Gewonnen!

 

Frieden. Endlich. Er hatte seinen letzten Gegner besiegt. Er war der Gewinner des Krysch. Ein Leben voller Luxus und Privilegien erwartet ihn, aber auch voller Verantwortung und Pflichten. Wie er es sich immer gewünscht hatte. Wozu er sich schon immer berufen gefühlt hatte, seit er durch einen seiner beiden Väter vom WETTBEWERB erfahren hatte.

Tief in seinem Emotioherzen hatte er es immer gewusst, dass er der Fylb’l seiner Generation war, der die AUFGABE erfüllen würde und dafür reich belohnt werden würde – mit einem Leben ohne Angst um seine Existenz, einem Leben ohne die lästige Pflicht, sich fortzupflanzen und einem Leben voller Wissen.

Der PRIME stieg zu ihm herab. In seiner Hand hielt er die KAPPE, das Symbol des Siegers. Ad’dam kniete nieder. Jetzt ….

 

„OHMAN, was bist denn Du für einer?“

„??“

„Lass mich schauen! Ad’dam also. Hmmm. Hey, Du bist der Beste seit 14236 Jahren!“

„Wer spricht da?“

„Na, ich!“ Die Stimme schien direkt in alle drei Ohrschnecken zu sprechen!

„Nein, direkt in Dein Gehirn!“ Es hallte?!

„Netter Effekt, oder? Hör zu Ad’dam. Hoher Fylb’l.

„Wo bist Du?“

„Kannst Du mal jetzt die Klappe halten? Ich bin die KAPPE, Dein Kybernetischer Android mit Persönlicher Pico Emotionalität.“

„Und was ist das?“

„Dein Preis. Privilegiertes Leben usw. Du erinnerst Dich? Ich hoffe doch!“

„Ja, aber …“

„Kein Aber! Wir haben gemeinsam viel Arbeit vor uns. Und gemeinsame, einsame Jahre. Du wirst mich tragen, bis zu Deinem Tod.“

„Aber....aber.... was hat das denn alles zu bedeuten?“

„Geh in Deine Residenz – ich werde Dir alles erklären.“

 

*

 

Ad’dam bemerkte erst jetzt, dass er keinen Ton gesprochen hatte. Die Kommunikation war für seine Umwelt vollkommen lautlos vonstatten gegangen. Er schaute sich um. Noch immer kniete er vor dem PRIME. Er erhob sich unsicher, streckte sich, bog seinen Rücken durch. Ein letzter Blick fiel auf seine Väter – dann betrat er die Fylb’l-Residenz, vor deren Tor er den letzten Gegner geschlagen und den Preis erhalten hatte – den er sich ein bisschen anders vorgestellt hatte, als er tatsächlich war.

 

*

 

„Ad’dam, Du hast das Potential. Du kannst es zumindest leichter machen. Für Dich und für Dein ganzes Volk. DU musst es schaffen, sonst ist alles zu spät. Sonst bliebe uns nur noch eine Generation.“

„Ich kann das nicht, KAPPE! Ich schaff es einfach nicht.“ Er seufzte.

„Wenn nicht Du, wer dann. DU bist die letzte Chance der Minschen.“

Ad’dam sah sich um. 3 Jahre war es her, dass er den Preis errungen hatte. Hätte er doch lieber verloren. Wenn er gewusst hätte…. Aber – hätten sein Ehrgeiz und seine Leidenschaft für die Naturwissenschaften es überhaupt zugelassen, dass er verlor? Wenn er ehrlich zu sich selbst war, vermutlich nicht.

In diesen drei Jahren hatte er Dinge über sein Volk erfahren, die er lieber nicht gewusst hätte. Und er hatte gearbeitet, an jedem einzelnen der 2949 Tage 34 Stunden und meist noch die halbe Nacht dazu. Sicher, er hatte alles, was er wollte. Er hatte nur nicht gewusst, dass dies der Preis war, den er bezahlen musste. Der Preis, der Einzige zu sein, der hoffentlich der AUFGABE gewachsen war.

„Testbetrieb 1673, Projekt ZWEI.“ wies er die künstliche Intelligenz an. Er rechnete nicht wirklich mit einem Erfolg, aber mit Erkenntnissen, die ihn weiter brachten. Es blieben ihm 2 Jahre und 412 Tage, alle Aufgabenstellungen zu lösen. Und er hatte bislang noch nicht einmal die erste gelöst.

*

 

„WOW! Das war der Durchbruch, oder?“

„Nein“ lautet die einsilbige Antwort.

„Aber das sieht doch schon ganz gut aus!“

„Ja, aber doch nicht in grün!“

„Farbe! Die ist doch nebensächlich!“

„Man merkt, dass du zwar gut programmiert bist, KAPPE, aber ansonsten von Minschendingen wenig weißt.“

„Also, in grün ist doch okay, wenn man nur noch ein halbes Jahr und 43 Tage zur Verfügung hat, oder?“

„Wenn Du meinst …“

 

Ad’dam war einsilbig und schlecht gelaunt. Das Projekt näherte sich dem Ende. KAPPE und das an ihn angeschlossene Rechenzentrum, hatte eine Chance von 89 % errechnet, dass er erfolgreich alle Arbeiten und Entwicklungen würde abschließen können. Mit einer Chance von 94 % waren geringfügige Nachjustierungen möglich. Aber die Farbe der beiden Träger-Objekte macht ihm zusehends Sorgen. KAPPE – die nichts weiter als eine externe Schnittstelle zum Rechnerverbund der OLYMPUS war, hatte wenig Verständnis für ihn. KAPPE hatte lediglich ‚Angst’, dass daran letztendlich der Erfolg des ganzen Projekts hängen könnte, wenn er sich zu lange mit dieser 'Nebensächlichkeit' aufhielt. Aber die Farbe war schon wichtig.

 

*

 

Testbetrieb 9523, Projekt EINS

Ad’dam war nervös. Dieses Mal schien alles richtig zu sein. Seine Berechnungen wiesen keine Fehler auf – zumindest nicht laut KAPPE – aber die war ja zwangsoptimistisch. Er selbst hatte das Gefühl, das etwas nicht stimmte. 1 Monat blieb ihm noch – dann war der Zeitplan erfüllt. Entweder gelang es ihm – oder ein neuer Wettbewerb wurde ausgerufen – und er musste sterben. Noch immer waren ihm die wirklichen Dimensionen nicht klar – allerdings ahnte er einen Zusammenhang. Vor allem Projekt ZWEI war eindeutig biologischer Natur – nur wusste er nicht, wieso um alles in der Welt man organische Gebärmütter entwickeln sollte. Die Gefahr von Missbildungen war viel zu hoch – und er konnte sich auch keine Männer vorstellen, die gebären wollten. Nun denn. Die veränderten Körpermerkmale jedoch zwangen eindeutig zu einer anderen Lebensart. Wenn sie nur nicht lila gewesen wären – obwohl das immer noch besser war als das grün. Auch die Zeugung war ihm bislang vollkommen schleierhaft. KAPPE meinte,da würde er von ganz allein dahinter kommen.

Projekt EINS jedoch war ihm klar – eine völlig andere Aufgabe. Hier verstand er den technischen Entwicklungsprozess. Und zwischenzeitlich verstand er auch den erfolgten Auswahlprozess. In zahllosen körperlichen und geistigen Kämpfen war er ausgesucht worden. Er war der Minsch der der Beste Naturwissenschaftler und körperlich Stärkste seines Jahrgang. Niemand konnte ihm das Wasser reichen – und er hielt sich auch hier fit. Ein ausgeklügeltes Trainingsprogramm gehörte zu seiner Arbeit, ebenso wie zahllose Methoden, seine Intelligenz bis zum letzten auszureizen. EINS war Ingenieurskunst.

 

Er hatte erfahren, dass der Palast, in dem er lebte, kein Bauwerk war, sondern ein künstliches Objekt, mit dem seine Vorfahren einst hier gelandet waren. Schiffbruch erlitten, wäre wohl der bessere Ausdruck gewesen. Es war jedoch nicht mehr möglich, das Schiff in den Raum zu bringen – die Triebwerke waren zu schwach dazu. Der Planet besaß jedoch keine abbaubaren Bodenschätze, es war unmöglich gewesen, neue oder andere Triebwerke zu bauen. Dazu kam, dass das Schiff in seiner Form einen Start statisch mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% nicht überstehen würde. Und – wer hätte es bauen sollen? Die Kenntnisse waren verloren, die Speicherbänke mit diesen Informationen zerstört. Es gab nur eine Lösung: die Entwicklung oder Wiederentdeckung der Antigravitation.

 

*

 

„Start“. Erwartungsvolle Stille. Ad’dam holte tief Luft – und mit neu entfachtem Optimismus drückte er den ENTER-Knopf der vor ihm liegenden Tastatur. Nichts geschah.

„KAPPE, was ist los? Wieso geht es denn jetzt schon wieder nicht?“

„Du hast den Elektronenmagneten nicht deaktiviert“

„Oh…natürlich“. Verdammte Nervosität.

Ein weiterer Knopfdruck. Ad’dam schaute atemlos zu, wie sich der Metallwürfel im Laborraum vom Boden löste.

„Es funktioniert. ES FUNKTIONIERT!“ 6 Jahre Anspannung lösten sich in einem Schrei. „KAPPE, wir können starten!“

Ein wilder Freudentanz durch die Labors folgte, an dessen Ende er sich atemlos auf die Liege in seinen Gemächern warf. „95 Generationen Entwicklung!“ Ehrfurcht hatte ihn erfasst. „Und ich durfte den Erfolg ernten. All die Entwicklungsschritte, die meine Vorgänger gemacht haben, auf die ich aufbauen konnte – nichts war umsonst.“

„Ja, mein Freund. Die Hälfte hast Du geschafft. Einem Start steht jetzt technisch nichts mehr im Weg. Aber der verbliebene Schritt ist ebenso wichtig.“

 

*

 

Tief im Innern des Raumschiffpalastes öffnete ein Wesen seine Augen. Mund und Nase waren von Schläuchen umschlossen, es schwamm in Nährflüssigkeit. Ed’va war bei Bewusstsein, war sich seiner Umgebung und ihrer Existenz als Ergebnis eines biologischen Experiments bewusst. Klonung und Wissenstransfer waren Hand in Hand gegangen. Sie war minschenähnlich, aber die Unterschiede in der Physiognomie waren offensichtlich.

Ad’dam schlief in seinen Räumen.

„KAPPE ruft Ad’dam! Projekt ZWEI, das Projekt ‚Frau’, ist vollendet.“

Ad’dam war schlagartig wach.

„Das ist zu früh – mindestens 5 Tage zu früh!“

„Innerhalb der Toleranzen, keine Probleme. Sie ist wach.“

„Ad’dam war innerhalb von 8 Minuten im 1000 Meter entfernten Biolabor. KAPPE hatte er angewiesen, die ‚Frau’ aus dem Tank zu befreien und auf seine Ankunft vorzubereiten. Er war angespannt. Er wusste zwar, sie war nicht perfekt. Samtbraune Haut und dunkle Haare hatte einfach nicht gelingen wollen. Dafür hatte sie rote Haare, die ziemlich gut zu ihrer lilastichigen Haut passten. Wie gesagt – Nachjustierungen waren möglich.

„Ed’va – sei gegrüßt. Du bist Dir über Deine Existenz bewusst?“

„Ja, Ad’dam.“ Sie hatte eine merkwürdig hohe Stimme. „Meinen Informationen nach müsste ich wie geplant funktionieren. Manche Dinge jedoch lassen sich nur in der Praxis überprüfen – das weißt Du. Leider war eine Probeschwangerschaft nicht möglich – die Zeit drängt.“

„Korrekt. Bitte begib unter die KAPPE, damit wir Deine geistigen Fähigkeiten überprüfen können.“

Das Ergebnis war perfekt. Es war gelungen, ein zweites Geschlecht zu klonen, dass sich geringfügig vom Minsch in seiner bisherigen Erscheinungsform unterschied, aber ansonsten alle Fähigkeiten besaß, die auch ein ‚Mann’ hatte. Und in der Lage war, de künstlichen Gebärmütter zu ersetzen. In drei Tagen konnten, mussten sie starten.

Und zwischenzeitlich wusste er auch, wie das mit der Befruchtung gehen sollte.

 

*

 

„Liebe Mitbürger. Es ist Zeit, die Schleier des Vergessens zu lüften.“ Ad’dam machte ein ernstes Gesicht. Alle 326 Einwohner der Welt hatten sich vor dem „Palast“ versammelt. „Es ist gelungen. Die generationenlange Auswahl hatte Erfolg. Aufbauend auf den Grundlagen, die meine 95 Vorgänger gelegt haben – der allererste war ein Mann namens Jad’hwe - ist es mir gelungen, Antigravitation zu erzeugen.“ 326 verständnislose Augenpaare sahen ihn an. „Ihr steht vor einem Raumschiff, nicht vor einem Palast. Ihr steht vor dem gestrandeten Schiff Eurer Vorfahren.“ Das laute Geschrei, mit dem seine Worte kommentiert wurde, wollte nicht aufhören.“ Mitbürger, hört mir zu – und schaut.

Und in den nächsten 9 Stunden erfolgte mittels Aufnahmen aus dem Schiffscomputer die Bilder des verheerenden Schiffsbruchs, des Kampfes um’s Überleben der Urväter und der völlig auswegslosen Situation ohne Frauen, die alle in den ersten beiden Jahren an einer rätselhaften Krankheit gestorben waren. In den Kolonistenausstattungen fanden sie jedoch eine künstliche Gebärmutter, die jedoch nur in der Lage war, aus den vorhandenen Zellen Männer zu gebären. Im Lauf der folgenden Generationen war das Wissen um die Existenz eines weiblichen Geschlechts völlig verloren gegangen.

 

Keiner der 326 verließ den Platz vor dem Palast, alle blieben bis zum Ende der Vorführung. Die Geschehnisse wurden mit oft mit lautem Rufen und Stöhnen dokumentiert, Ad'dam musste manche Pause machen, weil 300 von 326 Männer so laut weinten, dass man das eigene Wort nicht mehr verstand. Am Ende präsentierte Ad’dam Ed’va – die Frau. Die Aufregung wollte nicht aufhören.

„Mit Ed’va an Bord sowie einer zweiten Frau, die morgen den Tank verlässt, werden wir uns auf den weiten Weg nach Hause machen. Es wird sicher weitere zwei Generationen andauern, da wir sparsam mit Treibstoff sein müssen und so gezwungen sind, langsamer zu fliegen. Wer mit möchte, ist herzlich willkommen, wer bleiben möchte, wird gut versorgt sein. Es sind jedoch keine Eizellen mehr übrig, so dass diese Kolonie aussterben wird. Niemand zwingt Euch mitzukommen. Ich benötige eine Mannschaft von 100 Männern, um das Schiff an sein Ziel zu bringen. Ihr habt genau 36 Stunden, es Euch zu überlegen. In 37 werde ich starten. Wer kommt mit?“

Niemand schlief in dieser Nacht, alle diskutierten und versuchten, die neuen Informationen über ihre Herkunft zu verarbeiten. 53 Männer wollten am Ende bleiben, die sich zu alt für die Reise fühlten und die wenigen Jahre noch in der Natur verbringen wollten. Alle anderen 273 Männer folgten Ad’dam auf das Schiff, das zum letztmöglichen Zeitpunkt den Planeten verlies. Der Start verlief problemlos. Der Antigrav brachte das Schiff in einen engen Orbit um den Planeten. Dann wurden mit lautem Wummern die Triebwerke gestartet. Alle blieben an den Bildschirmen und Sichtfenstern stehen, bis der Planet in der Weite des Weltalls verschwunden war.

 

*

 

Gelandet. Sie waren schneller gewesen, als gedacht. AD’dam war ein Greis, Ed’va, sein erster Klon und Stammmutter der Schiffsbesatzung, eine Greisin. Beide noch rüstig. Der Heimatplanet war eine schöne Welt mit ausgedehnten Meeren und ungefähr einem Drittel Landfläche. Sie waren auf einem Kontinent in der südlichen Hemisphäre gelandet, in einem fruchtbaren Gebiet zwischen zwei Flüssen. Hier war die Temperatur angenehm, das Leben üppig. Von ihren Stammvätern fanden sie keine Spuren mehr, nur wenige Ruinen hatten sie aus dem Orbit entdecken können. Eine letzte Kommunikation mit einem Computer in der nördlichen Hemisphäre hatte ergeben, dass ein Angriff außerirdischer Echsenwesen die Zivilisation ausgelöscht hatte. Deren Kolonisten waren jedoch schon kurz nach der Landung aneinander geraten – es gab keine Überlebenden, so dass der Planet verlassen war. Es existierten noch einige degenerierte Nachkommen der Echsen.

Ein Paradies. Ad’dam und seine Ed’va schritten an der Seite ihrer Söhne Ka’in und Ab’el hinaus in Natur. 125 weitere Siedler hatten den Flug überlebt, Ed’va und Kle’op hatten 20 Kinder, darunter 13 Frauen, geboren. „Geschafft. Die Heimat. Anders, als wir es uns vorgestellt haben – aber der Beginn einer neuen Zivilisation. Lasst uns diese Welt bewahren und sie mit Leben erfüllen.“