Der Trabant
ãAlso, erzŠhl schon, TJ: Was siehst du?Ò
Momentan sah TJ kaum mehr als dem Boden vor ihm: Vorsichtig setzte er einen Fu§ vor den anderen; nach all der Zeit im engen Raumschiff und unter Schwerelosigkeit war sein Gang noch arg unsicher, und der klobige Raumanzug machte die Sache nicht gerade einfacher. Entsprechend ungehalten bellte er in sein FunkgerŠt: ãHetz mich nicht! Bodenstation, hšrt ihr mich auch?Ò
Er blieb stehen, sah hoch und erblickte jene Kugel, die auf halber Hšhe vor ihm das Firmament verzierte. Ihr weiches, blau-wei§-grŸnes Schimmern kontrastierte scharf mit des Himmels bodenloser SchwŠrze und dem stechenden Licht der Sterne. TJ starrte auf die Kugel, als kšnne er erkennen, wie sein vom Raumschiff verstŠrkter Funkverkehr dort empfangen und beantwortet wurde. Es dauerte vier, fŸnf Sekunden; dann knackte es in den Kopfhšrern des Astronauten: ãHier Bodenstation: Wir empfangen Sie einwandfrei; sehr guter Empfang! Wo sind Sie?Ò
ãBin erst zehn, zwšlf Schritt vor dem Schiff. Wurde einiges an Staub aufgewirbelt, sicher durch die Triebwerke, aber das hšrt hier schon auf. Was ich sonst so sehe... Na, ihr kennt ja die Bilder der Sonden: ZerklŸfteter Fels, LavaflŠchen, ein paar kleine Krater, im Norden und Westen eine mittlere HŸgelkette, im Osten das Trockental... Wie erwartet bisher.Ò
Nun schaltete sich wieder die erste Stimme in den Funkverkehr ein: ãAlso so was! Was hattest du erwartet? Dass dich ein paar grŸne MŠnnchen begrŸ§en?Ò
TJ drehte sich zum Schiff um, und hinter einer der Luken meinte er seinen Begleiter ausmachen zu kšnnen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen; der spšttischer Unterton jedoch war unŸberhšrbar, und dementsprechend gereizt klang die Antwort: ãUnsinn! Klar, dass es hier heute kein Leben gibt. Muss aber nicht immer so gewesen sein!Ò
ãDann viel Erfolg bei der Suche! Leben, hier? Also echt! Dieser Felsklotz ist so tot wie Merkur und Venus; er warÕs immer, er wirdÕs immer bleiben, und-Ò
ãHier Bodenstation: Unterlassen Sie die Streitereien, ja? Kšnnen Sie nicht beherrschen? Wenigstens fŸr ein paar Tage!? Sie sind jahrelang fŸr diesen Forschungseinsatz ausgebildet wurden; fŸhren Sie ihn jetzt gefŠlligst durch: Zeigen Sie, dass Sie Profis sind!Ò
âDie haben leicht reden!Õ dachte TJ. âFliegt ihr mal mit solch einer NervensŠge durchs All!Õ Was er aber erwiderte, war: ãVerstanden, Bodenstation. Mache mich wieder auf den Weg; sehe einige interessante Felsformationen, hundert Meter oder so vor mir.Ò
Sein Begleiter gab ihm einen hšhnischen Kommentar mit auf den Weg: ãWer wei§? Womšglich ein Relikt einer uralten, vergessenen, mysterišsen Zivilisation!?Ò
ãWarum nicht!Ò bellte TJ zurŸck. ãIrgendwoher muss das Zeug ja gekommen sein, das die Kollegen auf all den anderen Monden gefunden haben: Auf Kallisto, Ganymed, Triton, Thetys, ja sogar auf Charon!Ò
ãPah! Ein paar Haufen Schrott, verstreut Ÿber die Weiten des Sonnensystems.Ò
ãMag sein: Aber nicht unser Schrott!Ò
ãAlso echt; der kann sonstwoher kommen.Ò
ãKaum. Das kam aus unserem Sonnensystem; weiter hŠtten diese primitiven Objekte gar nicht fliegen kšnnen.Ò
ãNa, und selbst wenn: Warum gerade von hier? Gerade hier, wo auch unsere besten Sonden nichts gefunden haben?Ò
ãGerade deswegen! Ich-Ò
ãHier Bodenstation: Kšnnt ihr das vielleicht ein andresmal klŠren? WŠre das mšglich!?Ò
ãGeht klar; fange mit dem Probensammeln an!Ò
TJ war dankbar fŸr den Vorwand, sein FunkgerŠt auf Standby schalten zu kšnnen: Seinen Begleiter wŸrde er doch nicht Ÿberzeugen kšnnen. Freilich, wie er jetzt –mit inzwischen recht sicherem Schritt– die OberflŠche dieses Himmelkšrpers erkundete, gestand er ein, dass der Anschein gegen seine Ansicht sprach: Der grŠuliche Staub, die schwŠrzlichen Felsen und der zerrissene, zerklŸftete Boden erweckten den Eindruck, als sei ein fŸrchterlicher Feuersturm Ÿber die gesamte OberflŠche hinweggefegt. FŸr ein Feuer braucht es nun allerdings auch etwas, das brennen kann, es braucht Sauerstoff und irgendeine Art von ZŸndung: Aber all das schien es hier nicht zu geben.
Das bestŠtigte sich, wie TJ auf besagte Felsformation geklettert war: Nun hatte er einen guten †berblick Ÿber die Umgebung, doch irgendetwas Ungewšhnliches, etwas Unerwartetes entdeckte er nicht; Ÿberall die gleiche …dnis.
Eigentlich war dieser Landeplatz ausgewŠhlt worden, weil die Wissenschaftler hier noch am ehesten unterirdische Wasservorkommen, Gasblasen oder Šhnliches erwarteten; von Lebensspuren hatte man lieber erst gar nicht gesprochen. Aber die spitzen Steine, der knochentrockene Staub und die scharfen Kanten der Felsen sprachen dagegen, dass hier jemals Wasser geflossen war. Schon das fehlende Funkeln der Sterne verriet das Fehlen einer nennenswerten AtmosphŠre, und alle MessgerŠte bestŠtigten dies. FŸr einen Himmelskšrper dieser Grš§e eine sehr bescheidene Luftschicht, dachte TJ, aber vorerst konnte er es nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen.
ãHier Bodenstation: Wie lŠuft die Probensammlung?Ò
ãBin schon dabei.Ò log TJ: Denn tatsŠchlich kletterte er erst daraufhin wieder von dem Felsen runter. Wie er unten war, erreichte ihn die Antwort der Bodenstation: ãIn Ordnung; dann alles wie besprochen: Sammeln Sie heute nur ein paar Proben der verschiedenen Materialien; ansonsten liegt der Fokus auf der Beobachtung der Finsternis.Ò
ãGeht klar.Ò erwiderte TJ, wŠhrend er nun die SammelbehŠlter šffnete und ein SchŠufelchen aus seinem Raumanzug ausklappte. ãSoll an mir nicht scheitern. Solange die Instrumente rechtzeitig stehen...Ò
Wie erwartet, meldete sich sogleich der zweite Astronaut: ãWas glaubst du, was ich gerade mache!?Ò
ãWerden sehen.Ò kommentierte TJ dies nur, denn er hatte wenig Lust auf einen weiteren Anschnauzer aus der Bodenstation. Stattdessen machte er sich nun daran, in der nŠheren Umgebung Bodenproben einzusammeln: Erst ein SchŠufelchen des ascheŠhnlichen Staubes, dann etwas festen Boden –der aber auch schon in der Schaufel zerkrŸmelte–, au§erdem einige Kiesel, ein paar grš§ere Steine und etwas Lava. Zuletzt schlug er noch ein StŸck vom Felsen ab; dies musste er allerdings erst zerkleinern, ehe es in den SammelbehŠlter passte.
Das dauerte eine gute halbe Stunde, und zum Schluss keuchte TJ heftig: Was im Training recht einfach gewirkt hatte, das war hier, in diesem unfšrmigen Anzug und infolge der starken Gravitation, harte Arbeit. Endlich aber konnte er den BehŠlter schlie§en, und zugleich meldete sich sein Begleiter: ãProbleme, TJ? Du hšrst dich etwas mitgenommen an!Ò
âVerdammt, ich habe das Mikro angelassen!Õ erkannte der Astronaut. ãKŸmmere du dich um deinen Job!Ò
ãAlso, ich bin soweit fertig. Und du? FŸndig geworden?Ò
ãHast doch gehšrt; ging nur um ein paar Standard-Proben.Ò erwiderte TJ verŠrgert, wie er sich nun auf den RŸckweg machte. ãIst noch nicht gesagt, dass wir hier nichts finden. Keine Spuren einer Zivilisation, meine ich. Warum sollte hier unten nichts sein, bei all den Funden, die man da oben gemacht hat? Wirst das ja wohl nicht vergessen haben; Schlagzeilen genug hatÕs ja gemacht.Ò
Er deutete mit seinem freien Arm auf die blau-wei§-grŸne Kugel am Firmament, was sein Begleiter freilich nicht sehen konnte. Dennoch erriet dieser, was TJ meinte: ãWas hat das damit zu tun? Das dŸrften Reste eines prŠhistorischen Kolonisationsversuches sein; etwas in der Art halt. Bei dem Zustand der Relikte lŠsst sich das wohl nie mehr klŠren.Ò
ãWeil wir uns dort so breit gemacht haben!Ò schnaufte TJ.
ãMag sein. Aber dass die Kolonisten seinerzeit von hier unten gekommen sein sollen? Ausgerechnet von dieser toten Felskugel? Das willst du doch damit sagen, oder?Ò
ãWarum nicht!Ò
ãAlso echt, das ist doch absurd; das behaupten hšchstens ein paar Spinner. Du siehst doch, wieÕs hier aussieht! Und bei der Gravitation...Ò
Wieder schaltete sich die Basisstation ein: ãIst jetzt langsam Schluss mit der Geschichte? Es bleibt nur noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Finsternis: 30 Minuten! Ist alles soweit?Ò
ãAlso, bei mir ist alles klar.Ò hšrte TJ seinen Begleiter antworten. ãFŸr den Rest brauche ich nur noch ein, zwei HŠnde, die mit anfassen...Ò
ãNur kein Stress; liegen doch všllig im Plan.Ò knurrte TJ. TatsŠchlich trat er in dem Moment hinter einem HŸgel hervor, worauf er wieder sein Schiff sehen konnte. Direkt davor war sein Begleiter dabei, ein lŠngliches, ršhrenfšrmiges Instrument auf den blau-wei§-grŸnen Himmelskšrper auszurichten. ãNa, was denn? Dachte, du wŠrst fertig?Ò
ãBin ich doch! Was-Ò begann der Begleiter leicht keuchend. Aber wie TJ ihn dann von hinten antippte, rutschte ihm vor Schreck das Instrument aus der Halterung. Er schnellte so schnell herum, wie es der Raumanzug gestattete, und sah dann TJs grinsendes Gesicht vor sich.
ãLass das, ja?Ò fauchte der Begleiter, wie er das Instrument wieder in die Halterung wuchtete. ãAlso echt, das ist nicht witzig!Ò
ãWas denn? Dachtest wohl, da ist doch wer von den mysterišsen Erst-Kolonisatoren? Na, lass stecken: Bringe nur rasch die Proben weg, dann komme ich.Ò
Ohne die Antwort seines Begleiters abzuwarten, betrat TJ durch die Schleuse das Schiff. Mit der Ablage der Proben lie§ er sich extra viel Zeit, bis sich die Bodenstation Ÿber den Bordlautsprecher meldete: ãWas ist? Die Zeit drŠngt; noch 15 Minuten!Ò
ãSchon gut; nur kein Stress: Kenne meinen Job!Ò
Darauf trat TJ leise seufzend an eine gro§e Kabeltrommel heran. Das aufgewickelte Kabelende stšpselte er in einen Anschluss an der Steuerkonsole; dann ergriff er die zwei Griffe der Trommel mit je einer Hand. Leicht Šchzend hob er sie an, und wŠhrend er im RŸckwŠrtsgang –sehr vorsichtig und sehr langsam– das Schiff verlie§, wickelte er mit der dritten und vierten Hand das Kabel ab.
So erreichte er nach einigen Minuten das Messinstrument, dessen Aufbau sein Begleiter inzwischen abgeschlossen hatte. An dieses schloss man das andere Kabelende an; so konnte es aktiviert werden, und wŠhrend dann sein Begleiter das Instrument justierte, kontrollierte TJ die Anzeigen.
ãSo; alles klar.Ò meinte TJ abschlie§end mit einem Blick auf die Uhr. ãUnd genau in der Zeit!Ò
Wie er zu der blau-wei§-grŸnen Kugel am Firmament hochsah, wurde diese gerade an der linken Seite angeknabbert; erst nach einigen Minuten erkannte man, dass da ein schwach gekrŸmmter Schatten auf den Himmelskšrper fiel.
Sein Begleiter hatte dafŸr momentan keinen Blick Ÿbrig: ãAlles klar; Messung lŠuft.Ò
In der Bodenstation war man hšrbar erleichert: ãEs geht doch!Ò
Im Verlauf der folgenden Stunde waren die Raumfahrer vollauf mit der Datenaufnahme und der Kontrolle ihrer Experimente beschŠftigt.
ãWenn man bedenkt!Ò bemerkte schlie§lich TJ. ãAus dieser Perspektive hat das noch nie wer vor uns gesehen!Ò
ãAu§er natŸrlich den vorigen Bewohnern dieses Planeten.Ò stichelte sein Begleiter. ãFŸr die wŠre das fast alltŠglich gewesen und Sonnenfinsternisse dagegen eine RaritŠt.Ò
TJ zog es vor, die Ironie zu ignorieren: ãWŠr wohl so gewesen. WŠre auch lieber zur Sonnenfinsternis gekommen: Muss ja spektakulŠr sein, wenn man nur noch die Korona dahinter hervorscheinen sieht.Ò
Er wies wieder zu der blau-wei§-grŸnen Kugel hoch –genauer gesagt, zu der am Rand angefaserten Halbkugel, als die sie jetzt am Firmament hing. Sein Begleiter schŸttelte nur den Kopf, erwiderte aber nichts: Vorerst war man wieder mit den Messungen beschŠftigt. So entging den Astronauten, wie nach und nach im beschatteten Bereich des Himmelskšrpers zahllose Lichtlein sichtbar wurden. Wie das Duo nach einer guten halben Stunde wieder die Mu§e hatte, aufzublicken, war der Trabant gerade zur GŠnze vom Erdschatten verschluckt worden. DafŸr hatten sich die Lichtlein zu einem strahlenden Netzwerk verbunden: Einem Netwerk aus vielen filigranen Linien und einigen dicken Knoten, das die Kontur der Kugel nachzeichnete; so war deren Position auch ohne einfallendes Sonnenlicht auszumachen.
TJ erhob sich auf sein hinteres Beinpaar, stŸtzte sich mit dem zweiten Beinpaar gegen das Messinstrument ab und verschrŠnkte beide Armpaare; so konnte er diesen Anblick genie§en, ohne den Hals allzu angestrengt und angekrŸmmt nach hinten biegen zu mŸssen.
Sein Begleiter stichelte aber auch jetzt noch weiter: ãIch hŠtte nicht gedacht, dass man das auch mit blo§em Auge sieht. Aber dass es hier jemals intelligente Wesen gegeben haben soll? Wesen, die zu einem toten, sich verfinsterndem Mond hochgeblickt haben, anstatt umgekehrt? Also echt, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.Ò
ãDieser Planet wird nicht verfinstert.Ò korrigierte TJ, ohne den Blick vom kŸnstlich illuminierten Mond abzuwenden. ãNicht als ganzes, meine ich: War doch erst letztes Jahr gut zu sehen, wie ein kleines SchattenpŸnktchen Ÿber die OberflŠche hier unten wegstrich. Da warst du doch schon da oben stationiert!?Ò
ãDu wei§t, was ich meine: Ich rede davon, dass es nur auf den Trabanten der Planeten Leben kann: So wie bei uns daheim auf dem Titan, oder eben frŸher mal auch dort oben, wo sie die Relikte gefunden haben.Ò
ãIch kenne das Dogma!Ò erwiderte TJ knurrend, wŠhrend Ÿber ihm das Lichtnetz rund um den Mond immer enger geflochten wurde. ãDas gilt nur bis zum Beweis des Gegenteils! Aber wenn man gar nicht erst nachschaut... Bedenke; nach all den Jahren sind wir die ersten Astronauten hier unten; hat auch ewig gedauert, den Flug zu beschlie§en: Gibt wohl noch viel Aberglauben, was die Planeten selber betrifft!Ò
Diesmal erfolgte die Reaktion der Bodenstation recht rasch: ãDas hat nichts mit Aberglauben zu tun: Gar nichts! Es sollten nur die Fehler der ersten Mars-Missionen vermieden werden!Ò
Nun war es an TJ, zu spotten: ãIst ja auch zu irritierend, dass der Mars nur den einen kleinen Mond hat, dass man gar auf dem Planeten selber Relikte fand: Passt irgendwie nicht zum Dogma...Ò
Sein Begleiter indes blickte Ÿber die tote, lebensfeindliche Umgebung hinweg und schŸttelte nur den Kopf. ãAlso, selbst, wenn es hier oder dort mal eine Zivilisation gegeben haben sollte: Wenn die derart spurlos verschwinden kann, dann lohnt es sich nicht, ihr nachzuspŸren.Ò