Der symbiotische Wandschrank
„Hören Sie genau zu, Stanley, dieser Auftrag ist äußerst wichtig!
Seit ungefähr zwei Jahren verschwinden auf Dementia, dem 5. Planeten des Beteigeuze-Systems, Menschen spurlos. Bisher alles nur Durchreisende, weswegen die Vorfälle noch nicht in der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind. Doch jetzt ist der Neffe von Konteradmiral Harrison, Corben Harrison, bei einem Landurlaub auf dem Planeten verloren gegangen. Ein Schwerenöter, wie ich gehört habe, aber seine Mutter sitzt dem Konteradmiral im Nacken.
Nun, Dementia gehört ja zur Handelsförderation United Galaxis und fällt damit nicht in unseren militärischen Einflussbereich. Also konnte der Konteradmiral nicht einfach die Marines losschicken, um das Problem zu lösen.
Weswegen er an uns herangetreten ist.
Fliegen Sie nach Dementia, Stanley, finden Sie Corben Harrison und bringen Sie ihn zurück, und zwar in einem Stück, wenn es geht. Flug und Quartier sind bereits gebucht, Sie starten morgen Mittag.
Ach, und Stanley.....“
„Ja, Sir?“
„Vermasseln Sie es nicht wieder, sonst können sie ihre Karriere gleich in die Tonne treten!“
Dieses Gespräch hatte vor vierzehn Tagen stattgefunden. Zwei lange Wochen, in denen ich während des Hypersprung-Fluges nach Dementia ausreichend Zeit und Gelegenheit hatte, um über den Auftrag und meine Zukunft bei IGOR nachzudenken.
Mein Name ist Stanley Weintraub, Agent 3. Klasse bei IGOR, der Inter-Galaktischen Organisation für terminale Ruhigstellungsmaßnahmen, und ich wollte schon mein ganzes Leben lang Geheimagent werden.
Bisher waren meine Bemühungen um Anerkennung in der Firma allerdings nur wenig von Erfolg gekrönt. Ich wurde mit drittklassigen Aufträgen wie diesem abgespeist. Und trotzdem kam mir immer noch irgendetwas dazwischen, mit dem ich nicht gerechnet hatte. So wie bei meinem letzten Fall.
Woher sollte ich aber auch wissen, dass Arkturier buchstäblich auf den Tod nicht damit umgehen können, wenn jemand in ihrer Gegenwart über Nahrungsaufnahme spricht, geschweige denn sie vollzieht! Ich konnte meinen Kaugummi gar nicht so schnell herunterschlucken, wie sich der arkturische Botschafter mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden krümmte und anschließend in ein tiefes Koma fiel. So weit ich gehört hatte, war er daraus bisher noch nicht wieder erwacht.
Nun gut, das war mit Sicherheit kein Beispiel für einen gelungenen Erstkontakt mit einer mir fremden Spezies, dieses Mal musste der Auftrag erfolgreicher ablaufen.
Deshalb rekapitulierte ich, als die USS Company auf Unterlicht ging und sich dem Beteigeuze-System näherte, noch einmal, was ich in den Berichten über Dementia gelesen hatte.
Der ursprüngliche Eintrag im Galaktischen Verwertungskataster lautete: „Ungemütlicher Planet mit viel zu vielen Pflanzen und ekligen Tieren. Kaum Bodenschätze vorhanden, dafür aber halbintelligente, humanoide Bewohner, die einem den Nerv töten können. Höchstens als Müllkippe zu gebrauchen.“
Dieser Eintrag zeugte zwar nicht von der Professionalität des zuständigen Kataster-Beamten, führte aber dazu, dass man Dementia bei der ersten Kolonisationswelle außen vor ließ.
Erst Jahre später hatte ein Drogenschmuggler, der auf Dementia notlanden musste, festgestellt, dass der Planet sehr wohl etwas Verwertbares bot.
Denn Dementia war der einzige Planet in der bekannten Galaxis, auf dem Aphrion vorkam, „das Grün, das den Schmerz tötet“, ein jetzt auf allen Planeten begehrtes Schmerzmittel. Ganz nebenbei lieferte es aber auch noch den Grundstoff für ein gefährliches Rauschgift, das bei Langzeitgenuss die geistigen Fähigkeiten erheblich einschränkte. Bei den humanoiden Bewohnern des Planeten galt Aphrion seit Urzeiten als Grundnahrungsmittel, sie hatten keine Ahnung davon, dass sie auf „grünem Gold“ herumkauten.
Und schließlich lag Dementia am Rand des Äußeren Territoriums, der Planet war damit nicht nur Drogenumschlagplatz, sondern auch Umsteigebahnhof für alle, die ihr Glück in den Randgebieten versuchen wollten.
Dementia war erst vor drei Jahren in die Handelsförderation aufgenommen worden, oder besser gesagt, United Galaxis hatte ihn sich einverleibt.
Beim Landemanöver auf dem einzigen Raumflughafen des Planeten konnte ich beobachten, dass der überwiegende Teil der gewaltigen Landmassen tatsächlich unter einem Dschungel begraben war, der in allen Grün- und Braunschattierungen schillerte. Größere Wassermassen wie Ozeane oder Seen gab es nicht. Das Wasser schien sich in einem ständigen Kreislauf aus Verdunsten, Kondensieren und Aufgesogenwerden zu befinden. Um in dieser Umgebung überleben zu können, waren die Dementianer eine Symbiose mit der Flora dieses Planeten eingegangen. In welcher Form und in welchem Umfang, war aber bisher noch nicht genau erforscht worden.
Wie es United Galaxis schaffte, die Landefläche des Raumflughafens und das umliegende Terrain von den wuchernden Pflanzen freizuhalten, war mir ein Rätsel, warum, war mir mittlerweile klar.
Gleich nach der Landung steckte ich das Holobild, das mir mein Chef gegeben hatte, ein. Corben Harrison sah darauf ziemlich nichts sagend aus, das Interessanteste war noch die große Silbercreole, die er im linken Ohr trug.
Danach meldete ich mich beim wachhabenden Offizier ab, schnappte mir meinen Atomic-Scooter und machte mich auf, herauszufinden, was genau mit Mr. Harrison geschehen war.
Man hatte mir zwar versichert, dass Dementias Atmosphäre atembar war, aber als mir die heiße, feuchtigkeitsgeschwängerte Luft entgegen schlug, verfluchte ich meine Entscheidung, keinen Sauerstoffstick mitgenommen zu haben.
Doch nach einigen vorsichtigen Atemzügen, bei denen die Luft meine Lungenflügel zum Brennen brachte und mir in Sekundenbruchteilen das Hemd am Körper kleben ließ, hatte ich nicht mehr das Gefühl, jeden Moment zu ersticken. Einen Atemzug vorsichtig hinter den anderen nehmend begann ich mich weniger auf mein Innenleben, sondern wieder mehr auf meine Umwelt zu konzentrieren. Feines, grünes Moos bedeckte wie Staub die Landebahn, die Luft flimmerte irrsinnig in der prallen Sonne.
Also sah ich zu, dass ich mich, bevor auch noch mein letztes bisschen Gehirn verbrannt war, unter das schützende Dach der Zivilisation rettete. Was in diesem Fall das Hauptverwaltungsgebäude der Handelsförderation mit angrenzendem Vergnügungsviertel bedeutete.
Irgendwie brachte es United Galaxis fertig, das Raumfahrerviertel auf jedem Planeten gleich aussehen zu lassen. Eine Leistung, die gerade auch unter Berücksichtigung der Vielzahl unterschiedlichster Planeten in der Galaxis, die zur Handelsförderation gehörten, nicht hoch genug eingeschätzt werden konnte. Vermittelte sie doch dem gestressten Raumfahrer das Gefühl, stets nach Hause zurückzukehren.
Zumindest wusste man aber immer, wo es etwas Anständiges zu trinken gab.
Hier auf Dementia war das „Der volltrunkene Shamas“. Ich parkte meinen Scooter vor der Bar und betrat sie durch eine Art Luftschleuse, die dazu diente, die stickige und heiße Luft draußen zu lassen.
In der Bar herrschte ein angenehmes Zwielicht, an das sich meine Augen nach der grellen Sonne erst wieder gewöhnen mussten. Doch die unterschiedlichen Gerüche und das Stimmengewirr, die mir entgegen schlugen, zeigten mir auch so, dass die Bar gut besucht war.
Ich sah zwar keinen Shamas, weder einen betrunkenen, noch einen nüchternen, aber von Aldebaranern bis Zambrioten war alles vertreten. Der einzige freie Platz am Bartresen befand sich neben einem besonders hässlichen Theroner, der wie ein pitschnasser Bernhardiner aussah und auch so roch.
Ich setzte mich und bestellte mir einen doppelten Selver, geschüttelt und nicht gerührt. Zweimal versuchte der Theroner, mir ein Gespräch aufzudrängen, aber ich tat, als würde ich sein Interlingua nicht verstehen. Was mir bei seiner Aussprache auch nicht besonders schwer fiel. Ich musste ihm ja nicht erzählen, dass mir ein Uni-Trans 2000 implantiert worden war, das aktuellste Modell des Universal-Translators der irdischen Streitkräfte.
Nach dem vierten oder fünften Selver ging es mir schon wieder besser und ich begann, mich in der klimatisierten Atmosphäre der Bar wohl zu fühlen.
Zwei Bathsheaner, die etwas versteckt in einer Nische saßen, wurden plötzlich lauter. Ein Wort gab das andere, die Fühler der beiden fingen an, sich aufzurichten und der eine Bathsheaner fuchtelte wild mit seinen sechs Armen in der Luft herum. So weit ich es verstehen konnte, ging es um einen verschwundenen dritten Bathsheaner und um einen nicht ausgeführten Auftrag. Plötzlich zog der, der sich so aufregte, einen Desintegrator aus einer Hautfalte und beförderte den anderen in die intergalaktischen Jagdgründe. Ein stechender Geruch breitete sich im Raum aus, doch die Klimaanlage würde auch damit fertig werden.
Das alles berührte mich wenig, denn der Zwischenfall hatte meinen Blick auf das schönste Mädchen, das ich je gesehen hatte, gelenkt. Sie räumte gerade einen Tisch in der Mitte des Lokals ab.
Ihr schulterlanges, rötliches Haar glänzte wie die Vulkanfluten von Zambrius, ihre Augen strahlten in den unterschiedlichsten Farben wie der Sonnenuntergang auf Desmos, ihre Züge waren von einer Ebenmäßigkeit wie Gespinst von Proxima Centauri und der Rest war auch nicht ohne. Nur ihre leicht grünliche Gesichtsfarbe und die stetigen Kieferbewegungen, mit denen sie das Aphrion kaute, verrieten, dass sie ohne Zweifel eine Dementianerin war.
Ich prostete ihr mit meinem Selver zu und strahlte sie mit meinem verführerischsten Lächeln an. Und sie strahlte zurück.
Doch gerade, als ich mich in ihre Richtung aufmachen wollte, verschwand sie schnell.
„Nun, mein Freund, ich glaube nicht, dass sie bei ihr viel Erfolg haben werden. Sie ist ein ziemlich scheues Wesen.“
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte ich den Barkeeper, der vor mir die Theke wischte, an. Angeekelt bemerkte ich, dass er für diese Arbeit keinen Putzlappen, sondern einen der vielen an seinem Oberkörper herunterhängenden Hautlappen verwendete.
„Niemand weiß so recht, wovon und wie die Dementianer leben.“, fuhr er fort, „sie dort zum Beispiel taucht hier jeden Morgen auf, hilft aus, ohne viel zu reden und abends verschwindet sie wieder im Dschungel.“
Wohin sie verschwand, konnte er mir allerdings auch nicht sagen.
Und als ich ihm das Bild Corben Harrisons zeigte, musste er kopfschüttelnd so schnell ihn seine drei Beine tragen konnten in die Küche zurück.
Nachdem ich mein reserviertes Quartier im einzigen Hotel bezogen hatte, versuchte ich in den folgenden Tagen, etwas über die verschwundenen Personen und speziell Corben Harrison heraus zu bekommen. Doch niemand schien sie zu vermissen, geschweige denn etwas über ihr Verschwinden zu wissen.
Auch die Leitung des Raumflughafens konnte oder wollte mir nicht mit Informationen weiterhelfen. Man nahm es auf Dementia mit der Bürokratie und der Überprüfung von biometrischen Daten offensichtlich nicht so genau.
Immerhin konnte ich nach Entrichtung einer kleinen Ausgleichszahlung einen Mitarbeiter von United Galaxis dazu bewegen, mir die Passagierlisten für den Zeitraum, in dem Harrisons Neffe auf Dementia gewesen war, zu kopieren.
Doch diese Unterlagen waren der reine Hohn. Irgendwie wechselten die Reisenden bei der Abreise nicht nur ihre Namen, sondern auch das Geschlecht und wahrscheinlich sogar die Rasse. Nach den Unterlagen müssten sich ganze Heerscharen von Besuchern auf Dementia tummeln, während die Transporter ins Äußere Territorium voller Passagiere steckten, die alle aus einer fremden Dimension angespült worden waren.
Mir wurde klar, dass ich Corben Harrison auf diese Weise niemals finden würde. Also brach ich die Aktion ab, bevor sich mein Spesenkonto noch weiter aufblähte.
In den nächsten Tagen suchte ich alle öffentlich zugänglichen Platz im Raumfahrerviertel auf, drehte jeden Stein um (und fand überall etwas Grünes, teilweise noch Lebendes, darunter). Ich zeigte mein Holobild allen, die es sehen oder auch nicht sehen wollten. Ohne Erfolg.
Meine Abende verbrachte ich frustriert und einsam im „volltrunkenen Shamas“, auch die schöne Dementianerin tauchte nicht wieder auf.
Doch am letzten Abend, bevor mein Rückflug zur Erde und damit das Ende meiner beruflichen Karriere begann, sah ich sie wieder. Sie schien vor dem Lokal auf jemanden zu warten.
Und so wie sie mich anlächelte, schien ich dieser Jemand zu sein.
Eine Stunde später saßen wir auf meinem Scooter und befanden uns auf dem Weg zu ihrer Behausung. Wir hatten in der Zwischenzeit zwar keine zwanzig Worte miteinander gewechselt, aber immerhin hatte ich erfahren, dass sie Cara hieß und in einer Siedlung am Rande des Raumfahrerviertels lebte.
Irgendwann während der Fahrt musste ich von Normal- auf Hoovercraftantrieb umschalten, da die Straße immer schlechter und schließlich zu einem Wanderweg wurde. Hier breitete sich der Dschungel wieder ungehindert aus.
Schließlich öffnete sich der Weg zu einer Lichtung hin, auf der ein Kranz aus großen, gleichförmigen Bäumen stand. Cara ließ mich vor einem dieser Bäume halten und deutete mir mit Gesten und einer Mischung aus Interlingua und ihrer eigenen Sprache an, dass wir unser Ziel erreicht hatten.
Ich wusste zwar, dass die Dementianer mit der Pflanzenwelt ihres Planeten in Symbiose lebten, so aber hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Der Einstieg in ihr Haus befand sich ungefähr auf Kniehöhe, eine gewachsen wirkende Treppe im Inneren des Stammes führte annähernd drei Meter in die Höhe. Hier weitete sich der Stamm so, dass er einen großen Raum und eine kleine Nische bildete.
Der Raum war einfach und rustikal, in einem warmen Grünton, eingerichtet. Wenn man das so sagen konnte, denn auch alle Möbel wirkten, als wären sie gewachsen und nicht gefertigt worden. Lächelnd zeigte Cara erst auf einen Stuhl, von dessen Füßen aus feine Verästelungen in den Boden gingen, und dann auf mich. Ich setzte mich vorsichtig, doch er schien nicht nur mein Gewicht ohne Probleme auszuhalten, sondern sich auch meinem Körper anzupassen, mich schützend zu umschließen.
Cara brachte mir etwas zu trinken, erfreut stellte ich fest, dass es ein doppelter Selver war, der aber einen leicht pflanzlichen Beigeschmack hatte.
Danach versank alles in einem Rausch aus grünem Licht. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem Bett aus wohlriechendem Laub, dass sich jeder unserer Bewegungen anpasste. Cara lag nackt in ihrer ganzen Schönheit neben mir. Lächelnd sah sie mich an, in ihren Augen die Erinnerungen an Momente der Lust, die mir leider abhandengekommen waren.
„Ach, ihr Erdlinge, riecht so lecker, seid so süß.“
Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Doch gerade, als ich mich ihr wieder etwas bewusster zuwenden wollte, drangen Geräusche vom Eingang des Baumhauses herauf, die wie Schritte klangen.
Erschrocken zuckte Cara zusammen: „Bei allen Göttern, mein Mann!“
Auch ich war natürlich schockiert, denn ich hatte keine Lust, mich hier von einem wild gewordenen Außerirdischen mitten in einem Laubhaufen mit seiner wie auch immer angetrauten Gemahlin erwischen zu lassen.
„Schnell, schnell, du musst dich verstecken.“
Verstecken war gut, doch wie, ohne mich ins Holz zu bohren?
Verzweifelt irrte mein Blick umher und blieb auf dem in der Nische untergebrachten Wandschrank hängen.
Ein geübter Griff ließ mich meine Sachen zusammenraffen. Ein tollkühner Satz brachte mich vom Bett zum Schrank, den ich vorsichtig öffnete, um mich hineingleiten zu lassen. Mit einem satten Schmatzen fielen die Türen hinter mir zu.
Tja, und hier sitze ich immer noch.
Mittlerweile auf der Kleiderstange, weil die Verdauungssäfte begonnen haben, meine Schuhe aufzulösen. Als ich bemerkt hatte, dass sich die Schranktüren von innen nicht öffnen ließen, war es bereits zu spät.
Und raten sie mal, was ich in diesem verfluchten Ding gefunden habe?
Für Schmuck scheinen die Dementianer und ihre Symbionten jedenfalls nicht viel übrig zu haben.