Die Sonnen von Alpha Centauri
»Du verdammte egoistische Schlampe!«
Im Nachhall dieses Satzes standen sie sich schweigend gegenüber. Leonie fühlte sich wie im Rückstoß einer Rakete. Hitze füllte sie bis in die Zehen. Sie errötete. »Wie kannst du es wagen?«
Anstatt zu antworten, machte Wolfgang eine abwehrende Handbewegung und verließ den Aufenthaltsraum. Leonie zitterte vor Zorn und Frustration über sein Gebaren. Sie hörte, wie sich die Tür zur Luftschleuse öffnete, aber ignorierte das Geräusch. Ein wenig ›frische Luft‹ würde Wolfgang gut tun. Und ihr täte es gut, sein Gesicht für eine Weile nicht sehen zu müssen. Wie hatte sie nur auf die Idee kommen können, mit ihrem Ehemann nach Alpha Centauri zu reisen?
Streng genommen war es natürlich nicht ihre Idee gewesen. Die Spezialisten der ESA hatten gedacht, bei einer vierjährigen Flugzeit – und das nur für den Hinweg – sei es klüger, auf Astronauten zurückzugreifen, die eine derartige Intimität bereits gewohnt waren. Das Ehepaar Wagenfeldt war für dieses Projekt geradezu perfekt gewesen: Ehemann Wolfgang einer der besten Piloten, und seine Frau Exobiologin und Physikgenie. Wolfgangs deutsche und Leonies französische Herkunft war die Glasur auf einem Kuchen, den man nicht hätte besser backen können, wie die Projektleitung der Presse mitteilen ließ. Und jetzt erwies sich, dass der Kuchen zwar vielleicht gut aussah, aber ebenso ungenießbar war wie der Großteil der Astronautennahrung. Zumindest, wenn man vier Jahre lang nichts anderes essen konnte.
Natürlich war nur Wolfgang schuld. Sie saßen erst seit zwei Monaten in der grauen Einöde von Centauri A III und suchten nach Spuren von Wasser, aber diese zwei Monate hatten ihrer Beziehung mehr geschadet als der vierjährige Flug durchs All. Leonie glaubte den Grund zu kennen: Auf dem Planeten hatte sie das Kommando, war Wolfgang ihr untergeordnet. Sein Ego konnte damit augenscheinlich nicht umgehen. Also versuchte er ständig, ihre Anordnungen zu unterwandern oder ihre Arbeit zu verzögern. Verstand er denn nicht, dass es auch Leonie war, der ein Scheitern zugeschrieben würde? Sie hatte versucht, es ihm zu erklären – zum wiederholten Male. Wolfgang mal wieder nicht hören wollen.
Leonie rieb sich den schmerzenden Nacken, dann beugte sie sich wieder über die Karte der Planetenoberfläche. Sie durfte sich von Wolfgangs Ausbruch nicht ablenken lassen. Ihre Vorräte reichten genau für sechs Monate, dann mussten sie die Heimreise antreten und würden nur das Wohnmodul und Spürroboter zurücklassen. Noch vier Monate, bis Leonie mit leeren Händen zurückkehren müsste. Zu wenig Zeit.
Mit dem Finger fuhr Leonie über die Höhenlinien der topographischen Karte. Irgendwo musste doch eine Höhle sein, ein lange ausgetrockneter Wasserlauf – irgendetwas. Leider war die Oberfläche des Planeten so porös, dass alle größeren Hohlräume wahrscheinlich zusammengebrochen waren. Wie jedes Mal wurde ihr Blick von dem geraden Strich angezogen, der sich etwa einen Kilometer von ihrem Standort entfernt über die Karte zog. Rhodans Klippe, ein hundert Meter tiefer Abgrund und die prägnanteste Struktur des Planeten. Wenn sie die Klippe nur genauer untersuchen könnten...
»Leonie? Bist du da?« Wolfgangs Stimme aus dem Interkom wurde von Störgeräuschen begleitet.
Leonie atmete durch. Sie drückte den Schalter am Funkgerät. »Was willst du?«
Wenn er die Schärfe in ihrer Frage gehört hatte, ließ Wolfgang es sich nicht anmerken. »Du solltest mal herkommen. Ich habe was gefunden.«
Leonie erstarrte. Ausgerechnet, wenn Wolfgang ausnahmsweise alleine loszog, sollte er etwas gefunden haben? Von ihrem Pilotenehemann übertrumpft zu werden war ein noch schlimmeres Schicksal als ein einfaches Scheitern. Leonie schämte sich wegen dieser Gedanken, konnte sie aber nicht verdrängen. Gleichzeitig spürte sie die Erregung, die neue Erkenntnisse in ihr bewirkten. Sie aktivierte den Peilsender an Wolfgangs Raumanzug. Der Ortungssender synchronisierte sich mit dem Kartenbildschirm.
»Wo bist du?«, fragte sie überflüssigerweise. Nicht nur, weil der Computer ihr in diesem Moment genau verriet, wo Wolfgang steckte, sondern weil sie es instinktiv ohnehin wusste.
»Wo schon?«, fragte Wolfgang folgerichtig. »An der Klippe.«
Als sie ihn fand, stand er mit dem Rücken zu ihr und blickte über die Klippe hinaus. Alle drei Sonnen waren am Horizont zu sehen: Alpha Centauri A und B dicht beieinander, eine gelbe und eine rötliche Sonne, und ein großes Stück weiter oben, gerade noch sichtbar gegen die Helligkeit der beiden Sterne, der rote Zwerg Centauri Proxima. Wolfgangs Silhouette zeichnete sich vor den Sonnen ab. Im Vergleich mit dem engen Raumanzug war sein Helm überdimensional groß und ließ ihn wie einen Außerirdischen aus einer alten Fernsehserie aussehen.
»Wunderschön«, kam seine knisternde Stimme über das Helmmikro.
Leonie konnte es nicht fassen. »Hast du mich deshalb hergeholt?«
Wolfgang seufzte hörbar. »Nicht mal eine Minute kannst du erübrigen. Nicht einmal das.«
»Wir sind nicht zum Vergnügen hier«, erinnerte sie ihn.
»Wirklich? Das wäre mir fast entgangen, so viel Spaß, wie wir haben.« Er drehte sich zu ihr um und hob die Hand. »Lassen wir das. Komm her und sieh dir das an.«
Leonie stellte sich neben ihn an den Rand der Klippe. Sie folgte seiner Geste und sah hinab. »Was denn?«
»Beug dich noch etwas vor.« Wolfgang griff nach ihrer Hüfte und hielt sie fest. Leonie war dankbar für seinen Halt. Die Schwerkraft auf Centauri A III war mit 0,83 g nahezu erdähnlich, und sie wollte wirklich nicht die Klippen hinunterfallen. Sie lehnte sich vor und hielt dabei weiter Ausschau. »Noch weiter«, drängte Wolfgang. Dann sah sie es. Eine Öffnung in der Klippenwand, vielleicht zehn Meter unter ihnen. Eine Höhle.
Wolfgang zog sie zurück und drehte sie herum, sodass sie sein Gesicht sehen konnte. Er grinste. »Was sagst du dazu?«
»Noch kann ich wenig-«
»Papperlapapp. Wir haben eine Höhle gesucht – da ist sie. Wir sollten sie erkunden.«
»Am besten schicken wir einen der Roboter hinein.«
Wolfgangs Augen weiteten sich. »Warum? Wir können das auch.«
Leonie schüttelte den Kopf. »Wir können unsere Seile nicht in der brüchigen Überfläche verankern. Sie würden herausgerissen.«
»Wir befestigen sie an unserem Rover. Das wird halten.«
»Das ist wahrscheinlich nur eine Öffnung, und selbst wenn nicht, wird sie bestimmt schnell zu eng für uns.« Selbst in ihren eigenen Ohren klang das Argument hölzern.
»Na und? Dann gehen wir eben nur fünf Meter rein.« Er fasste ihre Schultern. »Leonie, lass es uns tun. Dafür haben wir das Höhlentraining gemacht. Den Roboter können wir immer noch schicken.«
Lag auf ihrem Gesicht der gleiche Enthusiasmus wie auf seinem? Leonie wusste es nicht, aber sie wusste, dass er sie überzeugt hatte. Sie waren in Vorbereitung auf ihre Reise durch Höhlen gekrochen, in die sie mit ihren Helme niemals passen würden. Sie hatten gelernt, Wasserspuren zu finden, und wie man die Nanopflaster auf Risse in ihren Anzügen klebte. Warum sollten sie jetzt im Labor sitzen und warten, was die Roboter ihnen meldeten? Leonie hielt Wolfgang ihre Handfläche entgegen.
»Tun wirs.«
Wolfgang schlug ein.
Es war tatsächlich eine Höhle, und sie war zumindest tiefer als fünf Meter. Leonie und Wolfgang standen im Eingang; hinter ihnen hing das Kletterseil über dem Abgrund, das sie mit dem Rover zehn Meter über ihnen verband. Der Eingang war breit genug, dass sie nebeneinander stehen konnten, und gut zwei Meter hoch. Die Beleuchtung ihrer Helme reichte gerade bis an die grauen Wände, aber die Lampen an ihren Handgelenken wiesen den Weg in den grauen Fels hinein. Die Höhle wurde etwas schmaler und niedriger, blieb aber noch begehbar. Risse zogen sich durch das Gestein.
»Das könnten Wasserspuren sein«, sagte Leonie. Vor Aufregung brach ihre Stimme. »Gehen wir.«
»Warte noch.« Wolfgang hatte eine Aluminiumstange in der Hand. Er stocherte damit in der Decke. Die Stange drang problemlos ein. »Ob die Decke hält?«
»Diese Höhle ist bestimmt hunderte von Jahren alt. Sie wird schon noch eine Stunde halten.«
»Bist du sicher?« Wolfgang deutete auf den Boden. Wie auf Centauri A III üblich, waren ihre Stiefel ein paar Millimeter eingesunken. »Das ist wie frischer Schnee.«
»Iglus sind auch aus Schnee, und in denen leben Menschen. Komm schon – du wolltest hier hinein.«
Langsam und vorsichtig bahnten sie sich einen Weg. Sie passierten, was einmal Stalaktiten gewesen sein mochten – weitere Zeichen für Flüssigkeit. Leonie schlug Herz immer höher.
»Stell dir mal vor, wir finden wirklich Wasser hier.«
»Lieber nicht.«
»Was meinst du?«
Robert blieb stehen. Leonie wäre beinahe mit ihm zusammengestoßen. »Hör mal«, sagte er. »Tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe, aber...«
»Aber was?«
»Gar nichts. Lass uns weitersuchen.«
Leonie hielt ihn am Arm fest. »Nein. Du hast damit angefangen. Jetzt sag schon: aber was?«
»Aber«, sagte er betont, »ich möchte dich nicht an diesen Planeten verlieren.«
»Was soll das denn heißen?«
»Ach komm schon, das weißt du genau.«
»Dann würde ich ja nicht fragen. Glaubst du wirklich, ich würde dich verlassen?«
»Das hast du doch schon fast.«
Leonie runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
Wolfgang schloss die Augen. Er hielt sich die Hand vor das Gesicht, was angesichts des großen Helms etwas grotesk wirkte. »Merkst du das nicht, Leonie? Den Unterschied zwischen unserer Ehe, dem Hinflug und unserer Situation hier unten?«
»Natürlich merke ich das. Der Unterschied ist, dass ich hier das Sagen habe.«
Wolfgang lachte auf. »Ist er das?« Er schüttelte den Kopf. »Also ehrlich, Leonie. Denk mal an den Flug. Wir haben mehr Zeit mit uns als mit den Vorarbeiten für die Untersuchung verbracht. Aber seit wir hier unten sind, reicht es höchstens für einen flüchtigen Kuss zum Einschlafen oder Aufstehen.«
»Also-«, begann sie, aber Wolfgang unterbrach sie mit einer Handbewegung.
»Nein, jetzt musst du mir mal zuhören. Du verbringst achtzehn Stunden am Tag vor den Maschinen, und ich tauge nur noch, um dich ab und zu mal irgendwo hinzufahren. Und das, wo dieser Planet ein ammoniakgetränktes, brüchiges Nichts ist. Wenn wir jetzt noch Wasser finden...« Seine Stimme verlor sich. Er blickte zu Boden.
»Was willst du eigentlich?«, fuhr sie ihn an. »Geht es dir wirklich nur darum, dass wir mal zwei Monate keinen Sex hatten? Bist du so oberflächlich?«
Er sah sie an, als habe sie ihn geschlagen. Er presste die Lippen zusammen. »Find dein Scheißwasser doch alleine!« Er drehte sich um und stapfte in Richtung Ausgang.
»Lass mich hier nicht so stehen«, rief Leonie. Sie folgte ihm. »Wolfgang! Bleib gefälligst stehen.«
Zur Antwort schaltete er den Helmfunk ab. Er hatte den Ausgang jetzt fast erreicht. Auf dem Boden lag das Kletterseil. Wolfgang bückte sich danach. Leonie packte seinen Arm. Er riss sich los und wirbelte herum. »Fass mich nicht an.«
Wut brodelte in ihr wie heiße Milch, kurz vorm Überkochen. Sie wollte ihn schlagen, aber der Helm war im Weg. Also schubste sie ihn, so fest sie konnte.
Wolfgang riss überrascht die Augen auf. Er stolperte zurück, zwei weitere Schritte nach hinten, auf den Abgrund zu. Leonie wurde es plötzlich eiskalt. Er ruderte mit den Armen. Beinahe wäre er gestürzt, aber mit einem Stiefel halb über der Kante gewann er sein Gleichgewicht zurück. Wieder standen sie sich schweigend gegenüber. Leonie schwieg aus Erleichterung, aber sie konnte sehen, wie Wolfgang Worte spie, wahrscheinlich Vorwürfe, unhörbar durch den deaktivierten Funk. Leonie musste lächeln. Wolfgang hielt inne. Sie sah förmlich, wie ihm die Erkenntnis kam. Jetzt lächelte auch er, fing sogar an zu lachen. Dann brach der Boden unter seinen Füßen weg.
»Wolfgang!« Leonie streckte die Hand nach ihm aus, aber er kippte schneller nach hinten, als sie greifen konnte. Sie erreichte die Kante gerade rechtzeitig, um ihn unten aufkommen zu sehen. Staub wölkte sich, und vor ihrem inneren Auge sah Leonie Wolfgang in einem Loch mit seinen Umrissen, wie in einem Zeichentrickfilm. Nur mit Mühe konnte sie verhindern, sich in ihren Helm zu übergeben. Ihre Knie wurden weich. Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Seil. Sie musste es bis oben schaffen, bevor sie zusammenbrach. Sonst käme sie nie aus dieser Höhle heraus.
Es waren die längsten zehn Meter ihres Lebens.
Leonie weinte einen ganzen Tag lang. Sie weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte, und dann weinte sie noch mehr. Sie schrie. Sie schlug gegen Wände und Türen. Und als sie sich etwas beruhigt hatte, schüttete sie Trinkwasser auf ihren Computer und genoss den Geruch nach kurzgeschlossenen Kabeln. Sie programmierte die Roboter auf einen ziellosen Kurs, aktivierte sie und sah zu, wie die Maschinen im Grau von Centauri A III verschwanden.
Sie setzte einen letzten Spruch nach Hause ab – in ein paar Jahren würden alle wissen, was sie getan hatte. Dass es ihre Schuld gewesen war. Ihr Scheitern. Schließlich setzte sie sich in den Rover und fuhr zurück zu Rhodans Klippe. Centauri Proxima stand hoch am Himmel, aber Centauri A und B näherten sich dem Horizont. Leonie stand einfach so da und betrachtete den doppelten Sonnenuntergang. Wolfgang hatte Recht gehabt: er war wunderschön.
Leonie öffnete die Verschlüsse an ihrem Helm. Sie ignorierte den Warnton und entfernte das Siegel. Sie atmete noch einmal tief ein, dann streifte sie den Helm über ihren Kopf.
Er hatte sowieso nicht zu ihrem Anzug gepasst.