Eurer Friede sei ein Sieg!

 

Shintas Augen brannten wegen dieser verdammten Kontaktlinsen. Eigentlich hatte ihm sein Dealer versichert, dass er sie fünf Tage durch tragen konnte. Aber das er sie eingesetzt hatte lag erst einen Tag zurück! Sie herauszunehmen wagte er trotzdem nicht. Wenn nur einer das Bernstein seiner Iris sah, und die damit verbundene Bedeutung erkannte, würde er die armen Schweine beneiden, die auf die Asteroiden geschickt wurden.

Andererseits würde er in diesem Viertel von Neu Goa gar nicht mal so auffallen. Die Augen vieler waren von den seltsamsten Drogen verfärbt. Aber darunter konnten sich durchaus Spitzel befinden. Besser das Jucken.

Die Stadt hatte sich in den dreißig Jahren seiner Abwesenheit sehr verändert. Verfallene Häuser, Müll auf den Straßen. Die Anzahl der Drogenzombies war explodiert. Der Krieg hatte viel zu viel zerstört. Zu wenig war aufgebaut worden. Darum hatte er diese Welt auch verlassen. Aber Neu Goa brachte alte Erinnerungen. Böse Bilder von Zerstörung, Tod und Blut an seinen Händen. Dinge von denen er glaubte sie schon längst verdrängt zu haben. Nichts an das er sich so genau erinnern wollte.

Leider hatte sich nur eines nicht verändert. Das Wetter. Natürlich war er auch in der schlimmsten Zeit des Jahres gekommen. Zwei Wochen bevor der Monsun über Neu Goa hereinbrach gab es nur noch schwüle Hitze, aber keinen Nebel und erst recht keine erlösende Nässe. So war es immer bevor die einzige Zeit begann in der es in diesen Breitengraden von Mahatma regnete. Dem jungen Bonsai in seiner Rechten schien das genauso zu behagen wie ihm. Nur wenige Stunden in dieser Hitze reichten, um ihn welken zu lassen. War der kleine Baum den ganzen Ärger, den er eingebracht hatte, überhaupt wert?

Seine Kombination aus Kimono und Hakama war definitiv zu heiß für dieses Klima, was Shinta natürlich vergessen hatte. Aber er zog sich nicht um. Trotz seines, vor Schweiß glänzenden Gesichts dachte er nicht einmal daran. Das wäre einer Niederlage gleichgekommen.

Shinta wechselte den Bonsai in die linke Hand und sah sich um. Ahnungslos, wo er sich befand, hielt er auf die erste Person zu, die einigermaßen normal über die Straße ging. Ein süßes, junges Mädchen in einem unvorteilhaften, sackartigen Kleid. Sicher genauso ideal für diese Temperaturen wie sein Kimono.

„Entschuldigen Sie, Fräulein“, begann er.

„Theresa sei mit dir“, lächelte ihn das Mädchen mild an. „Wie kann ich dir helfen?“ Sie faltete die Hände vor ihrem Gesicht und neigte den Kopf.

Shinta verdrehte die Augen, stellte seine Frage aber trotzdem: „Ich suche die Schartige Klinge ...“

Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. „Was willst du in diesem Sündenpfuhl?“

„Das geht dich nichts an, Kind“, fuhr er sie scharf an, „sage mir einfach wie ich hinkomme.“

Völlig perplex erklärte sie ihm den Weg.

Anscheinend hatte sich Shinta gar nicht einmal so sehr verlaufen. Die Schartige Klinge befand sich in einer Seitengasse am anderen Ende dieser Straße. Davor lag irgendein Zombie mit einer Nadel im Arm.

Die Luft in der Bar war zum schneiden. Es war faszinierend, wie viel Rauch eine Handvoll Menschen erzeugen konnte. Sicher sehr gut für Shintas Augen. Der Holoprojektor in der linken hinteren Ecke informierte lautlos über das Tagesgeschehen dieser Welt.

Wie auch immer, seine Verabredung war noch nicht da. Shinta setzte sich in eine Ecke, stellte den Bonsai auf den Tisch und bestellte sich ein Bier. Am Glas nippend sah er sich die Nachrichten an.

„Kannst nicht genug von Propaganda krieg’n oder glaubst du den Scheiß tatsächlich, Mann?“

Shinta sah hoch. Vor ihm stand ein Mann, der mit seinen Mitte dreißig sicher schon doppelt so alt wie Shinta aussah.

„Weißt du Dean-chan, ich habe mal mit einem Illuminierten gesprochen. Er erklärte mir damals, dass man eine Wahrheit am besten immer dort versteckt, wo jeder sie finden kann. Vor allem in einer Zeit wie der unseren.“

„Und das bedeutet was?“, hakte Dean nach.

„Keine Ahnung“, gestand Shinta. „Das war noch im letzten Krieg, also lange vor deiner Zeit.“

Sein Auftrag war damals eigentlich den Illuminierten zu töten. Er hatte es nicht getan. Sich statt dessen beschwatzen lassen, den Schwanz eingekniffen.

Er wies Dean mit der Hand an, Platz zu nehmen und konzentrierte sich wieder auf den Fernseher. Dort wurde gerade von einem Aufstand berichtet. Natürlich gewannen die Regierungstruppen.

„Is’ das Teil die Ware, Mann?“ Dean deutete auf den Bonsai nachdem er sich gesetzt hatte.

Shinta wartete noch bis der Bericht beendet war: „Da draußen hat mich ein Mädchen im Namen einer Theresa begrüßt. Gibt es einen neuen Coven, oder was?

„Neu? Den Coven der Theresa gibt’s seit über zwanzig Jahren, Mann! Die versuch’n die Zombies von den Drogen wegzukrieg’n.“

„Scheinen sehr erfolgreich zu sein“, meinte Shinta, einen weiteren Schluck von seinem Bier nehmend. „Kannst du mir sagen warum ich den Bonsai durch die halbe Lokale Blase transportieren durfte, Dean-chan?“, wechselte er dann das Thema. „Und warum mich Piraten angegriffen haben? Mein Schiff ist nur noch Schrott!“

„Das Teil is’ kein Bonsai, das is’ ’ne lichtemittierende Pflanze, Mann. In ’n paar Jahren wird das der Verkaufsschlager im gesamt’n Reich. Das wird Mahatma aus der Armut führ’n, Mann.“

„Tatsächlich?“

Drei Männer und eine Frau betraten in diesem Augenblick die Schartige Klinge. Ihre Kleidung sah viel zu sauber und robust für diese Stadt aus. Auch hatte jeder eine Rail am Gürtel und einer sogar eine schwere Coil am Rücken. Das alles bekam Shinta nur aus den Augenwinkeln mit. Eigentlich beachtete er die vier gar nicht.

„Ich kann’s dir jetzt leider nicht zeigen, da er in ’ner fruchtbaren Phase is’.“

„Mach damit was du willst.“ Shinta zuckte mit den Schultern. „Die Piraten?“, fragte er noch einmal. Der Geruch von Anspannung umwehte Shintas Nase. Von seinem Gegenüber stammte der nicht.

„Wahrscheinlich waren’s Söldner ...“, weiter kam Dean nicht.

Shinta ließ sich sofort vom Stuhl fallen. Er spürte Holzsplitter auf sich herabrieseln. Es waren die vier, die bereits seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Shinta traute sich sein Schiff zu verwetten, dass sie hinter dem Bonsai her waren. Eigentlich konnte es ihm egal sein, aber er hatte noch kein Geld gesehen! Wütend drückte er sich vom Boden weg.

Knapp unter der Decke flog er über die Angreifer und legte hinter ihnen eine perfekte Landung hin. Obwohl er unbewaffnet war, würden sie schon Kampfanzüge benötigen um ihn zu besiegen. Sie hatten keine, wie er befriedigt feststellte als er seine Finger in den Nieren des Ersten versenkte.

Der Kampf war kurz und hart. Shintas Hände brachen Knochen und quetschten Kehlen. Die Angreifer hatten keine Chance. Irgendwie schaffte er es in dem ganzen Chaos den Tisch mit seinem Bier unversehrt zu lassen.

„Es stimmt“, flüsterte Dean ehrfürchtig, während Shinta einen der Toten untersuchte. „Der Kampf steckt in deinen Genen, Mann.“

„Kannst du mir sagen, was Wachleute von der Uni-Lambda hier auf Mahatma machen?“ Shinta warf ihm einen Ausweis zu.

„Uni-Lambda ... war ja klar. Von denen haben wir’s zurückgeklaut, Mann.“ Dean grinste. „Aber wie sie dir hierher folgen konnten is’ mir ein Rätsel. Wir hab’n vorher dreimal ’s Schiff wechseln lassen, und du hast die Angreifer sicher abschütteln können, Mann.“

Shinta ersparte sich eine Bestätigung. Sein Schiff war zwar unbewaffnet, aber letzten Endes hatte er doch einen Virus im gegnerischen Computer versenken können. Selbst das beste Equipment nutzte nichts mehr, wenn die Steuerung versagte. Eigentlich sollten sie noch immer zwischen den Sternen treiben ...

Er sah sich um. Die anderen Gäste hatten zwar Platz gemacht schienen von dem Kampf allerdings keine Notiz genommen zu haben. Anscheinend gab es so etwas öfters hier.

„Gib mir mein Geld, Dean-chan. Alles andere ist mir egal“

„Glaub ich nich’“, meinte der Mann. „Wir hab’n ’s nämlich vom Covenant. Der sucht übrig’ns noch Kapitäne für seine neu’n Zerstörer, Mann.“

Shintas Augen wurden schmal. Er frage sich, ob Dean zu tief in sein Drogenlager geschaut hatte. Es währe das erste Mal. Eigentlich verkaufte der nur.

„Dean-chan, der Covenant wurde im letzten Krieg vernichtet. Ich habe für ihn gekämpft.“

„Er hat sich wieder vereint.“

Nein, Shinta wusste, dass Dean seine Drogen nicht probiert hatte. Das machte ihm Angst.

„Also wird es bald wieder Krieg geben“, flüsterte Shinta mehr zu sich selbst. Wie der Krieg ausgehen würde war klar. Der Covenant hatte nicht die Spur einer Chance gegen die Militärmaschinerie der Illuminierten.

„Aber erst, nachdem wir jede Menge Geld mit diesen Dingern verdient hab’n.“ Grinsend deutete Dean auf den Bonsai. „Also, bist du dabei, Mann?“

Shinta grunzte. Er hatte bis jetzt überlebt, weil er den Kopf unten behalten und nie aufgefallen war. Zwar rieten ihm seine Instinkte mitzumachen, aber er wusste, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden konnte. Weshalb dafür seine Haut riskieren? Nein, er würde sich da heraushalten und am Leben bleiben.

„Mein Geld“, flüsterte er gefährlich leise aber trotzdem deutlich vernehmbar.

Dean warf ein Päckchen auf den Tisch. Eingeschlagen in braunes Papier.

„Was ist das?“, wollte Shinta wissen.

„Das is’ Quarz im Wert von 500 Solars.“

„Rein?“

„Nein, mit Deli veredelt, Mann. Nur Wahnsinnige zieh’n reines Quarz.“

500 Solars war zwar eine Menge Geld, aber nach Abzug aller Kosten – inklusive der Reparatur – würden ihm vielleicht noch 10 übrig bleiben. So viel bekam ein gewöhnlicher Matrose im Monat. Aber Quarz ließ sich auch leicht mit Mehlsand strecken. Da konnte er schon das Dreifache herausholen.

Shinta versteckte das Päckchen in den Falten seines Kimonos. Er nahm noch einen letzten Schluck von seinem Bier. Die Rechnung überließ er Dean.

„Komm schon, Mann“, versuchte es Dean noch einmal. „Wir brauch’n Mensch’n wie dich.“

Was konnte ein einzelner Mensch schon ausrichten? Selbst einer mit seinem Erbe? Es war sinnlos gegen die Illuminierten zu kämpfen. War das Dean nicht klar? Oder den anderen vom Covenant?

Egal, darum ging es nicht. Darum wird es nie gehen. So lange es noch Menschen gibt, die einen Anführer brauchen, wird es immer Kriege geben. Idioten, allesamt.

„Ich will nicht mehr kämpfen“, zischte Shinta. „Nie wieder!“

Er verließ das Lokal und lenkte seine Schritte Richtung Raumhafen.