Der vierzigste Geburtstag

oder:

Wie ich lernte, ein Huhn zu lieben.

 

Mein Name ist William Gallo und ich lebe in einem falschen

Körper!

So würde ich mich vorstellen, wenn es eine Selbsthilfegruppe

für Menschen wie mich gäbe.

 

Es war der Vorabend meines vierzigsten Geburtstags, ein

Freitagabend, um genau zu sein, als mir bewusst wurde, dass

es höchste Zeit wurde, mein Leben zu ändern!

Zum wiederholten male ließ ich den linkischen Typ aus einem

Uraltfilm durch mein Wohnzimmer laufen. Die frühe 3D Technik

rumpelte manchmal etwas, was ihn noch unbeholfener

erscheinen ließ. Meine lieben Kollegen hatten mir den Film

zu meinem letzten Geburtstag geschenkt - sozusagen als

Mahnung. Die Hauptfigur war vierzig, männlich und noch

Jungfrau - so lautete auch der Titel dieses Machwerks.

Obwohl ich nun wirklich kein Faible für diese alten Komödien

habe, musste ich sie mir heute wieder ansehen. Tatsächlich

ähnelte mir dieser trottelige Typ nicht nur äußerlich viel zu

sehr. Mir steigt jetzt noch die Schamröte ins Gesicht, wenn

ich daran denke, dass mit diesem Geschenk auch ein

Blind-Date verbunden war; von meinen Kollegen arrangiert!

 

Meine unbekannte Verabredung und ich trafen uns auf der

schwebenden Aussichtsplattform über den Niagarafällen,

einer Art Cafe´ mit Glasboden und plüschiger Einrichtung.

Sie hieß Nelly und hatte offensichtlich eine Vorliebe für

alte Marylin-Monroe-Filme. Jedenfalls versuchte sie alles,

um ihrem Idol ähnlich zu sein. Da sie eher klein und mollig

war, erzielte ihre glitzernde Aufmachung nicht ganz die

gewünschte Wirkung, aber sie war wirklich sehr nett.

Ich fing schon an, mich in ihrer Gegenwart zu entspannen,

da spürte ich ihren Fuß an meinem Bein. Zwischen uns war

nur ein kleiner runder Tisch mit einer fast bodenlangen

Decke. Sie hatte die unbequemen Pumps ausgezogen und ließ

ihre kleinen Füße eifrig wandern. Schlagartig wurde mir klar,

worauf dieser Abend hinauslaufen würde.

 

Ich weiß kaum noch, wie ich aus dieser peinlichen Situation herausgekommen bin, jedenfalls war unser Date dann sehr

schnell beendet. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag

Frauen, aber es fühlte sich einfach... nicht richtig an!

 


 

 

Nicht was Sie jetzt wieder denken, Männer interessieren

mich überhaupt nicht.

Mama sagte immer, "Du wirst schon die Richtige finden!"

 

Meine Mama! Während ich dem Film-Tollpatsch dabei zusah,

wie er endlich sein Glück fand, stieg ein warmes Gefühl von

Liebe und Dankbarkeit in mir auf. Morgen würde ich sie be-

suchen. Der Strato-Jet bringt mich in einer Stunde nach

Europa. Mama wohnt im Distrikt Deutschland, in einer kleinen

Stadt im Westen. Dort bin ich auch aufgewachsen. Sie ist

schon achtzig, aber noch immer so gesund und stark,

wie sie es in meinen Kindertagen war. Meinen Vater habe ich

nie kennengelernt. Ich habe irgendwann aufgehört nach ihm

zu fragen.

 

"Der vierzigste ist ein ganz besonderer Geburtstag!",

erklärte sie mir gestern noch. "Und ich habe eine Über-

raschung für dich!" Ihre kleine 3D Darstellung schien fast

auf meinem Schreibtisch zu tanzen, als sie das sagte.

Sie strahlte richtig und ihr langes silbergraues Haar flog

um ihren Kopf.

 

Ich vermisse sie oft, aber sie will nicht, dass ich zurück-

komme. Sie besteht darauf, dass ich mein eigenes Leben

lebe. Mein Traum war es immer, eines Tages den Mars zu

besuchen. Inzwischen ist das Terraforming so weit fortge-

schritten, dass Menschen in leichten Schutzanzügen auf dem

roten Planeten - der zunehmend grün wird -, spazieren gehen

können. Meine Aufgabe wird es sein, essbare Kulturen anzu-

bauen. Ich bin Agraringenieur. Bisher habe ich nur im Labor

geforscht, aber in sechs Monaten werde ich meinen ersten

Einsatz im Weltraum antreten.

Der Mars! Endlich!

 

Mit diesem Gedanken schlief ich ein.

Im Traum ging ich durch die Marswüste und seltsame Wesen

kamen auf mich zu. Dabei hüpften sie auf ihren dünnen,

knochigen Beinen und schlugen dazu mit kleinen, metallisch schimmernden Flügeln. Sie sahen aus wie menschengroße,

hellblaue Vögel, und sie erinnerten mich an...

'Hühner auf dem Mars?', dachte ich verwirrt.


 

 

Ihr Anblick war mir seltsam vertraut, und ich winkte und rief,

doch sie reagierten nicht darauf.

 

Ein unangenehmer Summton störte mich. Ich wollte nicht

aufwachen, das hier war wichtiger, ich mußte endlich

erfahren, wer sie sind...oder waren. Mit diesem Gedanken

öffnete ich die Augen und lag in meiner Schlafkoje.

Die Hauselektronik war unerbittlich ihrer Programmierung

gefolgt und hatte mich pünktlich um sieben Uhr geweckt.

"Guten Morgen, William. Herzlichen Glückwunsch zum

Geburtstag! Es wird ein besonders schöner Tag heute, die

Wetterkontrolle verspricht für den Nachmittag ungestörten

Sonnenschein und nur ein paar Schleierwolken..." Eigentlich

mochte ich ihre helle, freundliche Stimme, doch heute Morgen

könnte ich ihr den unsichtbaren Hals umdrehen. Ich war so

nah dran! Wie oft hatte ich schon diesen Traum, doch so real

war er mir noch nie erschienen!

 

Brummelnd verschwand ich in der Hygienezelle. Ich stand

genau vor der Spiegelwand, als sich der Raum erhellte.

Mit einem Aufschrei fuhr ich zurück: Ein unförmiges,

hässliches Monster glotzte mich daraus an!

Statt eines wohlproportionierten Körpers mit einem seidigen,

hellblauen Federkleid sah ich viel nacktes, rosafarbenes

Fleisch in einem schlabbrigen, lindgrünen Stofffetzen. Der

edle, birnenförmige Kopf mit der purpurnen Federkrone -

Zeichen meiner königlichen Abstammung - hatte sich in einen

runden Schädel verwandelt, der zur Hälfte von brauner Wolle

bedeckt war. Den schlimmsten Anblick bot jedoch das nackte,

seltsam flache Gesicht. Wo war der kühn geschwungene

Schnabel über den messerscharfen Hornlippen, die Jamba-

Nüsse knacken konnten? Diese winzigen Augen, die kaum

erkennen konnten was vor Ihnen lag - wie sollten sie die

großen, dunkelblauen Halbkugeln ersetzen, die mir eine un-

vergleichliche Rundumsicht boten?

Und diese Hände...Wurmartige Fortsätze, krallenlos und

schwach...Ich bewegte mich und das Monster äffte mich nach.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz.

 

"Das war ich! Dieses Monster im Spiegel war tatsächlich

ich!" Erwartungsvoll blickte ich meine Mutter an.


 

 

Ich hatte ihr die ganze Geschichte erzählt, kaum dass sie

den Geburtstagskaffee aufgetragen hatte. Berta nickte

langsam. Sie hatte ihren Kaffee nicht angerührt. Dann

seufzte sie und lächelte dabei. Doch das konnte nicht

darüber hinwegtäuschen, dass meine Erzählung sie mitgenommen

hatte. Zum ersten mal dachte ich daran, wie alt sie ist und dass

sie irgendwann sterben wird. "Es wird Zeit, mein Sohn, dass du

erkennst, wer wirklich in dir steckt..." In diesem Augenblick

klingelte es. Mama seufzte wieder.

"Sie kommt früh, aber das macht nichts. Es ist soweit!",

murmelte sie vor sich hin, während sie zur Tür ging, und ich

verstand gar nichts mehr.

 

Und dann kam die versprochene Überraschung:

Mama betrat das Wohnzimmer in Begleitung einer Frau, die in

meinem Alter war. Im gleichen Moment versank alles um mich

herum. Ob ein anderer Mann sie attraktiv gefunden hätte,

weiß ich nicht, für mich war sie vollkommen. Diese weichen,

vollen Rundungen ihres Körpers entzückten mich ebenso wie

ihr schmales, edles Gesicht mit der scharfen Hakennase über

dem winzigen Mund. Ihr Haar glich einem feinen, rötlichen

Federbusch und die großen, vorquellenden Augen waren von

einem unvergleichlichen Veilchenblau. Ich war bei ihrem

Eintritt aufgestanden - und so verharrten wir minutenlang,

zwei, drei Schritte voneinander entfernt, unfähig die Blicke

voneinander zu lösen.

 

Mutter räusperte sich vernehmlich und brach den Bann.

"Das ist Hanna Gallina. Bitte setzt euch, Kinder. Ich

schulde euch eine Erklärung!"

Den Rest des Nachmittages brachte sie damit zu, uns eine

abenteuerliche Geschichte zu erzählen. Sie handelte von den

Vogelwesen, sie nannten sich Gallinare, die uns so oft in

unseren Träumen erschienen waren. In einer Vergangenheit,

die soweit zurücklag, dass sich auf der Erde gerade erst das

Leben zu entwickeln begann, beherrschten sie bereits die

interstellare Raumfahrt. Sie waren Forscher und Reisende,

ein friedliebendes Volk, das sich allerdings die alte Hack-

ordnung bewahrt hatte. Es gab noch immer einen König,

der der erste Hahn im Reich war. Ein unseliger Bruderzwist

sorgte dafür, dass ein Teil des Hofes fliehen musste.


 

 

Es verschlug diese Gallinaren ausgerechnet in unser Sonnen-

system. Damals trug der Mars noch eine Atmosphäre und

bot Ihnen ähnliche Lebensbedingungen wie zu hause.

Doch dann kamen die Sonnenwinde...

Das Magnetfeld des Mars erlosch und damit der natürliche

Schutz. Die Atmosphäre begann sich zu verflüchtigen und die

letzten Überlebenden suchten unter der Oberfläche Zuflucht.

 

Aus der Not wurde ein Plan geboren, um wenigstens ein

geistiges Überleben zu ermöglichen. Die Gallinaren schlossen

sich zu einem Gedankenverbund zusammen und bündelten

alle ihre Kräfte. Sie erschufen Phantomkinder, die in ferner

Zukunft auf der jungen Erde als Wesen der intelligentesten

Spezies wiedergeboren werden würden - mit Erinnerungen an

eine ferne Heimat und einer unstillbaren Sehnsucht, den Mars

zu erobern und damit ihr Erbe anzutreten...

Natürlich hörten wir Berta zu, doch wir ließen keinen Blick

voneinander. "Fühlst du es auch?", fragte ich sie bebend.

Hanna lächelte und zwinkerte dabei mit ihren großen Augen.

"Wir sind von der gleichen Art!", antwortete sie mir mit ihrer

lieblich hohen, krächzenden Stimme. So ganz nebenbei erfuhr

ich auch, was an meinem vierzigsten Geburtstag so besonders

war: die Gallinaren waren viel langlebiger als Menschen und

erreichten ihre Geschlechtsreife erst nach ... Sie haben es

erraten: vierzig Erdenjahren!

 

Später machten wir einen Spaziergang durch die Stadt.

Wie ähnlich wir uns waren! Auch sie hatte nie einen Partner

gefunden, zu dem sie sich hingezogen gefühlt hätte!

Und immer wieder diese seltsamen Träume...

Wir hatten unsere wahren Eltern gesehen, der Mars war ihre

Zuflucht, vielleicht würden wir dort etwas über unseren

Heimatplaneten erfahren!

Es ergab sich wie von selbst, dass wir zuletzt in ihre

kleine Wohnung gingen. Plötzlich war alles ganz einfach.

Wir waren für einander bestimmt, dass spürten wir beide.

 

In dieser Nacht wurden wir Prinz und Prinzessin aus dem

Königsgeschlecht der Gallinaren. Wir feierten unsere Vermählung!

Im Morgengrauen trat ich auf ihren kleinen Balkon, mit

nichts bekleidet als der vollen Würde meines Geschlechtes.


 

 

Ich warf mich in die Brust und legte den Kopf weit in den

Nacken. Dann begrüßte ich den neuen Tag, wie es Generation-

en von Hähnen seit Urzeiten zu tun pflegen - auf meinem

fernen Heimatplaneten und auf der Erde...

 

Vielleicht sind sie ja die legitimen Nachfahren meines Volkes,

wer weiß?

 

Dann ist es jetzt an uns, sie zu neuer Größe zu führen!

 

 

Kikeriki!