Lunar 1
Eric Torn tastete sich langsam durch den schmalen Gang. Der Schein seiner Taschenlampe war die einzige Lichtquelle in der schwarzen Dunkelheit. Vorsichtig setzte er Schritt fŸr Schritt seine FŸ§e voreinander. Seine Ohren waren gespitzt um jedes noch so leise GerŠusch wahrzunehmen. Im Kegel seiner Lampe erschien die runde Silhouette einer Druckschleuse. Torn trat an die TŸr heran und drŸckte den Schalter, der sie zur Seite gleiten lassen sollte. Doch nichts geschah. Die TŸr verharrte starr an ihrer Position. Torn betŠtigte den Schalter ein weiteres Mal, jedoch wieder ohne den gewŸnschten Erfolg.
ãHŠtte ich mir ja auch denken kšnnen.Ò, stšhnte er in die dunkle Leere des Ganges. ãWenn der Strom nicht lŠuft, wird sich die TŸr auch nicht automatisch šffnen.Ò
Er lie§ von dem Schalter ab und leuchtete mit seiner Lampe die Wand links von der TŸr an. Im Lichtkegel war eine eingelassene Klappe zu erkennen. Schnell lšste der junge Mann die Verriegelung und šffnete diese. Dahinter kam eine kleine Einbuchtung zum Vorschein, die ein Rad beherbergte. Torn begann daran zu drehen und StŸck fŸr StŸck verschwand die schwere TŸr in der Wand. Als der Spalt gerade breit genug war, um hindurch zu schlŸpfen, lie§ er von dem …ffnungsmechanismus ab. Ein lautes GerŠusch ertšnte vom anderen Ende des Tunnels. Torn erschrak. Schnell lšschte er das Licht seiner Taschenlampe und drehte sich um. Weit vor ihm waren zwei rot leuchtende Augen erschienen, die sich mit einem lauten Scharren auf ihn zu bewegten. Mit schnellen Schritten zwŠngte er sich durch den Spalt in der DrucktŸr. Auf der anderen Seite angekommen, schaltete er wieder seine Taschenlampe an und suchte das GegenstŸck zum Rad, was er wenige Augenblicke zuvor betŠtigt hatte. Er lie§ den Lichtkegel panisch Ÿber die Wand neben der TŸr gleiten, wŠhrend in ihm die Angst stetig wuchs.
ãDa bist du ja!Ò, flŸsterte er, als er endlich die kleine Klappe gefunden hatte. Schnell war diese gešffnet und er begann am Rad zu drehen, das jedoch weit aus schwergŠngiger war, als sein GegenstŸck auf der anderen Seite.
ãNun beweg dich doch endlich!Ò, schimpfte Torn, konnte so aber den Mechanismus nicht Ÿberzeugen. Erst als er die Taschenlampe auf den Boden legte und seine zweite Hand zur Hilfe nahm, begann sich das Rad langsam zu drehen. Sofort, doch in weit aus abgeschwŠchter Form wurde die Bewegung an die DrucktŸr weitergegeben, die sich schwerfŠllig zuschob. Torn hšrte, wie das Schleifen aus dem Gang immer nŠher kam. Durch das unheimliche GerŠusch angespornt, versuchte er noch schneller an dem Rad zu drehen, stie§ dabei aber an seine kšrperlichen Grenzen. Erst als sich die TŸr mit einem hšrbaren Klicken verriegelte, lie§ er ab und sank erschšpft zu Boden. Von der anderen Seite war zu hšren, wie etwas heftig wie vergeblich auf die metallene TŸr einschlug. Torn wusste, dass er nicht in der Situation war, eine Pause zu machen. Er nahm seine Taschenlampe vom Boden auf und ging weiter. Er befand sich nun in einem ausladenden, von Dunkelheit angefŸllten Raum. Das Licht seiner Lampe vermochte es nicht, WŠnde oder Decke des weiten Saals zu erreichen. Vorsichtig schritt er weiter. Sein Blick war nach oben und auf ein kleines Fenster im Scheitelpunkt der kuppelfšrmigen Decke gerichtet. Dadurch konnte er in die unendliche SchwŠrze des Weltalls hinaus schauen und erkannte einen einzelnen schwach leuchtenden Stern. Diese natŸrliche Lichtquelle auch wenn sie noch so klein und noch so fern sein mochte, entfachte einen neuen Funken Hoffnung in ihm, dass er es schaffen wŸrde, die Station lebend zu verlassen. Er machte einen weiteren Schritt nach vorn. Sein rechter Fu§ berŸhrte etwas weiches, das auf dem Boden lag. Adrenalin wurde schlagartig in Torns Kšrper freigesetzt und er sprang, ein Laut des Entsetzens von sich gebend, zurŸck. Schnell richtete er den Schein seiner Taschenlampe auf den Boden. Der Lichtkegel fiel auf ein Paar Beine. Torn lie§ das Licht daran entlang wandern. Der zugehšrige Oberkšrper kam in sein Sichtfeld. Er war in die blaue Uniform eines Wachmanns gehŸllt.
ãJohn Miller.Ò, las Torn das Namenschild vor und wollte den Kopf dieses Mannes beleuchten, dem er schon so manches Mal in den GŠngen der Mondstation begegnet war. Er schrak zurŸck. Es gab kein Gesicht in das er schauen konnte. Dort wo sich eigentlich der Kopf des Mannes hŠtte befinden mŸssen, hatte sich eine Lache dunkelroten Blutes angesammelt.
ãOh mein Gott!Ò, stammelte Torn und machte eine schnelle Bewegung mit seiner Taschenlampe, so dass sich der Lichtkegel wieder vom Kopf entfernte und erneut den Oberkšrper anstrahlte. Er wollte einfach nur schnell weiter, weg von dieser grausam entstellten Leiche. Torn ging weiter, dabei machte er einen gro§en Bogen um den gekšpften Kšrper. Sein Weg fŸhrte ihn wieder aus dem kuppelfšrmigen Saal heraus und fŸhrte durch einen schmalen Gang in einen weiteren, deutlich kleineren Raum. Torn wusste, auch ohne das kŸnstliche Licht der Mondbasis, dass es sich dabei um den Kommunikationsraum handelte. Von ihm aus wurde die Funkverbindung zur Erde kontrolliert.
ãÉbitte kommen!Ò, ertšnte es leise aus einer Konsole, an der schwach ein grŸnes Licht leuchtete. Torns Kinnlade klappte herab. Mit schnellen Schritten war er an dem Kontrollstand angekommen. Er lie§ den Schein seiner Lampe Ÿber die unzŠhligen Schalter und Knšpfe gleiten, bis er ein Headset erblickte. Hektisch legte er die Taschenlampe bei Seite und setzte sich die Kopfhšrer auf.
ãLuna 1, bitte melden!Ò, ertšnte es aus den Ohrmuscheln. ãHier ist Mission Control.Ò
Torn lief ein kalter Schauer Ÿber den RŸcken. Es war seit Ÿber einem Tag die erste menschliche Stimme, die er vernahm. ãMission Control!Ò, platzte es aus ihm heraus. ãIch hšre sie. Hier ist Eric Torn. Ich befinde mich im Kommunikationsraum von Lunar 1.Ò
ãLunar 1, schšn von ihnen zu hšren.Ò, kam die Antwort. ãWas ist bei ihnen los? Seit Stunden versuchen wir sie zu erreichen. Unser letzter Stand ist, dass eine merkwŸrdige Krankheit bei ihnen ausgebrochen ist. Wie ist der aktuelle Status?Ò
Torn schluckte.
ãMission Control, ich fŸrchte, ich bin der letzte †berlebende von Lunar 1!Ò
Er machte eine kurze Pause und Ÿberlegte, was er sagen sollteÒ
ãEin Teil der Besatzung ist verrŸckt geworden. Sie haben leuchtend rote Augen bekommen und sind auf uns andere losgegangen. Fast alle sind tot.Ò
ãKšnnen sie das bitte wiederholen, Lunar 1!Ò, kam die entsetzte Aufforderung an Torn.
ãSie haben schon richtig verstanden.Ò, antwortete dieser. ãDie Krankheit verwandelt Menschen in Monster. Ich jedenfalls versuche gerade die Hauptrettungskapsel zu erreichen um zurŸck zur Erde zu kommen, denn ich mšchte nicht auch noch eine von diesen rotŠugigen Gestalten werden. Aber das ist schwieriger als ich gedacht hŠtte. Alle Systeme sind ausgefallen, bis auf die kŸnstliche Gravitation, die Sauerstoffversorgung und wie es scheint, dieses FunkgerŠt. Nicht einmal die Notbeleuchtung funktioniert.Ò
ãDer Hauptcomputer muss ausgefallen sein.Ò, kam aus dem Kopfhšrer. ãNur dann funktioniert nichts mehr, au§er diesen drei Notsystemen.Ò
ãIst auch egal!Ò, sprach Torn. ãIch werde mich jetzt wieder auf den Weg machen. Ich habe nŠmlich wahnsinnige Angst und mšchte hier einfach nur Weg.Ò
ãBitte bleiben sie noch auf stand by, Lunar 1Ò, forderte die Mission Control den jungen Mann auf. ãWir wollen hier kurz das weitere Vorgehen abstimmen.Ò
Plštzlich herrschte Stille. Nur das Rauschen von Interferenzen kam aus den Ohrmuscheln, wŠhrend Torn nervšs mit seiner Taschenlampe den Raum ableuchtete. Er rechnete damit, dass sich jede Sekunde eine Silhouette aus der Dunkelheit lšsen und ihn angreifen wŸrde.
ãBevor sie weitergehen, beantworten sie uns bitte noch eine Frage.Ò, durchbrach die vertraute Stimme die bedrŸckende Stille. Allerdings schwang bei diesen Worten deutliche Besorgnis mit. ãSind bei ihnen auch schon Symptome der Krankheit aufgetreten? Bitte beantworten sie diese Frage wahrheitsgemЧ!Ò
ãNein.Ò, antwortete Torn. ãMir geht es gut, ehrlich.Ò
ãVerstanden.Ò, kam die Antwort. ãMelden sie sich wieder, wenn sie die Kapsel gestartet haben. Wir alle wŸnschen ihnen viel GlŸck. In Gedanken sind wir bei ihnen, Eric. Mehr kšnnen wir zu diesem Zeitpunkt leider nicht fŸr sie tun. Mission Control, Ende.Ò
ãIch wei§!Ò, sprach Torn leise und hŠngte das Headset zurŸck.
ãTrotzdem vielen Dank. Lunar 1, Ende.Ò
Langsam ging er weiter und leuchtete dabei nervšs die Umgebung Ab. Bereits nach wenigen Schritten verlie§ er den kleinen Kommunikationsraum und betrat erneut einen schmalen, ršhrenfšrmigen Gang.
Nach einer gefŸhlten Ewigkeit, tauchte ein grŸnes Leuchtschild mit der Aufschrift ãExitÒ vor ihm auf. Er šffnete die darunter liegende TŸr und fand sich in der Hauptrettungskapsel wieder. Schnell setzte er sich auf einen der vielen Sitze, schnallte sich an und drŸckte auf den vor ihm aufgebauten, roten Knopf. Ein lautes Donnern ertšnte und Torn wurde in den Sitz gepresst. Die Kapsel hatte sich von der Station gelšst.
ãMission Control, bitte kommen.Ò, sprach er in das Mikrofon des FunkgerŠtes. ãHier ist Eric Torn. Ich habe die Rettungskapsel erreicht und befinde mich bereits auf dem Weg zu Erde.Ò
ãHier Mission Control.Ò, kam die Antwort. ãWir haben die Kapsel bereits auf unserem Radarschirm gesichtet. Wir werden sie mit dem automatischen Leitsystem zur Erde bringen. Alles weitere, wenn sie gelandet sind. Schšn, dass sie es geschafft haben, Eric. Mission Control, Ende.Ò
Torn lehnte sich zurŸck. Er hatte es geschafft, vor den Monstern, die einst seine Kollegen waren, zu entkommen und die Mondbasis zu verlassen.
Er blickte aus dem Fenster der Rettungskapsel und genoss den wunderbaren Anblick der Erde, der er sich langsam, aber StŸck fŸr StŸck konstant nŠherte. Doch was er schon gar nicht mehr registrierte, war, dass sich seine leuchtend roten Augen in dem dicken Sicherheitsglas spiegelten.