Muschelplanet
Ich bin der Mentar, nach langer Reise, ich habe die eisige Kälte des Weltalls gespürt, draußen, wo die Sterne verlöschen in Finsternis ...
Unser Raumschiff segelte in der Stille; so wenig, das ich ertasten konnte mit meinen Sinnen, die ausschwärmten jenseits der Bordwand, nichts, was mich fesselte auf dem Wege, hierhin, auf diesen Planeten, wo ich jetzt stehe und meine Arme ausbreite, um die Welt zu empfangen als lebendes Wasser, das meinen Durst stillt, endlich, nach so langer Zeit.
Jahrhunderte sind verstrichen, seit wir ablegten mit vagem Kurs, immer weiter, vorwärts, weg vom beengenden Horizont und der Sonne, dem Mond, der über den Wellen schimmert, wenn die Flut über die Kiesel schäumt und die Fische springen und die Leuchtalgen schweben.
Wale sangen ihr Nachtlied, ein hölzerner Nachhall von diesen Tönen, noch höre ich sie, schmecke die bittere Gischt auf der Zunge; doch jetzt sind wir angelangt, wir drei, allein auf diesem Planeten, der fremd wie ein Traum ist, gewebt zwischen Trauer und Schlaf.
So fühlt es sich an, auf dem schwankenden Hügel zu stehen, das Raumschiff im Rücken, die Luke ein offenes Maul, das uns ausgespuckt hat in diese weiche, seltsam geformte Landschaft aus Muschelrippen, Gallert.
Nichts Schönes, keine Farben, nur kalter schleimiger Brei; aber dort ist noch mehr, tief unter der Oberfläche, das als dunkles Flüstern zu mir spricht.
*
Mein Geist erwacht, wenn der ihrige schläft: Ich bin Eron, der Forscher, der Denker, das allsehende Auge dieser Expedition, und weder Gefühle noch Träume erreichen mich jetzt; ich sehe nur Masse, mal Höhe mal Breite: das graue, auch perlweiße Fleisch dieser Welt.
Was dem Mentar die Sinne, sind für mich Instrumente, mit denen ich den Planeten erfasse, katalogisiere, vermesse – die Kämme und Rippen in naher Umgebung, die Hügel aus Aragonit und Calcit.
Aus Teichen und Seen entnehme ich Proben, analysiere den hellen, geruchlosen Schleim, der träge über den Rand schwappt im Glanzlicht der Monde, wie eine Zunge, wie Brandung, – unten habe ich Strömung entdeckt, erzeugt von fremden Muskelsystemen, wo die seismischen Wellen am stärksten sind.
Ein Wesen, ganz deutlich, ein Gesamtorganismus, Kiemen und Kreislauf als Vorsprünge, Bäche; der Leib bis zum Sternenzelt ausgestreckt.
Wie alt mag es sein? Kann es mich hören? Da, diese Mulden: Handgroße Augen starren uns an!
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Ich bin Pyrill, und ich träume, habe Angst zu erwachen. Draußen, hinter dem blutroten Schleier, den geschlossenen Lidern, lauert etwas auf mich, weiß und abscheulich: ein Egel mit zahllosen Mäulern, die sich geifernd öffnen und schließen. Sie saugen die Wärme aus meinen Gliedern, ein eiskalter Schmerz zerfurcht mir den Rücken, wie eine Klinge, – ein Dolch, der von hinten ins Herz stößt. Ich schreie! Schreie!
Alsdann ist es fort, und ich durchtauche die Schwärze wie all die Jahre zuvor, inmitten der Leere, ohne Gefühl, ohne Leben. Nur ein Pulsar blinzelt mir zu aus der Ferne, als winziges Staubkorn aus Licht.
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Vorsicht, Eron! Nimm deine Proben, dann kehre um. Da ist eine Stimme, die uns wie Sturmwind umbraust. Wir sind nicht willkommen, das ahne ich jetzt, und fühle die Schutzschicht, ein Häutchen, ein feines Gewebe aus flüsternden Worten, doch giftig, erzürnt.
Behutsam nehme ich meine Sinne zurück und lasse die Hügel unangetastet, während der Blick zu den Sternen geht. So viele Monde, die den Planeten einrahmen, matt schimmernd wie Perlen, wie Kugeln aus Marmor, von einem Gott in den Himmel gestreut.
Eine Ahnung, ein flüchtiges Bild blüht in mir auf und verblasst, denn Pyrill ist wach und lauscht den Gedanken, die hoch oben die Gestirne umkreisen: Was wird geschehen, sobald die Sonne aufgeht, – sich mit feurigen Strahlen über den Rand der Wasserwelt schiebt?
Schlafe, schlaf ein; nutze die Gabe, bevor es zu spät ist. Wir sind in großer Gefahr!
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Noch ist das Alter der Kreatur nicht bestimmt, sie lebt mitunter seit Millionen von Jahren, wenn meine Hypothese hier greift. Ich brauche Zellen aus tieferen Schichten, und eine Bohrung muss durchgeführt werden; mehr Zeit ist von Nöten, mehr Zeit!
Die seismischen Stöße sind stärker geworden, und eine Welle rollt auf mich zu. Ich wanke, strauchle, werde zur Seite geworfen, als einer der Hügel sich hebt wie ein Muskel und sein Zucken den Boden erschüttert, – Schleim und Gallert in alle Richtungen streut.
Das Wesen erwacht, nein, hat nicht geschlafen, und es richtet den Zorn gegen uns!
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Unruhig, fiebernd, träume ich den kosmischen Traum: Am Rand der Galaxien, wo Staub und Gas zu Sternen werden, die, zurückgelassen in der Schwebe, einer nach den nächsten funkeln, Sandkörnern gleich, treibt eine Sonne weiter abseits, begleitet von den Weggefährten, weißen Monden und Planeten, wovon nur einer Leben birgt unter seiner Wolkendecke – ein einzelnes nur, ein uraltes Wesen, das meistens schläft, in Stille versunken, doch wenn es geweckt wird, dann grollt und erzittert die Welt, sobald die Schalen zuschnappen und der Horizont kippt und alles im Abgrund versinkt:
Oh schaut, wie der Boden aufreißt und wir durch Dunkelheit fallen, die Schicht für Schicht an uns haftet wie Pech. Wir werden erdrosselt, zerdrückt! Danach fließt die Zeit ...
Und aus Fleisch wird Knochen, und aus Knochen wird Stein, bevor der Gott seine Muschelhand öffnet und einen neuen, schillernden Mond ins Weltall hinauslegt.
Fort! Nur fort, wir kennen das Geheimnis! Hört ihr beiden mich nicht?
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Ein dräuender Schatten über den Kalkformationen; spüre die Kälte in meinem Herzen, sehe die furchtbaren Bilder des Weltuntergangs: wie sich Masse und Form im Zentrum vereinen und alles verschlucken, verdauen, versteinern.
Mit Mühe durchwate ich die seifigen Becken, doch Erdstöße zwingen mich auf die Knie, alles wackelt und kippt; finde keinen Halt auf dem rutschigen Boden und komme nur kriechend voran – kralle die Finger ins gräuliche Fleisch.
Endlich das Raumschiff, nicht weit entfernt, doch seine Stelzen sind eingesackt, der goldene Rumpf steht diagonal, der Antrieb neigt sich der Schleimpfütze zu, in der wir blindlings gelandet sind.
Habe das Forschungsgerät auf dem Rückweg verloren, nur wenige Proben konnte ich retten, meine kostbaren Daten, nicht neu zu beschaffen.
Beeilung, auf! Ich kämpfe mich vorwärts, wanke die Rampe empor, meine Hand am Geländer; dann durch die Luke, die ich sofort verschließe – ein hermetisches Fauchen, und Dampf schießt umher, ich huste, als ich die Führerkabine betrete, Hebel und blinkendes Licht.
Ohne zu zögern bringe ich das Ruder in Grundposition, damit die Maschinen von selbst anspringen und grollend und stampfend die Arbeit aufnehmen: Ein Pfeifen kündigt die Startsequenz an, worauf das Schiff abhebt wie ein Fesselballon und wir hinauf zu den Sternen segeln. Gerettet!
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Zwielicht, vorhin noch blutüberströmt, steigt nun der Alb von meiner Brust, und ich atme befreit die Stille des Weltenraums ein. Eine kühle, bald seidige Schwärze, die mich umhüllt, – geborgen, in diesem Kokon aus Metall.
*
Die Analysen sind fertig. Und während ich ein letztes Mal den Muschelplaneten betrachte, wie er so friedlich vor dem Glasfenster liegt mit seiner perlweißen Kette aus Monden, da frage ich mich, ob nicht alles ein Hirngespinst war, ein Trugbild verursacht durch psychotrope Substanzen, die ich im Schleim nachweisen konnte.
Ein Lebewesen, vielleicht unzählig viele, das ist noch denkbar, – aber ein Gott, unsterblich, in Ewigkeit schlafend?
Wer kann das sagen, es bleibt Hypothese; ich bin Forscher, für mich gelten Fakten! Und mehr erkenne ich nicht.
*
Ein Pulsieren, ein Atmen, noch kann ich’s ertasten, doch es ebbt ab und verblasst, verliert sich im Dunkeln, als wir diesem Sternenhafen den Rücken zukehren und in die Leere aufbrechen, um neue Ufer, neue Welten zu finden.
Ich bin der Mentar, auf langer Reise, und die Sterne lächeln mir zu ...
Fin.