Aschenregen

 

Der Morgen war kaum weniger schwarz und trostlos als die Nacht. Dicke, ru§farbene Wolken bedeckten den Himmel, verschluckten jegliches Sonnenlicht und lie§en nicht mehr als eine diffuse Helligkeit an den Erboden heran. Ein bšiger Wind strich Ÿber die schlammige, mit kŸmmerlichen StrŠuchern bedeckte Ebene und brachte den Geruch von FŠulnis, Verwesung und Tod mit sich.

Michael zitterte. Er fror, obgleich es nach wie vor gut und gern drei§ig Grad haben mochte und die schwŸle Hitze selbst ohne seinem T-Shirt und der schŠbigen Leinenhose kaum zu ertragen gewesen wŠre. Das Fršsteln ergriff seinen gesamten Kšrper und er konnte sich blo§ mit grš§ter Willensanstrengung von dem Wunsch befreien, seine Waffe fallenzulassen und sich schluchzend zu einem HŠufchen Elend zusammenzurollen. Michael schloss fŸr einen Moment die Augen, presste die Lippen aufeinander und bemŸhte sich die eisige Empfindung in seinem Inneren zu verbannen. Es gelang ihm, wenn er auch das GefŸhl hatte, dass sich Verzweiflung und Furcht nicht lange wŸrden besŠnftigen lassen.

MŸhsam hob er den Kopf und blinzelte in den Himmel empor.

Mit dem Morgengrauen hatte es zu regnen begonnen. Es waren gro§e, grŠulich-trŸbe Tropfen, die sich klatschend mit dem braunen Morast verbanden und verzweigte, schimmernde Lachen bildeten. Der zŠhflŸssige Regen hatte Michaels Haare verklebt und war selbst durch seine imprŠgnierten MilitŠrstiefel gedrungen. Man hatte ihnen mitgeteilt, der Niederschlag sei giftig - verseucht mit Schwefel, Ammoniak und zahlreichen weiteren Substanzen. Dennoch war keiner von ihnen von seinem Platz gewichen. Allen war bewusst, dass sie die letzte Verteidigungslinie bildeten, sollten die Au§enposten und der um die Stadt gelegte Elektrozaun sie nicht lŠnger schŸtzen kšnnen.

Michael blickte auf seine Armbanduhr. Knapp fŸnfzehn Minuten bis zur Mittagspause. Und kaum drei Stunden bis zum Start der RaumfŠhre.

Stumm wischte er sich den mit Asche vermengten, kalten Schwei§ aus dem Gesicht. Er war mŸde, schlŠfrig wie ein BŠr im SpŠtherbst. Allein mithilfe der zahlreichen Koffeintabletten und Analeptika vermochte er sich auf den Beinen zu halten.

ãHast mal 'ne Zigarette?Ò

Michael wandte sich um. Dimitri hatte seinen Posten verlassen und war neben ihn getreten. Der Russe kŸmmerte sich nicht darum, dass er aufrecht stand und sein Kopf Ÿber die Kante des SchŸtzengrabens ragte. Nervšs befingerte er das metallene Kreuz an seiner Brust.

ãNeinÒ, gab Michael zurŸck. ãHatte ich noch nie.Ò

Dimitri nickte wissentlich und marschierte an seinen Posten zurŸck. Michael seufzte tief. Der Russe besuchte ihn mehrmals tŠglich - jedes Mal fragte er um eine Zigarette, jedes Mal gab ihm Michael die selbe Antwort. Es war beinahe zu einem Art Ritual geworden, das sich seit Wochen unablŠssig wiederholte. Michael glaubte nicht, dass es hier oder in der Stadt noch jemanden gab, der Zigaretten besa§.

Ein fernes Grollen nahm Michaels Aufmerksamkeit in Anspruch. Das GerŠusch mochte der Donner eines Gewitters sein oder aber die Explosion eines Sprengsatzes. Mit trŸben Augen musterte Michael das …dland jenseits des Zaunes. In einigen Kilometern Entfernung ragten die monumentalen †berreste der einstigen Millionenmetropole MŸnchen aus der Ebene. Michael fragte sich, wer Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts geahnt haben mochte, dass die Stadt in weniger als zwanzig Jahren entvšlkert und dem Verfall preisgegeben sein wŸrde. Und wer sich hŠtte vorstellen kšnnen, dass die Ursache hierfŸr nicht in einem Krieg zwischen Menschen zu suchen war.

Ein gellender Pfiff tšnte durch den Regen. Mit starrem Gesicht warf sich Michael das Maschinengewehr Ÿber die Schulter und wankte auf die einige Dutzend Schritte entfernte Baracke zu, die sich direkt vor den mŠchtigen Mauern der aus gedrungenen Betonklštzen gebildeten Stadt befand. Dimitri trat an seine Seite, gefolgt von Peter und schlie§lich Andreas. Die Vier trotteten durch den Eingang in das Zelt, nahmen sich je einen Kunststoffteller mit zwei Schšpflšffeln altem, braunem Eintopf und lie§en sich auf einem der SitzbŠnke nieder.

Die Mahlzeit verlief schweigend, auch an den umliegenden Tischen wurde kein Wort gesprochen. Erst nach einigen Minuten kamen halblaute, stockende GesprŠche in Gang.

ãWann hast du das letzte Mal die Sonne gesehen?Ò, flŸsterte Dimitri an Peter gewandt.

ãDie Sonne?Ò Peter Ÿberlegte und bemŸhte sich dabei vergeblich seine gesprungene Brille mit seinem schmutztriefenden HemdsŠrmel zu sŠubern. ãDas war letzte Woche, kurz vor meiner Wachablšse. Sie ist dort hinter dem HŸgel ...Ò

ãLass den Schei§Ò, fuhr Andreas dazwischen. ãDu hast die Sonne nicht gesehen!Ò

ãDoch, ich bin mir sicher. Sie muss min...Ò

ãHaltÔs Maul!Ò Andreas spuckte verŠrgert in den Schlamm. ãSeit mehr als zwei Monaten hat niemand mehr die Sonne zu Gesicht bekommen.Ò

Betretenes Schweigen kroch Ÿber sie hinweg und hinterlie§ einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

ãIch habe gehšrt, dass die letzte Verbindung nach Amerika abgebrochen istÒ, sagte Peter leise.

ãJa.Ò Dimitri nickte zustimmend. ãNach Russland auch.Ò

Ein, zwei Minuten verstrichen.

ãDie …sterreicher senden nochÒ, warf Michael ein. ãUnd eine Zelle in England.Ò

ãDie …sis scheren mich einen Dreck.Ò Andreas schnippte einen Erdbrocken von der Tischplatte. ãWir sind so schon zu viele.Ò

ãAngeblich haben sie ein Heilmittel gegen die SeucheÒ, gab Peter zu bedenken.

ãDas hat man von den Amis auch behauptet.Ò

Schweigen.

ãDie Antarktis soll inzwischen einer grŸnen Wiese gleichen. Alles voller Blumen.Ò

ãJa, blo§ kommen sie von dort.Ò

ãUnd wenn das nur eine LŸge ist, um uns davon abzuhalten die Stadt zu verlassen?Ò

Stille.

ãWir werden alle sterben, nicht wahr?Ò Dimitris Stimme klang zaghaft, war nicht mehr als ein Hauch.

Niemand antwortete.

ãEs ist die Rache GottesÒ, fuhr der Russe fort und seine Hand strich Ÿber das Kreuz an seiner Brust. ãWir haben den Planeten zu lange gequŠlt, wir haben uns zu lange gequŠlt. Gott schickt uns seine schlimmsten DŠmonen, sein Flammenschwert, das uns verbrennen und ...Ò

ãEs reicht!Ò, fauchte Andreas und knallte seine Faust auf die Tischplatte. ãIch bin dieses GeschwŠtz leid.Ò WŸtend erhob er sich und warf Dimitri einen funkelnden Blick zu.

In diesem Moment hob das gellende GerŠusch der Alarmsirene an.

Die vier Freunde erstarrten - doch blo§ fŸr eine Sekunde. Wie ein Mann sprangen sie von den StŸhlen, griffen nach ihren Waffen und stŸrmten ins Freie.

Der Regen war abgeklungen und die dŸsteren Wolken hatten sich ein wenig gehoben. Allerdings war es dadurch nicht etwa heller geworden, im Gegenteil. Es schien beinahe so, als hŠtte sich ein dŸsterer Nebel auf die Stadt und seine Umgebung herabgesenkt, der die Reihen der Rekruten mit namenloser Furcht erfŸllte.

ãSie kommenÒ, flŸsterte Dimitri, der seine Finger um das Kreuz gekrallt hatte. ãSie kommen und werden uns zertreten wie WŸrmer, die nichts sind gegen die Allma...Ò

Andreas holte aus und schlug zu, ein rechter Haken, der Dimitri im Gesicht traf und ihn zu Boden schmetterte.

ãHaltÔs Maul!Ò, brŸllte Andreas und schickte sich an nach dem im Morast liegenden Russen zu treten.

Peter und Michael ergriffen Andreas am Arm und zerrten ihn zur Seite. Es gelang ihnen nur mit grš§ter Kraftanstrengung ihren Freund zurŸckzuhalten.

Dimitri erhob sich schwankend. Aus seiner Nase troff Blut, indessen war sein Blick weder anklagend noch von Zorn erfŸllt. Seine Augen schienen aus bodenloser Leere zu bestehen, kein Funken Hoffnung war darin zu erkennen. Schweigend griff der Russe nach seinem Gewehr und marschierte in den SchŸtzengraben.

ãZwei der Au§enposten haben eine Warnung abgesetztÒ, sagte jemand. ãKurz bevor der Funkkontakt unterbro...Ò

ãAuf eure PlŠtze, Soldaten!Ò, donnerte die herrische Stimme ihres Kommandanten durch ein Megaphon. ãJeden, der sich weigert, erschie§e ich eigenhŠndig!Ò

Ich bin kein Soldat, dachte Michael verzweifelt, als er Dimitri in den SchŸtzengraben folgte. Man hat mir blo§ eine Waffe in die Hand gedrŸckt.

Hektische Betriebsamkeit griff um sich, als die Rekruten ihre Maschinengewehre entsicherten, die Waffen auf eine feste Unterlage stŸtzten und nach einem sicheren Stand suchten.

Mit klopfendem Herzen lugte Michael durch das Zielfernrohr und schwenkte den Lauf seiner MP Ÿber das braune …dland au§erhalb des Zauns.

ãNicht feuern, bevor ich das Kommando dazu gebe!Ò, brŸllte der Leutnant.

Eine gespenstische Stille breitete sich aus, in der die allgegenwŠrtige Furcht Gestalt anzunehmen schien und als wabernder, gigantischer Schatten Ÿber die Ebene huschte. Michael hielt den Atem an. War dort ein Schemen gewesen? Vielleicht einhundert Meter entfernt?

JŠh hob ein dršhnendes Brausen und Ršhren an.

ãDie RaumfŠhre!Ò, schrie einer der Soldaten.

TatsŠchlich. Das ohrenbetŠubende Donnern verstŠrkte sich und mit einem Mal stieg die Silhouette des DŸsenjets Ÿber den grauen, schmucklosen HŠusern der Stadt empor.

Nein ... Bunte Schleier tanzten vor Michaels Augen, kraftlos fiel er auf die Knie. Sie startet zu frŸh, sie darf noch nicht starten!

Die RaumfŠhre stieg ein-, zweihundert Meter in die Hšhe, nŠherte sich dem Rand der Stadt und brauste Ÿber den SchŸtzengraben hinweg.

Michael krŸmmte sich, TrŠnen standen in seinen Augen. Nein, das darf nicht sein! Julia ... Natascha!

Das mathematisch kŸhle Ausleseverfahren hatte Michael fŸr den ersten Flug abgelehnt - begrŸndet wurde die Entscheidung mit seinen RŸckenproblemen und der latenten Infektion mit Herpes-Viren. Ausschlie§lich genetisch perfekte Menschen sollten in den Orbit gelangen, wie es Michaels Schwester Julia und seine Freundin Natascha waren.

Michael ballte die zitternden HŠnde zu FŠusten.

Die RaumfŠhre vermochte fŸnfzig Menschen zu transportieren. Die Raumstation wŸrde fŸnfhundert aufnehmen kšnnen. Doch was geschah mit den restlichen fŸnftausend Personen, die allein in dieser Stadt ihrer Rettung harrten? WŸrde das gewaltige Generationsraumschiff, das sich angeblich im Bau befand, in naher Zukunft fertig gestellt werden? Werde ich da Ÿberhaupt noch am Leben sein?

Das durchdringende Stakkato der feuernden GeschŸtze riss ihn aus seinen Gedanken. Michael wollte sich erheben, nach seinem Maschinengewehr greifen und den monstršsen, heimtŸckischen Angreifern brŸllend entgegenstŸrmen. Doch es gelang ihm nicht. Seine Beine schienen aus Blei gegossen und seine HŠnde an den Boden geschraubt zu sein.

Stšhnend hob er den Kopf – und erblickte Andreas, der sich soeben wild gestikulierend Ÿber die Kante des SchŸtzengrabens zog, aufrichtete – und explodierte. Der Kšrper oberhalb seiner Kniegelenke verschwand innerhalb eines Wimpernschlags und die torsolosen Beinreste blieben aufrecht im Schlamm stecken, wie ein groteskes Mahnmal an die Dummheit der menschlichen Rasse.

Jemand tippte ihm auf die Schultern und Michael fuhr herum.

Er blinzelte – doch es blieb dabei: Dimitri strahlte Ÿber das ganze Gesicht.

ãSchau mal, was ich gefunden habeÒ, schrie dieser, um das Tosen der Gewehrfeuer zu Ÿbertšnen, und streckte Michael seine gešffnete, mit Erdbrocken bedeckte HandflŠche entgegen. Erst auf den zweiten Blick erkannte Michael den schmierigen Rest einer halb heruntergebrannten Zigarette.

ãIst die ganze Zeit Ÿber direkt neben mir gelegen – grenzt an ein Wunder, nicht wahr?Ò Dimitri berŸhrte sein metallenes Kreuz und strich in einer zŠrtlichen Bewegung darŸber hinweg. ãEin Wunder ...Ò

Beinahe schlagartig setzte Regen ein. Er war deutlich stŠrker als vorhin, riesige, schmutzig wirkende Tropfen, die jedoch Ÿberraschend gerŠuschlos auf den morastigen Boden fielen. Michael senkte sein Haupt und betrachtete in einem naiven Anflug kindlichen Erstaunens die flockigen, grauwei§en Schlieren, die den Boden zu Ÿberziehen begannen.

Es schneit, dachte er und schloss die Augen, als am Rand des SchŸtzengrabens Ÿber ihm ein monstršser, nicht menschlicher Schatten erschien. Wie schšn.