FŸr Bruder Malin war der KrŠutergarten der schšnste Ort im Kloster. Von hier aus konnte er die Sterne sehen – und die Erde. Wie eine blaue Murmel hing sie Ÿber dem Horizont – gebettet auf einem Tuch aus schwarzem Samt, das mit einem Flitter aus Sternen bestŠubt schien. Manchmal legte er seine Stirn an das kŸhle Glas der Kuppel und fŸhlte sich eins mit der Schšpfung seines Herrns. Der Schšpfung in ihrer ganzen Vielfalt. Dort oben, am Himmel, die vor Leben berstende Erde. Und hier unten, bis zum Horizont, die leblose, staubige Einšde des Mondes.
Mare Tranquillitatis – das Meer der Ruhe.
Hier fŸhlte er sich wohl. So wohl, dass er manches Mal jedes GefŸhl fŸr Zeit und Raum verlor. Und oft genug Ÿberhšrte er das Signal seines Coms, das ihn zum Gebet oder zum Essen rief.
Als Bruder Malin endlich im Gemeinschaftsraum eintraf, waren die meisten seiner BrŸder und der GŠste schon mit dem Essen fertig. Entsprechend laut ging es zu.
ÈHey Malin, drei zu zwei!Ç, Bruder Tobis, sein
Tischnachbar zur Linken, empfing ihn mit erhobenen Daumen. ÈWir steigen auf!
Ga! Ga! Gagarin!Ç Tobis war ein patriotischer AnhŠnger der Lunatic Hoppers, der
Baseballmanschaft von Gagarin City. Obwohl sich ihr Orden von der Welt dort
drau§en zurŸckgezogen hatte, so waren sie nicht weltfremd.
Ganz im Gegenteil. Oft genug kamen Einzelpersonen oder ganze Gruppen von da
drau§en fŸr Tage und Wochen in ihr Kloster. Meist waren es
Erholungssuchende, die fŸr Tage oder Wochen in der Abgeschiedenheit des
Klosters meditieren, neue Kraft oder sich selbst finden wollten. Gruppen von
gestressten Managern oder ganze Firmenabteilungen versuchten in der Klausur
fernab der Erde zu einer neuen Gruppenerfahrung zu finden.
Ora et labora, Deus adest sine mora – bete und arbeite, Gott steht dir unverzŸglich bei.
Wer danach leben wollte, wenn vielleicht auch nur fŸr
kurze Zeit, der war hinter den Mauern des Klosters willkommen.
Meistens É
Denn diese neue Gruppe É die Leute, die seit zwei Tagen ihre GŠste waren,
machten Malin Angst. Sie waren so anders. Allein die Blicke, die sie ihm und
seinen BrŸdern zuwarfen, lie§en ihn fršsteln. Das Auftreten der sechs MŠnner
und Frauen war in keiner Weise demutsvoll oder besinnlich – eher
aggressiv und provokant. Gerade jetzt diskutierten sie mit verbissenen Mienen
mit Bruder Georg. Und so wie es schien, war Bruder Georg mit diesem Thema
heillos Ÿberfordert. Trotzdem redeten die GŠste mit einer Inbrunst auf ihn ein,
als sei dies ihr Glaubensbekenntnis.
ÈBruder Malin!Ç Malin war froh, als der Abt ihn ansprach. ÈGehst du heute in die Stadt?Ç
Malin zšgerte. Wie gerne wŸrde er sich wieder in seinen KrŠutergarten zurŸckziehen. Doch seit diese Gruppe da war, fŸhlte er sich unwohl, gehetzt. Gerade jetzt stierte einer von ihnen zu ihm herŸber, mit einem Blick, der Malin schaudern lie§. Er wollte nur weg, weit weg von denen sein. Malin nickte.
ÈSchšnÇ, sagte der Abt. ÈIch hab hier einiges notiert.Ç Der Abt Ÿbertrug die Liste mit den Erledigungen von seinem auf Malins Com. ÈUnd schau bitte auch bei der Poststelle vorbei. Mit der letzten FŠhre ist ein Paket von meiner Schwester von der Erde gekommen.Ç
*
Der Krater Sinas durchma§ elf Kilometer im
Durchmesser. Er lag eher am Rand des Mare Tranquillitatis, jener Region des
Mondes, auf dem vor hundertfŸnfzig Jahren zum ersten Mal ein Mensch seinen Fu§
auf einen anderen Himmelskšrper gesetzt hatte. Im nšrdlichen Ringwall des
Kraters befand sich Gagarin, eine der rund hundert festen Ansiedlungen auf dem
Mond. Mit fast neunzigtausend Einwohnern war Gagarin schon eine der kleineren
StŠdte, und wie alle Siedlungen auf dem lebensfeindlichen Mond bestand sie in
erster Linie aus Tunnel und Stollen; Katakomben, die der Mensch in den
Kraterwall Sinas gefrŠst hatte. Ein menschlicher Ameisenbau im schŸtzenden
Mantel des Mondes.
Das Kloster lag bewusst am Šu§ersten Rand von Gagarin, am Ende der Ršhrenbahn,
die sich unter dem Viertel der Kratersichel hinzog, das die Stadt ausmachte.
Obwohl die meisten Dinge des tŠglichen Lebens ins Kloster gebracht wurden, gab
es doch etwa einmal die Woche Angelegenheiten in der Stadt zu erledigen. Malin
hatte sich nie um diese Aufgabe gerissen, doch dieses Mal war er froh, dem
Kloster – nein, diesen merkwŸrdigen Leuten entkommen zu sein.
Malin war nicht oft in Gagarin gewesen, dazu liebte er zu sehr die Geborgenheit des Klosters. Wenn er einmal in die Stadt kam, lie§ er nie den Markt auf dem Ilan-Ramon-Place aus. Der enge Stollen, der sich hochtrabend Kalpana-Chawla-Road nannte, erweiterte sich hier zu einer natŸrlichen Grotte im Ringwall.
Auf diesem Markt fand man einfach alles: Antike BŸcher, verblichene Comic-Hefte, Ersatzteile fŸr SchutzanzŸge oder GerŠte, exotische Nahrungsmittel von der Erde, oder eben Samen oder Setzlinge fŸr seinen KrŠutergarten. Malin begutachtete gerade an einem Stand einen Topf mit Galium odoratum oder Waldmeister, wie er landlŠufig genannte wurde, als ein Šlterer Mann neben ihn trat. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst. Dunkle Haare klebten schwei§nass an seiner Stirn. WŠssrigen Augen starrten Malin an. Als ein PŠrchen vorbeispazierte, wandte sich der Alte hastig ab und beugte sich Ÿber den Korb mit Tomaten. Er nahm eine einzelne Tomate in die zitternde Hand É und legte sie wieder zurŸck. Dann blickte er prŸfend nach recht und links, beugte sich zu Malin hin.
ÈSchau in die Akten! Dort steht die Wahrheit!Ç, sagte der Mann.
Er lie§ die Tomate aus seinen Fingern gleiten und eilte mit weiten Schritten davon. Malin starrte hinter ihm her. KopfschŸttelnd bezahlte er den Topf.
Er war gerade einige hundert Meter weiter gekommen, da rempelte ihn jemand an.
ÈWei§t du, wer du bist?Ç, raunte ihm die Fremde zu. ÈWas du bist?Ç
Malin erhaschte gerade noch einen Blick auf ein blaues Kleid, da war die Frau schon in der Menge verschwunden. Bruder Malin blieb verdutzt stehen. Er spŸrte, wie sich die HŠrchen in seinem Nacken aufstellten. Ihm schauderte. Suchend sah er sich um. War es Einbildung oder stand dort drŸben, links vom Strom der Passanten ein Paar zusammen und starrte zu ihm herŸber? Tuschelnd. Den Blick voll Verachtung. Und er musste an ihnen vorbei. Malin zog die Kapuze seiner Kutte Ÿber seinen Kopf und schob sich rechts durch die Menge. Die beiden Fremden drŠngten sich durch eine Gruppe Touristen und stellten sich ihm in den Weg. Malin zog seinen Kopf tiefer unter die Kapuze, versuchte sich an ihnen vorbei zu zwŠngen.
ÈDu versteckst dich hinter deinem Gott. Wir haben dich doch gefunden!Ç, sagte die Frau. Ihre schrille Stimme klang hysterisch.
ÈGott hat sich von dir abgewandt!Ç, sagte der Mann. ÈDu wirst in der Hšlle schmoren!Ç Er packte Malin an der Kutte. ÈHšrst du? Du wirst in der Hšlle schmoren!Ç
ÈWas É was É was wollen sie von mir? Lassen sie mich los! Bitte!Ç
Der Mann stie§ ihn von sich. ÈDu wei§t nicht, was du bist!Ç Er tastete nach der Hand der Frau und zog sie mit sich.
ÈWas bin ich denn?Ç, rief Malin ihnen mit zitternder Stimme hinterher.
Die Frau drehte sich noch einmal um.
ÈSieh in die Unterlagen deines Abtes!Ç
*
Als Malin wieder im Kloster eintraf, war er nassgeschwitzt und dennoch fror er. AufgewŸhlt flŸchtete er in seinen KrŠutergarten. Die eingekauften Waren wŸrden erst spŠter angeliefert werden. Bis dahin blieb ihm Zeit fŸr Gebet und Garten. Erst als er im KrŠutergarten den Waldmeister in die Erde pflanzte, nahe am Rand der Kuppel, verlie§ ihn die Anspannung. Der sŸ§liche Geruch der Pflanze stieg ihm in die Nase. Er blickte nach drau§en, in die staubige Landschaft des Meeres der Ruhe. Seine Ruhe Ÿbertrug sich auf Malin. Er senkte den Kopf und dankte dem Herrn mit einem Gebet. Als er den Kopf hob, spiegelte sich eine Gestalt im Glas der Kuppel. Malin fuhr herum. Es war eine der Fremden, die sich heute Morgen im GesprŠch mit Bruder Georg so ereifert hatte.
ÈHier versteckst du dichÇ, sagte sie. Ihr Blick brannte sich in ihn. Der Blick eines bšsen Kindes, kurz bevor es eine Kršte zertritt. Malin bekam es mit der Angst zu tun.
ÈWas wollen sie von mir?Ç Er wich zurŸck und stie§ gegen die Kuppel.
Mit einigen schnellen Schritten war sie bei ihm, ergriff die Harke neben dem Beet und drŸckte die Zinken an seine Wange.
ÈIch sollte dich gleich hier ÉÇ
Sie war einen Kopf kleiner als Malin, trotzdem fŸhlte er die Panik in sich hochsteigen.
ÈWer sind sie?Ç, wimmerte er.
ÈIch bin dein ganz persšnlicher Racheengel,Ç flŸsterte sie.
ÈIch habÕ ihnen nichts getan!Ç
ÈDu wei§t gar nicht, was du mir angetan hast, was du uns angetan hast! Aber du sollst es erfahren!Ç Damit drŸckte sie sich von ihm weg. ÈKennst du das sefer chajim? Das hebrŠische Buch des Lebens! Das gšttliche Verzeichnis, in dem die Taten der Menschen verzeichnet sind?Ç Sie warf die Harke ins Beet zurŸck. ÈWie wŠre es, wenn du in dein Buch des Lebens schaust?Ç
ÈMein Buch? Aber ÉÇ
ÈVielleicht hat dein Abt eins in seinem BŸro stehen.Ç
*
ÈHerr vergib mirÇ
Malin schloss die TŸr zum BŸro des Abtes. Was er hier tat, war eine SŸnde. Wie sollte er jemals wieder dem Abt in die Augen sehen. Es musste ein Sinn in den Vorkommnissen stecken. Ein Wink Gottes? Ein Spiel von Menschen? Die Ungewissheit lie§ ihm keine Ruhe. Und nun stand er hier, in SŸnde – ein Dieb, auf der Suche nach dem Sinn.
Vor Aufregung zitternd durchsuchte er das BŸro. Er war schon šfters hier gewesen, nie war ihm etwas Besonderes aufgefallen. Au§er vielleicht É dieser Schrank dort in der Ecke. Den hatte er noch nie gešffnet gesehen. Wie selbstverstŠndlich war er davon ausgegangen, dass darin Dinge waren, die nur fŸr die Augen des Abtes gedacht waren. Er rŸttelte am Schloss. Verschlossen! Suchend blickte er sich um, dann griff er sich einen gusseisernen KerzenstŠnder und setzte ihn als Hebel an. Viel zu laut brach das Schloss auf. Malin riss die TŸren auseinander. Der Schrank war voller Aktenordner. Fein sŠuberlich beschriftet mit den Namen seiner BrŸder. Und da stand sein Name. Sein sefer chajim? Er starrte auf den RŸcken. Minutenlang.
Langsam zog er das Buch heraus.
Er zšgerte. Dann klappte er den Deckel auf.
Ein Gesicht schaute ihm entgegen. Sein Gesicht – aber nicht das Gesicht von Bruder Malin. Dieser da hie§ auch anders. Irritiert blŠtterte Malin weiter. Viel Text. Es sah nach Berichten aus. Polizeiakten. Und dann kamen die Bilder. Lose eingeheftet. Bilder von kleinen Kindern. Bilder von kleinen Jungen.
Das Buch fiel aus seinen zitternden HŠnden. Bilder verteilten sich Ÿber den Boden. Malin merkte nicht, wie er die HŠnde ballte. Er presste seine FŠuste an die SchlŠfen. Augen starrten ihn an. Leblose Augen. Doch er konnte den Blick nicht von den Bildern abwenden. Er merkte nicht, wie seine FingernŠgel in die HandflŠchen schnitten. Blut lief seine Hand hinab, tropfte vom Handballen und bedeckte das Blut auf den Bildern.
Der Mann, der jetzt Bruder Malin war, schrie.
*
Die TŸre flog auf. Und da waren sie, drŠngten sich in den Raum. Die GŠste, die Fremden, seine Scharfrichter. Die Frau aus dem KrŠutergarten zwŠngte sich nach vorne, warf einen Blick auf die Bilder, auf die Blutstropfen und ihr Gesicht verzerrte sich vor Hass. Sie zeigte auf das rotgesprenkelte Bild eines blutŸberstršmten Jungens.
ÈDas! Das war mein Sohn!Ç, schrie sie ihn an. ÈDen du abgeschlachtet hast! Du Bestie! Ihr alle seid Bestien!Ç
Sie riss die anderen BŸcher aus dem Schrank. Mehr Akten, mehr Photos verteilten sich auf dem Boden.
ÈUnd statt euch mit eurem Leben zu bŸ§en zu lassen, lšscht man eure Persšnlichkeit und lŠsst man euch alles vergessen! Und versteckt euch in einem Haus Gottes!Ç
Sechs MŠnner und Frauen bauten sich drohend vor Bruder Malin auf.
ÈAber wir haben dich É euch doch gefunden!Ç, spie ihm ein Mann entgegen. ÈJa, schau uns an! Wir, denen du und deine feinen BrŸder das Liebste genommen habt. Wir haben nicht vergessen! Wir da drau§en und wir hier drin! Und jetzt werden wir dafŸr sorgen, dass ihr nie mehr vergesst!Ç
Der Mann griff sich den Briefšffner vom Tisch des Abtes. ÈDu sollst wissen, wofŸr du bŸ§en musst. Du sollst dich erinnern! Erinnern an das, was du getan hast!Ç
ÈZurŸck!Ç, gellte ein Schrei durch das BŸro.
Der Abt stand in der TŸr. In der einen Hand hielt er einen Elektrostunner, in der anderen eine Dienstmarke der Polizei.
ÈKeine Bewegung!Ç, rief er. ÈIch verhafte sie alle wegen Versto§ gegen Paragraf 14 des Persšnlichkeitsneustrukturierungsgesetzes!Ç
Tumult brach aus in dem kleinen Raum.
*
Wie er aus dem BŸro hinaus gekommen war, konnte Bruder Malin nicht sagen. Er glitt durch die GŠnge des Klosters wie in Trance. Er hatte in sein sefer chajim geblickt. Und er hatte seine Taten gesehen.
Seine BrŸder kamen ihm entgegen. Sie eilten zum Ort des Aufruhrs, seine BrŸder. Oh, ja, sie waren seine BrŸder! Denn sie alle waren die Sšhne desselben Satans. Doch Malin sah sie nicht. Malin sah Ÿberall nur die Augen, die ihn von den Bildern aus seinem sefer chajim anstarrten. Gebrochene Augen. In geschundenen, kleinen Kšrpern. FŸr immer wŸrden sie ihn anstarren. Vor diesen Augen wŸrde er keine Ruhe finden!
Au§er É vielleicht É Bruder Malin zitterte am ganzen Kšrper als er sich auf seinen Weg machte.
*
Irgendwann verlie§ ihn die Kraft und er lie§ sich keuchend in den Staub des Mare Tranquillitatis sinken. Trotz der geringen Schwerkraft wog der Raumanzug schwer. Oder war es eine andere Last, die ihn nieder drŸckte? Die Last seiner Taten? An die er sich nicht erinnern konnte.
Er sah nicht nach oben, sondern beugte das Haupt vor den Menschen der Erde, die von dem blauen Ball auf ihn herab schauten.
ÈDomine Deus, demitte mihi debita mea – Oh Herr, vergib mir meine SŸnden!Ç
Mit zitternden Fingern griff Bruder Malin nach dem Verschluss des Druckhelms.
ÈAsche zu AscheÇ, murmelte er. ÈStaub zu Mondstaub.Ç
Ende