Sie kommen!
Inach verschwand im Zugangsschacht zur Zwischenebene, dem gesetzlosen Niemandsland zwischen der Ober- und Unterstadt. Im Schacht warf er einen Blick zurück zum Zugang, in dem ein Schatten langsam größer wurde. Er beschleunigte sein Tempo.
Seine Füße stoben das Wasser in den Pfützen auseinander, sein ganzer Körper bahnte sich einen Weg durch den Abfall, der hier überall verstreut lag. Das Trümmerfeld Zwischenebene – dorthin, wo all das Schlechte aus der Ober- und Unterstadt letzten Endes landete. Nun war auch Inach angekommen.
Er vermisste bereits jetzt den sanften, gelben Himmel, der sich um die gigantischen Monolithen der Oberstadt grünlich verfärbte, wenn der große, rote Ball, der ihre Sonne darstellte, zum Horizont sank. Wenn die hoch aufragenden Gebäude das Licht nur durch die schmalen Spalten zwischen sich ließen. Wenn die grünlichen Schimmer um sie herum sich fast berührten, nur um dann vom Grau der Dämmerung abgelöst zu werden.
In der Zwischenebene gab es eine fortwährende Dämmerung. Gelegentliche Lichtquellen – funkensprühende Stromleitungen und defekte Geräte, Gasflammen aus maroden Leitungen, phosphorzierendes Plastik auf dem Metallboden und in den Müllbergen – verhinderten die totale Dunkelheit.
Inach rannte gegen die Überreste eines Kilop-Bodenfahrzeuges und fluchte leise. Der starke, eindringliche Geruch seines Blutes stieg ihm sofort in die Nase. Er fluchte abermals. Mit einer Hand strich er über die Stelle an seinem Bein, mit der er gegen das hervorstehende Stück Metall gelaufen war.
Die Hand ins Licht gehalten, erkannte er die violetten Spuren von Blut. Missmutig wischte er sie sich an seiner Kleidung ab und humpelte weiter. Er hatte keine Zeit, die Wunde zu versorgen. Der Schatten war ihm auf den Fersen, viel zu schnell auch ohne die Geruchsspur seines Blutes.
Hinter einer Ecke des Ganges blieb Inach unvermittelt stehen. Vor sich sah er ein Wabern, über die gesamte Breite und Höhe. In der Zwischenebene musste man alles erwarten, dass hatte er gehört. Und hier erwartete ihn etwas, das in der Oberstadt einen Sicherheitsapparat in Gang gesetzt hätte, der seines Gleichen suchte. Vor ihm befand sich eine Zeitblase.
Sein Körper würde nichts bemerken, wenn er hindurchschritt. Aber würde er Zeit verlieren oder gewinnen? Sein Gegner war unbeeinflussbar von dieser Anomalie, die Frage spielte also eine wichtige Rolle.
Inach ließ es drauf ankommen und trat in das Wabern hinein. Er war in einer Zeitblase, sah wenige Schritte voraus das Wabern vor der Außenwelt. Sein Blick glitt zu einem weiteren Kilop-Bodenfahrzeug – oder besser zum hinteren Teil, der in der Zeitblase stand. Das Wrack sah noch relativ instand aus. Sogar die großen Kugelreifen waren noch nicht verrottet.
Schnell humpelte er weiter, kam erneut durch das Wabern und hatte nun die Zeitblase wieder verlassen. Der vordere Teil des Kilop sah deutlich zerstörter aus. Inach dürfte ein paar Sekunden gewonnen haben.
Die Lichtquellen waren spärlicher geworden. Noch immer war Inach keinem Lebewesen in der Zwischenebene begegnet. Dafür war der Unrat zahlreicher, voluminöser geworden.
Der Gang wurde zunächst schmaler und machte dann einen scharfen Linksknick. Alles wirkte drängender, schob sich näher an Inach heran. Die Stille, die durchdringende Dunkelheit hinter den wenigen Lichtquellen, der Gestank nach Abfall und der nach Verwesung, der sich hinzugeschlichen hatte.
Inach musste sich durch einen Müllberg kämpfen, war schon drauf und dran, sich mit seinem Wasserschwert einen Weg zu bahnen. Aber dann war er durch. Ein scharfer Rechtsknick folgte und dahinter ... nichts mehr. Eine Wand markierte das Ende des Ganges.
„Scheiße!“, flüsterte Inach.
Die Wand war aus Schrottteilen zusammengeschweißt, wie er schnell feststellte. Keine Tür oder Luke. Anscheinend eilig und grob erstellt, aber stabil.
Unter seine Jacke zog er einen langen Stab hervor. Ein gut greifbarer Knauf mit einem ein Meter langen dünnen Stab obenauf. Er legte einen kleinen Schalter um, durch den Griff zog sich ein leichtes Zittern. Dann umlief den Stab einfaches Wasser mit ungeheurer Geschwindigkeit, aus dem Griff bis zur Spitze, wo es durch mikroskopisch kleine Löcher wieder nach unten lief. Ein Wasserschwert, das alles durchschneiden konnte – nur die Schutzhülle seines Verfolgers nicht.
Das Schwert war schwer zu handhaben, aber Inach war geübt im Umgang. In wenigen Sekunden hatte er die Wand in Trümmer gelegt. Der Weg war frei.
Inach behielt die Waffe in der Hand. Seine Intuition riet es ihm und er hörte immer auf sein Bauchgefühl. Es hatte ihn schließlich hierher gebracht – was gut und schlecht zugleich war.
Das Geheimnis, das er entdeckt hatte, war im Grunde simpel: Ihr ganzes Volk – egal, ob sie in der Ober- oder Unterstadt lebten –, würde sterben. Ihre schöne, rote Sonne war nichts weiter als ein Leichnam, der sich zersetzte. Und sie waren die Maden, die ihre Nahrung aus ihm bezogen. Nur, dass sie keine Zeit mehr zum Verpuppen und wegfliegen hatten. Grund genug für die Mächtigen, ihn ausschalten zu wollen. Die Wahrheit sei schädlich für Volkes Ohr.
Inachs Bein schmerzte noch, aber es hatte aufgehört zu bluten. Er konnte wieder ein bisschen besser laufen. Letztendlich würde ihm die Flucht nicht gelingen, das wusste er. Es ging nur um Zeit. Die Rettung, die Rettung für alle musste bald kommen. Er wollte nur sicher gehen – danach war es ihm egal, was mit ihm passierte.
Aus der Dunkelheit vor ihm sprang plötzlich ein geiferndes Etwas hervor. Inach führte reflexartig einen Streich aus, der Angreifer wurde in zwei Teile geschnitten, Blut und Gedärm klatschte gegen die Wände. Es stank fürchterlich.
Inach brauchte einen Moment, um sich aus der folgenden Starre zu lösen. Er hatte noch nie jemanden getötet. Langsam normalisierte sich seine Atmung und das Kribbeln der Aufregung im Nacken ließ nach. Er konnte einen Schritt auf die Überreste zu machen.
Es war ein Tier gewesen. Inach erkannte es nicht, hatte nie ein solches zuvor erblickt, aber es war eindeutig ein Tier. Grünbraune Haut, Krallen statt Hände, spitze Zähne. Nicht einmal die schlimmsten Unfälle mit mutationserzeugenden Viren konnte jemanden aus seinem Volk so entstellen. Zumindest hoffte Inach das.
Plötzlich vernahm er Geräusche von hinterrücks. Der Schatten. Er musste weiter.
Die Leute der Zwischenebene stanken. Das war das Erste, was Inach auffiel, als er unvermittelt in einen breiten Raum, bevölkert mit verlumpten Gestalten, hineinstolperte. Einige waren tot und stanken, andere lebten und stanken.
Die Augen der Lebenden blieben begierig an ihm haften. Nur die Waffe in Inachs Händen verhinderte, dass sie sich auf ihn stürzten und in Stücke rissen. Inach bewegte sich bedächtig durch den Raum, das Schwert dabei langsam im Halbkreis hin und her führend. Keiner sagte ein Wort. Man ließ ihn widerwillig passieren.
Er sollte sie warnen. Wenn der Schatten hier ankam, würde er sie alle höchstwahrscheinlich töten. Auch wenn sie nicht sein Primärziel waren – diese Ehre hatte er ganz für sich allein –, standen die meisten hier sicher auf irgendwelchen schwarzen Listen für unerledigte Aufgaben. Solch eine Gelegenheit ließ sich der Schatten kaum entgehen – bedeutet sie doch Reputation, Statusaufstieg und eine gesicherte Auftragslage für die Zukunft.
Inach schwieg und verschwand durch eine Tür. Er begann zu rennen – eine waghalsige Aktion, denn der Gang war nur noch spärlich beleuchtet.
Er hatte ein Notsignal ausgesandt. In die Weiten des Universums hinaus. In die Weiten, aber zu bestimmten Koordinaten. Koordinaten, die er durch seine Mitarbeit in einem wissenschaftlichen Labor ermitteln konnte. Koordinaten, die auf einem Objekt – gebaut von einem fremden, weit entfernt lebenden, intelligenten Volk – gestanden hatten.
Als sie über ein Hyperraumsignal geantwortet hatten, war man ihm auf die Schliche gekommen. Niemand war seinen Argumenten zugänglich gewesen. Die Sonne starb nicht, den ganzen Planeten von einer fremden Rasse evakuieren zu lassen war undenkbar. Überhaupt waren sie die einzige intelligente Spezies im Universum. Das hatte er sich anhören müssen. Und selbst wenn ...
Dann wurde alles vernichtet und er gebranntmarkt. Leise aufkeimende Unterstützung wurde mit aller Härte bekämpft. Das nicht-totalitäre System erging sich in Totalitarismus.
Inachs Hoffnung war, dass die Erkenntnis kam, wenn sie – die Fremden – kamen. Daran dachte er ständig, so auch jetzt, als er auf dem schmutzigen Boden lag, knapp nicht ins eigene Schwert gestürzt, und eine Gruppe Zwischenebener auf ihn zukam.
Diesmal war es kein Tier, aber sie waren nicht weit davon entfernt. Die Selbsttäuschung machte ihm wieder Mut und Inach spielte seine Schnelligkeit und die bessere körperliche Verfassung aus.
Die Wasserklinge durchtrennte alles – ganz leicht. Der Kampf war schnell vorbei. Die Zwischenebener wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Dann lagen sie schon zwischen den eigenen abgetrennten Körperteilen und starben.
Inach hatte keine Zeit zum Nachdenken, denn hinter ihm erschallten Kampfgeräusche, Schreie und die unmissverständlichen Plopps einer Schrapnellwaffe. Inach behielt Recht: Der Schatten ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.
Die Flucht war nach der zweiten Zeitblase vorbei. Inach war hindurchgeschritten und hatte diesmal das Pech gehabt, dass er Zeit verloren statt gewonnen hatte. Als er hindurch war, konnte er sich noch hinter dem Wrack eines Kilop-Bodenfahrzeugs in Sicherheit bringen, bevor der Schatten auf ihn schießen konnte.
Der Tunnel war hier besonders stark verwittert, die Decke teilweise eingestürzt. Die Morgensonne schickte ihre Strahlen zu Inach hinab, er konnte die Spitzen der höchsten Gebäude der Oberstadt ausmachen. Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert, aber am Ende war es so, wie es immer war: Einen Schatten wurde man nicht los. Er blieb. Bis zum Tod.
Eine Schwadron Schrapnelle bohrte sich in das Wrack. Inachs Schutz hielt, aber der Schatten würde einfach hinter sein Versteck kommen und ihn holen. Er griff das Wasserschwert fester. Es gab ihm Ruhe, auch wenn es nicht mehr helfen konnte.
Sein Gegner stürmte um das Wrack. Schnell sprang Inach auf ihn zu und führte einen kräftigen Hieb mit dem Schwert aus. Mit dieser Reaktion hatte der Schatten nicht gerechnet. Es gelang Inach, die Schrapnellwaffe in zwei Teile zu spalten. Dann prallte jedoch die Wasserklinge wirkungslos vom Schutzpanzer am Arm ab.
Beinahe hätte sich Inach selbst geköpft. Er musste sich und seine Waffe fallen lassen, damit er zumindest noch einen Moment am Leben blieb. Der Schatten trat zu ihm, zog ein Messer und beugte sich näher heran.
Inach hatte Angst. Große Angst. Er zwang sein Blick vom Messer weg. Hinauf durch die Lücke in der Decke und die Spitzen der Gebäude im gelben Himmel.
Über den Himmel zogen mehrere Objekte. Sie waren weit oben in der Atmosphäre, doch eines näherte sich langsam der Stadt. Er hatte es geschafft! Sie waren gekommen, um sein Volk zu retten. Jetzt konnte er beruhigt sterben.
Zwischen den Spitzen zweier Gebäude zog plötzlich etwas gen Himmel. Direkt auf das herabsinkende Objekt zu. Die Explosion blendete in Inachs Augen. Er konnte nicht fassen, was gerade geschehen war. Wie konnten seine Leute nur so dumm sein? Wie konnten ...
Die Trümmerteile regneten vom Himmel, die Schiffe weiter oben verharrten. Das Folgende würde über ihre Geschichte entscheiden, das spürte Inach. Ihre Zukunft hing davon ab.
Das Greifbare holte ihn wieder ein. Er spürte etwas viel Wirklicheres. Der Schatten hatte das Messer in Inachs Brust gerammt. Mit hoffenden Blick zum Himmel starb Inach.