Durch die Nacht, ganz brav
Die Nacht war in Silber getaucht, und das ganz genau so, wie es klang. Ein schimmernder Hauch lag auf allem, Ÿber allem, wie ein Tuch, eine Decke, nicht warm, nicht kalt, nicht dazu bestimmt, zu bedecken oder verdecken oder in einen seichten Schlaf zu wiegen, sondern allein zum Ansehen und Bestaunen, Genie§en, drin Versinken. So viele HŠuser, Stra§en und dunkle Fenster, doch nie war Stille sanfter gewesen. Nie weniger Grund, Angst in ihr zu haben, sich verloren zu fŸhlen oder sogar einsamÉ
HŠtte sie es nicht besser gewu§t, hŠtte sie gesagt, das hier war die schšnste Nacht, die sie je erlebt hatte. Und dann eine Stimme. Hinter ihr.
ãHast du gerade den Mond angeguckt?Ò
Laut war sie nicht, aber scharf. Klang wie Metall, das gegen Stein schlug. Sie hŠtte schwšren kšnnen, der Silberglanz zerbrach. In StŸcke. Rutschte von den DŠchern auf die Stra§e und wurde zu Scherben. Ein Paar schwarzer Stiefel. Schallende Schritte. Unter ihren Sohlen knirschte es.
ãIch hab dich gefragt, ob du gerade den Mond angeguckt hast, MŠdchen.Ò
ãNein.Ò
ãBist du sicher? Denn ich kšnnte schwšren, ich hab dich dabei gesehen.Ò
ãNein, ich É ich hab nicht É ich bin nur ÉÒ
Seine Stiefel blieben vor ihren stehen. Rochen nach neuem Leder. Rochen gut geputzt. Scherben konnte sie keine finden. So viel Boden, Asphalt, und immer noch der leichte Silberschimmer. Die kleinste Scherbe hŠtte ihn einfangen mŸssen. Zu funkeln anfangen. Vielleicht sogar seine Miene spiegeln.
ãIch hab nicht, ich bin nicht, ich wei§ nicht? Hat dir niemand beigebracht, vernŸnftige klare SŠtze zu sprechen?Ò
ãDoch.Ò
ãGut. Dann frag ich dich noch mal, und Ÿberleg dir deine Antwort ganz genau. Hast du gerade den Mond angeguckt, MŠdchen?Ò
Steine waren da zu sehen. Vor seinen Stiefelspitzen und ihren. Zwischen ihnen. Kleinere und grš§ere. Eine Handvoll vielleicht. Manche kantig, manche fast rund. Eingetreten in den ewigen Asphalt. Vielleicht an einem Tag so hei§, da§ die ganze Stra§e weich geworden war und flŸssig und zu einem klebrigen Bach, bis es vollkommen unmšglich wurde, mit nur zwei Stiefeln so laut auf ihr herumzutrampeln. Solche Tage sollte es gegeben haben. FrŸher. Unerwartet. Einfach nur hei§. In ihnen alle auf der Suche nach Schatten, nichts anderem, schon gar keinem Schutz oder Verstecken. Und am nŠchsten Tag war es wieder vorbei. So anders alles heute und auch gar nicht nur diese zwei Stiefel, die trampelten. Schon nŠherte sich noch ein Paar. Genau so laut und schallend. Genau so wie aus dem Nichts.
ãWas ist denn hier los? Probleme, Wachtmeister?Ò
ãJa, Chef, ich habe den dringenden Verdacht, das MŠdchen hier hat sich gerade den Mond angesehen.Ò
ãSo? Na ist das nicht interessant.Ò
FrŸher hatten sie oft mit Steinen gespielt. Sie und ihr Bruder und ihr Cousin. In diesem kleinen Hof hinter dem Haus. Ein kleiner Kiesberg war da in der Ecke neben dem WŠscheplatz aufgeschichtet gewesen. FŸr den Winter, wenn die Wege vereisten und der Gro§vater mit seinem kranken Knie Angst hatte, jemand kšnnte ausrutschen und hinfallen. Aber das war bevor er tot war. Sie hatte ihn gar nicht mehr gesehen, nie, nur von ihm gehšrt, wŠhrend der Kiesberg im Laufe der Jahre immer kleiner wurde und inzwischen einfach verschwunden war. Kantige Steine und runde damals gleicherma§en in ihm verborgen und so leicht, sie einzuteilen, ihnen ihre PlŠtze zuzuweisen in all den langen Stunden der Kinderspiele. Kantige Steine waren die bšsen, runde die guten. Es mu§ten nun mal immer zwei Seiten da sein. KŠmpfe hatte es gegeben. Vor allem darum, wer mit den Bšsen spielen sollte.
Das zweite Stiefelpaar blieb mitten auf den asphalteingedrŸckten Steinen stehen.
ãDu hast also den Mond angesehen, MŠdchen.Ò
ãNein, hab ich nicht.Ò
ãDu wei§t, da§ das verboten ist. Und du wei§t auch, was ich jetzt tun mu§, oder? Ich mu§ deine Daten aufnehmen. Deine Hand.Ò
ãAber ich hab nichts gemacht.Ò
ãDeine Hand.Ò
ãHšren Sie doch, ich hab den Mond nicht angeguckt. Sie mŸssen mir glauben.Ò
ãDeine Hand!Ò
Schon waren sie da. Ihre Finger in den hei§en des ersten Wachtmanns und ein Ri§ in der sanften NachtschwŠrze hinter der Schulter des zweiten, als ein Lichtstrahl aus einem der stummen Fenster fiel. FŸr den Bruchteil eines Augenblicks nur. Die Gesichter hinter der Scheibe mochten bleiben, aber auch das nur einen Moment lŠnger.
Es piepte, einmal, ganz leise, als der Wachtmann ihren Zeigefinger Ÿber den Scanner schob. Und dann eine Melodie, als die Daten den Bildschirm Ÿberschwemmten. Das Flimmern spiegelte sich in den blankpolierten Mantelknšpfen. Ein winzig kleines grelles Aufleuchten. Vollmondrund.
ãWas haben wir denn da. Interessante Familiengeschichte. Vor allem der Teil mit deinem Cousin. Wie klein die Welt doch ist, wer hŠtte das gedacht?Ò
ãWer ist denn ihr Cousin?Ò fragte der erste Wachtmann, der mit den hei§en Fingern. Ihre zuckten. Schmerzten. Wurden nicht losgelassen. Zu gebannt die Blicke der beiden MŠnner auf den winzig kleinen Bildschirm. So unverblŸmt alles, was sie dort finden mu§ten.
ãGuck selbst. Sind genŸgend Bilder da. Vielleicht sollte ich auch noch den Ton einschalten? Ein paar der tollen Dinge hšren, die er der Welt zu sagen zu haben glaubte? Aber wahrscheinlich kennst du die alle auswendig, oder, MŠdchen? Kannst du uns eine kleine Kostprobe geben?Ò
Es blieb nur, den Kopf zu schŸtteln. ãNein.Ò Die Hand zu ballen, als er sie doch wieder freigab.
ãJa, das ist auch besser. So was brauchen wir hier nicht. Solchen LŸgenabschaum.Ò
ãMein Cousin ist kein schlechter Mensch.Ò
ãUnd ob er das ist. Er ist gegen das System. Und du, MŠdchen, steckst in jeder Menge Schwierigkeiten.Ò
ãIch hab nichts gemacht.Ò
ãDu hast den Mond angeguckt.Ò
ãNein, das hab ich nicht.Ò
ãWillst du mir sagen, da§ ich lŸge? Ich? Ein Wachtmeister?Ò
ãNein, ich will nur sagen, Sie haben es nicht gesehen. Sie haben keine Beweise.Ò
ãIch habe Beweise. Meinen jungen Kollegen hier. Er hat es gesehen, und du wei§t, wie es lŠuft, oder etwa nicht? FŸr diesen Fall, bitte, Kollege Wachtmeister, wiederhole es doch einfach fŸr sie noch mal. Nachsicht hin oder her, nicht alles im Leben ist Seifenoper und Realityshow, manche Dinge sind tatsŠchlich auch heute noch ernst und haben Folgen.Ò
Der Kollege gehorchte. RŠusperte sich sogar. Klang wunderbar mit sich selbst im Reinen. ãDer Mond wird nicht angesehen, weil er der PrŠsidentschaft gehšrt, niemandem sonst. So lautet das Gesetz.Ò
ãGenau, und wie lange schon?Ò
ãSeit dem Jahr 2012.Ò
ãSehr richtig. 2012. Und du, MŠdchen, solltest das ganz genau so wissen wie mein junger Kollege hier. Seit deinem allerersten Gedanken solltest du das schon gewu§t haben. Aber vielleicht kein Wunder bei einem Cousin wie deinem. Kein Wunder, blo§ eine Schande. Aber wir sind ja nicht so. Wir sind ja zum Helfen da. Wo immer wir auch kšnnen. Darum noch mal hier fŸr dich zum einprŠgen, bitte, Herr Kollege.Ò
ãDer Mond wird nicht angesehen, niemals und unter keinen UmstŠnden.Ò
ãUnd wenn doch?Ò
ãDann zieht das Konsequenzen nach sich.Ò
ãGanz genau. Vor allem bei Uneinsichtigkeit, und darum geh ich jetzt den Wagen ranrufen, und du bleib hier und pa§ auf sie auf.Ò
Damit ging es, das zweite Stiefelpaar, das kein bi§chen anders aussah als das erste, ganz gleich wie genau sie auch guckte und suchte und wartete, lauschte. Auf ein Wort. Das wŸrde ja schon reichen. Eine winzig kleine Bemerkung. Ein Wackeln mit den Zehen. Das aller kleinste Zeichen.
2012 hin oder her. Nicht nur sie hatte das Jahr nicht miterlebt. Auch er konnte nicht dabeigewesen sein, jung wie seine Stimme klang. Auch er mu§te frŸher irgendwas anderes gespielt haben als nur die ãrichtigeÒ Seite. Auch er hatte einen Kopf, der sich in alle Richtungen drehen lie§.
Seine Wachtmannsjacke knirschte. Seine Fingerspitzen rieben die HandflŠchen. Kalt konnte ihm nicht sein, mit so hei§en Fingern. Vielleicht suchte auch er nach einem Wort.
Warum nicht?
Das konnte sein.
Auch gefunden haben konnte er es. LŠngst. Immerhin existierten Worte nicht nur in der Luft. Nachtschwarz oder silbern. Dabei tat das nichts zur Sache.
Sie wartete. Einen Moment. Zwei. Das Mondlicht schimmerte in den Steinen im Asphalt. Wenn sie zu lange wartete, wŸrde das zweite Stiefelpaar zurŸckkommen.
ãIst Ihnen schon mal aufgefallen, da§ das Mondlicht manchmal heller ist als in anderen NŠchten? Und mehr, so als wŠre der Mond selbst grš§er. Oder dichter dran. Die ganze Nacht ist dann so viel heller.Ò
ãIst mir noch nicht aufgefallenÒ, sagte er. TatsŠchlich. Seine Finger šffneten sich, falteten sich, sahen sogar warm aus.
ãWirklich nicht? Mir schon, so wie heute. Wenn ich da an letzte Woche denke É da waren die Schatten in meinem Zimmer zuhause nicht halb so dunkel und abgrenzbar. An den Wolken kann es nicht liegen, ist ja nicht so, als wŸ§ten wir nicht, an welchen Tagen die da sind, statt der Sonne.Ò
ãKeine Ahnung, woran das liegen kšnnte.Ò
ãWundert Sie das denn nicht?Ò
ãNein. Ich hab nicht so viel Zeit fŸr so unnŸtze Dinge. Wir sind hier, um unsere Arbeit zu erledigen, und du solltest das auch, statt sie uns schwerer zu machen.Ò
ãJa. Das tut mir auch wirklich leid. Das war ganz sicher nicht meine Absicht. Es ist nur so, manchmal stelle ich mir vor, wie so was sein kann, wie das alles so funktioniert hier auf der Welt, verstehen Sie?Ò
ãDu wei§t ganz genau wie es funktioniert. Die PrŠsidentschaft hat einen Weg gefunden, das †berleben auf dieser Welt zu sichern, und entsprechende Gesetzte erlassen, denen Erde, Tier und Menschen folgen mŸssen, um das Wohl in dem wir leben, zu wahren, und wer aus der Reihe tanzt, gehšrt zu seinem eigenen Besten bestraft. Ganz einfach. Jedes Kind wei§ das.Ò
ãAber was war dann damals vor dem Jahr 2012?Ò
ãDas wei§t du auch. Klimachaos, Terror, Stadt und Land in TrŸmmern, 80 Prozent der Menschheit todkrank und die ganze Pflanzenwelt verseucht und giftig von all dem MŸll und Abfall derer, die sich nicht scherten und nur an sich selbst und ihren eigenen Gewinn dachten.Ò
ãJa ÉÒ
ãJa. Ganz genau. Sie haben diese Welt gerettet. Sie haben alle Pflanzen neu gezŸchtet, alle Kriege beendet, alle finanziellen Ungerechtigkeiten beseitigt, ihre Weitsicht und Selbstlosigkeit hat uns alle gerettet. Und wenn sie zum Dank dafŸr den Mond als ihr Eigen, als ihre TrophŠe, ihr Wahrzeichen haben wollen, den Mond, der sowieso zu nichts nŸtze ist und damit allein nur einmal mehr ihre unvergleichliche Gutherzigkeit beweist, dann ist es mir eine Freude, sie dabei zu unterstŸtzen, und wenn du kleines dummes undankbares MŠdchen ihnen das nicht zugestehst, dann bist du genau so eine Schande wie dein Cousin mit seinen Reden und Filmen und Artikeln und Demonstrationen und den LŸgen vom wahren Ende der Welt und von UnterdrŸckung und heraufbeschworenen Kriegen und vergiftetem Essen und krankmachenden Medikamenten all diesen Verschwšrungstheorien. Niemand vor uns war je so sicher wie wir heute. Wir sind gesetzlich vor allem Leid und allen Krankheiten geschŸtzt. Wir haben sichere ArbeitsplŠtze. Wir haben sichere HŠuser, mehr kontrolliertes Essen, als man verdauen kann. Wir haben die Vergangenheit Ÿberlebt. Wir sind die Welt.Ò
ãAber die Welt war schon so viel lŠnger da als die PrŠsidentschaft.Ò
ãJa, im Chaos.Ò
ãAber wie haben die Menschen dann Ÿberhaupt so lange Ÿberlebt, wenn man nie zuvor auf der Welt Ÿberhaupt leben konnte?Ò
Da seufzte er. Die HŠnde verschwanden in den Taschen. Stiefelsohlen knirschten, die nicht die seinen waren.
ãKeine Ahnung, aber Fragen wie die bringen uns auch nicht weiter. Du hast ein Gesetz gebrochen. Du mu§t bestraft werden.Ò
ãAber wie kann so was ein Verbrechen sein? Der Mond ist nun mal da. Da am Himmel. Jede Nacht. Das einzige Licht Ÿberhaupt. Wie kann man da NICHT hingucken?Ò
ãIndem man nicht hinguckt. Schlu§ jetzt damit. Da ist der Wagen. Steig ein.Ò
ãAber ich hab nichts getan.Ò
ãDu kommst mit uns mit.Ò
ãWohin?Ò
ãWas denkst du wohl?Ò
ãWie lange?Ò
ãBis du Einsicht zeigst.Ò
ãAber ich hab nichts getan.Ò
ãRein in den Wagen.Ò
ãNein.Ò
Dieses Seufzen war anders. Frustrierter. Aufgebracht. Ungehalten. Kam vielleicht sogar aus beiden Kehlen gleichzeitig.
ãDas mu§ hier doch jetzt nicht wirklich zu einem Problem werden. Wir sind doch alle vernŸnftige Menschen.Ò
ãVerschwende nicht deine Zeit, Kollege, denk mit deinem Kopf, du wei§t wie es ist. Und bei der Familiengeschichte É ist doch immer dasselbe. Wenn es ihr nicht reicht zu wissen, wie gut sie es hat, dann mu§ sie es eben zu spŸren kriegen.Ò
Da waren sie wieder da, alle beide Paar schwarzer Stiefel. So nah nebeneinander. Dazu HŠnde, so viel zu krŠftig. Der schwarze Wagen nur drei, vier Schritte weit weg. Sie kannte das Klicken der TŸr, wenn sie zuschlug. Wu§te, wie endgŸltig es klang und das schon von dieser Seite aus. Der Stra§e. In den Ohren derer, die stehenblieben und zusahen, nachsahen.
ãNein ÉÒ
ãJetzt hšr schon auf.Ò
ãNein, ich meine, ich gestehe, ich gebe es zu. Ich wei§ wie gut ich es hab, ich hab hingeguckt. Ich hab nach oben geguckt, ich mach das jeden Tag, hšrt ihr? Jeden Tag. Ich sitz an meinem Fester und starr nach oben. Warum auch nicht? Das ist das bescheuertste Gesetz, das ich je gehšrt habe. So sinnlos. Und wi§t ihr warum? Weil es den Mond gar nicht gibt. Der ist gar nicht da. Nur eine Erfindung. Alles was da oben ist, ist die Sonne. Und sie hŠngen jeden Abend einen Lichtfilter vor und wollen nicht, da§ wir das wissen, weil wir dann wŸ§ten, da§ sie gelogen haben. Und wenn sie nicht gelogen hŠtten und die Sonne nicht jeden Abend wieder verhŠngen wŸrden, kšnnte jeder sehen, da§ es nachts nicht dunkel sein mu§ und es keinen Grund gibt, die Stra§en zu bewachen und Sperrstunden zu unserer Sicherheit zu verhŠngen, weil es nŠmlich immer schšn und sonnig und hell sein kšnnte.Ò
ãNetter Trick, stimmt nur nicht, denn wie kšnnten sonst manchmal beide gleichzeitig am Himmel stehen?Ò
Stille.
Irgend jemand rŠusperte sich, aber sie konnte nicht sagen, wer von den beiden, weil sie nur ihre Stiefel sah. Zwei Paar. Ein Fu§ neben dem anderen. So schwarz, wie die Stra§e selbst. Zum in den Asphaltversinken.
Sie hŠtte schwšren kšnnen, wŠren da nicht die kleinen runden und kantigen Steine gewesen, die im Silberlicht schimmerten und sich nicht rŸhrten, wŠren sie auch wirklich versunken. Alle beide. Einfach untergegangen und sie ganz allein unter dem Mond zurŸckgeblieben.