Zooleben
Graue Nebelschwaden umhŸllen meine Gedanken. Geschlossen sind die Augen. Was ist geschehen? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Warum liege ich hier? Eben noch stand ich auf dem GerŸst und war fast fertig mit meiner Malerarbeit gewesen.
Langsam lichtet sich der Dunst, doch noch liegt das gnŠdige Vergessen Ÿber der Wahrheit.
Der Boden unter mir fŸhlt sich hart und glatt an. Stein? Beton? Ich vermag es nicht zu sagen.
Wie bin ich hierher gekommen? Wo bin ich?
Nur schwer schaffe ich es, ein Augenlid zu heben. Grelles Licht dringt in meine Pupille ein und lŠsst einen Schmerz in meinem Kopf explodieren. Rasch schlie§e ich sie und Dunkelheit umgibt mich. Die Marter lŠsst nach. Warte noch einen Moment. Dann versuche ich erneut, die Augen zu šffnen. Langsam und vorsichtig.
Dieses Mal gelingt es mir. Die Helligkeit schmerzt Sekunden lang, lŠsst mich aber meine Umgebung erkennen.
In meinen Arbeitssachen liege ich auf einer Betonplatte.
Jede Bewegung berechnend versuche ich mich aufzurappeln. Schlie§lich sitze ich und schaue mich genauer um.
Ich befinde mich in einem Zimmer, das komplett eingerichtet ist. Zwar nicht mein Stil, viel zu unmodern, aber vollkommen in Ordnung.
In einer Ecke steht ein altmodischer Sessel, davor ein noch Šlterer Fernseher. Der KŸhlschrank direkt daneben und nicht zu vergessen: das Toilettenbecken.
Die WŠnde sind aus Glas. Ich kann hinaus blicken, sehe aber
niemanden. Ich mšchte das Zimmer verlassen, erkennen, wo ich bin, denn fremd und zugleich seltsam vertraut kommt mir hier alles vor.
Schweifenden Blickes bemerke ich, dass es keine TŸr gibt!
Das kann es nicht geben! Hastig beginne ich, in dem Raum auf und ab zu laufen. TatsŠchlich – kein Ausgang!
Vielleicht ist irgendwo ein Mechanismus versteckt?
Eiligen Schrittes trete ich an eine der WŠnde heran. Mšglicherweise kann ich den Ausgang ertasten?
Vorsichtig strecke ich die Arme aus. Noch wenige Zentimeter trennen meine Fingerspitzen und die Wand - dann berŸhre ich das Glas.
Ein qualvolles Kribbeln durchzieht meine Gliedma§en, den Kšrper und lŠsst mein Herz fŸr einen Moment krŠftiger schlagen.
Strom!
Dieser verdammte Raum steht unter Strom!
Trotz der schmerzhaften Erkenntnis will ich nicht aufgeben. Gehe zu einer anderen Wand, probiere es erneut. Wieder zuckt es und lŠsst mein Blut beinahe kochen. Dieses Mal zwingt es mich in die Knie.
Benommen bleibe ich einen Moment liegen.
Als ich zu mir komme, bohren Fragen in meinem Kopf:
Wo bin ich? Wie kam ich in diesen Raum? Es muss doch irgendwo einen Ausgang geben!
Zitternd erhebe ich mich, nehme in dem Sessel Platz und
erkunde meine Umgebung mit Blicken.
Die Au§enwelt erscheint mir seltsam. †berall erkenne ich, inmitten eines WŠldchens, weitere GlasrŠume. Allesamt von
meinem abgetrennt.
Eine Bewegung wird von meinen Augen wahr genommen.
Jemand liegt am Boden und rappelt sich auf!
Ich trete an die Scheibe heran, diese Mal mit respektvollem Abstand.
Warum das Glas Strom leitet, verstehe ich nicht. Es ist mir auch egal.
Meine Aufmerksamkeit ist auf diese Stelle gerichtet - ein Mensch!
Eindeutig ein Mensch, der da durch einen dieser RŠume stolpert! Ich kenne ihn zwar nicht, freue mich aber, ein lebendes Wesen zu sehen.
Ich rufe nach ihm, schreie, so laut es meine StimmbŠnder vermšgen. Eine Antwort erhalte ich nicht.
Gemurmel ist zu vernehmen. Ich schaue mich um und sehe noch mehr Personen. Jeder fŸr sich eingesperrt in einem glŠsernen KŠfig.
Einander schauen wir uns an und kšnnen doch nicht begreifen, was mit uns geschieht. Wir kšnnen nur warten.
Ein lautes Knurren erinnert mich daran, dass ich wahrscheinlich seit Stunden nichts mehr gegessen habe.
Die Distanz zum KŸhlschrank lege ich mit drei Schritten hinter mich. Der Raum ist kleiner, als ich zuvor dachte.
Meine Augen leuchten auf, als ich den Inhalt erblicke.
Schweinebraten, Sauerkraut, Bier É alles was sich das Herz eines schwer arbeitenden Mannes wŸnscht.
Zum Sitzen nehme ich mir keine Zeit, sondern schlinge alles noch vor dem KŸhler in mich hinein.
Lecker!
Aus Angst, etwas zu verpassen, lasse ich das Geschirr unachtsam fallen, als ich GerŠusche vernehme. Es sind fremde Stimmen, die ich nie gehšrt hatte.
Auch bei den Anderen breitet sich Unruhe aus. Ich kann es von hier aus genau sehen. Wie gehetzte Tiere laufen sie an den WŠnden entlang - auf und ab.
Ich mag meinen Augen nicht trauen, als die Geschšpfe vor mir auftauchen.
Menschengro§e Katzen laufen aufrecht! Zwei StŸck sind es, die Eimer und Besen tragen.
ãWie weit sind die Futter- Menschen?Ò, fragt die Goldgetigerte die Schwarze.
ãNa, noch sind sie recht mager. Aber bald werden sie fett genug sein. So lang sind sie ja noch nicht hier. Noch zwei, drei Umdrehungen, dann sind sie soweit. Ach, was sind Menschen dumm.Ò
TrŠume ich? Verstohlen putze ich meine Ohren.
Nein, sie reden wirklich!
Eine von ihnen kommt auf meinen Raum zu, die Andere lŠuft weiter.
Ohne von einem Schlag gebeutelt zu werden, tritt die getigerte Katze durch das Glas und steht vor mir.
ãGuten MorgenÒ, meint sie und macht sich dann daran, meine Toilette zu putzen und den Raum auszufegen.
Einige Augenblicke stehe ich stumm daneben, doch dann fasse ich mir ein Herz.
ãGuten MorgenÒ, erwidere ich. ãKšnnen Sie mir sagen, wo ich
hier gelandet bin?Ò
Ohne sich umzudrehen antwortet sie: ãDu bist hier auf Tierotopia.Ò
Neugierig hŸpfe ich von einem Bei auf das Andere. ãWas ist Tierotopia?Ò
ãEine Welt, die der euren Šhnelt. Mit der Ausnahme, dass hier die Menschen in KŠfigen gehalten werden und die Tiere frei sind.Ò
ãDas versteh ich nicht. Wie komme ich hier her?Ò
ãDas braucht dich nicht zu interessieren, Menschenpack. †berhaupt wirst du nur noch zu Einem gut sein: Friss und wachse, dass ist alles, was wir von dir verlangen.Ò
Damit verlŠsst das Wesen meine Behausung. Ich will hinterher, vielleicht schaffe ich es, mit ihr zu fliehen. Anlauf genommen und schon pralle ich auf das Glas. Ein erneuter Stromschlag durchfŠhrt meinen Kšrper. Dieses Mal senkt sich die Dunkelheit Ÿber mich.
Wie lang ich auf dem harten Boden gelegen habe, wei§ ich nicht. Jeder Knochen im Leibe schmerzt.
Mit meiner Hand beschatte ich die Augen. Es ist noch heller geworden.
Die Katzen- Wesen sind verschwunden. Mein Blick wandert zum Himmel.
Drei Sonnen stehen direkt Ÿber uns. Drei Sonnen, die ihre unbarmherzige Hitze auf uns Gefangenen hernieder senden.
Wind kommt auf, kein Hauch dringt hier hinein. Keine KŸhle, die fŸr einen Moment Linderung verschafft.
Ich erkenne es nur daran, dass sich die BlŠtter der BŠume wiegen.
Eine einzelne Sturmbše erfasst etwas am Boden Liegendes. Das Blatt wird gegen meinen KŠfig gedrŸckt, dass ich es lesen kann:
Menschenzoo –
Treten Sie ein und bestaunen Sie:
Penner – Arbeiter – Studierte – Politiker.
Faszination pur!
TŠglich 43 Uhr und 61 Uhr – PolitikerfŸtterung.
Penner und Arbeiter finden hier ihren Weg –
in die MŠgen der hšheren Menschengattung!
Treten Sie ein und erleben Sie einen unvergesslichen Tag!