Fusion

 

Beide Handballen auf die AugŠpfel gepresst, den Kopf gut eine Minute in den HŠnden vergraben. Als sie wieder aufblickte, flackerte die Welt um sie herum und streute kleine farbige Blitze. Als sie wieder klar sehen konnte, nahm sie das Telefon aus dem LadegerŠt. Aber das typische PiepsgerŠusch blieb aus, und die Leitung war weiterhin tot.

ãDu kannst dir das Telefon in den Arsch schieben, nutzt nichts. Wir sind schon genauso tot.Ò

ãHšr auf, so pessimistisch zu seinÒ, antwortete sie. Dabei sah sie Alwin nicht an, lehnte sich zurŸck und starrte auf den dunklen Bildschirm ihres Rechners. Sie hšrte ihn nur hšhnisch auflachen. Dann wurde es fŸr einen Bruchteil einer Sekunde hell und gleich wieder dunkel. Die Kerze flackerte, die Scheiben vibrierten etwas nach.

Alwin ging zum Fenster, schob mit den Fingern die Jalousien etwas auseinander und blickte hinaus. ãDie reinste Science FictionÒ, sagte er. Elena antwortete nicht. DafŸr kam von drau§en die Antwort. Ein Ÿber eine Minute anhaltendes Donnergrollen ging Ÿber sie hinweg, als wŸrde man von einem Zug Ÿberrollt. Das Grollen war nicht nur akustisch, es war irgendwie auch rŠumlich spŸrbar.

Es war drei Uhr Nachmittag, eigentlich mŸsste es hell sein, und den Vorhersagen nach die Sonne scheinen. Aber es war stockdunkel. Nur alle zwei, drei Minuten wurde es schlagartig hell. Als wŸrde der liebe Gott persšnlich sie fotografieren. Ablichten, wie man das auch treffend nennt. Wie abrichten.

Neben dem Grollen hšrte man ferne Explosionen.

 

Irgendwo am Rande der neumexikanischen WŸste, in einem kleinen aber feinen Ableger des Los Alamos Scientific Laboratory. Dr. Alwin Joyce und Dr. Elena Bulgakova, beide Kernphysiker mit einer speziellen Informatikausbildung. Der als Roadrunner bezeichnete Supercomputer mit inzwischen 10,305 Exa Flops, dazu auserkoren, eine Sonne zu imitieren, stand still. Nicht mal ein Surren, und 300 Meter weiter, im BŸro der beiden Wissenschaftler, sechs tote Bildschirme, ein komplett stummes Radio und eine kleine, altmodische Kerze, die romantisch vor sich hin flackerte.

 

ãPessimistischÒ, sagte Alwin, ein fernes Echo. In der Halbdunkelheit wirkte seine Gestalt gespenstisch. Aber vermutlich wirkte ihre Gestalt auf ihn genauso. Wieder wurde es schlagartig hell, die Scheiben vibrierten, Donnergrollen rollte Ÿber sie hinweg und ferne ExplosionsgerŠusche spielten auf dem Piano des Untergangs eine kleine Weise zur Begleitung. Der Untergang der Erde. Elektrostatische Entladungen: Roadrunner sollte Berechnungen zur Blitztriggerung durchfŸhren, da in einem Blitzkanal Kernfusionen entstehen konnten, wollten sie so die Kraft der Natur benutzen. Aber die Fusionskraft war zu gro§ gewesen, Roadrunner ein Haufen Asche und die Erde – wahrscheinlich nicht nur in Neumexiko – dunkel, weil der Erdkern nun still stand. Ein Effekt magnetischer Resonanz. Und in wenigen Stunden wŸrde die Erde als ein erbŠrmlicher Pfannkuchen durch den Kosmos taumeln.

Immer wieder rannte Alwin hektisch von einem Fenster zum anderen, hob die Jalousien an und murmelte ãdunkel, schei§ dunkelÒ durch die Ritzen der Jalousien. Elena fand das komisch, aber es nervte sie auch. Sie selbst sa§ einfach nur da und starrte auf einen der toten Bildschirme in dem sich die flackernde Kerze etwas spiegelte.

Alwin ging wieder zum nŠchsten Fenster und hob die Jalousie etwas an.

ãHerrjeÒ, platzte Elena heraus, ãkannst du nicht still sitzen?Ò

Alwin drehte sich um, und sein schattiges, unheimliches, geducktes und hektisches Wesen, wie Gollum, mein Schatz nicht dein Schatz, fing an zu sprechen: ãStill sitzen ist gutÒ, sagte Alwin etwas spšttisch, ãdas ist die Crux mit uns Menschen. Wir verstehen uns nicht. Wir interpretieren uns nur.Ò

Elena blickte ihren kleinen Gollum amŸsiert an. Wenn es nicht drau§en blitzen und donnern wŸrde, es am helllichten Nachmittag stockdunkel wŠre, wenn nicht nebenbei die Welt unterginge, wenn nicht das Telefon schweigen wŸrde und alles tot wŠre, vielleicht schon sie beide, dann kšnnte sie ja jetzt mit ihrem kleinen Gollum – hektisch von Fenster zu Fenster springend – eine Diskussion fŸhren.

 

ãMag ja sein, dass wir uns nicht verstehenÒ, antwortete Elena, die jetzt doch eine Diskussion anfing, ãdas macht gewšhnlich auch nichts. Es wird nur unertrŠglich, wenn Liebe dazu kommt.Ò

Alwin huschte wieder zu einem Fenster.

ãMit meiner Mutter war es soÒ, sagte er zum Fenster hinaus, ãich meine, ich wei§ nicht, wer mehr gelitten hat darunter. Aber ich glaube sie.Ò Alwin huschte zum nŠchsten Fenster. Aber Elena stšrte das plštzlich nicht mehr. Sie konnte gar nicht mehr verstehen, warum sie das jemals gestšrt hatte. Und? Hatte sie ihn die ganze Zeit gestšrt, mit ihrem Dasitzen, mit ihrer penetranten Ruhe? Mit meiner Mutter war es so. Wie ein Satz in der Dunkelheit gesprochen Dinge doch Šndern konnte. Vielleicht war es genau das! Unsere Mutter Erde konnte uns nicht verstehen und sie litt darunter weit mehr, als wir. Wir Menschen haben einfach nur weitergemacht. Und jetzt! Blitz und Donner und Dunkelheit, dreht sie uns den Saft ab.

ãEs hat lŠnger nicht geblitztÒ, unterbrach Alwin ihre Gedanken. Nun stand sie doch auf, nahm noch einmal den Telefonhšrer aus dem LadegerŠt. Aber es war weiterhin tot. Elena streckte sich.

ãHeyÒ, rief Alwin jetzt durch die Jalousienritze, ãHey, da tut sich was.Ò

ãWas?Ò, sagte Elena. Sie musste ein GŠhnen unterdrŸcken. Sie war nicht gelangweilt, und nicht mŸde im eigentlichen Sinn. Einfach nur zu lange herumgesessen. Wahrscheinlich lšste Alwin das Problem besser durch seine Hektik.

ãKomm, schau es dir an.Ò

Elena stellte sich neben Alwin, bŸckte sich zu der Ritze und sah hindurch. Erst konnte sie nichts entdecken, au§er Dunkelheit. Aber dann sah sie den winzigen Streifen. Eine Spur von konstanter Helligkeit. Zumindest konstant genug, um sie nach einem Blinzeln weiter sehen zu kšnnen.

ãEs stabilisiert sichÒ, sagte Alwin.

ãEs ist zu frŸh fŸr so eine Diagnose. Sei nicht zu optimistisch.Ò Ein heftiges Blitzen unterstŸtzte Elenas Skepsis.

ãNa super, ElenaÒ, Alwin sprang schon zum nŠchsten Fenster dabei, wohl um zu ŸberprŸfen, ob da auch ein Streifen zu sehen war. ãErst bin ich dir zu pessimistisch, dann wieder zu optimistisch. Entscheide dich doch mal.Ò

Elena drehte sich vom Fenster weg. Es stšrte sie wirklich nicht mehr, dass sie dauernd mit Alwins RŸcken kommunizierte. Zum ersten mal fŸhlte sie sogar so etwas wie du bist im Grunde ganz in Ordnung Alwin fŸr ihn, so was wie Sympathie. Sympathy for the back view.

ÒIch hŠnge an meinem Leben, wei§t duÓ, hšrte sie Alwin in die immer noch tiefe Dunkelheit der Nacht sprechen.

ãSo ist das immer bei uns Menschen. Wenn man dem Tod ins Auge blickt, merkt man erst, wie sehr man am Leben hŠngt.Ò Ein bisschen Šrgerte sich Elena jetzt Ÿber sich selbst und ihren klugschei§erischen Satz.

ãJa klar ist das soÒ, antwortete Alwin, ãdas Blšde dabei ist, dass ich nie wirklich an meinem Leben hing, bis jetzt. Ich mein, ich war nicht depressiv oder so, sondern nur genervt. Genervt davon, beim Denken durch HungergefŸhle unterbrochen zu werden, genervt davon, dass mein Kšrper regelmЧig wieder schmutzig wird und wie ein verdammtes Auto gewaschen werden muss, genervt davon, dass Schuhsohlen lšchrig werden und ich neue Schuhe kaufen gehen muss, genervt von der SchuhverkŠuferin mit der zu reden ich mich dadurch herablassen musste, genervt, genervt, genervt. Und jetzt? Mšchte ich nichts lieber als duschen und das Wasser auf meiner Haut spŸren, Schuhe kaufen gehen und mit SchuhverkŠuferinnen reden und alle diese Dinge, fŸr die es Poeten braucht, um Worte dafŸr zu finden. Ende der Ansprache.Ò

Dann herrschte Schweigen. Elena konnte darauf nichts antworten. Aber es war die gute Art von Schweigen. Dr. Alwin Joyce hatte seins gesagt. Und Dr. Elena Bulgakova fand das alles richtig, denn Smeagol / Alwin hatte ihre ukrainische Seele berŸhrt. Mitten in der Dunkelheit, Blitzen und Donnern, mitten im Grollen des Todes, was sollten sie auch sonst tun, als sich etwas nŠher zu kommen.

ãDa verdammt, daÒ, rief Alwin jetzt – seinen Schrei flŸsternd - in das Schweigen hinein. Und Elena sprang auf und sofort zu ihm, durch Jalousienritze vier Augen leuchtend hinaussehend. Wieder ein Streifen, konstant und etwas breiter als zuvor. Eine Art Bewegung des Streifens, eine Spur Violett ins dunkel malend. TatsŠchlich breiter werdend. Rosa!! Wie ein Sonnenaufgang!

ãBin ich optimistisch oder was?Ò Alwin blitzte sie an, als hŠtte er ein paar von den Blitzen absorbiert und kšnnte sie jetzt - Zeus-Gollum - auf sie schleudern.

ãMerkwŸrdigÒ, sagte Elena und sah sich das Violett an, das Rosa. Das Dunkel šffnete sich wie ein riesiges Schiebefenster. Aber Elena kam es so vor, als wŸrden sich zwei Fenster šffnen.

Sie ging zurŸck zu ihrem Bildschirm und setzte sich. Neben dem Bildschirm lagen Zigaretten, die Schachtel lag schon im DŠmmerlicht! Im DŠmmerlicht? Noch als sie das irritiert dachte, hšrte sie ein unkontrolliertes Grunzen von Alwin und plštzlich knirschte es, dann piepste es und dann lŠutete das Telefon. Beide, Alwin und Elena, starrten auf das Telefon, als bekŠmen sie jetzt einen Anruf vom lieben Gott persšnlich: Meine Herren, dies war ein Probealarm. Ich hoffe, sie haben sich alle richtig verhalten und an mich geglaubt. Verhalten Sie sich weiterhin demŸtig und nutzen Sie die Gelegenheit zum beten mšglichst hŠufig. Elena konnte sich als erster von der Schockstarre lšsen und holte das Telefon aus dem LadegerŠt.

ãElena?Ò Es war Peter vom StŸtzpunkt.

ãPeterÒ, rief Elena in den Hšrer.

ãHabt ihr das gesehen! Mein Gott, habt ihr das gesehen?Ò

ãWas denn?Ò, antwortete Elena. Sie war verwirrt. Zu sehen gab es doch noch nicht so viel.

ãWart ihr noch nicht drau§en? Geht raus, Menschenskind!Ò

Elena machte Alwin ein Zeichen und sie šffneten vorsichtig die TŸr, langsam, erst einen Spalt. Aber da kroch schon Licht herein, und auch durch die Jalousien kam jetzt Licht, viel Licht. Langsam machten sie die TŸre weiter auf und dann standen sie im hellsten Licht, gingen einen Schritt vor die TŸr.

ãMein GottÒ, rief Alwin aus. Elena machte nur den Mund auf, lie§ das Telefon sinken, und unwillkŸrlich griff sie nach Alwins Hand, der sie ihr bereitwillig gab und drŸckte. Hand in Hand standen sie, wie Adam und Eva da und starrten in den Himmel. FŸr Wissenschaftler gibt es keine Wunder! Wunder waren das schlechthin Unwahrscheinliche. Erst, wenn alle anderen Wahrscheinlichkeiten ausgeschšpft sind, kšnnen wir ein Wunder annehmen. Es ist aber immer mšglich, dass wir nicht so hinreichend informiert sind, behaupten zu kšnnen, alle Wahrscheinlichkeiten seien nun ausgeschšpft. Es ist also wahrscheinlicher, dass wir einfach nicht wissen, was vor sich geht, als dass es sich um ein Wunder handelt. DefinitionsgemЧ! Vielleicht mag es ja Wunder geben. Aber wir sind nie berechtigt anzunehmen, eines sei geschehen.

Alwin und Elena hielten sich an der Hand, inmitten eines strahlend blauen Himmels, in mitten von unglaublich viel Licht, war da fŸr jeden von ihnen jetzt eine Sonne.