŠhrend sie kramte, wurde das Bild in ihrem Kopf immer deutlicher. Ihr altes Tagebuch. Und irgendwo darin hatte sie – vor Jahrzehnten! – einmal das Rezept fŸr Mamas warme BrŸhe notiert. Immer wenn es ihr nicht gut gegangen war, hatte Mama diese aufgesetzt.

Ana fand schlie§lich das altmodisch in Papier verfasste BŸchlein und wollte es šffnen. Doch da war noch das Schloss davor, also griff sie routiniert in ihre Tasche und holte den alten SchlŸssel heraus, um É diese Bewegung ersterben zu lassen. Etwas in ihrer Magengrube zog sich zusammen und sie beschlich ein undefinierbar grausiges GefŸhl. Sie starrte irritiert auf den kleinen metallischen SchlŸssel.

Warum wusste sie, dass sie ihn in der Tasche hatte? Warum hatte sie ihn Ÿberhaupt dort?

Als wŸrde das Buch etwas Unheiliges fŸr sie bereithalten, sah sie auf den Einband. Mit zittrigen HŠnden entriegelte sie dann doch das Schloss und klappte die Buchdeckel auf. Phiolen und Nadeln É befanden sich darin. Die Buchseiten wurden weggeschnitten. Und da war noch etwas. Staub.

Knochenstaub?

Jahre der Ermittlung und zuvor Wochen des Konsums hatten sie mit dem Medium vertraut gemacht. Zwischen den Buchdeckeln lag eine komplette Nekrotin-AusrŸstung! Alles, um sich die Droge verabreichen zu kšnnen. Zittrig fiel das Buch ihr aus den HŠnden. Noch im Fallen schreckte sie mit einem Schrei zurŸck – als fŸrchtete sie, allein der Kontakt mit der Haut kšnne sie wieder infizieren.

Jetzt stŸrmte alles wieder auf sie ein. All die Erinnerungen. Die Reha, die Therapien. Nein, sie war das nicht. Das gehšrte ihr nicht.

Sie hielt sich die HŠnde vors Gesicht und mit feuchten Augen betrachtete sie das Tagebuch und seinen auf dem Boden verstreuten Inhalt.

Dann entdeckte sie den Notizzettel. Er war auf der letzten Seite festgeklebt. Sie erkannte die Handschrift als ihre É aber den Inhalt als den eines anderen.

 

sie sind anstandslos!

sie glauben, dass ihre sucht sie zu einem besseren menschen macht. dass sie au§erhalb der gesetze stehen, unnahbar fŸr alle. dass jeder mensch in unserer toleranten gesellschaft sie fŸr ihre taten verstehen werde.

sie kšnnen ja nichts fŸr ihre sucht. sie sind ja nur opfer der anderen.

lŸgen. lŸgen! nichts als lŸgen!

der letzte grund, sie zu tšten. und der beste!

anstand ist ein zeichen von zivilisation. doch ihr gabt ihn fŸr eure droge her.