Der Weg zur Hölle
Wir sind auf einem Friedhof. Einem riesigen, verwilderten Friedhof. Diese Ruinen sind Grabsteine einer fremden Rasse und der Dschungel, der sie überwuchert, ist der Blumenschmuck.
Helen Fisher schwang ihre Machete gleichmäßig hin und her und zerschnitt fremdartige, unbekannte Pflanzen, um sich und ihren beiden Begleitern einen Weg zu bahnen.
Dr. Schneider, der Leiter der Erkundung auf Pangäa3, hatte mehrere Teams eingeteilt, um die Ruinen der unbekannten Zivilisation zu sondieren.
„Chefin, wie wär’s, sollen wir uns ein wenig im Schlamm suhlen … nackt?“ Stewart grinste und boxte seinen Kumpel Baranowski in die Seite.
„Mit Ihnen? Nein, danke, Stewart. Wissen Sie, meine Eltern betreiben eine Farm. Und da warte ich lieber, bis ich wieder bei unseren eigenen Schweinen bin.“
Nun grinste Baranowski und boxte Stewart, der mit verdattertem Gesichtsausdruck stehen geblieben war.
Wortlos gingen sie weiter.
„Diese Bäume … wie Schachtelhalme“, sagte Fisher.
„Ziemlich groß für Schachtelhalme“, erwiderte Stewart.
Die Bäume schienen sich in einem Kampf um Licht in den Himmel zu recken, während am Boden Krieg zwischen Halmen, Stauden und Moosen herrschte.
Ein schwerer, süßer Duft lag in der Luft.
„Schauen Sie mal“, sagte Baranowski und zeigte in die Baumkronen. Karmesinrote Blüten hingen groß wie Bierfässer in den Ästen.
„Was ist das denn?“, fragte Fisher und ging in die Hocke. Auf dem Boden kroch ein seltsames Lebewesen und zog eine Spur Silber hinter sich her. Es ähnelte einer Schnecke, ohne sichtbare Augententakel, und es war zudem armlang.
Beinlos, kopflos, hirnlos. Dr. Schneider. Helen kicherte über diese Assoziation.
„Darf man mitlachen?“, fragte Stewart und kam näher, wobei er das schleimige Geschöpf zertrat.
„Sie Trampel! Machen Sie gefälligst Ihre Augen auf!“
„Was ist denn?“ Er sah nach unten und hob seinen Stiefel, an dessen Sohle die Innereien des Schleimkriechers klebten. Er machte eine Grimasse. „Ach so. Hab ich nicht gesehn.“
Das Gelände begann, anzusteigen. Mit keuchendem Atem schleppten sie sich voran. Die Machete bahnte ihnen einen Weg durch das Gewirr der Pflanzen, auf dem sie in ihren schweren Stiefeln vorwärts stapften, wobei jeder Schritt ein schmatzendes Geräusch auf dem wassergetränkten Boden erzeugte.
Bei all den faszinierenden Entdeckungen vergaß Helen nicht, dass sie sich durch Ruinen bewegten. Der süße Geruch der Blüten war der des Todes. Die Fremden hatten diese Gebäude errichtet und in ihnen gelebt. Irgendwann waren sie verschwunden, hatten ihre Siedlung aufgegeben, besiegt von der gierigen Vegetation, die sich anschickte, sie zu verschlingen.
Aber wo waren sie hin? Was war geschehen?
Als sie sich ein gutes Stück durch den dichten Dschungel und die überwucherten Ruinen vorgekämpft hatten, piepste auf einmal das Funkgerät.
„An alle … wir werden angegriffen! Es … nein … Wir müss…“ Es war die Stimme von Latour, dem Leiter des zweiten Teams.
„Latour, kommen.“
Keine Antwort.
„Latour?“
Statisches Rauschen tönte aus dem Lautsprecher.
„Schneider, bitte kommen.“, sprach Helen ins Mikro.
Auch dieser meldete sich nicht.
„Was ist da los? Sind das die Fremden?“, fragte Baranowski.
Helen schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Möglich.“
„Was machen wir jetzt?“ Stewarts Stimme hörte sich an, als mache er gerade seinen Stimmbruch durch.
„Wir gehen weiter. Wir sollten sehn, dass wir hier verschwinden, okay?“
Baranowski nickte nach einer Weile, Stewart jedoch sah sie zornig an.
„Weiter gehen? In diese Hölle? Ohne mich. Ich will zurück zum Gleiter.“
„Sie können gehen, wenn Sie wollen. Aber allein.“ Helens Stimme klang gereizt.
Stewarts Lippen wurden zu einem Strich, jegliche Farbe wich aus seinem Gesicht. Ohne jeden Ausdruck sagte er schließlich: „Also gut.“
„Ganz wehrlos sind wir nicht.“ Sie hielt ihr Germing-Schnellfeuergewehr hoch. „Und wir sind vorgewarnt, nicht wie die anderen.“
Drei Stunden vergingen. Es wurde heißer, das Gelände wurde immer steiler, die Vegetation immer dichter.
„Was denken Sie, was hat das alles zu bedeuten?“ Baranowski war stehen geblieben, um ein wenig zu verschnaufen.
Helen zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht … Versuchen wir noch mal das Funkgerät.“
Stewarts Hände zitterten.
Sie drehte sich zu ihren Begleitern um, nahm das Funkgerät aus der Tasche ihrer Jacke und wollte eben einschalten, als ihr Blick nach oben ins Blätterdach wanderte und an etwas Seltsamem hängen blieb. „Was ist denn das?“
Die Köpfe ihrer Begleiter folgten ihrem Blick. Ihre Augen weiteten sich.
Oben, zwischen den Ästen der eigenartigen Bäume, glitzerten silberne Fäden in den wenigen Lichtstrahlen, die die grüne Wand durchdrangen. Manche waren strahlenförmig nach außen gezogen, eine Spirale zog sich vom Zentrum der strahlenförmigen Fäden nach außen.
„Ach du Scheiße …“ Stewart starrte nach oben und griff sofort nach seinem Germing-Gewehr. „Ist das wirklich, wonach es aussieht?“
Sie nickte und hielt ihren Zeigefinger an den Mund, um ihre Begleiter zum Schweigen zu bringen. Dann brachte auch sie ihre Waffe in Anschlag. „Seid leise“, flüsterte sie, „und beobachtet die Bäume über uns.“
Die Baumwipfel schienen verlassen. Die Erbauer des Netzes zeigten sich nicht.
Die Größe der Konstruktion, fünf oder sechs Meter Durchmesser, war Furcht einflößend.
Sie schaltete das Funkgerät ein. „Schneider? Wir haben hier etwas Seltsames entdeckt.“
Noch immer kam drang aus dem Lautsprecher lediglich statisches Rauschen.
„Schneider?“
Nichts.
„Latour?“
Nichts.
„Scheiße, Scheiße“, jammerte Stewart. Er starrte nach oben, fuchtelte mit dem Gewehr herum und schien sich im Stadium akuter Hysterie zu befinden.
„Beruhigen sie sich.“ Sie packte ihn an der Schulter. „Das bedeutet gar nichts. Okay?“
Sie war selbst nicht von ihren Worten überzeugt, doch sie konnte keinen Typen gebrauchen, der wie eine Bombe jeden Moment hochgehen konnte. „Baranowski, kümmern Sie sich um ihn. Sorgen Sie dafür, dass er sich beruhigt.“
Tatsächlich schien Stewart ein wenig ruhiger zu werden, so dass er sogar den vordersten Platz in der Reihe einnehmen konnte. Mit der Machete bahnte er den Weg.
Auf einmal sprang ein dunkel gefärbtes Etwas aus dem Dickicht vor ihnen. Es war riesenhaft und bewegte sich gleichermaßen schnell wie lautlos. Nur das Laub der Pflanzen raschelte und verriet seine Bewegungen. Es war dicht mit schwarzen Haaren bedeckt, an der Vorderseite seines Kopfes glänzten mehrere Augenpaare, acht Beine trugen den massigen Leib, der in zwei Abschnitte geteilt war.
Ehe sie reagieren konnten, hatte es Stewart gepackt und mächtige Kieferzangen bohrten sich in dessen Oberkörper. Ein knackendes Geräusch war zu hören, als breche ein trockener Ast. Erst jetzt schrie das Opfer; ein schrilles Kreischen sägte sich in Fishers Kopf, wo es für immer erklingen würde.
Sie zielte, drückte den Abzug ihres Gewehrs. Eine Salve der Geschosse schlug in den Beinen der linken Seite des Ungetüms ein. Die Projektile prasselten. Farbloses Blut spritzte aus den Wunden und verteilte sich in der Umgebung: auf den Pflanzen, auf Fisher und Baranowski. Ein Bein fiel abgetrennt zu Boden, wo es liegen blieb und zuckte, als sei es selbst eine Lebensform.
Doch das Geschöpf ließ nicht von Stewart ab. Es hob ihn mühelos hoch und drehte sich um, wobei eine Wolke von schwärzlichen Haaren in Fishers und Baranowskis Richtung flog. Sogleich brannten sie sich in ihre Haut, injizierten ein Gift.
Fisher wich zurück, schützte ihre Augen mit der Hand, und zog Baranowski mit sich außer Reichweite. Das Monster schlüpfte durch das Dickicht und verschwand in den Wald. Pflanzen raschelten ein wenig, das Kreischen Stewarts wurde leiser. Nach wenigen Augenblicken verstummte es.
Fisher und Baranowski starrten sich an. Sie sah, wie sich auf seinem Gesicht das farblose Blut des Ungeheuers verteilt hatte, wie sich mehrere der Haare in seine Haut gebohrt hatten. Schon bildeten sich gerötete Stellen. Sie brannten vermutlich genauso höllisch wie bei ihr. Als hätte man in Brennnesseln gebadet.
Erst nach einer Ewigkeit, wie es schien, sprach einer von ihnen.
„Was sollen wir tun?“, fragte Baranowski.
Fisher sah ihn an. „Raus aus diesem Dschungel.“
Auf ihrem weiteren Weg fühlten sie sich ständig verfolgt. Überall meinten sie, ein Rascheln zu hören. Voller Furcht drehten sie sich ständig um, sahen nach hinten, nach oben, nach rechts, nach links. Sie achteten kaum noch auf den Weg. Die Gefahr war unsichtbar. Doch sie spürten sie. Schweiß perlte auf Fishers Stirn. Kalter Schweiß.
„Weiter!“, presste sie hervor, sobald ihr Begleiter langsamer wurde. Atemlos hetzten sie voran. Zweige und Blätter peitschten ihnen ins Gesicht. Schweiß strömte ihnen über ihre erhitzten Gesichter. Fisher schwang die Machete pausenlos, schaffte es aber kaum, ihren Weg freizumachen. Sie stolperten immer wieder über den dichten Bewuchs, schlingpflanzenartige Gewächse umschlangen ihre Beine und brachten sie beide mehrfach zu Fall, so dass sich ihre Kleidung immer mehr mit dem dunklen, fast schwarzen Morast des Waldbodens voll sog. Scharfkantige Blätter schnitten ihnen ins Gesicht und fügten ihnen zahllose Schnitte zu, die heftig zu bluten begannen.
Fisher schmeckte Schweiß und Blut auf ihren Lippen. Ihre Lungen brannten. Seitenstechen machte sich bemerkbar. Immer wieder sah sie sich um. Baranowski tat es ihr gleich. Doch nichts schien ihnen zu folgen. Schließlich blieben sie völlig ausgepumpt stehen.
„Was sind das für Biester?“, fragte er atemlos.
Fisher schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“ Zum ersten Mal war sie völlig ratlos.
Nachdem sie ein wenig zu Atem gekommen waren, hasteten sie weiter. Das Gelände wurde immer steiler und es kostete sie viel Kraft, sich vorwärts zu kämpfen.
Sie fühlte sich wie ein Tier auf der Flucht. Schlammbedeckt und verschwitzt wirkten sie beide kaum noch menschlich. Wenn sie zurück sah, starrte sie ein grün-weißes Augenpaar aus einer schwarzen Maske an. Baranowski.
Schließlich stolperten sie auf eine gepflasterte Straße, die sich kurvig den Hang hinauf wand. „Wenigstens etwas“, sagte sie.
„Glauben Sie, dass … diese Spinnen die Erbauer dieser Ruinen sind?“
„Nein. Vielleicht haben die Spinnen die Erbauer vernichtet.“
Auf der Straße ging es nun leichter voran. Nur hier und da mussten sie noch die Macheten einsetzen, wenn der Bewuchs ein wenig dichter wurde.
Plötzlich stolperte sie über etwas. Als sie zu Boden sah, erkannte sie sofort eines der Gewehre, wie sie selbst auch eines trug.
Sie sahen sich um, doch sie fanden keine Spur der anderen.
Die folgende Strecke über schwiegen sie. Es zeigten sich keine Spinnen und auch von ihren Kollegen gab es kein Lebenszeichen. Das Funkgerät gab nur statisches Rauschen von sich.
Endlich lichtete der Dschungel sich ein wenig. Sie hatten die Spitze des Hügels erreicht. Sie sahen Wege, die von allen Seiten diesem Ort zustrebten. Dort, vor ihnen, ragte eine riesige Anlage aus grauem, dunklem Stein auf – uralt, verwittert und von Moos bedeckt. Die Wege führten durch Tore hinein.
Von düsteren Vorahnungen erfüllt, ging Fisher voran, Baranowski folgte ihr schweigend. Als sie sich dem Bauwerk näherten, erblickten sie Inschriften auf den Mauern. Unbekannte Zeichen reihten sich in endlosen Kolonnen aneinander und bedeckten die Außenseite des Gebäudes.
Sie durchschritten eines der Tore. Ein dunkler Gang tat sich vor ihnen auf. Mit einer Leuchte erhellte Baranowski ihren Weg. Der Gang lag verlassen. Nicht das geringste Anzeichen von Leben zeigte sich, und erst, als sie den Gang wieder verließen, zeigten sich wieder die allgegenwärtigen Moose, die jede Fläche erobert hatten, und Gräser, die aus jeder Ritze sprossen. Sie betraten einen großen, gepflasterten Platz. Dieser war kreisrund angelegt und hatte einen Durchmesser von etwa vierzig Metern. Im Zentrum befand sich ein großes, stark oxidiertes Metallgebilde. Es stand aufrecht und hatte die Form eines Zylinders.
Es schien Ozeane der Zeit durchquert zu haben.
Vorsichtig gingen sie darauf zu. Schließlich berührte sie die Außenhaut. Sie war aus Stahl und beinahe völlig von Korrosion zerstört. Als sie die Hand zurückzog, rieselten Rostpartikel zu Boden. Sie suchte die Oberfläche mit den Augen ab, und entdeckte einen Griff. Eine schmale Ritze ringsherum bewies, dass da eine Öffnung war. Sie drehte den Griff. Wider Erwarten ließ er es geschehen. Quietschend bewegte sich ein Mechanismus im Inneren, und die Klappe sprang mit einem Knirschen ein Stück weit auf.
Zusammen öffneten sie den schwergängigen Verschluss weiter, bis sie ins Innere sehen konnten. Der Geruch abgestandener Luft strömte ihnen entgegen.
Als Fisher mit der Lampe ins Innere leuchtete, erschrak sie.
Es war ein Abwurfbehälter, wie ihn irdische Raumschiffe benutzten.
Nachdem sie sich von ihrem jähen Schreck erholt hatte, blieb ihr Blick an etwas an der Decke des Innenraums haften.
In einem Winkel hing die Unterkunft der Besatzung: Ein Spinnennetz – klein und irdisch, wie sie es gewohnt war.