Die Melodie der Heilung
Der Alarm plŠrrte. Das GerŠusch wurde von den metallenen WŠnden des Raumfrachters Alexander Sieben in ein vielfaches Echo verzerrt. Joe Conner verdrehte die Augen und schlug ein letztes Mal auf den Sandsack ein. Dann zerrte er die Boxhandschuhe von den schwieligen HŠnden.
ãGenug trainiert, HektorÒ, seufzte er und klopfte dem gewaltigen irischen Wolfshund auf den SchŠdel. Hektor bellte zufrieden und lief seinem Herrchen hinterher. An einem Display in der Wand rief Joe den Status des Schiffes ab. Kurz spiegelte sich sein kahlrasierter Kopf auf dem schwarzen Plexiglas. Sein markantes Kinn und die unter der Haut gut sichtbaren Wangenknochen gaben ihm etwas Hartes. Seine letzte Freundin hatte es eine Zeit lang als erotisch empfunden, ihn mit den Steinstatuen ršmischer Gštter zu vergleichen.
ãVerdammt!Ò, fluchte er, ãdas KŸhlaggregat spielt verrŸckt. Alles muss man selber machen, dabei hab ich dem Mechaniker doch gesagt, er soll das ŸberprŸfen!Ò
Joe verlie§ den Frachtraum und stŸrzte zum Reaktor. Er musste nicht weit laufen, denn der Maschinenraum war kaum zehn Meter entfernt. Unterwegs knšpfte er seinen grauen Overall zu und gŸrtete seine Werkzeugtasche. Er war allein auf dem Schiff, niemand wŸrde den Job des Maschinisten Ÿbernehmen. Joe war zwar nur Pilot, aber die Probleme, die auf der fast fŸnfzehn Jahre alten Alexander auftraten, konnte er durchaus reparieren.
Hektor knurrte unzufrieden, als sie den Maschinenraum betraten. Dampf und Rauch waberten Ÿber den Boden. Der Reaktor war ein langer, metallener Kasten, der in die Wand lief. An der Seite konnte man Ÿber eine Treppe an die Oberseite kommen, wo eine Luke eingelassen war. Aber Joe wŸrde sich hŸten bei voller Fahrt den Reaktor zu šffnen. An der Seite befand sich ein veraltetes Schaltpult.
ãSchei§e!Ò, brŸllte er und Hektor schaute ihn mit gro§en Hundeaugen an.
ãDie Zufuhr zum KŸhlmittel ist geplatzt, der verdammte Reaktor Ÿberhitzt!Ò
Joe wedelte den Rauch vom Boden fort. Obwohl er wusste, dass es lŠngst zu spŠt war, versuchte er die Luke zu den Rohren zu finden. Er musste den Reaktor abtrennen. Sonst wŸrde ihm die Alexander um die Ohren fliegen. Er knirschte lautstark mit den ZŠhnen und betŠtigte den Hebel. Ein Bildschirm flammte auf. In roten Lettern stand dort ãSie sind im Begriff den Reaktor abzuwerfen. Sollten Sie den Vorgang fortsetzen, verfŠllt die Garantie auf das GerŠt.Ò Joe schnaubte zornig und riss den Hebel herab. Wenn er draufging, war ihm seine Raumschiff-Vollkasko auch egal. Eine rote Lampe begann am Reaktor zu blinken.
ãLos raus hier, Hektor, raus aus dem Maschinenraum, zur BrŸcke.Ò
Der 37-jŠhrige Pilot stŸrmte durch das sich schlie§ende Schott. Erleichtert bemerkte er, dass Hektor es ihm gleichgetan hatte. Der gewaltige Hund war dem Mann so sehr ans Herz gewachsen. Nicht nur, dass das Tier ihm Spie§gesellen aller Art fernhielt, die man immer wieder in verwahrlosten RaumhŠfen antraf, nein, Hektor war ein fester Freund geworden. Der Hund war sein einziger GefŠhrte auf seinen Handelsreisen im Weltraum. Einsamkeit war hier der grš§te Feind und Joe litt darunter allein zu reisen, auch wenn er es nie zugeben wŸrde. Aber so war das Leben als Frachterpilot nun mal.
Die ãBrŸckeÒ war nicht mehr als eine kleine Kanzel mit Steuereinheit, diversen Bildschirmen und zwei Pilotensitzen. FrŸher hatte Joe einmal eine Partnerin, die mit ihm gereist war, in der Zwischenzeit hatte er nur noch Hektor. Aber das reichte. Der Hund mŠkelte nie an ihm herum.
Ein gewaltiger Ruck ging durch das Schiff, dann erloschen alle Anzeigen auf den Bildschirmen und der Alarm erstarb. Es dauerte einige Sekunden, dann schaltete das Schiff auf die Notaggregate um.
ãDreck, nun darf ich bis zum Ziel in Kryostasetanks schlafen.Ò
Ohne den Reaktor wŸrde die Reise, die eigentlich nur zwei Tage dauern sollte, mehrere Monate in Anspruch nehmen. Joe hasste die kalten Tanks, die ihn und Hektor bis zur Ankunft einfrieren wŸrden. Man konnte ja nie wissen, was wŠhrend seines kŸnstlichen Schlafes auf dem Schiff passierte.
Plštzlich riss eine Explosion das Schiff herum, der Alarm heulte wieder auf.
ãNein! Der blšde Reaktor ist detoniertÒ, Joe fluchte und Hektor begann zu jaulen. Der Hund bemerkte die Angst seines Herrchens sofort. Das Schiff geriet ins Trudeln und sank. Joe trat gegen eine Konsole und das altmodische Radar ging an. Ein Planet! Er war in die Gravitation eines Planeten geraten. Als er wieder aus dem Fenster der Kanzel blickte, sah er den Himmelskšrper. Immer schneller raste die gelbliche FlŠche auf ihn zu. Die Alexander begann sich zu drehen und Ÿberschlug sich. Er konnte sehen, wie das Metall Feuer fing. Dann spŸrte er die Gravitation. Sie stŸrzten ab. Das war das Ende. Sie wŸrden verrecken. Weit drau§en im All. Auf einen dreckigen gelben Planeten. Keiner wŸrde wissen wo sie waren. Keiner wŸrde es interessieren. Wer kannte schon Joe Conner?
ãJoe Conner?Ò, die Stimme war wie ein Lied. Sanft, tragend und erinnerte Joe an ein Streichorchester. Er hšrte ein Kichern.
ãWie schmeichelhaft. Magst du Streichorchester?Ò
Hatte er laut gedacht? Er versuchte die Augen zu šffnen, doch er konnte es nicht. Mit Panik bemerkte er, dass er seine Arme und Beine nicht spŸrte. War er etwa gelŠhmt? Wo zur Hšlle war er?
ãBeruhige dich Joe Conner. Du bist bei uns. Alles ist gutÒ, und tatsŠchlich schwappte Ÿber Joe eine Welle von Zufriedenheit. Nun da er ruhiger geworden war, bemerkte er das Wispern. Es hšrte sich an wie das Summen in einem Bienenstock. Ein nie enden wollendes HintergrundgerŠusch. Er musste sich konzentrieren, aber er konnte einzelne Stimmen vernehmen.
Er war verunsichert. Er spŸrte nichts und doch alles. Ihm war als wŠre er kšrperlos und doch vermochte er WŠrme wahrnehmen, oder war es das wohlige GefŸhl von Geborgenheit? Wie sollte er etwas sagen, wenn er den Mund nicht bewegen konnte? Wo war er nur?
ãDu bist immer noch schwer verletzt, Joe Conner. Du musst genesen. Wir werden dir dabei helfen.Ò
Wer ist wir? Was war das fŸr eine Stimme?
ãWir sind Dhaan. Wir sind eine Einheit, es gibt kein Individuum. Die Deinen nennen uns Xenothen.Ò
Joe geriet in Panik. Was zum Henker ging hier vor. Er wollte sich losrei§en, davonrennen. Doch dann hatte er das GefŸhl, als ob tausende zu ihm blickten. Das HintergrundgerŠusch war noch da, aber in seinem Kopf klang es, als wŠren einige Stimmen nŠher gekommen.
Wo war nur Hektor? Ob sein Hund den Absturz Ÿberlebt hatte.
ãWir konnten ihn nicht retten. Er ist nicht intelligent genug um an der Melodie teil zu habenÒ, die Stimme klang traurig. Joe erfŸllte tiefe Trauer. Sein Hund war tot. Kamen die Stimmen etwa nŠher? Ja tatsŠchlich, als wollten sie mit ihm die Trauer des Verlustes tragen, als wŸrden sie ihm mitfŸhlend auf die Schulter klopfen und ihn tršstend umarmen. Dann sickerte wieder Zufriedenheit in seinen Geist, gleich dem beruhigenden Streicheln einer Mutter.
ãDein Schiff stŸrzte auf diesen Planeten, Joe Conner. Wir entschieden dich zu retten. Dein Kšrper braucht Ruhe. Doch auch dein Geist braucht Heilung. So chaotische Gedanken. Keine Ordnung. So viel Einsamkeit. Hier bist du nicht mehr allein.Ò
Ja, die Stimme hatte recht. Er war nicht mehr allein. Das GefŸhl von so vielen umringt zu sein, liebevollen Stimmen, sanften Tšnen und freudigem Lachen. Das erste Mal seit langer Zeit war Joe glŸcklich.
Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte. Als er wieder zu sich kam, spŸrte er nach wie vor diese mŠchtige PrŠsenz, die er nicht weiter zu beschreiben vermochte. Doch es war nicht so, als wŠre er ein Gefangener. Es kam ihm vielmehr vor, als gehšrte er dazu, gehšrte in diese Masse an Stimmen und Tšnen. All dies um ihn herum wirkte so vielschichtig und doch war es, als wŸrde es nach einer Melodie spielen.
Plštzlich konnte er sehen. Er hatte wieder einen Kšrper und stand Mitten im All, zwischen dem Glei§en der Sterne. Er hatte keine Angst zu ersticken, denn er war nicht allein. Das FlŸstern und Wispern war immer im Hintergrund und nach wie vor spŸrte er die WŠrme und Geborgenheit.
ãIndividualismus ist scheinbar das hšchste Gut der MenschenÒ, die Stimme erklang wieder und Joe meinte eine Spur Trauer zu hšren.
ãSiehe dortÒ, vor Joe begann sich der Weltraum zu bewegen. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er scheinbar in einem Schiff stand. Nein, er war das Schiff. Langsam glitt er auf einen violetten Nebel zu.
ãAtme Joe Conner. Atme den Staub der Sterne. Die Urenergien der Geburt des Universums sind hier zu spŸren. Amte, Joe Conner.Ò
Und Joe tat wie ihm gehei§en. Er hatte keine Angst. Er wusste, er konnte der Stimme vertrauen. Sie wollte ihm helfen. Mit tiefen ZŸgen schlang er den Staub in seine Lungen. Lungen, die er nicht spŸrte und doch bemerkte er, dass sich etwas verŠndert hatte. Er sah die Sterne nun anders, klarer, fester.
ãAn vielen Orten des Universums ist der Gesang der ersten Stunde noch zu vernehmen. Wir nennen diese Orte Kjai-Punkte. Wer sie kennt und ihre Melodie zu singen wei§, wird Heilung finden. Und du brauchst Heilung, einsamer Joe Conner.Ò
Das Bild vor Joes geistigem Auge verŠnderte sich. Vor sich sah er eine gewaltige blutrote Sonne. Ihre OberflŠche pulsierte.
ãJeder Stern und jedes Staubkorn gehšrt zum gro§en Ganzen. Energie ist ein Fluss. Und wenn man in ihm steht, kann man aus ihm schšpfen.Ò
In einer unhšrbaren Explosion riss die Sonne auseinander. Kaskaden aus Energie und glŸhenden Brocken fluteten das All. Eine Supernova! Es ging so schnell, als wŸrde jemand einen Film vor seinem geistigen Auge vorspulen. Am Ende blieb nur ein wei§er glitzernder Stern Ÿbrig.
ãJa, eine SupernovaÒ, erklang die Stimme, und Joe glaubte, dass sie sich Ÿber Joes Wissen freute. Ihm war, als wŸrde eine zŠrtliche Hand seinen Kopf als Belohnung streicheln.
ãSpŸrst du die Kraft, Joe Conner? Die Energie des Sternentods? Nimm sie in dich auf, nutze sie, fŸlle jede Zelle deines Kšrpers mit ihr.Ò
Joe zweifelte keine Sekunde. Die Stimme sagte ihm, dass es ihm helfen wŸrde und so tat er es. Ein Kribbeln. TatsŠchlich: Ein Kribbeln. Er konnte fŸhlen. Er konnte seine Finger bewegen, seine Beine. Doch dann bemerkte er, dass das FlŸstern, das wohlige Wispern, es verschwand, es entglitt ihm.
ãDu bist geheilt, Joe Conner. Nun musst du gehen. Wir sind die Dhaan, wir kennen keinen Individualismus. Dein Geist singt eine fremde Melodie, eine Melodie, die nicht in unsere passt.Ò
Nein, bitte sto§t mich nicht von euch, wollte Joe rufen. Verlasst mich nicht! Ich will nicht zurŸck in die Einsamkeit. Dann riss er die Augen auf und alles war schwarz, finster und kalt.
ãSein Name ist Joe Conner. Die €rzte konnten ihn gerade noch retten. Er hatte eine †berdosis Schlaftabletten eingenommen. Klarer Selbstmordversuch!Ò, Doktor Alek Norman blickte durch das Glas in die Zelle, deren WŠnde mit weichen Polstern bedeckt waren.
ãWieso sollte ein Frachterpilot sich umbringen wollen? Er erfreut sich doch bester Gesundheit. Er ist erst 37. MerkwŸrdigÒ, Doktor Ina Stern war verwundert. Sie leitete die pyschologische Abteilung der Asgardstation Neun.
ãEr leidet scheinbar unter Wahnvorstellungen. Im Schlaf ruft er nach jemandem, nach GesŠngen und beschwšrt, dass er eine Melodie singen will.Ò
ãSteht etwas Besonderes in seiner Akte?Ò
ãNun, vor vier Wochen ist er im Khamir-Sektor verschwunden und wurde vor wenigen Tagen bei der dortigen Midgardstation von einem Xenothen abgegeben. Sie wissen schon, diese schwebenden schwarzen Kraken. Gruselige Wesen.Ò Doktor Norman deutete mit einigen Handbewegungen die Tentakeln der Au§erirdischen an.
ãVielleicht ist er in ihr Territorium eingedrungen. Seit dem Krieg vor 200 Jahren, gab es keinen wirklichen Kontakt mehr mit diesen Wesen. Man sagt, sie hŠtten gro§e psionische FŠhigkeiten, vielleicht haben sie ihm das angetan?Ò
Doktor Norman zuckte mit den Schultern. Ein letztes Mal blickte er auf die einsame Gestalt in der Zelle. Womšglich wŸrden sie nie herausfinden, was diesem Joe Conner passiert war. Und ihn heilen? So weit war die terranische Medizin noch nicht.