Tšdliche Venus

Deron Foulder genoss die Aussicht unter seinen FŸssen. Er hatte den všllig Ÿbertriebenen

Eindruck, viele Meilen Ÿber der Erde zu stehen. Die HŸlle des Raumschiffes schien

durchsichtig zu sein, wie aus Glas, aber natŸrlich waren die meisten WŠnde mit einer

Projektionstapete verklebt worden.

Nun, ja. Diese Tapete bestand eher aus vielen Mikro- Coloriten, aber wer sprach es denn

schon so aus? In ihrer Gesamtheit lieferten sie ein gestochen scharfes Bild ab, besser als die

Wirklichkeit. Sollte die Wirklichkeit z.B. bei starker Sonnenstrahlung doch einmal zu hell

werden, dann halfen die Filter aus. Oder man holte sich die Erde ein StŸck weit nŠher zu sich

heran. Deron konnte einfach nicht widerstehen, per Touching die Vergrš§erung zu aktivieren.

Der Witz an der Sache war, das er nichts zu berŸhren brauchte: seine lŠssige Handbewegung

reichte aus. Die Sensoren waren Ÿberall verteilt und erfa§ten den Wunsch. Einen Touch

Screen brauchte man im Jahre 2096 nicht, auch die Mobiltelefone waren lange Geschichte.

Dennoch sprach man oft vom MoFon oder mofen, wenn man in die Kom-Zellen sprach.

Deron Foulder schritt nun auf der Innenseite einer riesigen Kugelschale entlang.

Leuchtende Pfeile blinkten gelegentlich auf, in orange, um ihm den Weg zu seinem Quartier

zu zeigen. Auch an den WŠnden, dort, wo Deron gerade hinschaute. An einem ãBildschirmÒ

wurde die schematische Darstellung des Schiffes eingeblendet.

Weitere Schalen lagen mit 50 Meter Abstand voneinander entfernt, hoch Ÿber seinem Kopf.

Insgesamt gab es an Bord der JOSH GORWING fŸnf Ebenen mit jeweils 10 Decks. Die

ganze Kugel hatte damit gut 250 Metern Durchmesser! Ein Rekord, ohne Zweifel.

MŠchtige SŠulen hielten die scheinbar fragile Konstruktion aufrecht. Andere SŠulen waren

tatsŠchlich transparent. Durch diese Ršhren flitzten die Menschen wie Pakete hindurch,

angetrieben per Luftdruck. Ohne die stšrende Schwerkraft der Erde war das problemlos.

Doch die Luftpost ging nur beim Stillstand des Schiffes. Im Flug presste der Andruck alles

und jeden an die au§en liegende Seite, den ãBodenÒ. Richtig, die ganze Kugel rotierte dabei!

Deron fragte sich im Stillen, wie ein Raumschiff wie die JOSH GORWING denn Ÿberhaupt

auf einem Planeten landen sollte? So ganz ohne ein ãechtesÒ oben und unten.

Die Antwort war simpel: gar nicht!

Denn wer oben seinen Dienst tat, zeigte mit seinem Kopf auf die Schiffsmitte, genauso wie

Deron, der sich unten noch dem kurzen M٤iggang hingab, solange es die Schiffsbonzen

noch zulie§en. Alle Leute schauten stets nach ãobenÒ, wenn die Kommandantin eine ãinterne

MitteilungÒ von sich gab. Gnade Gott dem armen Teufel, der es wagte, dann nicht auf

seinem/ihrem Posten zu sein!

Deron Foulder indes durfte sich einige Extras erlauben. Nicht wegen seinem Talent als

Navigator, von dem er durchaus etwas zu bieten hatte, sondern einfach deswegen, weil diese

Riesenkugel von seinem Vater, Thomas Foulder, mit bezahlt worden war. NatŸrlich nicht

allein. Die Foulders waren ãarmÒ, also niemals echte Mittelklasse gewesen, aber auch nur

selten všllig pleite. Doch die Mšglichkeit der Staatsanleihe hatte ihrem Sohn in eine andere

Umlaufbahn katapultiert. Ganz simpel: Vater drehte všllig ahnungslosen Erdlingen diverse

Staatsanleihen an. Die Banken, welche wieder mal Schulden gemacht hatten, konnten von den

Konten der Betrogenen virtuelles Geld abziehen und wurden somit schrittweise aller Sorgen

entledigt. Die Betrogenen wŸrden irgendwann durchdrehen, eine Revolte anzetteln, um von

den ãSchlŸpfenÒ, pardon, der Polizei, verdroschen zu werden.

Deron wŠre ein untypisches Subjekt seiner Zeit gewesen, hŠtte er auch nur einen Funken

Mitleid mit den Verlierern gehabt. Der Jubel gilt immer nur den Gewinnern.

Der Rest hat selber Schuld. Punkt.

Was Deron Foulder noch nicht wusste, war, das er sich mit dieser Einstellung bald extrem

unbeliebt machen wŸrde.

Die Kosmo/Astro/Teiko/Techno-nauten waren als gemeinschaftlich orientierte WeltenbŸrger

die klaren Au§enseiter auf der Erde.

Doch im All waren die russischen/amerikanischen/chinesischen/deutschen Raumfahrer stets

kollegial. Mit anderen Worten: was auf Erden richtig war, galt hier als všllig verkehrt!

Thomas Foulder wu§te das- und wollte, das Deron eine Prise mehr Menschlichkeit auf der

Reise mitbekam. Wer hŠtte gedacht, das Daddy so ein Retro-Hippy-Herzchen in der Brust

klopfen hatte?

Kommen wir nun zu der eigentlichen Attraktion der JOSH GORWING.

Den Ladies. Den echten Ladies, nicht die Frauen aus der Fleisch & Blut- Gesellschaft.

Jawohl, Deron Foulder mochte die Damen des horizontalen Gewerbes!

Man stelle sich vor: Ÿber 3000 Mann Besatzung, aber nur 1800 Frauen. Das wŠre ins Auge

gegangen. Also gab es, quasi als soziale Leistung, den kostenlosen ãFunkÒ- Katalog fŸr die

Typen, die es nicht fertig brachten, bei einer Fleischbraut klar Schiff zu machen.

Deron versuchte dies erst gar nicht. Denn die neuesten Modelle der Venus69- Serie fŸhlten

sich echt lebensecht an! Okay, man konnte erwarten, das diese Automaten auch nur den

Orgasmus vortŠuschen wŸrden, aber das wŸrden die meisten Frauen auch tun, nicht wahr?

Deron Foulder ahnte nicht, das sein Verlangen nach VergnŸgen Folgen haben wŸrde...

ãHier spricht die Kommandantin der JOSH GORWING, Roxanna Arkardyeva. Dringliche

Meldung an Thomas Foulder, dem Vater von Deron Foulder. Letztgenannter ist ein Passagier

unseres Schiffes. Meldung mit Schutzmatrix ausstatten; Zugang nur bei korrekter I.D.!Ò

ãWas hat mein Sohn wieder angerichtet?Ò Thomas Foulder befŸrchtete das Schlimmste.

NatŸrlich konnte er nicht direkt mit der Kommandantin sprechen. Die ãJOSHIÒ war bereits

bei der Venus angekommen, dem zweiten Planeten im Sonnensystem. Da diese Welt sich zur

Zeit gut 6 Lichtminuten von der Erde entfernt aufhielt, lagen zwischen jedem Satz 12 Minuten

Abstand. Da dies zu langwierig sein wŸrde, verzichtete man aus Prinzip auf einen Small Talk.

Thomas wu§te, das Frau Arkardyeva keine seiner Fragen direkt beantworten konnte.

Sie fuhr scheinbar fort, nachdem Thomas seine Empfangsberechtigung nachgewiesen hatte.

In Wirklichkeit wurde also eine Aufzeichnung abgespielt.

ãMr. Foulder. Ich bin gezwungen, ihnen mitzuteilen, das ihr Sohn, Deron Foulder, sich einer

Heldentat verdingt hat. Ich drŸcke mich bewusst so aus. Sie werden es durch den InfoStream

bereits erfahren haben: unser Schiff hatte beim Anflug auf die Venus ernste Probleme.

Dort ist die AtmosphŠre sehr...ungemŸtlich. Nun, ja. Die Schutzfelder funktionierten nicht so,

wie gedacht- und eine meiner Untergebenen drehte zuvor durch, sie schleuste einen Virus in

die Systemrechner ein. Diese Sabotage hŠtte uns fast alle umgebracht!Ò

Die Kommandantin leistete sich den Luxus, einen Augenblick lang statt einer Nachricht ihr

Luftholen, ihr Seufzen, in den kosmischen €ther mitzugeben.

ãSamantha Webb war eine Offizierin gewesen, der ich sehr vertraut habe. Aber wir sind alle

nur Menschen, und Miss Webb war der Auffassung, das ein Teil unserer Fracht nicht zur

Political Correctness dazugehšren sollte. Sie aktzepierte nicht, das unsere

Besatzungsmitglieder gewisse BedŸrfnisse haben. Und diese BedŸrfnisse werden

normalerweise durch unsere...Liebesroboter gestillt...Šhm, sie verstehen schon...Ò

Nein, Thomas Foulder verstand erst mal gar nichts. Sein verdutztes Gesicht wurde aber noch

nicht zum Schiff gesendet. Roxanna gab weitere Details preis.

ã...Miss Webb bezeichnete sich als aufrechte Feministin. In ihrem digitalen Tagebuch schrieb

sie sinngemЧ nieder, wie entwŸrdigend es fŸr eine Frau sei, durch die Liebesroboter sexuell

ersetzt zu werden! Tja, fŸr manche Frauen ist dies ein Problem, was ich zuvor auch nicht

vermutet hŠtte, ...Jedenfalls hat meine Adjutantin ihren Sohn, kurz nach dem Sabotageakt,

gereizt. Etwa in der Art: er kšnne es nur mit Dosen treiben, Šhm...Ò

Thomas Foulder fa§te sich mit den Fingern beider HŠnde an die SchlŠfen. Die Massage

konnte seine BefŸrchtungen auch nicht mildern.

ã...ihr Sohn rettete uns allen an Bord der JOSHI das Leben, auch wenn ihm das kaum bewu§t

gewesen sein dŸrfte, als er Samantha Webb aus der Schleuse warf! Sein Zorn Ÿber ihre

abfŠllige Bemerkung lie§ die Situation schlagartig eskalieren. Miss Webb fand drau§en einen

qualvollen Tod, noch bevor sie auf dem Planetenboden aufschlug.Ò

Thomas schrie entsetzt auf: ãNeiinn!Ò doch es half nicht viel.

Roxanna redete weiter im Monolog: ã...hŠtte Miss Webb noch den letzten Impuls freisetzen

kšnnen, wie sie geplant hatte, dann wŠren alle an Bord Computer abgestŸrzt, soviel ist sicher.

Daher haben ich und meine Kollegen uns entschlossen, ihren Sohn mit einer Belobigung zu

vermerken, da er uns gerettet hatte...Ò

Thomas Foulder schrie laut auf, knallte seine FŠuste mehrmals hart auf den unschuldigen

Kom- Tisch.

ãDas war Mord! Das war Mord! Ihr kšnnt ihn doch nicht davonkommen lassen, blo§ um an

Bord den Betrieb zu bewahren! Warum habe ich euch meinen Bastard anvertraut?Ò

Die Kommandantin wŸrde nicht ein einziges Wort davon mitbekommen. Der Tisch wollte

oder konnte nun kein Signal mehr verschicken.

ãEr sollte bei euch ein besserer Mensch werden, verdammt...Ò

Das Logo der JOSH GORWING zeigte an, das Roxanna Arkardyeva fertig war. In welcher

Beziehung auch immer.

Thomas heulte noch eine Weile vor sich hin, beraubt von seiner Vision, der Weltraum wŸrde

die eigene Spezies endlich reifen lassen.