Bestimmung H01062064
ãMorgen, Lassak! Nicht aus dem Bett gekommen heute, wie?Ò Jeremy Zeuner zwinkerte anzŸglich. ãWar wohl zu warm und kuschelig, hahaha.Ò
ãGuten Morgen, JeremyÒ, grŸ§te Kolja. ãIch wei§ nicht, was du meinst. Es ist Punkt halb neun, wie jeden Morgen, wenn ich ins BŸro komme. Aber - was machst du eigentlich so frŸh schon hier? Hat Mia dich aus dem Bett geschmissen, weil du wieder so laut geschnarcht hast, dass die Nachbarn sich beschwert haben?Ò
Mit hochrotem Kopf drehte Jeremy sich um, und stapfte zu seinem Arbeitsplatz.
Kolja Lassak setzte sich und hielt seine rechte Hand vor den Computerbildschirm. Sofort erwachte dieser zum Leben: ãGuten Morgen, Herr Lassak. Sie haben heute keine Termine.Ò
ãDanke, Lisa.Ò Kolja šffnete verschiedene Dateien und war kurze Zeit spŠter in seine Arbeit vertieft.
ãHey, Kolja! Kommst du mit essen oder hast du heute andere PlŠne?Ò
Kolja schreckte hoch. ãWas? Wie spŠt ist es denn?Ò
Lidia Rauscher lachte und schŸttelte den Kopf. ãSag mal, Kolja, was ist denn mit dir los? Keinen Hunger heute? Sonst bist du doch immer der Erste, der um Punkt eins aufsteht und zum Mittagessen trommelt.Ò Sie zwinkerte Kolja zu. ãIch wei§ ja, wie es ist, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat ... Aber es ist bereits Viertel nach eins und mein Magen knurrt. Also was ist nun, kommst du mit?Ò
ãJa, klar, sicher.Ò Kolja stand auf und folgte Lidia durch das Gro§raumbŸro im achtundzwanzigsten Stock.
Gemeinsam betraten sie die Kantine eine Etage hšher und vertieften sich in die Essensauswahl. Mit beladenen Tabletts gingen sie zur Kasse und drŸckten, nachdem die Kassiererin ihr Essen gescannt hatte, den Daumen auf den dafŸr vorgesehen Punkt, um zu zahlen.
ãAlso, Kolja, raus mit der Sprache.Ò Sie hatten einen freien Tisch gefunden und Lidia schob sich eine Nudel in den Mund, wŠhrend sie Kolja erwartungsvoll ansah.
ãWas meinst du?Ò Kolja lie§ die Gabel sinken.
ãAch komm schon, Kolja. Ich binÕs, Lidia – mir kannst du alles sagen. Das wei§t du doch.Ò
Kolja seufzte. ãJa, klar wei§ ich das. Aber ich hab ehrlich gesagt keine Lust darŸber zu reden, Lidia. Ehrlich nicht.Ò Erstaunlich, wie schnell sich solche Neuigkeiten verbreiteten. Er selbst hatte es noch nicht richtig begriffen, da wusste es schon die ganze Stadt. Das Kommunikationssystem funktionierte hervorragend – zu hervorragend fŸr Koljas Geschmack.
ãNa schšn, wenn du nicht willst, dann lass es eben.Ò Lidia zog einen Flunsch und griff nach ihrem GetrŠnk, Ÿberlegte es sich wohl anders und sprang von ihrem Stuhl auf. Das Wasser schwappte Ÿber ihre Hand und sie knallte das Glas wieder auf den Tisch zurŸck. Grummelnd schnappte sie sich ihre Tasche und rauschte davon.
Kolja stšhnte und legte sein Besteck beiseite. Der Appetit war ihm grŸndlich vergangen. Warum war Lidia jetzt sauer auf ihn? Konnte sie nicht verstehen, dass er erst mal selbst damit klarkommen musste? Immerhin handelte es sich hier um extreme VerŠnderungen. Er musste spŠter unbedingt nochmal mit ihr reden.
Doch dazu sollte er keine Gelegenheit mehr bekommen. Kaum war er wieder im BŸro, musste er in ein Meeting, das sein Chef kurzfristig angesetzt hatte. Bis er schlie§lich an seinen Arbeitsplatz zurŸckkam, war es bereits Feierabend und Lidia schon weg. Gleich morgen frŸh, nahm er sich vor, wŸrde er mit ihr sprechen.
Er betrat den Hochgeschwindigkeitsaufzug und stieg Sekunden spŠter im Erdgescho§ wieder aus. Seufzend ging er auf die ScannertŸren zu, durch die man seit ein paar Monaten das GebŠude betreten und verlassen musste. Jedesmal, wenn der Lichtstrahl Ÿber seinen Kšrper tastete und ihn bis auf die Knochen durchleuchtete, fŸhlte er sich nackt und gedemŸtigt - nicht einmal sein Kšrper gehšrte nur ihm allein.
In Gedanken versunken schlurfte er zur Shuttle-Station. Sein Shuttle stand schon bereit und wŸrde jeden Augenblick mit einem leisen ãWuschÒ die TŸren schlie§en und sanft durch die Stra§en gleiten. Kurz Ÿberlegte er, einfach nicht einzusteigen, doch frŸher oder spŠter musste er wieder nach Hause, auch wenn es nicht mehr das zu Hause von gestern war.
ãHallo, MikaÒ, sagte Kolja und lie§ sich auf seinen Stammplatz hinter dem ShuttlefŸhrer fallen. ãSchšnes Wetter heute, nicht wahr?Ò
ãJa, soll aber noch regnenÒ, gab dieser zurŸck.
ãSchon wieder?Ò, stšhnte Kolja. ãHat doch in letzter Zeit genug geregnet.Ò
ãDa haben Sie recht. Das verdirbt einem richtig die Lust auf einen romantischen Abendspaziergang im Park. Finden Sie nicht, Kolja?Ò Mika warf Kolja im RŸckspiegel einen verschwšrerischen Blick zu.
ãWenn Sie das sagen, Mika, dann wirdÕs schon stimmen.Ò Kolja holte seinen Kommunikator aus der Tasche und gab vor, die Tagesnachrichten zu lesen, damit Mika nicht weiter mit ihm redete.
Endlich stoppte der Shuttle. Kolja sprang praktisch aus der TŸr und eilte nach Hause. Dort musste er sich wenigstens keine dummen SprŸche anhšren.
ãNa, Herr Lassak, Sie haben es aber eilig heuteÒ, rief Frau Wulftange aus ihrem Wohnzimmerfenster und grinste. ãPassen Sie blo§ auf, dass Sie nicht stolpern und sich verletzen. Obwohl, jetzt gibt es ja jemanden, der sie dann pflegen kann.Ò
ãWas soll das?Ò, rief Kolja aufgebracht. ãMachen Sie sich Ÿber mich lustig?Ò
ãAber nicht doch, Herr Lassak.Ò Die Augen der alten Dame fŸllten sich mit TrŠnen. ãSo etwas wŸrde ich doch nie tun, das wissen Sie doch.Ò
ãEntschuldigen Sie bitte, Frau Wulftange. Das war nicht so gemeint.Ò
Warum lassen die mich nicht einfach alle in Ruhe, murmelte er, wŠhrend er sein Auge vor den Erkennungsscanner hielt, um seine WohnungstŸr zu šffnen.
Schon im Flur wehte ihm ein kšstlicher Duft entgegen. Er folgte der Mischung aus GewŸrz- und KrŠuteraromen bis zur KŸche. Dort blieb er stehen und traute seinen Augen kaum.
Der Tisch war fŸr zwei Personen gedeckt - mit Blumen, Kerzen, Stoffservietten, WeinglŠsern und schšnem Geschirr - das alles keinesfalls aus seinem Schrank stammte. Das hŠtte er gewusst. Doch am meisten verblŸffte ihn Milena, die am Herd stand und sich nun zu ihm umdrehte. Dies war ein ungewohntes Bild fŸr ihn.
ãHallo, Kolja, da bist du ja schonÒ, rief sie eine Spur zu laut. ãDas Essen ist noch nicht ganz fertig. Ich wusste nicht genau, wann du nach Hause kommst.Ò
ãSchon okayÒ, sagte Kolja und starrte Milena an. ãIch bin es eh nicht gewohnt, abends warm zu essen.Ò
ãOh, das wusste ich nicht.Ò Ihre Wangen fingen an zu glŸhen, und Kolja bekam sofort ein schlechtes Gewissen.
ãDas ist schon okayÒ, warf er ein. ãAu§erdem riecht es so kšstlich, dass mein Magen bereits zu knurren anfŠngt.Ò
ãSchšn! In ein paar Minuten kšnnen wir essen.Ò Ein unsicheres LŠcheln zog Ÿber ihr Gesicht und sie wandte sich wieder dem Herd zu.
Lassak beobachtete sie einen Moment und dachte, vielleicht hatte er es gar nicht so schlecht getroffen. Dann drehte er sich um, ging ins Wohnzimmer und lie§ sich in seinen Fernsehsessel fallen. Sofort schaltete sich der Fernseher ein. Lassak starrte auf die Nachrichten, doch sein Blick ging ins Leere und seine Gedanken zum gestrigen Abend.
Die TŸrklingel hatte geschrillt und Kolja erstaunt zur Uhr geschaut – es war schon nach acht gewesen. Wer konnte das denn um diese Zeit noch sein? Langsam erhob er sich und ging zur WohnungstŸr. Gerade als er durch den Spion sehen wollte, hŠmmerte es gegen die TŸr und er fuhr erschrocken zusammen.
ãLassak, šffnen Sie die TŸr. Wir wissen, dass Sie zu Hause sind.Ò
WŠhrend Kolja Ÿberlegte, woher sie das wussten, machte er die TŸr auf und sah sich zwei Uniformierten gegenŸber, die sich als Chiefs der Personenverwaltung auswiesen.
ãJa, bitte?Ò, fragte er.
ãLassak, es nutzt Ihnen nichts, wenn Sie die TŸr nicht šffnen. Wir von der Personenverwaltung wissen alles, auch ob Sie zu Hause sind oder nicht. Sie kšnnen sich vor Ihren Pflichten nicht drŸcken.Ò Der Grš§ere der beiden, auf seinem Namensschild stand Gronow, stemmte die HŠnde in die HŸften; sein Kollege Markwa, tat es ihm gleich. Sie bauten sich breitbeinig und bedrohlich vor Kolja auf, der sich wie ein Schwerverbrecher vorkam.
ãAber, woher ÉÒ, setzte Kolja an, klappte den Mund aber sofort wieder zu. Die beiden blickten ihn so finster an, dass Kolja innerlich zusammenschrumpfte, wŠhrend sein Gehirn auf Hochtouren lief, um herauszufinden, was er angestellt hatte.
ãDŸrfen wir eintreten?Ò, fragte Markwa und schob Kolja im gleichen Moment zur Seite, um die Wohnung zu betreten – dicht gefolgt von Gronow. In diesem Augenblick entdeckte Kolja die Frau, die bisher durch die breiten RŸcken der Chiefs verdeckt gewesen war. Sie starrte auf ihre Schuhe und bewegte sich nicht. Kolja blickte von ihr zu den Chiefs, die immer weiter in seiner Wohnung verschwanden, und wieder zu ihr zurŸck.
ã€hm, wollen Sie auch reinkommen?Ò, fragte er, lie§ sie jedoch einfach stehen, als sie nicht antwortete. Er musste wissen, was die Uniformierten in seiner Wohnung zu suchen hatten. Er fand sie im Wohnzimmer, wo sie sich alles genau anschauten. Fehlte nur noch, dass sie die SchrŠnke šffneten.
ãViel Platz haben Sie ja nicht gerade, LassakÒ, meinte Gronow.
ãNun jaÒ, stammelte Kolja, ãfŸr mich reichtÕs. Ich brauche nicht viel Platz.Ò
ãAha!Ò Das Wort drang in Koljas Ohren und breitete sich in seinem Kopf zu einem langgezogenen Grollen aus.
ãWas meinen Sie mit âAhaÔ?Ò, fragte er vorsichtig und rieb sich die Ohren.
ãSie haben also nicht vor, sich an unsere Bestimmungen zu halten, Lassak?Ò Wieder donnerten die Worte in Koljas GehšrgŠnge und er betete, der Chief wŸrde leiser sprechen. Schlie§lich hatte er nichts verbrochen. Und wovon redete der Ÿberhaupt? Was fŸr Bestimmungen?
ã€hm, was ÉÒ, begann Kolja, stockte aber, als Markwa auf ihn zustŸrmte.
ãWarum haben Sie sich keine grš§ere Wohnung besorgt, Lassak?Ò, zischte dieser, als er unmittelbar vor Kolja stehenblieb. Gemeinsam mit seinen Worten feuerte er kleine Spucketršpfchen aus seinem Mund.
ãAber warum ÉÒ, wieder kam Kolja nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Warum mache ich mir eigentlich noch die MŸhe, dachte er, wŠhrend er sich die Spucke aus dem linken Auge rieb.
ãSie haben doch unser Schreiben erhalten. Oder nicht?Ò Markwa baute sich zu seiner vollen Grš§e auf und spuckte weiterhin in Koljas Auge. ãAntworten Sie gefŠlligst, Lassak!Ò
Kolja zuckte zusammen und stotterte: ãWelches ÉÒ
ãIn diesem Schreiben stand doch ausfŸhrlich alles beschrieben. Oder nicht?Ò
Kolja seufzte. Was wollten die blo§ von ihm? ãWelches ÉÒ, setzte er an.
ãNun ja, wie auch immer, Lassak. Sie kšnnen unsere Bestimmungen nicht umgehen.Ò Mit gro§en Schritten durchquerte Markwa den Raum. ãSie hatten lange genug Zeit, Ihre Situation zu Šndern. Da Sie in dieser Hinsicht nichts unternommen haben, haben wir das fŸr Sie erledigt.Ò
ãWas fŸr Bestimmungen denn?Ò Kolja schrie die Worte fast heraus, vor lauter Angst, wieder unterbrochen zu werden. Verzweifelt schaute er zwischen den Chiefs hin und her ãIch hab keine Ahnung, wovon Sie reden. Was wollen Sie hier? Was wollen Sie von mir? Was hab ich verbrochen?Ò
Gronow verlie§ das Wohnzimmer und kam Sekunden spŠter zurŸck – im Schlepptau die Frau, die Kolja vor der TŸr hatte stehen sehen.
ãWer ist das?Ò
ãDas, Lassak, ist Ihre Frau.Ò Gronow grinste spšttisch und sprach jedes Wort betont langsam und deutlich.
ãWas? Ich bin nicht verheiratet.Ò Auf Koljas Stirn bildeten sich Schwei§tršpfchen und sein Herz begann, heftig zu pochen. Mit zitternden HŠnden fuhr er sich durch die Haare. Nein, das konnte nicht sein – das war doch blo§ ein Scherz gewesen.
ãAha! Ich sehe, Sie erinnern sich wieder, Lassak. Das ist wunderbar, das erspart uns lange ErklŠrungen. Sie haben uns eh schon lange genug aufgehalten.Ò
ãWas? Ja É aber É ich dachte É das ist ein Scherz.Ò
ãWir von der Personenverwaltung scherzen nie, Lassak. Merken Sie sich das. Und schon gar nicht bei solch wichtigen Angelegenheiten.Ò
Koljas Herz raste und pumpte das Blut so schnell durch seinen Kšrper, dass es in seinen Ohren nur so rauschte. Wie durch einen Watteberg drangen die nŠchsten Worte an sein Ohr.
ãIhre Frau hei§t Milena, Milena Lassak, geborene HŠgele. Alles Weitere kann sie Ihnen selbst erzŠhlen. Wir mŸssen nun weiter, wir haben noch viel zu tun heute Abend.Ò
ãMomentÒ, rief Kolja, der aus seiner Erstarrung erwachte. ãEinen Moment noch, bitte.Ò
Gronow drehte sich zu ihm um, und blickte ihn ungehalten an. ãWas ist denn noch? Alles was Sie wissen mŸssen, steht in Bestimmung H01062064. Die hatten wir Ihnen als Anhang mitgeschickt. Dort kšnnen Sie alles nachlesen.Ò
ãBitte, nur eine Frage. Seit wann gibt es diese Bestimmung?Ò
ãSeit dem 01. Juni 2064.Ò Mit diesen Worten marschierten die Chiefs aus der Wohnung.
Kolja fŸhlte sich, als hŠtte ihm jemand den Boden unter den FŸ§en weggezogen. Taumelnd lie§ er sich in seinen Fernsehsessel fallen und fuhr sich mit der Hand Ÿber die Stirn. Dann sprang er auf und holte seinen Kommunikator. Hastig blŠtterte er alle Nachrichten durch, bis er die Richtige gefunden hatte:
ãÉ ist es unsere Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass, sollten Sie bis zu Ihrem drei§igsten Geburtstag nicht vermŠhlt sein, wir Ihnen eine Ehefrau an Ihre Seite stellen werden, mit der Sie den Rest Ihres Lebens ÉÒ
Kolja scrollte weiter, bis er das Datum der Mitteilung entdeckte: 03. Juni 2064. Da hatten die sich von der Personenverwaltung aber wirklich beeilt, dachte er. Warum passierte immer ihm so etwas?
ãWann hast du Geburtstag?Ò Sie sprach ganz leise, flŸsterte fast, doch Kolja zuckte zusammen, als hŠtte Milena ihn angeschrien. Er hatte fast vergessen, dass sie da war.
ãWas?Ò Er fuhr sich mit der Hand Ÿber die Augen. ãAm 04. Juli. Und du?Ò
ãAm 05. Juli – heute.Ò Mit hochrotem Kopf senkte sie den Blick zu Boden. ãWas machen wir denn jetzt?Ò
ãIch wei§ nicht. Aber was sollen wir schon machen? Gegen Bestimmungen ist man machtlos. Wenn die einmal festgelegt sind, gibt es kein Entrinnen mehr.Ò Kolja hatte tief geseufzt. ãAber diesmal waren sie wirklich schnell. Selbst wenn ich die Mitteilung ernst genommen hŠtte – wie hŠtte ich denn in vier Wochen eine Frau finden sollen?Ò