†ber den Tod von Tyrannen

 

Der alte Mann hielt kurz inne und blickte zum Himmel. Ein Wolken-Katamaran zog majestŠtisch seine Bahn am jadegrŸnen Himmel. Gebannt beobachtete der alte Mann die langsamen FlŸgelschlŠge des riesigen Tieres. Er hatte gelernt, dass die Katamarane sowohl tierische als auch pflanzliche Eigenschaften in sich vereinten und wŠhrend ihres gesamten Lebens niemals den Boden berŸhrten. In gewisser Weise hatte auch er das niemals getan. Der alte Mann lŠchelte Ÿber diesen Gedanken. Er fuhr fort die €ste des Auloi-Strauches zu stutzen. Die Pflanze war krank und hatte den letzten Winter nur knapp Ÿberstanden, doch durch seine stŠndige FŸrsorge war sie nun auf dem Weg der Gesundung. Seine Gedanken verloren sich in der einfachen manuellen TŠtigkeit. Die DŸfte seines Ÿppigen Gartens, das Rauschen des Windes in den BlŠttern und das leise Surren der Insektopoden beruhigten seine Seele, lie§en die Zeit flie§en wie den kleinen Bach der einen Klick entfernt das GrundstŸck passierte.

Ein kurzes Blitzen am immer dunkler werdenden grŸnen Abendhimmel lie§ ihn aufsehen. Ein erneuter Blitz wurde gefolgt von einem Donnern wie es kein noch so gro§er Temperaturunterschied in der AtmosphŠre erzeugen kšnnte.

Der alte Mann seufzte und beendete seine Arbeit. Sie hatten ihn gefunden, nach all der Zeit. Er steckte die Gartenschere in den GŸrtel seines einfachen erdfarbenen Gewandes, bŸckte sich um die abgeschnittenen €ste des Auloi-Strauchs aufzuheben und machte sich auf den Weg zum Haus. Er beschloss einen kleinen Umweg zum Komposthaufen zu machen um die Auloi-€ste zu entsorgen. 'Soviel Zeit muss sein', dachte er 'selbst im Angesicht meines nahen Endes'. Aus den verrotteten Resten der abgetrennten €ste wŸrden neue Pflanzen wachsen; Er mochte den Gedanken. Egal was geschah, es wŸrde immer wieder neues Leben entstehen, mit etwas GlŸck besseres, widerstandsfŠhigeres Leben. Es war eine der Gewissheiten seines Lebens.

WŠhrend der alte Mann langsam zum Haus ging, nahm die Dichte der Blitze und das Donnern am Himmel immer mehr zu. Als er den halben Weg zurŸckgelegt hatte, sah er ein langes Objekt in die AtmosphŠre stŸrzen. Das Objekt brannte und glŸhte nicht nur unter dem hšllischen Ansturm der MolekŸle der AtmosphŠre; Auch tief in seinem Inneren glŸhte eine feuriger Ball. Eine stille Explosion riss das Objekt in zwei Teile, die, lange Nebelschlieren hinter sich herziehend, ihren langen Weg in die Tiefe fortsetzten.

Kurz bevor er das Haus erreichte sah er die dŸrre, hochgewachsene Gestalt seines Dieners Sotion auf sich zu eilen. Sein Diener war nicht wesentlich jŸnger als er selbst. 'MerkwŸrdig', dachte der Mann ' Ich habe einen lŠngeren Zeitraum meines Lebens mit diesem hektischen Kerl verbracht, als mit allen meinen Frauen und LebensgefŠhrtinnen zusammen'. Der alte Mann hielt kurz inne und wunderte sich Ÿber diesen Gedanken, offenbar machte der nahende Tod nicht nur sentimental sondern gebar auch eine ungewšhnliche neue Sicht auf viele Dinge.

'Strategos, Herr, man hat euch gefunden!' rief Sotion schon aus einiger Entfernung. 'Ich wei§ mein Freund. Die Abwehrsatelliten haben den Kampf schon eršffnet.' Er drehte sich um. Von dem feindlichen Schlachtschiff, das in der AtmosphŠre zerbrochen war, war nur der Nebelschleier geblieben.

Die Teile, die die OberflŠche erreicht hatten waren wohl zu klein gewesen um auf diese Entfernung bemerkbare EinschlŠge zu erzeugen. Noch vor einem Jahrzehnt hŠtte er Genugtuung verspŸrt ob des Verlustes seiner Feinde, doch heute, heute verliefen sich solche GefŸhle im Gleichmut des Alters. Er ertappte sich sogar dabei, wie er die Zerstšrung des Schiffes ein wenig bedauerte. Gleichzeitig war ihm klar, dass dies nicht das einzige Schiff war, das vernichtet werden wŸrde. Das war der Preis den er fŸr sein Leben verlangte. Offenbar waren seine Feinde bereit diesen Preis zu zahlen. Er fragte sich woher sie diese tollkŸhne Wut nahmen.

Das lange graue Gewand seines Dieners wehte in der leichten Brise. Der alte Mann schnupperte noch einmal um den Duft seines Gartens in Erinnerung zu behalten, dann betrat er mit seinem Begleiter das Haus.

 

Sotion half ihm in die Schwere Robe die sein letztes KleidungsstŸck sein sollte. Der Stoff war mattschwarz und mit Buchstaben aus Stahldraht bestickt. LehrsŠtze der Stoa waren ebenso darauf zu finden wie jene Weisheiten, die er selbst zunŠchst erdacht und dann in die Tat umgesetzt hatte. Am Ende trug er sein VermŠchtnis bei sich.

WŠhrend sein Diener die Robe zurecht zupfte, starrten ihn die beiden Kataphrakte mit regungslosen Gesichtern, aber intensivem Blick an. Sie trugen ihre Kriegsharnische, die ihre Kšrper unter einem sandfarbenen Panzer verbargen, nur ihre kahl geschorenen Kšpfe lagen frei, der hintere Teil des SchŠdels bis zu den Ohren von der sich leicht windenden Schicht des Biointerfaces bedeckt, dass ihnen Kontrolle Ÿber die Harnische gewŠhrte. Im Falle von Gefahr wŸrde sich das semi-intelligente Gewebe der Harnische in Sekundenschnelle Ÿber ihre Kšpfe ausdehnen und die MŠnner mit Sauerstoff Stimulanzien und SinneseindrŸcken versorgen.

'Ich wŸnsche, dass ihr die Eindringlinge vor dem Haus fŸr mindestens zwanzig Zeiteinheiten aufhaltet. Ich will auf keinen Fall gestšrt werden, bevor ich fertig bin.' befahl der alte Mann den beiden Soldaten mit ruhiger und deutlicher Stimme.

'Wir verstehen und gehorchen, Strategos.' antwortete der Alpha-Kataphrakt sofort mit ebenso gelassener Stimme.

'Sobald ihr das Signal erhaltet, bevor ihr in Gefangenschaft geratet oder nach Ablauf der zwanzig Zeiteinheiten werdet ihr euch selbst euthanasieren.' fŸgte der alte Mann mit fast liebevoller Stimme hinzu.

'Wie ihr befehlt, Strategos' antwortete der Alpha.

'Ich verstehe und gehorche.' fŸgte sein Partner mit kaum hšrbarer aber entschlossener Stimme hinzu. Die beiden wandten sich zum Gehen. Als sie das Atrium mit entschlossenen Schritten verlie§en, begannen sich die Waffen ihrer Harnische an den Armen und auf den Schultern zu entfalten.

'Meine letzten beiden Krieger', dachte der alte Mann wehmŸtig, Ôdie Letzten eines stolzen und mŠchtigen Heeres.'

Es war nicht lange her, da hatten die Stiefel seiner Kataphrakte das bekannte Universum erschŸttert, die Geschosse seiner Peltasten waren gefallen wie Regen und seine Flotten hatten die Sonne verdunkelt. Eine gro§e Zeit voller Mut, Ruhm und Heldentaten. Vorbei fŸr immer.

Seltsamerweise wurde er durch diesen Gedanken nicht wehmŸtig. Das einzige was er bedauerte, war, dass er nicht miterleben konnte wie der Auloi-Strauch sich von seiner Krankheit erholte. Und dass er nie erfahren wŸrde wie das GemŸse dieses Jahr schmeckte.

 

Der alte Mann lie§ sich auf dem einfachen Stuhl aus dunklem Charen-Holz nieder. Seine faltigen HŠnde tasteten Ÿber die Schnitzereien auf den Lehnen. Er hatte diesen Stuhl immer gemocht. Er hatte immer nur Abscheu fŸr jene Ÿbrig gehabt, die sich mit Prunk und Schmuck umgaben. Diese Dinge lenkten ab vom Wesentlichen.

Das schrille Zischen von Raketengeschossen und das Rauschen der von Plasmastrahlen erhitzten Luft machte deutlich, dass die Kataphrakte begonnen hatten ihre Aufgabe, wie erwartet sehr gewissenhaft, zu erfŸllen. Gelegentlich mischte sich der Schrei eines Sterbenden in diese Symphonie des Todes. Es war die musikalische Untermalung, die er sich fŸr sein Ende gewŸnscht hatte.

Der Stuhl stand mitten im Atrium des Hauses auf einem kleinen mit Gras bewachsenem HŸgel. Eine niedrige Pinie lie§ ihre €ste wie ein Dach Ÿber ihn hŠngen. Eine echte Pinie von der Welt des Ursprungs.

Es hatte ihn Zeit und viel MŸhe gekostet den Baum zu finden und in der fremden BiosphŠre des Planeten am Leben zu erhalten. Aber es hatte sich gelohnt.

Dies war der perfekte Rahmen fŸr seinen Tod.

'Gib mir das Messer, Sotion.' befahl er seinem Diener, der hinter dem Stuhl gewartet hatte. Mit traurigem Gesicht Ÿberreichte dieser ein kleines, skalpellartiges Messer.

Sinnend betrachtete es der alte Mann.

Schlie§lich sagte er 'Sotion, mein Freund, du warst der beste Diener, den ein Mann sich wŸnschen kann.' Zu niemandem im Besonderen, eher zum Universum im Allgemeinen sagte er: ' Dies war das beste Leben dass ich hŠtte leben kšnnen. Ich habe alle meine Ziele erreicht, ich habe alle Erfahrungen gemacht und alle Erkenntnisse erlangt. Das Universum wird sich an mich erinnern.'

Mit diesen Worten fŸhrte er die Klinge abwechselnd Ÿber beide Handgelenke. Das Messer šffnete behutsam seine Pulsadern, wobei es gleichzeitig die Nervenenden betŠubte. Schmerz war seiner letzten Sekunden unwŸrdig.

Der Diener Sotion berŸhrte das MikrofunkgerŠt in seinem Ohr und gab dass Signal. Zwei kurz aufeinander folgende Detonationen erschŸtterten das Haus und lie§en etwas Staub vom Dach rieseln. Die Kataphrakte hatten ihre Befehle bis zuletzt wortgetreu ausgefŸhrt. Der Blick des alten Mannes war gen Himmel gerichtet. Er sah nicht mehr, wie sein Diener einen langen, spitzen Dolch aus seinem Gewand zog und sich hinein stŸrzte.

 

Der Erkunder der Allianz Carlos Vierwolken, war der erste der das Atrium betrat. Sein Kampfanzug war an mehreren Stellen schwer beschŠdigt. Ein Plasmastrahl hatte seinen linken Unterarm direkt unterhalb des Ellbogens amputiert. Ein dŸnner Film Nanogewebe hatte den Anzug versiegelt und unterdrŸckte den Schmerz. Die Selbstzerstšrung der Kataphrakte hatte mehrere Splitter durch seine Brust und seine Beine getrieben, doch der Geist des Anzugs hielt ihn am Leben. Seine rechte Hand umklammerte den Griff seiner Plasmaschleuder. Langsam, die Deckung der SŠulen nutzend, schlich der Erkunder auf das Zentrum des Atriums zu.

'Es gibt keine Lebenszeichen mehr.' flŸsterte der Geist seines Anzugs ihm nach einer Weile ins Ohr. ÔIch kann keinerlei Fallen oder Minen orten'.

Carlos Vierwolken richtete sich auf. Er trat ins Freie und sah auf einem einfachen hšlzernen Stuhl den Toten. Die Bšen die die vielen Plasmaentladungen und die Detonationen erzeugt hatten waren zu einer warmen Brise abgeflaut. Der sanfte Wind spielte mit den langen grauen Haaren des Toten auf dem Stuhl. Sein Kopf war etwas geneigt und die Arme ausgebreitet, wie um seine Feinde in seinem Haus willkommen zu hei§en. Unter den Handgelenken hatten sich PfŸtzen aus Blut gesammelt. Es vermischte sich mit dem Blut des Dieners der tot zu FŸ§en des Stuhls lag.

Auf dem bleichen Gesicht des toten Alten war ein sanftes LŠcheln.

Carlos Vierwolken fiel erschšpft auf die Knie, die Waffe glitt aus seiner Hand.

Er war ihnen zuvorgekommen. Der alte SchlŠchter war ihnen zuvorgekommen und hatte sich seiner Strafe entzogen. Carlos Vierwolken šffnete seinen Helm und weinte vor Wut.

 

KommuniquŽ des Konvents der Allianz der wahren Erkenntnis: 237. Tag des Jahres 1476 nach dem Fall.

Heute um 17.32 Standardzeit ist es gelungen den letzten Oligarchen und Strategos der Republik der reinen Vernunft in seinem Versteck zu stellen. Der Strategos Annaeos Panna, bekannt als der Tyrann von Aulis, bekannt als der SchlŠchter von Bars (weiteres siehe Geschichtsdatei Panna-1278-A-Rep) beging Selbstmord bevor die Truppen der Allianz ihn nach schweren Gefechten erreichten. Mit seinem Freitod entzog er sich einem fairen und gerechten Urteil dass den Angehšrigen seiner hunderttausenden von Opfern in Krieg, UnterdrŸckung und Folter, Gerechtigkeit und Frieden hŠtte geben kšnnen.

Der Leichnam wurde nach der Obduktion eingeŠschert und die Asche im interstellaren Leerraum verstreut. Damit ist das letzte Relikt der Republik vergangen. Mšge der Allianz und ihren BŸrgern ein besseres Schicksal widerfahren.

Ende des KommuniquŽs.

 

Ein warmer Wind fegte Ÿber das verbrannte Land. Einige geschwŠrzte Steine im Boden deuteten darauf hin dass hier vor einiger Zeit noch ein Haus gestanden hatte. In seinem Zentrum, auf einem niedrigen HŸgel umgepflŸgter Erde, reckte sich die verkrŸppelte Form eines verkohlten niedrigen Baumes in den grŸnen Himmel. Gar nicht weit entfernt durchbrach das winzige Blatt eines jungen Auloi-Strauches die OberflŠche des mit Asche bedeckten Bodens.