Der Stein des Weisen

 

Bald wirst du den letzten Atemzug tun, werden sich deine Lungen zum letzten Mal mit Sauerstoff füllen. Dein Leben geht zu Ende, du musst Abschied nehmen.

Jetzt wirst du die Wahrheit erkennen. Du wirst begreifen, wie sehr deine Seele, dein Geist gefesselt war, wie froh du bist, dass sich dein Bewusstsein endlich von deinem Körper lösen kann.

So wie ein Leuchtturm die Schiffe beneidet, denen er den Weg weist, so wie er diese mit Fernsucht beladenen Gebilde der Ruhelosigkeit auf optischem Wege grüßt und sie fragt, ob sie nicht mit ihm tauschen wollen, und so wie er jedesmal die verneinende Antwort, ein mächtiges Tuten, vernimmt, so hat auch dein Bewusstsein der Freiheit entgegen gestrebt, hast auch du sein leises Pochen, den Pulsschlag der Sehnsucht, gehört und gefühlt. Es waren dies diejenigen Momente, in denen du dir - aus welchen Gründen auch immer - den Tod gewünscht hast. Du hast sie (leider! wie du jetzt weißt) überwunden, hast damit deine körperliche Existenz konserviert.

Dein Körper! Er mag dir viel bedeutet haben, war vielleicht alles andere als ein lästiges Anhängsel; jetzt erst wird dir klar, mit welcher rostigen Kette er dich an das Leben band, wie sehr er dich daran gehindert hat, das wahre Glück zu finden.

Du fühlst dich leicht, scheinst zu schweben. Bist du bereit zur Reise?

 

Ja!

 

Zuvor aber musst du Rechenschaft über dein Leben ablegen...

 

 

*

 

 

Überrascht stellst du fest, dass du wieder einen Körper hast. Du stehst an den Ufern eines Flusses, und auf der anderen Seite, so scheint es dir, liegt das Paradies.

Noch ehe sich der Wunsch dorthin zu gelangen in dir festgesetzt hat, ertönt plötzlich eine Stimme. Eine gewaltige, sonore Stimme, die du nicht nur hörst, sondern auch mit jeder Faser deines Körpers aufnimmst, so als wäre sie in dir. Die Erhabenheit, mit der sie spricht, die Ehrfurcht, die sie gebietet, lässt dich frösteln:

 

SIEHST DU VOR DIR DEN STEIN? IN DIESEM STEIN IST DEIN LEBEN; IN IHM SIND DIE GUTEN UND DIE BÖSEN TATEN, DIE DU BEGANGEN HAST. DIE GUTEN TATEN WIEGEN NICHTS, DIE SCHLECHTEN SCHWER.

SIEHST DU VOR DIR DEN FLUSS? ES IST DER FLUSS DER BUSSE. IN IHM SIND SO VIELE RAUBFISCHE, WIE DU IN DEINEM LEBEN DAS SCHLECHTE STATT DEM GUTEN GEWÄHLT HAST.

NIMM DEN STEIN UND VERSUCHE, IHN ÜBER DEN FLUSS DER BUSSE ZU WERFEN. SCHAFFST DU ES, SO WIRD VOR DEINEN AUGEN EINE GOLDENE BRÜCKE ENTSTEHEN, UND DU KANNST MÜHELOS UND TROCKENEN FUSSES DAS ANDERE UFER ERREICHEN. SCHAFFST DU ES NICHT, SO MUSST DU SCHWIMMEN, UND DIE SEKUNDEN WERDEN EWIGKEITEN SEIN.

DEIN KÖRRER WIRD ENDLICH AUFGELÖST WERDEN. ES WIRD SO GESCHEHEN, WIE DEIN HERZ WAR: GRAUSAM ODER MILD. DEIN LEBEN WIRD DER MASSSTAB SEIN!

 

 

Und es kam der Tugendlose.

 

Ha! Es wird mir keine große Mühe bereiten, diesen Stein über den Fluss zu werfen, dachte er siegesbewusst und betrachtete dabei seinen neuen Körper, seine muskelbepackten Arme.

Er bückte sich, umfasste den Stein mit der rechten Hand und ...erschrak!

Eine furchtbare Ahnung beschlich ihn. Er packte den Stein mit beiden Händen und versuchte ihn unter Aufbietung aller Kräfte hochzuheben, doch er rührte sich keinen Millimeter vom Fleck.

Hey! schrie er unsicher und richtete dabei seinen Blick nach oben, als könne er das riesenhafte menschliche Haupt, das in seiner Fantasie entstanden war, sehen, mein Stein ist mit dem Boden verwachsen! Das ist nicht fair!

DU IRSST!

Der Boden unter ihm schien bei diesen zwei Worten zu erbeben. Er sah, wie sein Stein plötzlich etwas in die Höhe schwebte, einige Sekunden bewegungslos in der Luft verharrte und dann, langsam und leicht wie eine Feder, wieder zu Boden sank.

Man macht sich einen Spaß mit mir! dachte der Tugendlose.

Die Zuversicht, dass er den Stein dieses Mal ohne Schwierigkeiten würde aufheben können, war fast grenzenlos.

Doch...

Er begann zu zweifeln: Bin ich so schwach oder ist der Stein so schwer? Warum bin ich so schwach? Nein, ich bin nicht schwach. Der Stein ist so schwer! Warum ist dieser Stein nur so schwer?

Wieder hob er seinen Blick gen Himmel und schrie: Wie soll ich meinen Stein über den Fluss werfen, wenn ich ihn nicht einmal zu heben vermag?

Schweigen.

Die guten Taten wiegen nichts, die schlechten schwer, erinnerte er sich. Langsam begriff er, dass er alles falsch gemacht hatte.

Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als zu versuchen, schwimmend ans andere Ufer zu gelangen. Doch als er einen Blick in das Wasser warf, da gewahrte er gefräßige Raubfische - hunderte an der Zahl -, wie er sie sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht schrecklicher hätte vorstellen können. Einige davon, so schien es ihm, hatten schon lange nichts mehr gefressen ...

Nein, schrie er sich schüttelnd, nein! Sein anfangs unver­besserlicher Optimismus hatte sich in Kleinmut und fürchterliche Angst, Todesangst, verwandelt. Ich kann doch da nicht hindurch! Das wäre Selbstmord! Was verlangt man nur von mir?

Er wartete wiederum vergeblich auf eine Antwort.

Ha! dachte er trotzig. Ich bleibe einfach hier an diesem Ufer, hier kann mir nichts passieren, wobei er seine Sehnsucht, das Land jenseits des Flusses betreffend, gewaltsam zu unterdrücken versuchte. Doch plötzlich spürte er eine unsichtbare Hand an seinem Rücken, die ihn unaufhaltsam vorwärts drückte. Er kämpfte dagegen an, wehrte sich, aber diese Anstrengung blieb vollkommen wirkungslos. Er begriff, dass er sich seinem Schicksal ergeben musste, und versuchte sich Zuversicht einzureden: Ich werde so schnell schwimmen, dass sie mich nicht kriegen, nicht kriegen können!

Er schnellte sich ins Wasser und schwamm was seine Lungen, seine Arme und Beine hergaben, doch er war erst wenige Meter weit gekommen, da packte ihn schon ein riesiger, mit unzähligen dolchartigen Zähnen bespickter Raubfischrachen, und riss ihm scheinbar mühelos ein großes Stück Fleisch aus dem Leib. Furchtbare Schmerzen durchpochten ihn. Sein Blut färbte das Wasser rot; es lockte die anderen Bestien an, versprach es ihnen doch ein ausgiebiges Mahl. Da schnappte bereits ein gieriges Maul zu und verschwand mit seinem linken Bein in der Tiefe.

Als sich sein Körper vollkommen aufgelöst hatte und er noch immer nicht tot war, da wusste er: Man büßt eine Sünde umso schwerer, je leichter man sie begangen hat. Er ahnte, dass es noch etwas viel Schlimmeres als körperliche Schmerzen gab: die Folterung des Geistes bis in alle Ewigkeiten. Er fühlte, wie sein Bewusstsein in die Tiefe gerissen wurde, wie sein Ich in das Land unterhalb des Flusses der Buße, in die Hölle, geschleudert wurde.

 

 

Und es kam der Wankelmütige.

           

Die guten Taten wiegen nichts, die schlechten schwer, sagte die Stimme. Also wird mein Stein fast nichts wiegen, denn ich war gut. Doch schon im gleichen Moment kamen ihm Zweifel: War ich wirklich gut? Habe ich mich nicht so manches Mal versündigt? War ich nicht öfters elendiglich schwach als unerschütterlich stark? Ja, ich hätte ein viel besserer Mensch sein können. Warum begreife ich das erst jetzt? Mein Stein wird so schwer sein, dass ich ihn vielleicht noch nicht einmal heben kann!

Die Angst, seine nun auftretende Depression, resultierend aus seiner ins Negative tendierenden Selbsteinschätzung, könne ihn zu einer Schwächung seiner jetzt seltsamerweise so viel wichtigeren körperlichen Kräfte führen, half ihm, aus dem Irrweg der Über­legungen in die Realität zu finden. In eine Realität allerdings, die unwirklicher als ein Traum zu sein schien.

Ganz langsam, als könne jede Schnelligkeit den Stein noch er­schweren, bückte er sich, umfasste ihn mit der rechten Hand und stand sekundenlang ungerührt in dieser Position wie ein Gewichtheber, der sich darauf konzentriert, die vor ihm liegende Last in die Höhe zu stemmen. Grenzenlose Erleichterung erfüllte ihn, als er ihn ohne Schwierigkeiten aufheben konnte. Doch damit war die Aufgabe ja noch längst nicht erfüllt. Er musste ihn auch noch über den Fluss werfen! Plötzlich schien es, als würde der Stein wieder um einiges schwerer.

Kann ich das schaffen? Ich muss es schaffen! Und wenn nicht? Ich darf mir nicht einreden, dass ich es nicht schaffe! Ein Zweifler kann niemals entschlossen, kann niemals siegessicher sein. Und ich muss siegessicher sein! Mein neuer Körper ist etwas kräftiger als der alte. Das ist ein gutes Omen!

Mit diesen Gedanken schaltete er seine Grübeleien ab und bemühte sich, seine körperlichen Kräfte zu sammeln. Er ging einige Schritte zurück, konzentrierte sich nochmals einen Augenblick lang und rannte los. Mit äußerster Kraft schleuderte er seine Last von sich. Die Wucht des Abstoßes war so groß, dass er Mühe hatte, sein Gleichgewicht zu halten.

Als er sich wieder gefangen hatte, konnte er erkennen, wie der Stein höchstens eine Körperlänge vor dem anderen Ufer ins Wasser platschte.

Geschlagen registrierte er seine Niederlage: Ich habe versagt! In allen Ehren verloren, klingt das besser? Nun muss ich schwimmen! Schwimmen durch den Fluss der Buße!

Und wieder waren die Worte in ihm, so als würde er sie eben hören: In ihm sind so viele Raubfische, wie du in deinem Leben das Schlechte statt dem Guten gewählt hast. Ich hätte es beinahe geschafft, meinen Stein hinüberzuwerfen. Schwimmend werde ich es schaffen!

Da er wusste, dass ein längeres Zögern ihn wieder unsicher machen würde, sprang er sofort ins Wasser und schwamm mit einem Tempo, das ihn bei Lebzeiten zu allen Rekorden befähigt hätte, aufs andere Ufer zu. Getrieben von Todesangst verlangte er seinen Körper das Allerletzte ab.

Als er etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte und er schon glaubte, unbehelligt durchzukommen, sah er plötzlich mehrere krokodilähnliche Wesen, jedoch wesentlich kleiner als diese und nicht mit einem flachen breiten, sondern einem spitz zulaufendem Maul ausgestattet, auf sich zukommen. Noch ehe ihn ein Schrecken, der eisiger war als das Wasser, durchfahren konnte, verspürte er schon einen bohrenden Schmerz in der Hüftgegend. Er wusste, dass er ihn nicht beachten durfte, wollte er im Rhythmus bleiben. Doch jeder Schwimmzug mehr bedeutete auch eine brennende Wunde mehr!

Die Sekunden werden Ewigkeiten sein. Wie wahr! Es war kein Mensch mehr, der da mit sich selbst kämpfte; es war ein von tiefen, hässlichen Löchern übersätes fleischiges Etwas, das mit jedem Meter unansehnlicher wurde. Sein vor Qualen nahezu gelähmtes Bewusstsein hatte die Kontrolle über den Körper verloren, doch dieser arbeitete immer noch weiter, wie eine automatische Maschine, die man vergessen hat, abzuschalten.

Plötzlich fühlte er ... Boden! Das Ufer! Ich muss ... mich nur noch ... hinaufziehen! hämmerte es in seinen Gedanken. In einer letzten übermächtigen Kraftanstrengung schob er seinen zerfressenen Körper aus dem Wasser und brach zusammen. Er konnte sich nicht mehr bewegen, aber er konnte nach wie vor denken und hören:

 

DU HAST ES GESCHAFFT! DEIN KÖRPER WIRD SICH NUN AUFLÖSEN UND DEIN NEUES HIMMLISCHES BEWUSSTSEIN BILDEN. SO WIE ER NICHT UNVERSEHRT IST, WIRD AUCH DEIN GEIST NICHT VOLLKOMMEN SEIN. ES WIRD SEKTIONEN GEBEN, DIE DU NICHT AKTIVIEREN KANNST, DIE TOT FÜR DICH SEIN WERDEN. DU WIRST AN DIESEN STELLEN KEINE SCHMERZEN VERSPÜREN, ABER DOCH, WENN DU FESTSTELLST, DASS ANDERE DAMIT WUNDERSAME EMPFINDUNGEN HERBEIFÜHREN KÖNNEN, DIE DU NOCH NICHT EINMAL ZU AHNEN VERMAGST. DU WIRST NUR WISSEN, DASS SIE SIE HABEN.

 

Als das letzte Wort verklungen war, spürte er, wie der Auflösungsprozess, wie seine Reise in den Himmel, die so viel hätte besser sein können, begann.

 

 

Und es kam der Weise.

 

Welch seltsame Methode, mit der mein Leben gemessen wird! dachte er, ohne dabei jedoch die Spur einer Angst zu haben. Er wunderte sich nur darüber, dass seine nun wesentlich angewachsenen körperlichen Kräfte die geistigen Kräfte seines Lebens dokumentieren sollten.

Schnell wurde ihm klar, dass auch die muskulösesten Arme keine unendlich großen Leistungen erbringen würden. Wenn der Stein so schwer ist wie ein Leben, dann kann er auch trotz seiner relativen Kleinheit nicht zu heben sein. Aber dieser Stein ist nicht so schwer wie ein Leben; er ist so schwer wie mein Leben!

Obwohl er gewiss war, dass er keinerlei Schwierigkeiten haben würde, war er doch ein wenig aufgeregt. Ohne jede Theatralik hob er ihn auf, und hätte er nicht gesehen, dass er ihn wirklich in der Hand hielt, hatte er eine Täuschung vermutet. Keinerlei Gewicht war nämlich zu spüren.

Eigentlich hätte er sich darüber freuen müssen, doch ihm war sofort bewusst, was das bedeutete: Mein Stein ist so leicht, dass ich ihn nicht werde werfen können. Wie eine Feder, so wird er durch die Luft taumeln und keine messbare Strecke zurücklegen. Im Gegenteil; vielleicht landet er sogar hinter mir! Mein Leben war ... zu gut! und dieser schlussfolgernde Gedanke erschreckte ihn über alle Maßen.

Seine Panik, die ihn jetzt gleichsam überfiel, resultierte mehr aus grenzenlosem Unverständnis als aus Angst.

Die Stimme, die plötzlich wieder ertönte, riss ihn aus seiner überaus tiefen Verwirrung. Es waren keine einfachen Worte, die er da hörte; es war eine gewaltige akustische Verlautbarung, deren Resonanz verursachende Klangtiefe nicht zu beschreiben war:

DEINE ÜBERLEGUNGEN SIND SO WEISE, WIE DEIN LEBEN WAR. TROTZDEM SIND SIE FALSCH, DEM HIER GELTEN KEINE IRDISCHEN GESETZE. HIER GILT NUR DEINE GÜTE.          

Staunend registrierte er, was nun geschah. Sein rechter Arm schien ihm nicht mehr zu gehorchen. Ohne dass er es wollte, holte er aus und warf den Stein von sich. Gleich einem Vogel, der sich vom Aufwind höher tragen lässt, gewann er scheinbar mühelos an Höhe. Als er zur Hälfte den Fluss überquert hatte, sank er genauso stetig in einem sanft geschwungenen Bogen tiefer, bis er schließlich weit hinter dem Ufer niederging.

Auf einmal, und die Prophezeiung erfüllte sich mit unfassbarer Geschwindigkeit, entstand eine goldene Brücke, deren Form genau dem Flug des Steines entsprach. Sie glitzerte so stark, dass er fast geblendet wurde.

Zögernd bewegte er sich vorwärts. Vorsichtig, so als könne die Brücke unter seinem Gewicht zusammenbrechen, setzte er einen Fuß darauf. Als nichts geschah, betrat er sie vollends und schritt langsam voran, bis er die höchste Stelle, die Mitte der Brücke, erreicht hatte.

Er gewahrte Schwäne im Wasser, als er sich ans Geländer lehnte und nach unten blickte. Schon immer hatten ihn diese Tiere fasziniert, aber jetzt war dieser Eindruck noch um vieles stärker. Mit Freude beobachtete er, wie sie majestätisch durchs Wasser glitten. Es war ein Bild, wie er es sich friedlicher nicht hätte vorstellen können.

Zweifellos hätte er noch länger damit verbracht, den Schwänen zuzusehen, aber unverhofft wurde er ermahnt:

DU MUSST JETZT WEITER!

Etwas widerwillig setzte er sich wieder in Bewegung; bedächtig, als hätte er Angst, das andere Ufer zu erreichen. Schließlich trennte ihn nur noch ein Schritt davon.

Genauso vorsichtig, wie er sie betreten hatte, verließ er sie wieder. Kaum dass er mit beiden Beinen auf dem Boden stand, begann sich sein Körper aufzulösen, genau wie man es ihm vorhergesagt hatte.

Und als die Entstofflichung, einhergehend mit der Bildung eines neuen Bewusstseins, abgeschlossen war, eröffneten sich ihm die märchenhaftesten Empfindungen des Himmels.

 

Ende