Telfercarn starrt in den Himmel

 

Telfercarn konnte nicht einschlafen. Er lag auf seiner Pritsche und starrte an die Decke, aus der die Glasfaserkabel herausschauten, die seine Kabine mit kaltem diffusem Licht versorgten. Bald würde das Licht abgeschaltet werden und die Enden der Faserbündel erblinden. Dann, in der Dunkelheit ließe sich leichter einschlafen – und morgen würde er, Telfercarn, die Wahrheit beweisen können. Er allein.

Telfercarn dachte darüber nach, wann er das erste Mal Zweifel verspürt hatte. Dass dieser Planet nicht das versprochene Paradies werden würde hatte er schon von Anfang an geahnt. Aber alles hatte ihm besser geschienen als auf der verpesteten und übervölkerten Erde zu bleiben. Warum ausgerechnet er aus den Hunderttausenden ausgewählt worden war, die sich für das Aussiedlungsprojekt beworben hatten hatte er nie durchschaut. Er war nie ein vorbildlicher Bürger gewesen, hatte sich immer als erster über neue Zuteilungsverringerungen beschwert und war auch sonst recht renitent gewesen. Aber wenn seine Vermutung zutraf, dann ergab alles doch einen Sinn.

 

Telfercarn erinnerte sich gut, wie sein Herz geklopft hatte, als er selbst die Fahrt zum Weltraumbahnhof angetreten hatte, die große Fähre, die sich hunderte von Metern in den Himmel erstreckt hatte, vor den Augen. Dass sich ein so gewaltiges Raumschiff überhaupt vom Boden erheben konnte! Aber es musste wohl sein, denn die alle Medien zeigten andauernd Bilder der sich in einer Wolke aus Qualm und Dampf erhebenden Fähre. Und nun sollte er bald selbst darin sitzen.

Der Start und der eigentliche Flug dagegen – Sendepause. Aber das hatte er vorher gewusst. Das letzte, woran Telfercarn sich noch erinnern konnte, war, wie er in den mit einer geleeartigen Substanz gefüllten Tank stieg, nachdem ihm der Flugarzt eine Nadel in die rechte Armvene gelegt hatte. Er hatte vorher die Bilder gesehen von den Glücklichen, die mit einem Schlauch im Hals schlafend und beatmet die lange Reise antraten, die sie zu ihrer neuen Heimat bringen sollte. Und jetzt er selbst. Keiner, auch die Aussiedlungsbehörde nicht, hatte je behauptet, dass die neue Heimat es einem einfach machen würde. Die Urbarmachung der besiedelten Planeten würde viel Arbeit und Schweiß kosten - aber Platz, Platz würde genug da sein, für jeden, so viel er wollte. So hieß es zumindest.

Als Telfercarn nach dem Flug aus der Narkose aufwachte, war das Raumschiff weg, und ihm ging es nach dem langen Schlaf schlecht. Aber die Helfer der Administration des neuen Planeten sagten, das sei normal, schließlich hätte er fast ein Jahr geschlafen, und die penetrante Schwäche und Übelkeit würde sich nach ein paar Tagen schon wieder legen. Telfercarn erholte sich rasch, aber als er aus der Krankenstation entlassen wurde, erwartete ihn eine böse Überraschung…

 

Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein, denn er erwachte mit einem Ruck. Brannte das Licht noch oder schon wieder?

Er griff unter das Kopfkissen und griff nach seiner Uhr, seiner heiligen Uhr, der er die Entdeckung der Wahrheit verdankte, und sah auf das Display.

Der neue Tag hatte angefangen, der Tag, der ihm endlich Gewissheit bringen sollte.

Ohne die zerknitterte Kleidung zu wechseln, machte er sich fertig. Er wusch sich das Gesicht mit der kleinen Zuteilung an Waschwasser, die aus dem Hahn seines Waschbeckens tropfte. Dann öffnete er die einzige Schublade seines Tischchens, und entnahm ihr ein armlanges Stück des gleichen Glasfaserkabels, das seine Behausung erhellte und das er aus einem Reparaturlager entwendet hatte.

Dann verließ er seine Wohnung.

 

Als er nach seiner Wiederherstellung die Krankenstation das erste Mal verlassen hatte, um sich bei der Administration zu melden, hatte ihn fast der Schlag getroffen.

Die schöne weite Welt, die er sich vor seinem geistigen Auge ausgemalt hatte, hätte nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein können, als der Anblick, den er jetzt verdauen musste. Statt einer weiten Ebene, die bis zum Horizont reichte, sah er sich unter einer gewaltigen Kuppel aus milchigem Kunststoff, die nur diffuses Licht durchließ, aber keinen Blick auf die Planetenoberfläche oder den Himmel zuließ. Die gesamte Oberfläche des Bodens war bis auf enge Gassen mit Wohnhäusern bebaut, denen man die Enge noch mehr ansah als auf der übervölkerten Erde. Am Rand der Kuppel schwangen sich filigrane Gestänge in die Höhe, an denen flache Tanks mit offenbar flüssigem grünem Inhalt befestigt waren. Menschen – viele Menschen – eilten auf den Gassen umher oder kletterten im Gestänge auf nicht sehr stabilen Leitern oder schmalen Stegen herum, offensichtlich mit der Pflege des Inhalts der Wannen beschäftigt.

Telfercarn hatte den Eindruck, von einer Hölle in die andere geraten zu sein. Wie sehr hatte er frei atmen wollen, in einer Welt, in der er so viel Platz beanspruchen konnte, wie er wollte oder brauchte. Und jetzt das! Eingesperrt in einer Kuppel auf einem Planeten, der anscheinend so lebensfeindlich war, dass man nicht einmal unter freiem Himmel wohnen konnte. Das war jedenfalls, was Sibelius, der Administrator der kleinen Kolonie, ihm und den anderen Neuankömmlingen erzählte. Eine Atmosphäre, die nicht atembar sei, und die zu dünn sei, um die von der Sonne ausgehende harte Strahlung aus ausreichend zu dämpfen, verhindere vorerst die freie Siedlung des Planeten und zwinge sie, unter dieser undurchsichtigen Kuppel zu leben. Aber einige wenige Jahre harter Arbeit würden dieses Problem beseitigen. Algenkulturen – in den grünen Wannen – seien angelegt worden, die eine Anreicherung der Atmosphäre mit Sauerstoff bewirken sollten. Es gelte, soviel wie möglich davon zu produzieren und dann durch Robotfahrzeuge auf dem ganzen Planeten zu verteilen. Schon in zehn oder zwanzig Jahren könne man dann die Kuppeln öffnen und den ganzen Planeten zur Besiedlung freigeben.

Telfercarn hatte Sibelius ungläubig ins Gesicht gestarrt. Wieso hatte man ihnen das nicht vorher gesagt? Auf den Gesichtern seiner mit ihm eingetroffenen Leidensgenossen las er alle Emotionen, von Unglauben über Verzweiflung und sogar Hass. Einige weinten. Sie alle wussten, dass es kein Zurück gab, das hatten sie vor dem Flug unterschrieben: Auf keiner Kolonie gab es genug Ressourcen, um ein Raumschiff zurück zur Erde auszurüsten. Außerdem: Was sollten sie dort? Waren sie nicht gerade erst von dort geflohen?

Als der Sicherheitsdienst der Kuppelkolonie sie zu ihren Arbeitsplätzen begleitete, wo sie eingewiesen werden sollten, sah Telfercarn erst das wahre Ausmaß der Enge in der Kuppel. In primitiven Wohnblöcken stand jedem Bewohner nur eine kleine Kabine mit wenigen Quadratmetern zur Verfügung, Flächen oder Gebäude, die anderen Zwecken dienten als der Algenerzeugung oder der Unterbringung (Einpferchen wäre nach Telfercarns Meinung ein besserer Ausdruck gewesen), gab es nicht – mit Ausnahme der Krankenstation und dem weißen Gebäude der Administration genau im Mittelpunkt der Kuppel.

Die Aufgabe die er zugewiesen bekam, war schwer und verantwortungsvoll. Ihm oblag die Stabilität und Sicherheit der gewagten Wannenkonstruktionen, und das bedeutete, dass er den ganzen Tag in dem Gestänge herumzuturnen hatte, um die Konstruktion zu überprüfen, Messungen anzustellen und Reparaturen einzuleiten und zu beaufsichtigen.

Bereits am ersten Abend war er in der ihm zugeteilten Kabine völlig erschöpft auf sein Bett gefallen. Seine persönlichen Habseligkeiten, die er hatte mitnehmen dürfen, waren bereits dorthin gebracht worden. Viel war es nicht. Ein paar Photos, Vaters alte Digitaluhr.

Die Uhr. Was er auf ihrem Display hatte erblicken müssen, war seitdem in jeder Nacht sein Alptraum geworden. Die altmodischen eckigen Ziffern zeigten zwar den korrekten Ablauf der Sekunden, Minuten und Stunden an, aber die vier Ziffern des Jahres hatten ihn nicht mehr losgelassen: 2018. 2018? 2018!

Fast ein Jahr hätte vergehen sollen, seitdem er das letzte Mal auf seine Uhr geschaut hatte. Aber tatsächlich waren es weniger als vierundzwanzig Stunden. Sollte es denn wahr sein, was Telfercarn zuerst als wahnwitzige Idee abgetan hatte. Sollte denn...? Nein, es konnte nicht wahr sein! Oder doch?

Er stellte sich die alles entscheidende Frage immer wieder: Waren sie wirklich abgeflogen?

Solange er auch grübelte, er fand keinen wirklichen, echten stichhaltigen Beweis, dass er wirklich eine interstellare Reise über viele Lichtjahre angetreten hatte. Er hatte schon geschlafen, als die Schwerelosigkeit eingesetzt haben musste, er war erst wieder aufgewacht, als er das Raumschiff schon verlassen hatte. An der Schwerkraft merkte er keinen Unterschied, aber schließlich wurde ja auch immer behauptet, dass nur Planeten mit erdähnlicher Gravitation zur Besiedlung freigegeben würden. Und um eventuell vorhandene feine Unterschiede zu messen, besaß er nicht die geeigneten Messgeräte.

Nein, er bräuchte einen handfesten Beweis. Aber Telfercarn war gefangen. Er konnte nicht heraus aus der Kuppel, konnte nicht die fremde Luft des Planeten atmen, konnte nicht die fremde Erde fühlen, konnte nicht die fremde Sonne erblicken, denn das milchige Plastik der Kuppel ließ ja nur diffuses weißes Licht hindurch.

Die Idee kam ihm, als er wieder einmal die höchste Ebene der Stangenkonstruktionen an der Kuppelwandung inspizierte und vergeblich nach irgendeiner Öffnung suchte.

 

Telfercarn blickte sich um, als er seine Kabine verließ und die schmalen Stufen zur Gasse herunter stieg. Niemand zu sehen. Allerdings wurde es hier auch niemals besonders hell, auch am Tage nicht, das verhinderten die Schatten der Gebäude und der Wannen an der Kuppelwand, die zuviel des milchigen Lichtes abhielten.

Seine Gedanken kreisten um die Tragsäule 917. Schon in den letzten fünf Tagen hatte er sich ausschließlich mit ihr beschäftigt. Das konnte zwar verdächtig aussehen, aber dieses Risiko musste er eingehen.

Als Telfercarn an der Administration vorbei hastete, sah er Sibelius im Eingang stehen. Er blickte ihn an. Telfercarn wandte sich ab und hastete schneller an ihm vorbei. Fast körperlich meinte er die Blicke des Administrators in seinem Nacken zu spüren.

Er sah sich nicht um, bis er an der Leiter ankam, die ihn in Sektor 9 in die erste Ebene der Konstruktion hinaufführen würde. Er kletterte los, stets nach oben schauend und zwängte sich grußlos an anderen Kolonisten vorbei, die sich auf den einzelnen Ebenen der Pflege der Tanks widmeten. Den penetranten Geruch der Algen hatte Telfercarn noch nie gemocht, aber jetzt ekelte er sich richtig gehend. Sein Atem ging pfeifend, als er endlich die oberste Ebene erreichte. Er musste einen Moment inne halten und sich an einer der tragenden senkrechten Elemente festhalten. Die Stange war so dick, dass er sie gerade noch mit einer Hand umfassen konnte. Seine Augen suchten die gravierte Markierung in der glatten Oberfläche. 915. Noch etwas weiter rechts. Vorsichtig ging er auf dem schmalen Steg weiter nach rechts, vorbei an Nummer 916, bis er zu seinem Ziel kam. Zum ersten Mal warf er einen Blick zurück und nach unten. Niemand war in der Nähe. Zwei oder drei Ebenen unter ihm glaubte er für einen Moment zwei Gestalten in schwarzen Monturen zu erkennen, wie sie der Sicherheitsdienst trug, aber als er blinzelte, waren sie weg. Im trüben Licht musste er sich wohl getäuscht haben.

Telfercarn wandte sich wieder dem Gestänge zu. Von Säule 917 zweigte eine Querverstrebung ab, die dem Klang nach, hohl sein musste. Sie führte direkt in die fugenlose Kuppelwandung und verschwand. Wenn er sein Ohr ganz dicht an das Metall presste, konnte er ein leises pfeifendes Geräusch zu hören. Vielleicht wurde durch diese Querstrebe irgendetwas hindurchgeleitet, möglicherweise Abluft oder Verbrennungsgase oder etwas ähnliches. Auf jeden Fall bestand die Möglichkeit, dass diese Querstrebe einen Weg nach draußen darstellte. Und Telfercarn gedachte, ihn sich nutzbar zu machen.

Aus dem Werkzeugkasten, den er schon gestern hier deponiert hatte, entnahm er seinen kleinen Bohrer, überprüfte die Akkuladung und die Bohrspitze und setzte ihn an. Beim ersten Mal rutschte er ab und hinterließ auf der Rundung des Metalls nichts als einen hässlichen Kratzer. Beim zweiten Mal drückte er stärker auf und unter hässlichem Quietschen bohrte sich die Spitze in die Strebe. Nach wenigen Millimetern Vortrieb sank der Widerstand schlagartig und Telfercarns Bohrmaschine sank bis zum Anschlag des Bohrfutters in der Querstrebe. Hastig zog er sie zurück. Das pfeifende Geräusch wurde lauter. Aus der Tasche seiner Montur zog er das Glasfaserkabel und schob es durch das Bohrloch vor. Es passte genau. Langsam schob er es vor und spürte, wie sich das Kabel beim Kontakt mit der Gegenwand langsam umbog. Er konnte einen halblauten Ausruf nicht unterdrücken, als er merkte, dass sich das Kabel in die richtige Richtung umbog – zur Kuppelwandung hin. Langsam schob er es vor. Er hoffte, dass die Enden glatt genug poliert waren, um einen brechungsarmen Ein- und Austritt des Lichtes zu ermöglichen. Als das Kabel fast zu zwei Dritteln in der Querstrebe verschwunden war, bemerkte er mit Herzklopfen, dass das Ende des Kabels zu leuchten begann, zwar wenig, aber immerhin. Ungeduldig schob er weiter, aber schon wenige Zentimeter später stieß er an einen Widerstand, den er nicht überwinden konnte. Das Licht, das das Glaskabel emittierte, wurde stärker. Gleich würde er hindurchschauen können.

Telfercarn ging in die Knie, um sein Auge vor das Ende des Lichtkabels zu halten.

„Was tust Du da, Telfercarn?“

Telfercarn wirbelte herum. Da stand Sibelius und hinter ihm zwei schwarz gekleidete Sicherheitsdienstleute.

„Ich ---- Das geht Dich nichts an, Sibelius!“ brach es aus ihm heraus.

„Ich glaube doch, Telfercarn. Du gefährdest die Sicherheit unserer ganzen Kolonie. Das kann ich nicht zulassen!“

„Du kannst mich nicht dran hindern, die Wahrheit herauszufinden, Sibelius!“

„Welche Wahrheit? Du hast Dich in eine paranoide Idee verrannt und ich erlaube nicht, dass Du damit alle hier verrückt machst.“

„Verrückt machen? Ich? Ich bin der Einzige hier, der weiß, was hier gespielt wird – und ich kann es auch beweisen!“ Telfercarn deutet auf das leuchtende Lichtkabel, das aus der angebohrten Querstrebe hing.

„Was beweisen?“

„Dass wir nie abgeflogen sind. Dass wir immer noch auf der Erde sind, dass ihr uns nur in ein Gefängnis abschieben wolltet, wo wir uns nicht mehr beschweren können, wo ihr keine Angst mehr vor uns haben müsst! Hier, siehst Du meine Uhr?“ – Telfercarn streckte seine rechte Hand aus. – „Siehst Du sie? Wenn wir wirklich ein Jahr geflogen wären, dann müssten sie 2019 zeigen, sie zeigt aber immer noch 2018!“

„Telfercarn, Du weißt, dass jede nicht speziell abgeschirmte Elektronik während des Hyperraumfluges nicht funktioniert, sie hat genau wie Du ein Blackout während des ganzen Fluges.“

„Das ist nur eine billige Ausrede!“

„Ich glaube, Du kommst jetzt besser mit uns!“ Sibelius’ Stimme klang beschwörend.

„Freiwillig nie!“

Sibelius’ Begleiter zwängten sich an ihm vorbei und gingen langsam auf Telfercarn zu. Telfercarn wich langsam zurück, seinen Blick auf die beiden Schwarzgekleideten gerichtet und suchte mit seinen Füßen Halt auf dem schmalen Steg.

Er hörte Sibelius schreien, noch bevor er selbst richtig realisierte, was passierte. Sein rechter Fuß fand keinen Halt mehr und trat ins Leere. Er griff nach der Querstrebe, doch seine Fingerspitzen glitten an dem kalten Metall ab und er sah, bevor ihn Schwärze umfing, Sibelius und den obersten Steg nach oben entschwinden, während er fiel.

* * *

 

Sibelius klammerte sich an Säule 917 fest und schloss für einen Moment die Augen. Dann seufzte er und wandte sich um. Er ging er in die Knie und blickte durch das Ende des Lichtleiters hindurch. Sibelius musste die Augen zukneifen, als das grüne Licht der aufgehenden Doppelsonne gebündelt sein Auge traf.

 

* * *

 

Zwei Ebenen weiter unten lag Telfercarn regungslos auf dem Steg, mit seltsam verrenkten Gliedern und starrte mit weißen, gebrochenen Augen, in denen sich das milchige Licht der Kuppel widerspiegelte, in den Himmel.