Protokolle

 

Erlebnisprotokoll der Aden

 

Seit dem Absturz der Aden ist [...] vergangen. Mein Chronometer war vorŸbergehend au§er Betrieb. Ich habe mich bemŸht, ein Zeitsignal aufzufangen, doch es gelang mir nicht. Mich erreichten - und erreichen - Ÿberhaupt keine Funksignale.

 

Die Besatzungsmitglieder habe ich in dem hier verbreiteten staubtrockenen Boden begraben. Ich wei§ nicht, ob ich alles richtig gemacht habe, ob die Bestattung den Regeln der PietŠt entsprach, aber was hŠtte ich tun sollen?

 

Die Aden ist vollkommen zerstšrt. Die Energiekristalle sind bis auf den letzten Rest zerbršselt, die Instrumente, sofern ich sie reparieren kšnnte, funktionieren nicht ohne sie, und aus den Fetzen der Au§enhŸlle kšnnte man nur noch einen Unterstand bauen.

 

Ich bin allein.

 

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Wir waren auf dem Flug zum Sirwen-Mond. Wir hatten Lebensmittel geladen, eine kostbare Ladung. Auf Sirwen ist man auf den Import angewiesen und zahlt entsprechend gut. Die hohen Preise erklŠren sich zusŠtzlich durch den Umstand, dass Piraten mehr als die HŠlfte der Transporte abfangen.

Auf der Aden war man sich der Gefahr bewusst, wir waren schon zweimal Ÿberfallen worden. Doch wir mussten fliegen, denn in den Waren steckte das letzte Kapital der Mannschaft.

 

Vor dem Start wurde allerdings noch darŸber diskutiert. Marak, unser Antriebsingenieur, fŸhrte an: "Wir hŠtten eine Reserve lassen sollen. Wenn der Energieumwandler den Geist aufgibt, sind wir am Arsch!" Alle schwiegen betreten; fŸr die Mannschaft war diese Erkenntnis nicht neu. "Wird schon gutgehen", sagte dann KapitŠn Willars mit seiner ruhigen, sonoren Stimme, die erfahrungsgemЧ jeden Ÿberzeugte, selbst wenn sie nicht den Hauch eines Arguments in sich trug.

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"Wird schon gutgehen."

Wenn ich dem KapitŠn einen Grabstein zur Seite gestellt hŠtte, hŠtte ich diesen Satz draufgeschrieben. Der Platz, an dem ich KapitŠn Willars verscharrt habe, ist mit dem SteuerknŸppel markiert - der aber fŸr ein ungeŸbtes Auge kaum noch als SteuerknŸppel zu erkennen ist.

 

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Huntlar riss am SteuerknŸppel, immer und immer wieder. Der Kurs Šnderte sich nicht um eine Sekunde. Der Winkel war zu steil, die Hitzeschilde machtlos. "Die AnzŸge! Oh, mein Gott, zieht euch die AnzŸge an!" Huntlar riss am SteuerknŸppel, hŠtte er ihn losgelassen, wŠre die Aden im nŠchsten Moment explodiert. Noch klammerte sich die Mannschaft an eine winzige Hoffnung.

Als Willars aus dem Maschinenraum kam, hatte die Hitze Huntlars halbes Gesicht zerfressen, seine HŠnde waren unwiederbringlich mit dem SteuerknŸppel verschmolzen. Er starb erst, als er den KapitŠn herbeieilen sah, seine Augen weitaufgerissen unter der Schutzbrille.

Vermutlich war Huntlar lŠngst erblindet, das Zucken in den Augen ein Reflex, ein letztes AufbŠumen vor dem Tod.

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Ich hŠtte auch Huntlars Grab markiert, aber es gibt keins. Ich habe alle menschlichen †berreste, die ich finden, aber nicht zuordnen konnte, zusammen in ein Loch getan. Es war fast die gesamte Mannschaft. Au§er dem KapitŠn konnte ich nur Mirela eine eigene Grabstelle zuweisen. Ihre blassblauen Synthetikhaare machten Fetzen ihrer SchŠdeldecke identifizierbar.

 

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"Hallo Tony! Was macht die Arbeit?"

"Mirela. Der energetische Synthesizer am Nahrungsspender ist ..."

"Das war doch nur eine rhetorische Frage, Tony. Du wirst dich nie von deinen Protokollen lšsen, was?"

"Entschuldigung. Ich folge nur meiner Programmierung."

Mirela lachte laut. Es war ein wunderbares Lachen.

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Mirela war die einzige, die neben der Arbeit mit mir geredet hat. Sonst hšrte ich nur die AuftrŠge; ich habe sie ausgefŸhrt und mir weitere geholt, meistens von Willars oder Marak. Tony tu dies, Tony mach das.

 

Ich habe nie verstanden, warum man mich Tony nennt. Meine korrekte Bezeichnung ist GZR6-34A. Man hŠtte mich Gezett nennen kšnnen oder Gazor, oder einfach Rob, wie die meisten meiner Kollegen. Nicht Tony.

 

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"Schei§e, ein weiterer Treffer! Tony, du musst den Riss in der Au§enhŸlle von Frachtraum Zwei flicken."

"Willars. Ich bin noch mit den Computerleitprotokollen beschŠftigt."

"Das kannst du auch virtuell machen. Klink dich ein und beweg deinen Metallarsch in den Frachtraum!"

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Nun gibt es keine AuftrŠge mehr. Auf unbestimmte Zeit nicht.

Was soll ich tun?

 

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"Tony, warum stehst du hier rum?"
"Huntlar. Alle AuftrŠge sind erledigt und man hat mir keine neuen zugewiesen."

"DŠmliche BlechbŸchse. Muss man dir denn alles sagen? Geh und wisch den Boden!"

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Hier gibt es kein Wasser. Der Boden besteht aus Sand und Staub. So weit ich sehen kann. Ich kann weit sehen. Ich kann mich drehen und wenden, entdecke nirgends auch nur einen Strauch. Von Lebewesen oder Menschen ganz zu schweigen.

Ob es auf dem gesamten Planeten so aussieht? Ist es Ÿberhaupt ein Planet oder nur ein Mond? Ich war mit dem Ausbessern der HŸlle beschŠftigt, konnte den Kurs in der letzten Stunde nicht verfolgen. Und das, obwohl ich mich in die Computerprotokolle eingeklinkt hatte. Meine Arbeit war zu aufwendig, als dass sie mir Ablenkung erlaubt hŠtte. Nur in der finalen Phase unseres Fluges befand ich mich fŸr wenige Minuten virtuell auf der BrŸcke.

 

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Willars schubste Huntlar vom Stuhl, doch dessen HŠnde waren mit dem SteuerknŸppel verklebt. Der KapitŠn musste dreimal zutreten, um sie zu lšsen. Nur einige Fleischfetzen und ein, zwei Knochen hingen schlie§lich noch daran, aber das war in dieser Situation unwichtig.

Ich konnte Willars unter seinem hitzeresistenten Raumanzug schwitzen sehen. Er probierte alles, riss am SteuerknŸppel, versuchte computergestŸtzte Kurskorrekturen, er warf sogar die Ladung ab. Vielleicht hŠtte das die Rettung gebracht, doch dann schlug eine weitere Granate ein. Die Piraten hatten schon lange keine Chance mehr, an die Fracht der Aden zu gelangen, aber sie lie§en uns nicht entkommen. Der letzte Treffer bestimmte unser Schicksal. Er sprengte das hintere Antriebsaggregat. Zu diesem Zeitpunkt mŸssen alle, bis auf Willars, gestorben sein. Und bis auf Mirela und Trenk, denn diese lagen schon lŠngere Zeit tot in den GŠngen.

Willars brachte die Aden durch die AtmosphŠre. Er lebte noch lange genug, um das Beige auf sich zukommen zu sehen, obwohl, von dort oben sah es eher grau aus.

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Schon merkwŸrdig, dieses Farbenspiel. Der Sand ist beige, aber wenn man ihn aufwirbelt, entsteht eine graue Wolke. Genau wie die, die da von Nordwest auf mich zukommt. Ein Sandsturm. WŠre ich ein Mensch, wŸrde ich mir jetzt ein Versteck suchen, irgendwo in den TrŸmmern.

Aber ich bin kein Mensch. Ich kann den tosenden Sturm auf mich zurasen sehen, fŸhlen, wie die ersten Windstš§e mich streifen, beobachten, wie der grobe Sand und der feinere Staub ihre bemerkenswerten TŠnze vollziehen, und genie§en, wie ich der Mittelpunkt dieses Naturspektakels werde. Nach genau fŸnf Minuten und einundvierzig Sekunden ist es vorŸber. Der Sturm zieht nach Nordost ab. Interessant.

 

Die letzten TrŸmmerteile der Aden sind unter DŸnen verschwunden. Ich selbst bin zur HŠlfte begraben. Es ist Zeit, mich aus dieser misslichen Lage zu befreien und mich auf den Weg zu machen. Doch wohin soll ich gehen?

 

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"GZR6-34A, was tust du, wenn du von deiner Einheit getrennt wirst?"
"Ausbilder. Ich begebe mich zum nŠchsten Handelsposten und melde mich dort beim Organisator. Er wird sich um das Weitere kŸmmern und meine Einheit benachrichtigen."

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Nicht alle Anweisungen sind hilfreich. Da ich keine Funksignale empfange, kann ich nicht erwarten, auf diesem Himmelskšrper einen Handelsposten zu finden. Ohnehin, was sollte ich da? Meine Einheit war die Mannschaft der Aden.

 

Es gibt kein Protokoll, keine Anweisungen fŸr den Fall, dass die ganze Einheit ausgelšscht wurde. Also, was tue ich? Wohin gehe ich, an wen wende ich mich?

 

***

"Sag mal, Tony, gibt es bei euch eigentlich so etwas wie Verwandte?"

"Nein, Mirela. Spezifische Roboter sind in Baureihen eingeteilt."

"Oh. Dann vielleicht einen Vater, euren Konstrukteur zum Beispiel?"

"Die Baureihe, der ich angehšre, ist eine computerbasierte Herstellungsreihe. An unserer Konstruktion haben hunderte von Menschen und Computern mitgewirkt, Ÿber Jahre und Jahrzehnte."

"Und wie sieht es mit Freunden aus?"

"Die Mannschaftsmitglieder der Aden sind meine Freunde."

"NatŸrlich. Aber ich meine, hast du Freunde unter Robotern?"

"Wozu sollte das nŸtzen?"

"Naja. Ich wei§ auch nicht."

***

 

Ich kšnnte einfach hierbleiben, beim Wrack der Aden, bei meinen Freunden.

Aber kšnnen Tote noch Freunde sein?

 

Bliebe ich, wŸrde ich auf unbestimmte Zeit nur Sand sehen.

Ich sollte gehen. Doch wohin?

Nach Norden, den StŸrmen folgen?

Oder erfahren, ob etwas im SŸden existiert?

 

Ja, das mache ich. Und wenn ich im SŸden nichts finde, gehe ich in den Norden. Dabei kann ich gleich den Planeten, wenn es denn einer ist, kartographieren, und eventuelle Begegnungen protokollieren.

Energie habe ich mehr als genug, solange die Sonne brennt.

 

Ich schlie§e hiermit das Erlebnisprotokoll der Aden und starte Erlebnisprotokoll GZR6-34A.