Herr der Stadt

 

Auf Asgai fŸrchteten wir uns vor schlechtem Wetter; nicht etwa, weil der Planet uns mit StŸrmen plagte, die unsere HŸtten hinfortrissen wie Raubvšgel Ratten – Asgai war ein milder Planet, seine Winde wohltuende Brisen im langen Sommer; unsere Furcht vor schlechtem Wetter rŸhrte von einem GerŸcht, welches es durch die Weiten der Galaxie bis zu uns geschafft hatte; es hie§: Die Bre'Tec brachten stets das schlechte Wetter mit; schlechtes Wetter galt als schlechtes Omen.

Dennoch verkrampften unsere Finger nicht gleich zu geballten FŠusten, sahen wir eine dŸstere Wolke am Himmel; zwar scheuchten die alten MŸtterchen die Kinder von den Stra§en, wŠhrend die VŠterchen Fenster und TŸren verriegelten, unser Wachtrupp aber machte bei WetterumschwŸngen Meldung nur fŸrs Protokoll, ab und an ein Regenschauer konnte nicht schaden, das stšrte unser Kartenspiel nicht und wir setzten es gewšhnlich unbekŸmmert fort, nachdem die Zentrale die Sichtung bestŠtigt hatte, warfen unsere EinsŠtze auf den Tisch, wo sie fršhlich klimperten, bis einmal unvermittelt die Hand des Captains auf die PlŠttchen niederfuhr, in die Heiterkeit donnerte, so dass alle verstummten. Erschrocken blickten wir den Captain an: Seine Mundwinkel zuckten, seine GesichtszŸge entglitten ihm; es kostete ihn MŸhe – wohl weil er Ausnahmesituationen so wenig gewohnt war wie der gesamte Trupp –, unsere Aufmerksamkeit wegzulenken von seinem Schwei§ausbruch und uns den Grund dafŸr zu erklŠren; mehr mit Gesten als mit Worten lenkte er unsere Blicke nach drau§en, wo Ÿber dem Tal die dunkle Wolke trieb; gegen den Wind.

Es fing an zu regnen. Die Wolkenfront schien inne zu halten Ÿber dem Tal, schwebte aufgewŸhlt vor der Sonne, deren Licht nur noch gedŠmpft zu uns drang, wŠhrend zunŠchst nur vereinzelt Tropfen auf den Steppenboden prasselten, das Nieseln sich dann auswuchs zu einem heftigen Schauer, begleitet von einem Tosen und Trommeln, wie wir es noch nie bei einem Unwetter vernommen hatten, so heftig war es. Mehr als an Regen erinnerten die SchlŠge im Tal an Hagel, an Hagelkšrner, die mit Wucht auf einen metallischen Kšrper schlagen, wo sie zerbersten und ihre Splitter in alle Richtungen spritzen, scharf durch die Luft sirren und sich klirrend auf dem Grund verteilen.

Wir beeilten uns, unsere Feldstecher aus den SchrŠnken zu holen und betrachteten das Schauspiel genauer: Es war blo§ Regen, gewšhnliche Wassertropfen sausten herab, doch wŠhrend ich mir die Schlieren von den GlŠsern rieb, um schŠrfer zu sehen, rief der Captain schon auf: Da ist was drin! Schaut auf die Tropfen, wenn sie platzen, schaut doch hin! Und tatsŠchlich, er hatte recht: Etwas schwamm in den Tropfen; kleine silberne Scheiben, die das wenige Licht reflektierten, das noch durch die Wolken drang und dadurch kaum auszumachen waren, kaum auffielen im Innern der wabernden Perlen. Platzten ihre kleinen Transporter am Boden auf, trieben die Scheiben aber nicht mit den Rinnsalen in die nŠchstliegenden Senken, sondern krabbelten scheinbar ohne System im Tal herum, wozu sie kleine Beinchen benutzten, die ihnen €hnlichkeit mit Spinnen verliehen – doch das waren keine Tiere und ich murmelte halblaut: Bots; das mŸssen winzige Bots sein.

Der Captain befahl mir, Meldung zu machen bei der Zentrale und als ich nicht gleich mein FunkgerŠt aktivierte, sondern wartete, was genau ich melden sollte, warf er erneut einen Blick auf das Treiben vor unserem Wachtposten, die Bots hatten sich zu schimmernden Klumpen zusammengeballt, wuselten nicht mehr wirr herum, aber der Captain sah gar nicht richtig hin – wie eilig seine Lider noch immer schlugen –, er dachte nach, obwohl es lŠngst nichts mehr zu Ÿberlegen gab, dann sagte er es doch, seine Stimme nur mŸhsam im Zaum haltend: die Bre'Tec; die Bre'Tec sind da – es steht uns eine Invasion bevor.

Wir wussten nichts Ÿber die Bre'Tec, au§er dass sie immer schlechtes Wetter mit sich brachten und selbst das wussten wir nur aus Geschichten, die Handelsreisende von anderen Planeten zu uns gebracht hatten, Handelsreisende, die auch nichts Genaueres wussten, wie Ÿberhaupt niemand in dieser Galaxie, vielleicht sogar im ganzen Universum etwas Ÿber die Bre'Tec zu wissen schien – nur schlechtes Wetter, darŸber war man sich einig, kŸndigte ihr kommen an. Wie sie aber ihre Wolken voll schwirrender Bots auf fremde Planeten schafften, darŸber gab es nur Spekulationen, Ÿber die heftig gestritten wurde, wohl weil man beim Streiten die Angst ein wenig vergisst, weshalb man Studien durchfŸhrt, fŸr die man kein Material hat und anschlie§end besserwisserisch postuliert: Die Bre'Tec beschie§en aus der Tiefe des Weltalls die AtmosphŠre der Planeten, die sie erobern wollen – was immer damit gesagt sein will.

Ich gab jedenfalls weiter, was der Captain mir aufgetragen hatte, verlie§ kurz meinen Posten am Fenster, um besseren Empfang zu haben, strich mir die fettigen Haare aus der Stirn, wenn die Wolken wenigstens gekŸhlt hŠtten, doch mir wurde immer hei§er und wieder am Fenster angekommen, brach mir der Schwei§ aus der Stirn, Hitze wallte in SchŸben Ÿber mich: Die Bots hatten ihre Verschmelzung abgeschlossen; die silbernen Scheiben klebten nahtlos aneinander, waren zu riesigen Komplexen zusammengefŸgt, hundert Meter hohen GebŠuden, welche eine komplette Stadt bildeten – eine silbern schimmernde Stadt, das ganze Tal ausfŸllend, erbaut in wenigen Minuten; die Wolken hatten sich verzogen.

Im Wachposten sahen wir einander an, weil wir wussten, was unsere Aufgabe war: Die Stadt erkunden und Bericht erstatten, was dort vor sich ging, auf welche Gefahren man sich einstellen musste, denn bisher hatte man keine Informationen Ÿber die Waffen der Bre'Tec sammeln kšnnen, was vor allem daran lag, dass selten jemand ihren Angriffen entkam und selbst wenn das der Fall war, taugte das Gestammel der Entkommenen zu nichts, nur zusammenhangloses Stottern, weshalb man lediglich die banale Aussage treffen konnte: Die Waffen der Bre'Tec waren grausam und tšdlich.

Entsprechend verhalten war die Stimmung im Wachposten, eine ganze Weile schwiegen wir uns nur an und warteten ab, wie der Captain weitermachen wŸrde, der zwar aussah, als hŠtte er sich wieder ein wenig gefangen, aber dennoch Ÿberfordert wirkte und sichtbar MŸhe hatte, richtige Entscheidungen zu treffen – er kannte den Krieg nicht; niemand auf Asgai kannte den Krieg, niemand wollte ihn und nun konnte niemand damit umgehen. Der Captain rŠusperte sich. Langsam und mit schwacher Stimme begann er zu reden, stockte, weil ihn wohl unangenehm berŸhrte, was er gleich aussprechen musste, sein Befehl, von dem ich schon wusste, wie er lautete – es gab nur die eine Mšglichkeit –, weshalb ich den Captain anschnauzte, er solle es endlich sagen und er solle mir dabei in die Augen schauen: Mein Kšrper bestand zu weniger als 50 Prozent aus organischen Teilen, damit war ich ein Cyborg, der nicht als Asgai galt, sondern als Maschine – so lauteten die Regeln auf diesem Planeten und der Captain musste kein schlechtes Gewissen haben, wenn er mich alleine vorschickte, um die Stadt auszukundschaften. Nicht seine Schuld und ein schlechtes Gewissen hatte er trotzdem – ich nahm ihm die Entscheidung nicht Ÿbel.

Mit meinem Gewehr Ÿber der rechten Schulter verlie§ ich den Posten. Den Lauf der Waffe hatte ich mit einfachen Zeichnungen verziert, ein paar Blumen und grinsende Gesichter, damit sie nicht ganz so brutal wirkte, damit sie vortŠuschte, nicht nur mŠchtig, sondern auch schšn zu sein, ein hŸbsches Accessoire, das noch zu mehr nŸtzlich war, als blo§ zum Tšten – aber ich machte mir nichts vor, als ich auf die Stadt zuging, die mit jedem meiner Schritte wuchs, wŠhrend ich immer kleiner wurde vor ihr, von den obersten Stockwerken der HochhŠuser wohl gar nicht zu erkennen, so unbedeutend; ja, ich machte mir nichts vor, es wŸrde nicht schšn werden und nicht einfach, wenngleich mein Gewehr tatsŠchlich nur als Accessoire taugte im Angesicht der Gewalt dieser Stadt.

Zšgernd blieb ich stehen vor den Šu§ersten AuslŠufern der Stadt, der Staub des Steppenbodens umwšlkte meine Stiefel, Steine knirschten unter ihnen, waren durch die Sohle zu spŸren, und ich wagte es nicht, den nŠchsten Schritt zu tun, dorthin, wo keine Steine mehr lagen, nur noch aneinander gepresste glatte Scheiben – vielleicht lšsten sie sich unter meinem Gewicht auf, vielleicht fŸhren sie wieder ihre Beinchen aus und krabbelten davon, flŸchteten vor mir. Aber das war natŸrlich Unsinn, eine lŠcherliche SelbstŸberschŠtzung: Sie spŸrten mein Gewicht wahrscheinlich gar nicht, nahmen mich Ÿberhaupt nicht wahr, was ich, wenn ich so darŸber nachdachte, sogar begrŸ§te, denn das war wohl meine einzige Hoffnung hier, zwischen den hoch aufragenden Grabsteinen, den gegen jeden Eindringling, jedes Leben abgedichteten Blšcken: Nicht bemerkt zu werden oder wenigstens doch nicht beachtet – welche Gefahr konnte schon ausgehen von jemandem, der nicht einmal die Decke des ersten Stockwerkes berŸhren hŠtte kšnnen?

Die silbernen Fassaden blendeten mich, reizten meine Augen, dass sie zu jucken begannen und es mir zur Qual wurde, durch die Stra§en zu gehen, wo nicht einmal der Blick nach unten, die unterwŸrfig gesenkten Lider den Schmerz linderten, weil selbst der Boden silbern strahlte, ich also meinen Kopf in alle Richtungen wendete und doch nichts sah, nichts ausmachen konnte und schon gar keine LŸcke fand, keine Schwachstelle, die ich melden hŠtte kšnnen – nur harter undurchdringlicher Glanz.

Ich nŠherte mich einem der GebŠude, einem Turm, durch nichts unterschieden von den anderen TŸrmen, nur etwas kleiner als die meisten vielleicht, was wohl auch der Grund war, warum ich mich traute, ganz dicht an ihn heranzutreten, mein Messer zŸckte, die Fassade spiegelte sich in der Klinge, die Klinge spiegelte sich in der Fassade, aber ich drang nicht durch, so oft ich auch stie§, das Messer klackte dumpf an das Silber, ohne eine Delle, ohne eine Kerbe zu schlagen und auch als ich es rasch Ÿber die glatte FlŠche zog, blieb kein Kratzer, kein hauchdŸnner Riss auf ihr zurŸck, nur ein durchschneidendes GerŠusch wie FingernŠgel auf der Tafel, das mich sofort wieder Abstand nehmen lie§ – mir schauderte.

Die Sinne noch betŠubt vom ekelhaften Kreischen drehte ich mich um, der Glanz der Stadt wirkte einen Moment lang dumpf, wie ein Abklatsch von sich selbst und ich blickte direkt in die Sonne, lie§ mich von ihr bei§en, damit es im Ohr nicht mehr zwackte, damit die entfremdende Taubheit in echten Schmerz Ÿberging, doch daraus wurde nichts: Eines der HŠuser schob sich vor die Sonne, wanderte in mein Blickfeld – das hie§: Es war gar kein Haus mehr, es war formlose Masse, bestehend aus Tausenden silberner Scheiben, die sich flirrend bewegten, ein Krabbeln wie auf einem Ameisenhaufen, aus dem nun langsam Gliedma§en wuchsen, StŸmpfe erst nur, dann richtige Arme, vier an der Zahl, die immer lŠnger wurden, wŠhrend immer weitere Bots aus den umliegenden HŠusern in den Rumpf der Kreatur stršmten. War das ein Bre'Tec? Oder war es blo§ ein Werkzeug der Bre'tec, eine ihrer Maschinen, die den Planeten sŠubern sollten, wŠhrend sie selbst noch im Anflug waren?

Aber ich hŠtte besser fragen sollen: Wohin kann ich mich retten? Einer der Arme preschte auf mich herab, angekŸndigt von einem Windsto§, der alleine mich fast niedergeworfen hŠtte, mich zum GlŸck aber nur ein wenig die Stra§e hinaufschob und meinen Kopf aufklaren lie§, so dass ich, aufgescheucht wie eine Fliege, einen schnellen Satz machen konnte und der Arm wenige Meter neben mir niederging. Silberne Scheiben sprengten aus der Stra§e, Risse trieben vom Ort des Einschlags in den Boden, furchten sich ihren Weg durch die Stadt, doch die Druckwelle trug mich von ihnen weg, bevor sie mich verschlingen konnten, schleuderte mich an mehreren TŸrmen vorbei, bis ich mit der linken Schulter an einer Hausecke hŠngen blieb, mein Kšrper sich schmerzhaft stauchte, aus seiner Flugbahn geriet und in einer Gasse aufschlug, wŠhrend mein Gewehr fortgerissen wurde – ich krŸmmte und wand mich.

Doch bot die Gasse keinen Schutz: Die WŠnde um mich herum schwanden, lšsten sich auf und machten die Sicht frei auf die deformierte Kreatur, die nicht lange nach mir suchen musste, mich entdeckte, kaum dass ich aufgestanden war, woraufhin sie sich langsam um die eigene Achse drehte – wieder schwirrten die Bots wild umher – und dann behŠbig auf mich zukroch. Ich drŸckte einen Knopf an der Innenseite meines linken Armes, das FunkgerŠt in meinem Kšrper wurde aktiviert und ich rief mehrmals laut um Hilfe, aber es kam keine Antwort, nur ein paar merkwŸrdige GerŠusche drangen zu mir, ein Fiepen und Blubbern, das auch nicht aufhšrte, als ich den Arm ein wenig anhob, dem hŠmmernden Protest meiner Schulter zum Trotz – ein klŠglicher Versuch, meinen Arm als Antenne zu benutzen, um den Empfang zu verbessern: lŠcherlich; das Fiepen und Blubbern verstŠrkte sich nur.

Mein Widersacher rŸckte nŠher. Einem Moment lang stand ich mit erhobenem Arm vor ihm, um mich eine weite freie FlŠche, meine Augen begannen zu trŠnen, dann gab ich auf: Meine Beine knickten ein, mein Kšrper krampfte zusammen, ich fiel und schlug mit letzter Kraft meine geballte Faust auf den Boden – es prasselte. Es prasselte. Zum Teufel – was prasselte da?

SchwerfŠllig hob ich meinen Kopf: Die Stadt zerfiel. Die Kreatur sank ein, Bots bršckelten von ihren Armen, rieselten herab und bildeten kleine leblose Haufen auf der Erde. Ich kniete mich hin, blickte verwundert um mich: Kein GebŠude stand mehr; silbern glitzernde HŸgelketten erstreckten sich Ÿber das Tal.

Erst als ich die HŠnde vor mein Gesicht legen wollte, tat sich etwas: Die HŸgel wuchsen, wurden dafŸr aber weniger. Ich senkte die Arme wieder – die HŸgel fielen ein. Ich schwenkte den linken Arm zur Seite – die HŸgel verschoben sich. Mir schauderte. Dann lachte ich auf; ohne zu begreifen; nur mit einer Ahnung. Ich spŸrte eine unglaubliche Macht.