FŸchtige Gedanken

 

Der Tod, sagt man, klŠrt den Verstand, und Bu§e lŠutert die Seele. Meine Bu§e zertrŸmmert meinen Verstand und der Tod ist der Fluchthelfer meiner Seele.

Hengstridge und SchŠfers haben es geschafft. Sie sind ihm entkommen.

ÈDas werden meine MeisterstŸcke, ShepherdÇ, hallte seine Stimme durch das Schiff.

Zwei Tage hat er mit ihnen gearbeitet, dann konnten sie endgŸltig fliehen. Vor seinen Augen und mit seiner Hilfe.

Er hat geschrieen. Sein Schrei klammerte sich an meine Seele und ri§ daran. Zorn war in diesem Schrei und Wahnsinn. Und eiskalter Hass. Dann war es still. Carsters und ich erlebten einen wundervollen irrationalen Moment der Hoffnung.

Dann kam er Ÿber uns.

Manchmal leuchtet noch so etwas wie Leben in Casters Augen. Immer dann, wenn ich ihn fŸttere.

An sein Sabbern habe ich mich gewšhnt.

Ich schlich nachts an sein Bett und hob den Arm mit dem Messer ... Manchmal glaube ich, das GefŸhl kehrt wieder in den Arm zurŸck, doch ich kann mich auch tŠuschen. Er lЧt nicht zu, dass ich Carsters zur Flucht verhelfe.

Verfluchte Sensoren. Seine Augen sind Ÿberall. Jeder Quadratmeter wird belauscht. Selbst mein Herzschlag gehšrt mir nicht mehr alleine.

Es gibt keine Messer mehr.

 

Ich schreibe alles auf, damit ich mich spŠter daran erinnern kann. Wann spŠter auch sein wird. Wenn ein SpŠter existiert. Wenn mein Ich dann noch existiere. Ich tue es nachts, mit dem Kšrper zur Wand. Die Sensoren kšnnen es nicht erfassen, sonst hŠtte er mich schon bestraft. HŠtte dafŸr gesorgt, dass ich nicht mehr schreiben kann. Immer wenn er ruft , oder unvermittelt herein kommt, verstecke ich meine Aufzeichnungen unter der zerlumpten Decke, die mein Bett ist. Wenn ich noch genug GefŸhl in mir hŠtte, wŸrde ich ihn hassen. Doch die Angst hat alle GefŸhle erodiert. Ich sehne mich danach, dass es endlich endet.

Seit gestern hšre ich Demiones nicht mehr. Wenn er tot ist, beneide ich ihn. Einsamkeit sickert wie eine dunkle kalte FlŸssigkeit in meinen Verstand. Ihre KŠlte lŠsst mich zittern.

 

ÈWas machst du da, Shepherd?Ç

Seine Stimme! Gerade leise genug, dass ich nicht taub werde, gerade laut genug, dass es unglaublich schmerzt. Ich schŸtze meine Schriftgedanken mit meiner Decke.

ÈLass mich in Ruhe! Oder bring es endlich hinter dich!Ç schreie ich, hilflos wie ein Kind.

ÈWarum, Shepherd? Du bist mein Lieblingsspielzeug. Warum sollte ich dich zerbrechen?Ç

Sein Lachen reibt Ÿber meinen Verstand wie grobes Schmirgelpapier.

ÈIch habe eine Aufgabe fŸr dich. Geh ins Labor.Ç

 

Meine Schrift ist zittrig, obwohl der Weinkrampf schon vor Stunden nachgelassen hat. Demiones lebt noch. Als ich das Labor betrat, starrte er mich mit riesigen Augen an. Sie sa§en noch einigerma§en an den richtigen Stellen. Verstehen brannte darin, hei§ und hell, und verzehrte langsam seinen Verstand. Die Manipulatoren haben ganze Arbeit geleistet. Kein Wunder, dass es so lange gedauert hat. Wenn er wenigstens eine BetŠubung benutzt hŠtte.

Ich brach schluchzend zusammen und flehte um Erlšsung. FŸr Demiones. Und fŸr mich. Demiones war der letzte, mit dem ich hatte reden kšnnen. Unser Peiniger hat einen perversen Sinn fŸr Humor. Die falschen Lippen in Demoines« Gesicht sahen fast echt aus. Ich habe ihn seit Stunden nicht mehr gesehen. Vielleicht konnte er entkommen. Aber dann hŠtte ich seine Leiche finden mŸssen.

 

Ich habe geschlafen. Wie lange? Es spielt keine Rolle. Zeit ist bedeutungslos geworden. Ich habe getrŠumt. Von daheim. Die Terrasse hinter dem Haus. Es war Sommer, die Luft war warm und angefŸllt mit dem Duft der Felder jenseits der Gartenmauer. Maureen war bei mir. Ich schmeckte Eistee auf meinen Lippen. Wer gesagt hat, Sehnsucht kann tšten, war ein gottverdammter LŸgner.

Warum habe ich geschlafen? Was ist passiert? Hat er etwas mit mir gemacht? Was hat er mit mir gemacht?

Der Traum war grauenhaft. Er hat mich daran erinnert, was ich alles verloren habe. Das hat unser DŠmon getan. Er hat mich das trŠumen lassen, um mich zu quŠlen. Das ist alles, was er kann. Uns zu quŠlen und zu erniedrigen.

ÈDu gottverdammtes Schwein. Lass uns endlich sterben!Ç schreie ich ihn an.

ÈAber Shepherd, warum die Aufregung? Dir geht es doch gut. Du hast Nahrung, ein Dach Ÿber dem Kopf, Unterhaltung. Was willst Du mehr? Oder langweilt dich unser kleines Spiel? Soll ich es ... interessanter machen?Ç

Die allgegenwŠrtige Angst greift mit ihren kalten, klammen Fingern in meinen Bauch und zerrt an meinem Magen. Ich gebe ihr nach, krŸmme mich zusammen, kauere am Boden. Sein GelŠchter vibriert in meinen Knochen und schŸttelt mein Gehirn. Warum werde ich nicht endlich wahnsinnig?

 

Ich habe eine geheimen Ort gefunden. Nur ich wei§, wo er ist. Ich habe ihn durch Zufall entdeckt, als ich Demiones gesucht habe. Hinter einer Wand in der KombŸse verlŠuft ein schmaler Wartungsschacht . Zu klein fŸr ihn. Es gibt dort keine Sensoren. Er kann mich nicht mehr sehen oder spŸren. Durch das ganze Schiff hat er gebrŸllt deswegen. Er ist ma§los in seinem Zorn. Ich hoffe, Demiones und Casters haben nicht lange leiden mŸssen. Nahrung und Wasser gibt es hier nicht, nur Frieden. Jetzt kann ich ihm endlich sein Spielzeug wegnehmen.

 

ÈKomm heraus, mein kleiner Affe, ich finde dich ja doch. Komm, putt, putt.Ç

Sein Lachen dršhnt betŠubend laut. Alles schwingt, wie im Inneren einer Glocke.

ÈKomm schon, du kannst dich nicht ewig verstecken. Oder soll ich ein bisschen mit der Luft spielen?Ç

So leicht wirst du es mir nicht machen, nicht wahr? Du wirst die Luft nur soweit verdŸnnen, dass die Schmerzen mich zum Schreien bringen. Damit du mich finden kannst.

ÈKomm her! Oder soll ich mit Carsters spielen? Der ist so langweilig. Er redet nicht mit mir. Aber wenn du nicht mit mir spielen willst ...Ç

ÈVerzeih mirÇ, schluchze ich in meinen €rmel. Ich hoffe, du bist entkommen und hast nur deinen Kšrper zurŸckgelassen.

Kann ein Verstand Selbstmord begehen?

 

ÈShepherd, mach mich nicht wŸtend. Ich bin noch nicht fertig mit dir. Ich wei§ jetzt, was ich bei den Anderen falsch gemacht habe. Bei dir werde ich die Fehler nicht wiederholen. Also komm, lass ins Gott spielen.Ç

Er wird mich nie in Ruhe lassen, dazu hasst er mich zu sehr. Hass ist sein Herzschrittmacher. Ohne ein Ziel fŸr seinen Hass wird er sterben.

TrŠnen rinnen Ÿber meine runzeligen Wangen, als ich mein Gesicht in der spiegelnden Wand sehe. Ich wŸnschte, "Affe" wŠre nur eine Beschimpfung.

 

ÈIch werde dich schon noch finden, Shepherd. Du kannst dich nicht ewig verstecken. Kannst du dich noch an Essen erinnern? Ich habe Essen hier fŸr dich. Der Tisch ist bereitet. Sieh und schmecke, wie freundlich ich bin.Ç

Er kontrolliert alles. Licht, Luft, Nahrung. Genug, um nicht zu sterben. Mehr nicht. Wann habe ich das letzte Mal wirklich gegessen?

Ich kann mich nicht erinnern.

Oh Gott. Ich kann mich nicht mehr erinnern!

 

ÈWarum kommst du nicht zum Essen? Riecht es nicht kšstlich? Ich dachte, du magst DemionesÇ

Nein! Selbst er kann nicht so grausam sein.

ÈKOMM ENDLICH RAUS!Ç

Er rei§t das Schiff auseinander, um mich zu finden. Was soll ich nur tun?

ÈDu und deine Freunde haben mir mein Leben weggenommen. DafŸr schuldet ihr mir alles. Also komm endlich spielen.Ç

 

Wir hŠtten ihm keinen autarken Kšrper geben dŸrfen. Das Schiff wŠre genug gewesen. Man stelle sich vor: Ein Mensch mit der Macht eines niederen Gottes. Muskeln aus dem Sternenfeuer selbst, die ihn durch den Raum treiben. Augen so scharf, das sie alles durchdringen kšnnen. Ohren so empfindlich, dass sie den Gesang des Kosmos hšren kšnnen. Was bedeutet es da schon, diesen schwŠchlichen Haufen Proteine aufzugeben, den man gemeinhin Kšrper nennt? Doch er wurde undankbar und wandte sich gegen uns, seine Schšpfer. Die Macht, die wir gaben, sie hat seinen Verstand vergiftet.

 

ÈIch werde das Schiff Zentimeter fŸr Zentimeter auseinander nehmen, Shepherd. Hšrst du? Ich werde dich finden. Und dann werde ich Gott an dir spielen. So wie ihr Gott bei mir gespielt habt. Mein Gehirn juckt , aber ich kann mich nicht kratzen. Ihr habt mir meinen Kšrper genommen und mich in diesen Stahlsarg eingesperrt. DafŸr werdet ihr bezahlen. Ihr wolltet einen neuen Adam, doch ihr habt einen neuen Luzifer erschaffen. Und meine und eure Hšlle ist real.Ç

 

Hoffnung sitzt wie ein Parasit in meinem Denken. Sie hŠlt mich am Leben, damit sie einen Wirtskšrper hat. ÈEs wird Rettung kommenÇ, flŸstert sie mir ein.

Sie lŸgt. Es gibt keine Rettung. Nur noch Erlšsung.

 

ÈIhr dachtet, ihr hŠttet ein Wunder vollbracht. Ihr dachtet, ihr hŠttet ein neues, ŸbermŠchtiges Wesen geschaffen. Ihr habt die Hšlle Ÿber mich gebracht, Shepherd. Ich kann nicht schlafen, ich kann meine Augen nicht mehr schlie§en. Ich sehe alles. Ich hšre alles. Ich spŸre alles. Ich hasse euch, hšrst du? Nicht einmal vergessen kann ich. Selbst diese Erleichterung habt ihr mir genommen. Ich will sterben, aber ihr habt mich unzerstšrbar gemacht. Diese letzte Gnade ist mir auf ewig verwehrt. Komm heraus, damit ich dich bestrafen kann, so wie du es verdienst!Ç

 

Wir hŠtten keinen x-beliebigen Spender nehmen dŸrfen, das ist mir jetzt klar. Wir hŠtten ihn sorgfŠltig auswŠhlen und vorbereiten mŸssen. Wir haben uns auf Demiones« Theorie verlassen. Er hatte uns garantiert, dass die Lšschung des Spenders perfekt sei. Das Gehirn ist immer noch die komplizierteste Maschine im bekannten Universum. Von ihrem VerstŠndnis sind wir so weit entfernt wie ein Cro Magnon vom VerstŠndnis des Feuers. Die Lšschung hat versagt. Wir haben versagt.

 

ÈRiechst du das, Shepherd? Die Exkremente? Die verfaulte Nahrung? Deine Angst? So riecht ein Zoo. Mein Zoo. Und du bist die Hauptattraktion. Der erste sprechende Affe. Mehr bist du nicht. Ein sprechender Affe. Ich werde dich Ugh-Ugh nennen. Hšrst du, Ugh-Ugh?Ç

 

Er kommt nŠher.

Die Angst ist wieder da. Sie hatte sich nur kurz versteckt, um sich jetzt wieder an mich zu schmiegen. Er ist in der KombŸse. WŠhrend ich schreibe, macht er sich an der Wand meines Versteckes zu schaffen. Wie besessen schreibe ich weiter. Wenn ich aufhšre zu schreiben, wird er mich holen, das wei§ ich. Er wird mich niemals in Ruhe lassen. Er hasst mich. Dabei habe ich ihn geschaffen. Ich habe ihm Macht gegeben. Ich habe ihm neue Augen und Ohren gegeben, besser als alle menschlichen Augen und Ohren. Warum hasst er mich, statt mir zu danken?

Eine stŠhlerne Hand bricht durch die Wand. Sie zerrei§t, was mich von der Hšlle trennt.

ÈZeit zu spielen, Ugh-Ugh.Ç