Der Turm

 

Lang fällt der Schatten des Turms im Abendlicht.

Ganz reicht er nicht heran, an den Rand des Talkessels. Der Anblick erinnert mich manchmal an den Zeiger einer Uhr, der langsam über ein reich verziertes Zifferblatt wandert. Verziert mit Ruinen, die einst eine Stadt waren. Größtenteils ist das Tal immer noch davon gesäumt. Mit jedem Tag der vergeht, ändert sich dieses Bild um eine Nuance. Deutliches Zeugnis darüber legt der stete Lärm ab, der an mein Ohr dringt. Klopfen, Schaben, Hämmern. Klänge des Entstehens. Sie überlagern die seltsame Harmonie aus gewesenem und werdendem.

Heute konzentrieren sich die Arbeiten im Südwesten. Sie werden mit primitiven Werkzeugen vorgetragen, zumeist aber mit bloßen Händen. Einfach sind auch die fertiggestellten Gebäude. Gleichwohl lassen sie einem universell gültigen Sinn für Ästhetik erkennen, gewachsen aus geometrischer Exaktheit. Womöglich ähnelte die Stadt einstmals Metropolen des antiken Griechenland, oder solchen des Römischen Reiches. Es ist noch zu früh, dies mit Bestimmtheit zu sagen.

Was vor meinen Augen geschieht, ist kein schlichter Neuanfang. Ganz im Gegenteil, man muss es als komplette Rekonstruktion bezeichnen. Die schlichte Schönheit einer fernen Vergangenheit ist im Begriff neu aufzuleben. Mauern erheben sich aus dem Staub von Jahrtausenden, als hätten sie lediglich eine Weile geruht, um nun ihre Existenz nahtlos fortzuführen.

Ich gebe mich keinen Illusionen hin. Bei dem bescheidenen Tempo mit dem die Arbeiten vonstatten gehen, wird eine kleine Ewigkeit verstreichen, bis aus Trümmern wieder eine blühende Metropole geworden ist. Ich scheue mich nicht, dem Treiben im Tal zuzusehen und schäme mich nicht für meine Neugierde. Ist sie doch bislang mein einziger Lebenszweck.

 

Unweit der Abbruchkante ruht die ALMIRANTE BROWN. Ein erstes Zeichen ihres langen Aufenthalts setzt der Staub, der sich allmählich auf ihre Hülle legt.

Ist es tatsächlich fast zehn Monate her, seit sich ihre Landestützen in den Boden dieser Welt rammten? Der Kalender lässt keinen Zweifel daran aufkommen, obgleich mir der Zeitraum erheblich länger vorkommt. Irgendwie ist heute sogar ein kleines Jubiläum. Volle dreihundert Tage sind verstrichen.

Dass der Zufall uns hierher führte und keine tiefere Absicht, wie ich mir ab und zu vormachen möchte, ist unbestreitbare Wahrheit. Es hätte andere interessante Orte gegeben, Zivilisationen, oder deren Überbleibsel, die einer Erforschung wert gewesen wären. Dieser Welt haftete nichts besonders an, außer der Tatsache, dass sie direkt auf der Flugroute lag. Sicher, man hätte sie und auch die Stadt ignorieren können. Doch wäre Desinteresse eine denkbar schlechte Eigenschaft für solche, denen das Geschenk der Wissensgier als treibende Kraft gilt. Die Möglichkeit, dabei Fehler zu begehen, ist ein einkalkuliertes Risiko. Aber das war jedem Expeditionsteilnehmer von Anfang an klar.

In den Sternenkatalogen wird die Sonne, die sich dem Horizont entgegensenkt, als Benson 712 geführt. Obwohl das Namensrecht nicht bei mir liegt, habe ich mir angemaßt, ihren Planeten, Düstergelb zu taufen. Die Bezeichnung scheint mir passend, denn dieser Ort ist wahrlich kein behaglicher. Diesiges Tageslicht, ausgedehnte Wüsten. Zu wenig Vegetation und zu kurzes Tageslicht.

Kümmerlich.

Wie auch der Turm im Stadtzentrum. Ihn beeindruckend zu nennen, wäre bloße Übertreibung. Nicht einmal 50 Meter hoch ragt er in den Himmel. Die Verwitterungen, die von Löchern durchzogene Oberfläche, die kollabierte Spitze. Alles in allem sieht er ein bisschen aus wie eine Miniaturvariante des Zuckerhuts von Rio De Janeiro. Harmlos wirkt er, zersetzt, wie die Stadt in der er steht. Aber das täuscht. Das äußere Erscheinungsbild erweckt lediglich den Eindruck von Ungefährlichkeit.

Tatsächlich wurde der Turm konstruiert, um Trugbild zu sein. Unzweifelhaft sind mächtige Aggregate in sein Inneres integriert. Auf dem Universalscanner lässt sich ablesen, dass enorme Energiemengen umgesetzt werden. Seit der Landung hat sich das nicht geändert. Ich kenne mich nicht allzu gut aus in diesen Disziplinen. Dennoch ist mir bewusst, dass ich mit einer Technologie konfrontiert bin, die jedwede irdische weit in den Schatten stellt.

 

Hätte, aus der Distanz betrachtet, eine Chance bestanden, den Bluff zu durchschauen, Düstergelb rechtzeitig zu verlassen? Ich denke nicht. Der Turm lässt sich nicht ohne weiteres in seine Karten schauen. Niemand hätte seine wahre Natur im Vorfeld erahnen können.

Schwer vorstellbar, dass die Wesen im Tal, die Erschaffer einer neuen Zeitrechnung, einst Kollegen, manche davon meine Freunde waren. Bevor sie wie in Trance, Lemmingen gleich, hinunter ins Tal strebten, um dem Turm zu verfallen und völlig aufzugehen in einem neuen Sein.

Neben ihrem Aussehen erinnert wenig an die Menschen die ich kannte. Abgesehen von ihrer Tatkraft. So enthusiastisch, wie sie früher die Erforschung fremder Welten angingen, nehmen sie nun die Wiederherstellung einer zerfallenen Stadt in angriff.

Sie halten sich von mir fern – meistens. Wenn sie den Talkessel doch einmal verlassen, bleibt es bei zaghaften Kontaktversuchen. Die zum Scheitern verurteilt sind. Die Bedeutung ihrer Gestiken verschließt sich mir weitgehend. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Syntax ist derart fremd, dass dem Übersetzungscomputer eine Analyse misslingt. Eine Basis zur Verständigung scheint somit ausgeschlossen.

Dabei würde mich interessieren, wie sie ihre neue Heimat nennen. Und welchen Platz der Turm in ihrem Leben einnimmt.

 

Meine Streifzüge durch die umliegenden Ruinenfelder erbrachten weniger, als ich mir erhofft habe, daher habe ich sie mittlerweile eingestellt. Sie boten Ablenkung, verkleinerten die Rätsel allerdings kaum. Allenfalls ließen sie einige Erkenntnisse und noch mehr Spekulationen zu.

Das Ende der Zivilisation auf Düstergelb kam nicht plötzlich. Es gibt keine Anzeichen einer Katastrophe oder kriegerischer Auseinandersetzungen. Sie verging langsam und still, ohne Hinweise auf die Ursache zu hinterlassen. Nichtsdestotrotz lässt sich ein wesentlicher Schluss ziehen: Dass der Turm niemals das Werk dieser Zivilisation gewesen sein kann. Ihr Entwicklungsstand befand sich allenfalls auf der Stufe früher Völker der bronzezeitlichen Erde. Keinesfalls hätte sie ein hochtechnologisches Erzeugnis derartiger Dimension realisieren können.

Aber von wem stammt er dann? Was ist er?

Ist er Teil eines Experiments?

Für was er stehen könnte, beginne ich nur allmählich zu begreifen.

Er ist nichts Schlechtes. Nicht im Sinne gewollter Boshaftigkeit. Er erfüllt lediglich den Zweck, zu dem er in den Boden dieser Welt gepflanzt wurde. Oder vielmehr, was er mit seiner Existenz ausdrückt.

Er ist ein Transformator und zugleich weit mehr. Er ist ein Speicher von Wissen, Kultur, Lebensgefühl. Der Speicher einer Idee, deren Zukunft aufgeschoben wurde. Jahrtausende hat der Turm im Sand von Düstergelb darauf gewartet, dass Lebewesen erscheinen, die er in seinem Sinne manipulieren konnte. Nicht, um die Erscheinung einer ausgelöschten Spezies wiederherstellen, was nicht möglich, oder wesentlich scheint. Sein Existenzgrund ist schlicht die Wiederbelebung dieser Idee.

Einer wachsenden Idee.

Viele der jüngeren Frauen sind sichtlich in anderen Umständen. Wer weiß, vielleicht werden ihre Nachkommen in einigen Generationen aufbrechen, um den Rest dieser Welt zu besiedeln und sich untertan zu machen. Wie schon einmal, Äonen zuvor.

Der Turm unterstützt sie dabei. Er bietet ihnen Schutz vor den Unbilden der Natur, lehrt sie, für sich selbst zu sorgen, den Nahrungsanbau. Rüstzeug für ein alltägliches Leben. Tag für Tag modifiziert er das Verhalten seiner Mündel geringfügig. Ihre Intelligenz steigt schrittweise, gleich einer geistigsten Evolution in Zeitraffer. Dabei bleibt ihre Gesinnung stets von Friedfertigkeit geprägt. Sie hegen nicht die Spur aggressiver Absichten, weder gegen mich, noch ihresgleichen.

Beneidenswerte Charakterzüge. Sind sie artifizielle Schöpfung oder eine Kopie des Originals? Sind sie das Produkt einer Schuld? Ist der Turm gar der Versuch einer Wiedergutmachung? Diese Fragen brennen sich in meine Seele, wie so viele andere. Dass sie unbeantwortet bleiben sollen, fällt mir schwer zu akzeptieren.

 

Warum ich den Lockungen des Turms widerstehe, kann ich nicht einmal mutmaßen. Ich besitze keine spezielle Gabe, keine außergewöhnlichen körperlichen oder geistigen Attribute. Prinzipiell gibt es nichts, was meine Immunität erklären würde.

Es gab und gibt Momente, in denen ich schwanke, ob ich die Tatsache bedauern soll, nicht am Aufbau einer Zivilisation teilzuhaben, oder froh sein soll, ihn als Außenstehender mitzuerleben. Es sind Momente, in denen ich die prinzipiell simple Frage, inwieweit das Schicksal meiner Kollegen verdammenswert ist, nicht beantworten will.

Es liegt mir fern, die Entscheidungen unseres Kommandanten im Nachhinein zu kritisieren. Die Wahl, dem Drang nach Erkenntnis nachzugeben, war nur folgerichtig. Und trotz aller Widrigkeiten sollte man unsere Expedition nicht zwingend als gescheitert betrachten. Wenn ich die Ereignisse differenziert analysiere, befindet sie sich eher in einem Stadium, welches ich als abgewandelte Weiterführung definieren würde.

Ich muss mich aber fragen, welchen Sinn meine Überlegungen machen, wenn es niemanden gibt, der Anteil daran hat.

Ich sah mich bislang als ein Mann, der seine Heimat verlassen hat, um an der Erforschung der Milchstraße seinen kleinen Anteil zu haben. Einer, der sich fundiert auf Exoarchäologie und Geologie versteht. Jemand, dessen bisher größte Fehleinschätzung darin bestand, anzunehmen, er wäre qualifiziert genug, jede sich anbahnende Problemstellung souverän zu meistern.

Wie vermessen von mir.

Ich möchte nicht verhehlen, dass die Situation belastend für mich ist. An die Stille an Bord des verlassenen Raumschiffes habe ich mich nie gewöhnen können. Zehn Monate Einsamkeit sind eine lange Zeit. Die Eintönigkeit lässt mich darben.

Längst ist die Expedition überfällig. Fraglos wird man Suchschiffe schicken. Ob sie Benson 712 finden, ist allzu ungewiss. Niemand ist über unseren Aufenthaltsort informiert. Über den Abgrund von zwölftausend Lichtjahren ein Funksignal zur Erde zu senden, ist illusorisch. Ebenso wie der Versuch, die ALMIRANTE BROWN zu bedienen, zu starten, oder zu einem welch auch immer gearteten Ziel zu navigieren. Ein für mich als Laie sinnloses Unterfangen.

Ich betrachte mich als nüchtern denkenden Menschen, daher muss ich die Realitäten anerkennen. Die Hoffnung auf Rettung habe ich daher aufgegeben. Eine Chance, Düstergelb zu verlassen existiert nicht. Ebenso wenig, meine Kollegen aus ihrer Lage zu befreien. Es steht zu vermuten, dass der Vorgang der Umwandlung irreversibel ist.

Was also bleibt mir zu tun? Oft habe ich mich das gefragt.

Wie leicht wäre es, mich aus den Vorräten der Bordklinik zu bedienen. Eine Injektion nur. Dann wäre ich meiner Sorgen entledigt. Aber es wäre eine unbefriedigende Lösung. Ich habe meine berufliche Laufbahn nicht eingeschlagen, um sie auf diese Weise zu beenden.

 

Das Licht der Sonne weicht der Abenddämmerung. Trostlos sind die Sonnenuntergänge auf dieser Welt. Jeder einzelne meiner Heimatwelt ist um so vieles ansprechender. Für die Wesen im Tal jedoch mögen es die schönsten sein.

Lagerfeuer flackern auf zwischen den Ruinen. Gesänge erklingen aus Kehlen, die meinen einstigen Gefährten gehören. Gespräche werden geführt.

Vielleicht reden sie über mich, denn ich glaube nicht, dass sie mich gänzlich vergessen haben. Und das hat auch der Turm nicht.

Wenn ich den Kopf ein kleines Stück nach links drehe und durch die Fernoptik zum Stadtrand blicke, dorthin, wo der Schatten des Turms zu keiner Zeit fällt, sehe ich eine Reihe von Gebäuden. Wenn die Gesänge enden, die Feuer verlöschen und sich die Straßen der Stadt leeren, wird Leben sie erfüllen. Eines davon aber wird unbewohnt bleiben, wie es seit seiner Fertigstellung unbewohnt blieb. Seine hölzerne Tür auf der Vorderseite wird offen stehen.

Sie wird offen stehen für mich. Ich weiß es, fühle es.

Der Turm, auch wenn er an mir scheiterte, lässt keinen seiner Günstlinge zurück. Dies ist seine Offerte an mich. Ein, oder zweimal stand ich bereits kurz davor, nachzugeben, weigerte mich aber bis jetzt, diese Entscheidung zu treffen, weil ich mich nicht bereit fühlte. Vielleicht auch, weil ich Furcht verspürte.

Letzten Endes verzögerte ich aber nur meine Wahl.

Konsequenterweise bleibt mir nur diese Option. Ich bin Forscher. Keinesfalls werde ich zulassen, dass widrige Umstände diese Tatsache zunichte machen. Es ist an der Zeit, wieder ein Ziel zu haben. Ich möchte zurückkehren in den Kreis der Menschen, mit denen ich auf die Reise ins All ging. Ich möchte ihre Gedanken und Absichten kennenlernen, mich mit ihnen austauschen und lernen, zu verstehen. Ich möchte Antworten von ihnen, falls sie Antworten kennen. Über die ehemaligen Bewohner dieses Planeten, über die Stadt und den Turm – falls er mich lässt.

Die kommende Nacht wird meine letzte an Bord der ALMIRANTE BROWN sein. Morgen, beim ersten Tageslicht, werde ich den Pfad hinunter zur Stadt beschreiten.

Ich werde mich auf den Turm einlassen. Wie immer es ausgehen mag.

 

Raymond Johnston,      6. September 2271 (Erdzeit)

 

 

E N D E