Die Gelegenheit
Leise fauchend öffnete sich die Tür der Landekapsel und gab den Blick auf eine sattgrüne Ebene aus Gras, Sträuchern und Baumgruppen frei. Hinten am Horizont glitzerte silbrigblaues Wasser. Fast sah es so aus, als wären die Siedler auf einem unberührten Fleck der alten Erde gelandet – und nicht eine Ewigkeit von ihrem einstigen Zuhause entfernt. Karim stellte sich breitbeinig in die Türöffnung und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die neue Heimat. Viel Arbeit würde es werden, wenn sie hier überleben wollten.
„Ich schaue mich mal um, wo wir sind“, tauchte Lutz wieselflink unter Karims Armen hindurch und wollte hinauswitschen, doch dieser hatte die Bewegung hinter sich gespürt, instinktiv zugegriffen und hielt das Frettchen fest am Kragen: „Du bleibst! Du kannst nicht allein …“
„Doch, kann ich“, Lutz ließ seine Jacke in Karims Händen und baute sich in seiner ganzen Größe als laufender Meter vor Karim auf: „Hast du vergessen? Diese Welt ist geradezu jungfräulich: hier gibt es nichts, was mir gefährlich werden könnte.“
„Wir haben beschlossen …“
„Wir? Du hast beschlossen und ich habe es satt! Du hast auf der Erde herumkommandiert und deswegen sind wir jetzt hier…“
Karim explodierte: „Du hast dich heute morgen wohl mit dem Hammer gekämmt! Wenn du dich einmal an das gehalten hättest, was wir abgemacht hatten, wären wir jetzt nicht hier!“
„Ist ja gut, ich hab doch gar nichts gemacht“, Lutz riss seine Jacke wieder an sich und verschwand im Inneren der Landekapsel.
Als sich Karim wieder umdrehte, stand der Biologe, der wegen seiner Kochkünste für die gesamte Mannschaft das Essen zubereitete, vor der engen Kombüse: „Bauen wir als erstes die Küche auf?“
„Damit du endlich deine Schlemmereien kochen kannst, von denen du geschwärmt hast, während du uns den Tubenfraß zubereitet hast?“ Karim zog an der Kochschürze: „Guck mal – ist ja richtig Luft drin. Wird Zeit, dass du was Ordentliches zu Futtern machst.“
„Das dauert noch“, winkte der Biologe ab. „Erst mal muss ich die Klone für unsere Haustiere reanimieren. Baut ihr mal lieber vorher einen Pferch, damit sie dann nicht abhauen können.“
Karim ging nach dem Abendessen mit Rachel in die kleine Kabine, in der sie noch so lange schlafen würden, bis ihr Haus errichtet wäre. Zwei übereinander gestapelte Schlafnischen, gerade einmal hüftbreit und ein aufhakbares Netz – von allen spöttisch Kindersicherung genannt – schützte die Schlafenden vor dem Herausfallen, ein schmaler Gang und zwei Kleidernischen: das war die ganze spartanische Einrichtung. Zwar waren die wenigen Ecken in der Kabine abgerundet, doch Karim schaffte es mit seinen großen Gliedern immer wieder, irgendwo anzuecken und mörderisch zu fluchen. Seine blaugefleckten Schienbeine unter der Hose konnten eine ganze Leidensgeschichte dazu erzählen. Von der Decke der Schlafnische ließ sich ein kleiner Monitor aufklappen, so dass jeder auf die im zentralen Rechner eingespielten Filme und Bücher Zugriff hatte.
Rachel legte sich auf die untere Matratze, auf der sie schon während der gesamten Reise geschlafen hatte und zog die dünne Decke über sich. Karim hockte sich vor ihre Nische und legte seine Hand auf ihren Bauch: „Was macht unser Kleines? Bist du auch lieb zu deiner Mama?“ Ein sanfter Stoß gegen seine Handfläche schien die Antwort zu sein, doch Rachel schob die Hand beiseite: „Bassstimme und aufwärts toupiertes Brusthaar sind zwar männliche Attribute, aber sie reichen nicht aus. Warum kannst du Lutz nicht einfach in Ruhe lassen?“
„Ergreift unsere Mutter Theresa wieder Partei für die Unterdrückten?“ Karim stemmte sich hoch auf sein Bett und ließ sich krachend auf die Matte fallen. Im Einschlafen hörte er noch, wie Rachel den Monitor einschaltete:
„Willst du eigentlich die Bücher auswendig lernen?“, murrte er noch halblaut, bevor er endgültig ins Reich der Träume sank.
In den nächsten Tagen bauten alle gemeinsam unter Karims Leitung zunächst die Gewächshäuser auf. Noch wusste niemand genau, ob sich die mitgebrachten Pflanzen mit der einheimischen Flora vertragen würden, deswegen sollte wenigstens die erste Saat im Schutz der Folien heranwachsen.
Als Karim ins Lager ging, um weitere Streben zu holen, sah er Lutz um die Ecke flitzen: „Willst du nicht mal mit anfassen? Schließlich willst du auch was essen.“
„Schau mal meine Hände an: so grobe Arbeit ist nichts für mich“, wehrte Lutz ab. „Ich bin lieber für die Feinheiten zuständig.“
„Hier gibt es in nächster Zeit keine Filethäkeleien, also fass zu und pack an, sonst wird deine Essensration gekürzt!“
Karim sah, wie Lutz mit spitzen Fingern nach einer der Streben griff, diese gleich wieder fallen ließ und einen Finger in den Mund steckte: „Aua!“
„Hat sie dich etwa gebissen?“
„Nein, da war eine scharfe Kante …“
Karim schulterte die Streben mit behandschuhten Händen und rief: „Dann sieh dich verdammt noch mal um, ob du irgendwo genügend dicke Baumstämme findest, die wir fällen können. Irgendwann müssen wir ja für uns auch Hütten bauen.
Als Lutz am Abend zurückkam, sah Karim, wie er eine blutige Fußspur auf dem Erdboden hinterließ. Lutz tänzelte vor Schmerzen zur Landekapsel und wurde von der Ärztin in Empfang genommen. Karim eilte hinterher: „Was ist passiert?“
Lutz stöhnte auf, als ihm die Ärztin die Stiefel mit einem Skalpell aufschnitt und von den Füßen zog. Das Blut tropfte und quoll aus unzähligen Schnitten unter den Fußsohlen. Karim nahm die Stiefel in die Hand und schaute sich die Sohlen an: trotzdem sie dick waren, waren sie zerfetzt und aufgeschlitzt, als wäre Lutz über rasiermesserscharfe Klingen gegangen.
„Es war das Gras“, presste Lutz zwischen den vor Schmerz fest zusammengebissenen Lippen hervor, „das Gras, was so blau aus der Ferne schimmert. Ich hab es erst gar nicht gemerkt, als ich darauf gegangen bin.“
„Oder es betäubt gleichzeitig“, vermutete die Ärztin, „denn jetzt“ – sie drückte einen saugfähigen Verband fest auf die Sohle von Lutz’ rechtem Fuß und wies auf sein dabei schmerzverzerrtes Gesicht – „scheint es ja weh zu tun.“
„Aber du hast wieder einmal geschafft, was du wolltest: du brauchst jetzt nicht mehr beim Aufbau zu helfen.“ Mit diesen Worten verließ Karim den Raum. Er hatte genug gesehen. Die Verletzungen von Lutz mochten zwar schmerzhaft sein, waren aber offensichtlich nicht lebensbedrohlich.
Nach sechs arbeitsreichen Tagen kam der Sonntag. Bisher waren sich Karim und Lutz gründlich aus dem Weg gegangen. Solange Karim draußen die Gewächshäuser aufbaute, hatte Lutz mit seinen verbundenen Füßen im Labor Bodenproben ausgewertet und Pläne gemacht, wie sie beim Anpflanzen der Kulturen weiter vorgehen wollten. Am Sonntag wollten alle zusammen einen Ausflug an den in der Ferne blau schimmernden See machen. Die Frauen hatten die Decken aus den Schlafkojen mitgenommen und breiteten sie aus. Sie gingen los, waren seit dem Zwischenfall mit dem Gras zwar vorsichtig mit dem, worauf sie traten, doch dieses blaue scharfe Gras hatten sie nur an dieser Stelle gefunden, wo sich Lutz damit verletzt hatte. Marek hatte Essen vorbereitet. Zwar war es immer noch nur aus den Vorräten der Kapsel, aber mit diesen Sachen mussten sie noch so lange vorlieb nehmen, bis die erste eigene Ernte herangewachsen war. Nur auf Bier und Wein müssten die Siedler für immer verzichten. Es sei denn, sie stellten es irgendwann selber her.
Rachel ging vorsichtig mit den Füßen ins Wasser. Feiner weißer Sand massierte sanft ihre Füße. Winzige silbrige Fischchen schossen durch das kühle Nass. „Hier lässt es sich bestimmt prima schwimmen!“ Lutz hatte sich die Verbände von den Füßen entfernt, festgestellt, dass alles gut verheilt war. Also wollte er auch ins Wasser. Er stürmte von hinten an, griff Rachel um die Hüfte und riss sie mit sich ins Wasser. Prustend und spritzend tauchte sie wieder auf, Lutz kraulte bereits weiter. Er hielt kurz an und winkte wassertretend Rachel zu. Plötzlich schnellte ein grauer Körper aus dem Wasser, etwas zog Lutz so schnell in die Tiefe, das ihm noch nicht einmal Zeit für einen Schrei geblieben war. Rachel starrte erst entsetzt auf die Stelle, wo nur noch dicke Blasen und eine Blutspur zeigten, dass Lutz hier hinab gezogen wurde und raste dann wie angestochen aus dem See und schrie und schrie und schrie.
Am Ufer hatte niemand den Vorfall beobachtet, erst Rachels Schreie unterbrachen jäh die ausgelassene Stimmung. Die Ärztin fing die Schreiende ein, nahm sie in ihre Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind hin und her. Rachel schluchzte und zitterte. Sprechen konnte sie nicht. Mit angstweiten Augen zeigte sie nur auf den wieder unschuldig glitzernden See – auf dem sich eine rote Blutwolke langsam verteilte und auflöste.
Als Rachel erschöpft eingeschlafen war, ging die Ärztin hinüber ins Labor mit den vielen Reagenzgläsern, in denen die Klone auf ihre Reanimation warteten. Sie versuchte, die Gegend mit den Biosensoren zu scannen und rief noch einmal die gespeicherten Daten der Landung auf: nichts und nirgendwo war etwas zu sehen oder wurde etwas angezeigt, das auf organisches Leben, größer als eine Maus, hinwies.
Im Gemeinschaftsraum stürmten alle auf Karim ein, als er Rachel schlafend liegen ließ, sich an einen Tisch setzte und den Kopf in die Hände stützte:
„Wir brauchen dringend Kontakt! Die Erde muss erfahren, was hier los ist!“
„Kapier es endlich, sie haben uns reingelegt! Wir sind nicht begnadigt!“
„Wir sollen sterben und das alles ohne Zeugen, ohne dass jemand davon erfährt!“
Karim stand so abrupt auf, dass sein Stuhl polternd umfiel und ging. Im Funkraum setzte er sich mit dem Rücken zur Tür, stöpselte die Ohrhörer ein und schaltete die Anlage auf Empfang. Er suchte die gesamte Skalenbreite ab, doch er hörte diesmal nur ein gleichmäßig leises Rauschen. Kein Knistern und Pfeifen, nichts, was irgendeinen Kontakt mit der Zivilisation schließen ließ. Nur das leise Rauschen der Weltalltiefen.
Karim öffnete das Gehäuse: war etwa ein Bauteil kaputt? Doch er konnte keine fehlerhaften Teile entdecken, fingerte an den Verbindungen. Nein, locker war auch nichts.
Karim hieb auf den Schalter und rieb sich mit den Fingern die Nase. Sie mussten eben alleine mit allem, was kam, fertig werden.
Als Karim zurück in den Gemeinschaftsraum ging, saßen die anderen immer noch so da, wie er sie verlassen hatte. Er setzte sich rittlings auf eine Stuhllehne: „Ich habe keinen Funkkontakt gekriegt“.
„Was heißt das?“
„Das heißt, dass wir entweder so weit von allen entfernt sind, dass wir niemanden per Funk erreichen oder das Funkgerät ist defekt“, Karim stieg von seinem hohen Stuhllehnenross herunter. „Vielleicht sollen wir auch gar niemanden mehr erreichen können.“
Eine der Frauen begann leise zu weinen: „Und jetzt?“
„Jetzt sind wir eben hier und bleiben hier“, zog Karim finster die Augenbrauen zusammen. „Das war doch von Anfang an klar. Warum sollte sich das geändert haben?“
„Aber hier sollte es keine gefährlichen Tiere geben!“ Die Stimme des Biologen überschlug sich fast: „Und wir haben gegen so etwas auch gar keine Waffen.“
„Stimmt“, stellte Karim fest.
„Ich gehe trotzdem noch einmal an den See und lege mich auf die Lauer. Bis jetzt wissen wir ja noch nicht einmal, was Lutz getötet hat. Bis auf Rachel hat keiner etwas gesehen, und die schläft jetzt fest“, entschied Karim.
Eine Nacht schlief Karim noch im Schutz der Basis. Er erwachte im ersten Morgengrauen, stand auf, und packte sich und Konzentrate und Wasser in den Rucksack, er wusste ja noch nicht, wie lange er von der Basis entfernt sein würde.
Karim lud sich den Proviant auf den Rücken und ging los, mit federnden, weit raumgreifenden Schritten. Immer geradeaus, bis zum Ufer des Sees.
Zwischen Felsen suchte er sich eine Deckung und richtete sich so ein, dass er verhältnismäßig bequem sitzen konnte und freien Ausblick auf die Wasserfläche hatte. Er wartete den ganzen Tag ab, nichts bewegte sich. Der Wind kräuselte die Wasseroberfläche, kleine Wellen schlugen verspielt ans Ufer.
Sollte er die Nacht hier verbringen oder in die Basis zurückkehren? Als es dämmerig wurde, beschloss er, im Schutz der Felsen auszuharren. Er träumte, wie ein T-Rex die Basis angriff, als er von einem leichten Donnergrollen geweckt wurde. Noch benommen von seinem Traum bemerkte er, dass die Dämmerung begonnen hatte, so dass er ein wenig sehen konnte. Der See lag ganz still und glatt wie ein dunkler Spiegel vor ihm.
Karim beschloss, zur Basis zurückzukehren und nach Rachel zu sehen. In zwei Stunden würde er da sein. Der See lief ja nicht weg. Und das, was sich eventuell darin befand, auch nicht. Er ließ den restlichen Proviant liegen und ging rasch in den heller werdenden Tag hinein.
Als Karim nach einer Stunde durch ein kleines Gehölz kam, sah er, dass Bäume umgeknickt waren. Etwas Großes hatte sich anscheinend den Weg direkt durch das Gebüsch gebahnt und Schleifspuren hinterlassen.
Karim lief so hastig, dass er völlig außer Atem kam. Die Basis in Sichtweite, hielt er kurz vor einem kleinen Gebüsch an und spähte.
Was er sah, ließ Karim erstarren: ein echsenähnliches Wesen, elefantengroß, mit einem dornenbewehrten, dicken Schwanz und Panzerplatten auf dem ganzen Körper. Die blaugraue Haut schimmerte seltsam metallisch. Es stapfte zwischen den Trümmern des Gewächshauses herum, die metallischen Streben zeigten wie verkrümmte Finger in den Himmel. Das Glas knirschte unter den schweren Tritten des Ungeheuers. Karim stöhnte, als er an die Pflanzen dachte, die darin aufwachsen sollten und von deren Gedeih das Überleben der Siedler abhingen.
Aber der Gedanke an die Pflanzen verflog schnell, als Karim sah, wie sich das Ungeheuer jetzt zur Station stapfte. Ob die anderen noch schliefen? Oder waren sie vom Krachen der Metallstreben und dem Splittern des Glases erwacht und schauten entsetzt auf das Untier?
Karim atmete durch und sprintete zum Eingang. Hoffentlich bemerkte ihn die Echse nicht und er konnte zu den anderen gelangen. Er hatte gerade den Riegel in der Hand, als ihn das Untier völlig unvermutet mit dem Schwanz traf. Karim flog zurück zu dem Gebüsch, aus dem er gerade hervorgekrochen war. Unfähig, sich mit gebrochenen Knochen zu erheben, musste Karim anhören, wie das Untier mit seinem riesigen Kopf die Wände der Basis beulte. Immer wieder hieb es mit den riesigen Stacheln auf dem Schwanz gezielt auf die Fenster der Station, bis diese krachend zerbarsten: Jetzt war der Weg frei. Knackend biss sich das Monster durch das Metall der Außenhaut der Station. Karim sah, wie sich seine Gefährten mit allem wehrten, was ihnen in die Hände kam: Äxte zum Holzfällen, Messer, aber nichts schien die Haut der Echse auch nur zu ritzen. Das Untier schnappte sich einen seiner Gefährten nach dem anderen, biss darauf, dass es knackte und spuckte sie wieder aus.
„Rachel?“ schoss es Karim durch den Kopf. Er hatte sie nicht zwischen den anderen gesehen. Ob sie immer noch schlafend auf der Krankenstation lag? Er versuchte noch einmal, sich zu erheben, doch der Schmerz war so stark, dass er ohnmächtig zusammensank.
Als Karim wieder zu sich kam, war zunächst alles ruhig. Er drehte vorsichtig den Kopf, so dass er das, was von der Station übrig war, sehen konnte. Die Echse stand reglos zwischen den Trümmern. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf ihrem Panzer. Ein leises Geräusch ertönte und kam rasch näher. Es dauerte eine Weile, bis Karim begriff, dass er das von der Erde ihm gut vertraute „flapflapflap“ eines Hubschraubers hörte. Hatten seine Gefährten es geschafft das Funkgerät in Gang zu setzen und Hilfe herbei zu rufen?
Der Hubschrauber landete. Karim sah, wie Männer in Uniformen lachend über das Gelände stapften. Das Ungeheuer stand immer noch zwischen all den Trümmern. Als ein Mann in ziviler Kleidung zu den Soldaten trat, standen sie stramm und Karim hörte, wie einer sagte: „Test erfolgreich abgeschlossen!“
Karim bewegte sich und stöhnte dabei, als einer der Uniformierten darauf aufmerksam wurde und unter dem Gebüsch nachsah. Mit den Worten: „Da hat unser Schätzchen wohl jemanden vergessen“, sah Karim nur noch, wie dieser sein Gewehr hob. Den Knall hörte er nicht mehr.