Der Wassertropfen
Wolken zogen am Himmel auf, in einer fremden Welt. Der Boden, die Luft und der Himmel waren so fremdartig in ihren Farbfrequenzen, dass menschliche Sinne sie in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht zu erfassen vermochten. Die Wolken wurden dichter, zogen sich zusammen bis sie schwer genug waren, ihre Last abzuladen. Regentropfen lšsten sich und fielen dem Boden entgegen. Auch der eine Regentropfen entstand und fiel, um seine kurze Reise anzutreten, die so lange wŠhrte, wie der Weg seines Lebens.
Es war ein Sommertag in der Stadt auf dem Kontinent. Die Luft war warm und trocken, so dass sich hunderte von Menschen nach der Arbeit auf den Liegewiesen einfanden und das kŸhle Nass der kŸnstlichen Seen genossen. Die beiden Freunde hatten GlŸck gehabt mit ihrem Liegeplatz. Abseits von dem LŠrm und dem Treiben der anderen, lagen sie auf ihren Decken und entspannten sich. Der Blondhaarige beobachtete das Spielen der Kinder im Wasser und folgte dem GeplŠtscher der WasserdrŸsen mit seinem Blick und verlor sich darin, wie die Tropfen in der Sonne das Licht derselben in das Spektrum der Regenbogenfarben spaltete. ãSag mal, kšnntest du dir das vorstellen?Ò
Der Angesprochene wandte den Kopf, um seinen Freund anzusehen. ãWas kšnnte ich mir vorstellen?Ò
ãDas wir Wassertropfen sind.Ò
ãWassertropfen?Ò, er lachte. ãNa, ich wei§ genau, dass ich keiner bin.Ò
ãNein, nein, so meine ich das nicht. Ich wollte sagen, ob du dir vorstellen kšnntest, dass wir, damit meine ich die Erde, das Sonnensystem, ja das ganze Universum, - uns in einem einzigen Wassertropfen befinden?Ò
ãEhrlich gesagt, dass kann ich mir nicht vorstellen. Das kommt doch mit der gesamten Physik in Konflikt.Ò Er legte sich auf den RŸcken, um der Sonne die Chance zu geben, auch dort die Haut zu verbrennen und schloss die Augen. Das GesprŠch verstummte fŸr einen Moment, in dem nur das gedŠmpfte Stimmgewirr und das PlŠtschern der WasserdŸsen vernehmbar waren, so lange bis der Braunhaarige wieder begann. ãSag mal, wie wŠre das mit der Zeit, mit der gesamten Entstehungsgeschichte des Universums?Ò
Der Blonde wand sich ihm zu und legte sich auf die Seite, stŸtzte seinen Kopf mit dem Arm ab. ãDu meinst, weil ein Tropfen nicht so lange É lebt?Ò
ãJa.Ò
ãIch kšnnte mir nur vorstellen, dass die Zeit von der Entstehung bis zum Tod des Universums im selben VerhŠltnis stŠnd, wie der Weg des Tropfens von der Wolke bis zum Boden.Ò
Sie schwiegen wieder. Im ersten Augenblick, weil jeder seinen Gedanken folgte, dann aber, weil sie sich wieder nŠheren Dingen zuwandten. Warum auch die Zeit mit Gedanken verschwenden, die ins Leere fŸhrten. Schlie§lich streckten sie sich wieder lang hin und lie§en die Sonne ihre Arbeit vollenden.
Der Wassertropfen fiel. Tausende von anderen Tropfen fielen mit ihm und nŠherten sich mehr und mehr dem Erdboden. Die ersten Wassertropfen trafen auf dem Boden, dort zerspringend, duzende von kleineren Tropfen bildend, um schlie§lich von der trockenen Erde aufgesaugt zu werden. Der eine Wassertropfen fiel in einen Teich, wo er sich mit dem anderen Wasser vereinigte, dass die gro§e Gemeinschaft allen Wassers bildete, um spŠter von der Sonne in Dunst verwandelt zu werden und um anzutreten, denselben Kreislauf zu wiederholen.