Dreimal Haiti, viermal Deutschland

 

Abel stŸtzte sich auf die GepŠckablage der Zollkabine und beobachtete seine Pappenheimer. Die meisten Passagiere des Fluges 75-23 hatten die Zollabfertigung bereits hinter sich gebracht, aber unter den NachzŸglern gab es erfahrungsgemЧ noch den einen oder anderen SŸnder, der auf Ÿberlastete Beamte hoffte.

Sein Blick blieb an einer Dunkelhaarigen hŠngen, die einen Kinderbuggy vor sich herschob. Auf dem Sitz schlief ein etwa vierjŠhriger Junge. Seinen Zwilling hielt sie an der Hand, ein aufgewecktes Kind, das die EindrŸcke des Flughafens fšrmlich in sich aufsog. Zielstrebig steuerte die Frau auf den Durchgang fŸr freie Waren zu. Ihr Mann folgte ihr mit dem reichlich beladenen GepŠckwagen.

Abel betrachtete abwechselnd die beiden Jungen und verglich sie mit geschultem Blick. Er trommelte mit den Fingern auf die Verbundstoffplatte, sah kurz auf den Bildschirm seines Computerterminals und traf eine Entscheidung.

ãWarten Sie mal!Ò

Die Frau zšgerte, drehte sich dann aber zu ihm um. Auch ihr Mann sah besorgt herŸber. Abel kannte diesen Blick nur zu gut – jetzt wusste er, dass er mit seinem Verdacht richtig lag.

NatŸrlich hŠtte er auch den Computer benutzen kšnnen. Eine Anfrage in der BŸrgerdatenbank hŠtte sofort Klarheit gebracht, aber der Vorgang wŠre gespeichert worden. FŸr die Familie, die eben erst mit einem Shuttle auf dem Frankfurter Flughafen angekommen war, hŠtte das zusŠtzliche Schwierigkeiten bedeutet.

ãSind Sie sicher, dass Sie den grŸnen Durchgang nehmen wollen?Ò, fragte Abel streng.

Die HŠnde der Frau umklammerten den Schieber des Buggys so fest, dass die Knšchel wei§ hervortraten. Ihr Blick streifte das Schild: Nichts zu verzollen. Dann schŸttelte sie den Kopf.

ã†berlegen Sie es sich gut. Noch kšnnen Sie zu mir kommen.Ò Abel kannte solche Frauen. Die meisten waren vernŸnftig und gut vorbereitet, doch ab und zu gab es eine, die nicht bereit war, das Spiel um Recht und BŸrokratie mitzuspielen. Und sei es nur, weil das bedeuten wŸrde, ihre Traumwelt fŸr einen Moment zu verleugnen. Diesen Frauen eine Chance zu geben, war fŸr ihn eine Frage des Anstands.

ãDas geht Sie nichts anÒ, sagte die Dunkelhaarige. Ihr Mann stellte sich demonstrativ an ihre Seite, auch wenn sein Blick verriet, dass er das Unvermeidliche gern hinter sich bringen wŸrde. MŠnner standen solchen Dingen meist praktischer gegenŸber, passten sich aber an, wenn ihnen die Beziehung etwas bedeutete. War das nun bewunderns- oder bedauernswert?

ãKommen Sie schon herÒ, sagte Abel bestimmt. ãIch werde Sie so oder so kontrollieren.Ò Und freundlicher fŸgte er hinzu: ãNur keine Angst, ich habe selbst Kinder.Ò

Normalerweise legte er sich nicht so ins Zeug, aber es war bald Schichtende, und seine Tochter hatte Geburtstag. Er wollte nicht mit einem schlechten GefŸhl nach Hause gehen.

Die Frau fasste endlich einen Entschluss. Sie drehte den Buggy und kam auf Abels Schalter zu. Der Junge im Wagen šffnete die Augen und brabbelte. Unter seiner Hose zeichnete sich eine Windel ab. Und diese Augen. Abel fand, dass man sie an den Augen erkennen konnte, auch wenn er im Vorbereitungskurs etwas anderes gelernt hatte. Irgendwie sahen sie zu neu aus – selbst fŸr Kinderaugen –, als hŠtten sie noch nichts von der Welt gesehen. Der zweite Junge beugte sich Ÿber seinen Bruder.

ãIst gut, Christian. Bald sind wir zu Hause.Ò

Als die vier die Servicezone vor dem Schalter betraten, wurden sie vom Computer identifiziert und ihre Daten erschienen auf Abels Bildschirm: Karen Kšster und Carlo Ernst Kšster. Der Junge hie§ Richard.

Abel nickte ihnen zu. ãAlso, Herr und Frau Kšster, haben Sie mir etwas zu sagen?Ò

ãDas ist mein Sohn, ChristianÒ, sagte Frau Kšster. ãIch habe ihn auf Haiti É bekommen.Ò

Das reichte zwar noch nicht fŸr eine Aussage, aber der Anfang war gemacht.

ãSie wollen mir sagen, dass Sie ihren Sohn haben klonen lassen?Ò

Frau Kšster presste die Lippen zusammen. Ihr Mann sah entschlossen geradeaus.

ãSchauen SieÒ, sagte Abel geduldig. ãIch habe hier von diesem Terminal aus Zugriff auf die BŸrgerdatenbank É aber wenn ich jetzt nachsehe, ob sie zwei Sšhne haben ÉÒ

ãWir wollten eben noch ein Kind, das genau so ist wie RichardÒ, unterbrach ihn Frau Kšster. ãLeider mussten wir eine Firma auf Haiti dafŸr bezahlen, weil man es uns hier in Deutschland, trotz besserer Technik, nicht erlauben wollte.Ò Sie sah ihn herausfordernd an. ãVerstehen Sie das? Ich verstehe es nicht. Da sind ohnehin schon so wenige Paare bereit, mehr als ein Kind in die Welt zu setzen, und dann wird man dafŸr noch kriminalisiert.Ò

ãFrŸher konnten wir uns so etwas auch nicht vorstellenÒ, sagte Herr Kšster beschwichtigend, ãaber Richard ist einfach der ideale Sohn. Warum sollten wir da das Risiko eingehen, beim zweiten Kind enttŠuscht zu werden É?Ò

ãSie mŸssen es mir nicht erklŠrenÒ, sagte Abel. ãWichtig ist nur, dass Sie die Selbstanzeige gemacht haben, bevor ich es offiziell feststellen musste. Klonen ist immer noch strafbar, aber weil Sie vernŸnftig waren, geht es jetzt blo§ noch um ein Vergehen nach ¤ 423d É Ich wei§, dass das nicht leicht fŸr Sie ist.Ò

Sie tauschten einen verstŠndnisvollen Blick unter MŠnnern.

ãDanke fŸr Ihre Geduld.Ò

Abel lŠchelte verhalten. ãIch fŸrchte, ein paar Dinge mŸssen noch geklŠrt werden. Ich bin dazu verpflichtet, das zu fragen: Haben Sie die Rechnungen fŸr den Vorgang aufgehoben?Ò

Frau Kšster blickte am Schalter vorbei in die Freiheit des Terminals. Herr Kšster schŸttelte den Kopf.

Abel fuhr fort: ãVielleicht haben Sie medizinische Unterlagen bekommen, ein Gutachten oder eine Garantie?Ò

ãIch fŸrchte, wir haben nichts davon behaltenÒ, sagte Herr Kšster.

Abel nickte. Viele Kloneltern entledigten sich dieser Dokumente. NatŸrlich war das dumm und konnte sich im Fall von medizinischen Komplikationen als tšdlicher Fehler erweisen, trotzdem war ihm diese Haltung sympathisch. In einer Welt, die alle Risiken klassifiziert und bewertet hatte, blieb dem einfachen Menschen manchmal nur der Ausbruch in die Freiheit der Ignoranz.

ãDann brauche ich einige Angaben von Ihnen ... Sie bekommen von mir ein Formular, das Sie bitte ganz aufmerksam lesen und nach bestem Wissen ausfŸllen.Ò Er nahm einen Bogen eMemory-Papier aus einem der FŠcher hinter sich, aktivierte das passende Formular mit seinem Scannerstift und reichte es Herrn Kšster. ãIch fŸrchte, an dieser Stelle wird es noch unangenehmer. Der Gesetzgeber hat uns arme Zollbeamte dazu verdonnert, fŸr die Staatsanwaltschaften die Geldeintreiber zu spielen. Es gibt einen Katalog mit Bu§geldern, nach dem die Hšhe der Strafzahlung automatisch bestimmt wird ... Dass der Strafbefehl sofort vollstreckt wird und mindestens 200.000 Euro betrŠgt, wissen Sie?Ò

ãIch habe eine DeckungsbestŠtigung unserer Bank dabei.Ò Herr Kšster zog seine Aktentasche aus dem GepŠckstapel, šffnete sie und holte das Dokument hervor. Abel nahm es entgegen und prŸfte die Sicherheitsmerkmale.

ãDie Deckung reicht bis zum Dreifachen des Ÿblichen Betrags. Sie haben an alles gedacht.Ò

Herr Kšster lŠchelte. ãDurch meine Lebensversicherung sind wir zu etwas Geld gekommen.Ò

ãIhre Lebensversicherung?Ò

ãIch hatte vor drei Jahren einen Autounfall.Ò

Abel sah ihn erschrocken an. ãSie?Ò

Herr Kšster winkte ab. ãNun, natŸrlich nicht ich persšnlich. Ich finde es immer schwierig, von meinem VorgŠnger zu sprechen. FrŸhere Inkarnation klingt so nach Wiederauferstehung und Original É damit fŸhle ich mich nicht gut. Man wŸrdigt sich selbst herab, wenn man von sich als Kopie spricht. Jedenfalls hatte er einen schnellen Tod. Ein fehlerhaftes Update des Navigationssystems, dazu ein defekter Abstandsmesser und KLATSCH gegen einen Stra§enbauroboter. Meine Frau hat mich von einem Teil des Geldes gleich klonen lassen. Ich frage Sie, gibt es einen schšneren Liebesbeweis?Ò

Abel schluckte. Zumindest gab es weniger schaurige.

Frau Kšster sah Abel verlegen an. ãIch konnte ohne ihn nicht leben ... Au§erdem war es so ungerecht. Ich meine, damals war ich gerade erst 33, in dem Alter ist man doch noch keine Witwe. Und dann bekam ich Post aus Haiti É Makaber ist es schon: Diese Unternehmen registrieren alle Sterbeanzeigen auf EveryonesLife.com und suchen sich so ihre Kunden. Aber nachdem ich mich erst einmal schlau gemacht hatte, erkannte ich, dass das genau das Richtige fŸr unser Problem war.Ò

Herr Kšster nickte. ãWussten Sie, dass man dank GedŠchtnisstimulation und moderner Studienprogramme kaum noch ein Jahr braucht, um als Klon seinen Platz im Leben einzunehmen?Ò

ãEr war gro§artig!Ò, sagte Frau Kšster. ãDie stŠndige Medikamentengabe, die Maschinen, das Coaching und die sensorische Deprivation – er hat alles ertragen und vier Sprachen innerhalb von zwei Monaten gelernt. Nach elf Monaten war er wieder auf dem gleichen Stand wie mit vierundzwanzig.Ò

ãSo einfach ist es?Ò Abel lie§ den Scanstift zwischen den Fingern wippen. Kein Wunder, dass man immer wieder von Problemen in den šffentlichen Schulen hšrte.

ãNa jaÒ, sagte Herr Kšster, ãohne die UnterstŸtzung meines Arbeitgebers wŠre der †bergang nicht so leicht gewesen. Wissen Sie, ich bin fŸr die VIP-Kunden einer Hotelkette zustŠndig, da spielt persšnliche Ansprache eine wichtige Rolle. Das Unternehmen sieht es als einen Wettbewerbsvorteil, wenn sich die Kunden nicht an ein neues Gesicht gewšhnen mŸssen. Deshalb war man bereit, Ÿber Startschwierigkeiten hinwegzusehen.Ò

ãIch verstehe.Ò Abel steckte die DeckungsbestŠtigung in den Eingabeschlitz des Dokumententresors. Anschlie§end beantragte er beim Gerichtsserver den Strafbefehl Ÿber die Mindestsumme. Er sehnte sich nach dem Umkleideraum, einer kalten Dusche und irgendeinem Drink, der ihn dieses GesprŠch vergessen lie§. Gab es dafŸr nicht eine Pille? Na ja, hšchstens in der Asservatenkammer, aber die waren abgezŠhlt. Der Gerichtsserver schickte eine automatische Freigabe. ãAlso, um die Sache abzuschlie§en ÉÒ

Richard lšste sich von seiner Mutter, legte die HŠnde auf den Rand der GepŠckablage und stellte sich auf die Zehenspitzen. ãIch bin auch ein Klon!Ò Er sah Abel beifallheischend an.

Abel warf Frau Kšster einen schockierten Blick zu. Sie winkte lŠchelnd ab.

ãNein, nein. Er ist natŸrlich kein Klon. Er findet das alles nur so faszinierend É Gell, Richard, jetzt hast du einen Zwilling

Der Junge strahlte sie an. ãUnd wenn er kaputtgeht, holen wir einen Neuen.Ò

ãDas sagt man nichtÒ, behauptete Frau Kšster. ãWir haben Christian doch alle ganz lieb. Herr É Šh ÉÒ Sie warf einen Blick auf sein Namensschild. ãÉ Abel. Was fehlt denn noch? Doch nur noch das Formular?Ò

ãSobald Sie das ausgefŸllt haben, folgt die amtsŠrztliche Begutachtung.Ò Abel sah Richard aufmerksam in die Augen. Der Junge wirkte nicht wie ein Klon, aber das galt auch fŸr Herrn Kšster. Offenbar hatte der Kursleiter recht behalten und er sich getŠuscht. Nach einigen Jahren Training verschwand der stumpfe Ausdruck des Neuen. Er verbannte den Gedanken. Wenn er ihn weiterdachte, konnte er den Leuten nie mehr ohne Vorbehalte ins Gesicht sehen. ãDabei geht es, wie Sie sicher wissen, in der Hauptsache um die Feststellung von eventuellen SchŠden im Erbgut und natŸrlich die BestŠtigung der IdentitŠt. Es muss ja geklŠrt sein, dass Christian genetisch gesehen tatsŠchlich Ihr Sohn ist.Ò

ãSie schauen so gequŠltÒ, sagte Herr Kšster. ãKeine Sorge, bei uns ist alles in Ordnung, wir hatten nur gehofft, bald nach Hause zu dŸrfen. Haiti ist eben nicht Deutschland, und die ganze Aufregung ÉÒ

Abel nickte. ãDas verstehe ich gut. Meine Tochter hat heute Geburtstag. Ich kann es kaum erwarten, endlich Feierabend zu machen.Ò Er wŠhlte an seinem Terminal die Seite des AmtsŠrztlichen Dienstes und gab die Anforderung ein. ãBald sind wir erlšst.Ò

Herr und Frau Kšster vertieften sich in das Formular. Sie waren sichtlich unzufrieden darŸber, was Vater Staat alles von ihnen wissen wollte.

Es ist seltsam, dachte Abel. Noch vor fŸnfzehn Jahren wŠren sie fŸr lange Zeit ins GefŠngnis gewandert. Die šffentliche Meinung hŠtte sie verdammt und die Regierung eine GesetzesverschŠrfung in Aussicht gestellt. Er selbst hŠtte keine Sekunde gezšgert, sie der Polizei zu Ÿbergeben.

Heute waren sie fast schon ganz normale Leute. Es gab das Gleichstellungsgesetz fŸr Klone, au§erdem ein besonderes Erbrecht. Und in zehn Jahren, wenn Richard und Christian alt genug waren, um zu wŠhlen: Wie wŸrden dann die Mehrheiten ausfallen? WŸrde die EU zu dem Schluss kommen, dass es das Beste war, die ohnehin offenen Schleusen einzurei§en? WŸrde der US-PrŠsident eine neue Parole ausgeben: Ob gezeugt oder geklont, alle Menschen sind Gottes Kinder?

ãHier, Frage sechzehn ÉÒ Herr Kšster hielt ihm das Formular hin und las laut vor: ãBeabsichtigen Sie, in Zukunft noch einmal gegen ¤ 423 und so weiter StGB zu versto§en? Wer kreuzt denn da freiwillig ãjaÒ an?Ò

ãNiemandÒ, sagte Abel. ãJedenfalls hat es bei mir noch keiner gemacht.Ò

ãSag ich doch.Ò Frau Kšster nahm ihrem Mann das Formular aus der Hand und setzte das Kreuz. ãDas ist nur BŸrokratie. Vollkommen lebensfremd.Ò