Ein Big Fish
Draußen rumorte der Sturm und ich war allein in meinem Lager. Der Wind hatte ein paar Mal heftig gegen die Anti-Magno-Wohnzelle geschlagen, als er gegen Mitte der Nacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das Metall an den Außenwänden schaben und war gerade eingeschlafen, da spürte ich, dass es ganz hell in meiner Zelle geworden war. Ich öffnete die Augen und sah zwei Reihen funkelnder Zähne, die mich über den Schein einer Taschenlampe angrinsten.
„Mach das verdammte Ding aus“, fluchte ich.
„Good Morning, Maggot!“, rief Rydred mir zu. „Ein Marine steht zeitig auf, los, los!“
„Scheiß auf Marine!“ Ich betastete meine vom Staub verkrusteten Augen und blinzelte gegen den feurigen Film auf der Bindehaut an. Ein kupferner Geschmack lag eklig auf meiner Zunge.
„Was zum …?“
Grobe Hände packten mich an den Füßen und schleiften mich aus dem Schlafsack über den Boden. Metallsplitter stachen in meinen Rücken.
Und das am letzten Tag, fuhr es mir durch den Schädel.
„Ryd, Du zilphon-verseuchtes …!“ Ich stockte in meinen Wutanfall und stierte zu dem schwarzen Mann vor mir auf.
Er tippte sich lediglich an seine Ohren. Ich lauschte.
„Wenn Du mich verarscht, Ryd, dann zahl’ ich dem Pilot extra, damit er Dich hier verrotten lässt.“ Meine Stimme klang mehr schrill, denn einschüchternd.
Rydreds Grinsen wurde noch breiter und seine Goldzähne glänzten - echtes Gold wie er mir tagtäglich versichert hatte, nicht dieses billige Imitat von den Marskolonien.
Mein Partner zog mich mit einem Ruck auf die Beine. Jetzt war es unüberhörbar: das monotone Piepsen unseres Porkies, der PERK-Bohrungsmaschine an unserer Grabungsstelle – es war Engelsgesang.
Kopfüber stürzte ich aus meiner Kabine und stieß dabei mit dem Fuß gegen den alten Bohrkopf. Ich warf Rydred und seiner Unordnung ein ganzes Arsenal an Schimpfwörtern nach während ich zu meinem Spind humpelte.
Rasch warf ich mich in den Aramit-Anzug und fand den Schutzhelm zwischen den verrosteten Platinen, welche ich seit Tagen entsorgen wollte. Der Helm knirschte beim Einrasten in die Form des Anzugs. Ich hoffte jedes Mal, dass der Schwarzhändler nicht gelogen hatte, als er meinte: „Wie das Original! Schützt deine Lungen vor Zilphon G, und neben dem giftigen Metallstaub auch deinen Kopf vor den Ladungen; wie das Original!“
Ich folgte Rydred durch die Schleuse ins Freie. Der Magnetsturm verschwamm wie ein lang gezogenes Spinnenetz am Firmament, er hatte sich in der Nacht nach Osten hin über die Hügelkuppe verzogen. Einzelne Lichter, magnetische Entladungen, zuckten im Wolkenknäuel hinter den dunklen Dünen auf. Der Memic, mein kleiner Infocomputer am Handgelenk, beschrieb das Phänomen als ein „durch überproportionalem Metallverhältnis verursachtes Spannungsungleichgewicht“ - oder so ähnlich, ich fand den Memic nie sehr hilfreich.
„Komm jetzt, Kenaley. Der Krieg wartet nicht.“ Rydreds Stimme knisterte gedämpft in meinem Helm.
Mich hatten seine Anekdoten aus vergangenen Kriegsgeschichten stets genervt, er hatte sich das antike Film-Zeugs ständig in den Mental-Points auf Terra durchs Hirn laufen lassen und dafür eine irrsinnige Leidenschaft entwickelt.
Von weitem erblickte ich die Leuchtdiode unseres Porkies durch den Grauschleier einer kleinen Windhose. Der schildkrötenartige Bohrer brummte im Standby-Modus.
Bang! Wir hatten wirklich etwas gefangen.
Ich stapfte die Anhöhe hinunter, kämpfte gegen eine Böe an, und blieb unweit der bebenden Maschine stehen. Vorbeiwehende Metallflocken verglühten an der heiß geschliffenen Oberfläche des Bohrkopfs – er war unser letzter. Immerhin würde der Fang es wieder wettmachen; das musste er sogar, falls wir zukünftig nicht wie Crogon-Süchtige vor den Pubs vergammeln und jeden schmierigen Raumflieger um einen Job anbetteln wollten.
Rydred saß an der Steuerkonsole im Cockpit des Porkies und leitete den Auffangmechanismus ein. Laut dröhnte es aus dem Loch im Boden, indessen der Schlauch des Magnetsaugers sich tiefer hinabsenkte. Rydred trat an meine Seite und klopfte mir jovial auf die Schulter. Da standen wir wie zwei buckelige Alte über das andere Ende des Saugers und warteten.
Heißer Dampf zischte aus der Öffnung und hüllte uns ein, unsere unverwüstlichen Aramit-Suits waren auch gegen Hitze resistent. Ich ignorierte Rydreds Freudengewimmer und konzentrierte mich auf die Beute. Der Dunstnebel lichtete sich.
Schließlich lag es vor unseren Füßen.
Ich werde den Augenblick niemals vergessen, Rydred dämlich grinsend, unablässig vor sich hermurmelnd: „Big Fish … Big Fish.“
Ein Big Fish war ein Großer Fang; wir verdammten Idioten hatten keine Ahnung wie groß er tatsächlich war …
Es begann nach Ende des Ionenkrieges vor über fünfzig Jahren. Die TF, die Terraistische Förderation, hatte beschlossen, jeden einzelnen Robot, ob Kriegsgerät oder Haushaltsrobo, zu verschrotten, um endlich Ruhe vor den Rebellionen der Maschinen zu haben. Nach dem Krieg mussten die Millionen Tonnen von zerstörten Robs entsorgt werden. Ein Teil wurde in den Titanöfen von Vulkadia geschmolzen, der Rest in Fabrikanlagen auf Terra pulverisiert. Nun saß man auf Bergen von feingemahlenen Metall und überlegte: Wohin damit?
Energie war das Zauberwort. Wissenschaftler entwickelten einen fluktorierenden Magnetkern, um dessen Zentrum das Metallpulver angezogen wurde und dieses erzeugte in einem komplexen Verfahren Energie. Die Rhektoren waren entstanden. Gewaltige Frachterschiffe flogen in gewissen Zeitperioden die Magnetmonde an, um die aufgeladenen Energietanks abzuholen.
Die genaue Technik haben Rydred und ich nie begriffen, aber das juckte uns ohnehin nicht. Rydred meinte einmal zu mir „Es sind kleine Monde, die große Batterien machen.“ Das reichte mir als Erklärung.
Einige Jahrzehnte vergingen und die Wissenschaftler wurden sich einig, dass es vielleicht nicht sehr schlau gewesen war, alles an Robotik-Technologie und Künstlicher Intelligenz zu vernichten. Sie fingen an, nach Überbleibsel der vergangenen Roboterkultur zu forschen. Dafür engagierten sie unabhängige Gruppen, freischaffende Raumpiraten, welche auf den Rhektoren landeten und illegal nach heilgebliebenen Artefakten suchten. Ein Chip, eine Platine oder gar ein Roboterfinger, welche durch Glück den zermalmenden Pressen der Fabriken entgangen waren, das alles war massig Credits wert und wurde an den Meistbietenden verkauft. Die Piraten organisierten sich und schlossen Verträge mit zwielichten Forschungsinstituten. Ein neuer krimineller Markt war geboren.
Sie nannten sich schlicht, Gräber. Bewaffnet mit Drohnen oder Magnetsaugern tasteten sie über die Oberflächen der Rhektoren und gierten nach den verborgenen Schätzen im Inneren der Metallerde.
Ich und Rydred waren Gräber für die URF, die Unicom Research Facility. Man nannte uns in den Pubs der Raumhäfen gerne auch „Mülljunkies“, weil wir fast ausschließlich wertlosen Plunder fanden. Eine lädierte Schraube von irgendeinem Robotarsch brachte außer Gelächter nicht gerade viel ein. Mit unserer bescheidenen Bilanz trugen wir allerdings zu dem Gerücht bei, dass die Schätze auf den Rhektoren allmählich knapp würden.
Damals war der letzte Tag unserer monatlichen Schicht auf Rhektor-LN13 gewesen, am nächsten Morgen sollte mich und Rydred ein Raumgleiter abholen und nach Terra heimfliegen. Wir waren völlig am Ende und ziemlich angekotzt, hatten wir doch rein gar nichts gefangen, nicht einmal eine mickrige Schraube – da zappelte der Big Fish an unsere Angel …
Selbst als das Ding sich vor mir in seiner ganzen Größe erhob, konnte ich es nicht fassen.
Ein Robot, ein funktionierender Robot! Wie fabrikneu!
Mit beiden Armen und Beinen, einem ovalen Kopf und zwei grünleuchtenden Augen, die von mir zu Rydred und wieder zurück surrten. Seine automatisierte Stimme, etwas röchelnd von dem vielen Staub, löste unsere Erstarrung.
„NG8 meldet sich zu Diensten, Sir.“
Lachend und mit Tränen in den Augen fiel mir Rydred um den Hals, ich konnte mich nur mit Mühe aufrecht halten. Seine Worte höre ich noch immer, als würde er neben mir stehen; und leben.
„Jetzt sind wir Big Fish, Kenaley, die großen Fische im Teich.“
Bis heute weiß ich nicht, wie der NG8 überlebt hat, ganz deutlich sehe ich dagegen den Haufen Wissenschaftler vor mir, die den Android wie den Messias selbst empfingen, uns ein beträchtliches Honorar in die Hand drückten und schnell vor ihre Tür setzten.
Während ich nun, zwanzig Jahre später, nach dem Ende des zweiten Ionenkrieges, diese Zeilen wie unsere Urahnen mit einem Stück Kohle auf einen Fetzen schreibe, in einer der menschlichen Internierungslager sitze und die Wächterroboter vor unseren laserummantelten Gittern patrouillieren sehe, weiß ich, dass der alte Satz in den menschlichen Archiven wahr ist: „Geschichte wiederholt sich“.
Nur leider lernen wir nie aus unseren Fehlern.