Die Insel
Es war das Paradies. Träge schwappte der Ozean an den Strand und grub kleine Furchen, in denen das Wasser zurückfloss. In der salzigen Luft hing das Geschrei möwenartiger Vögel, die sich weit draußen um die Überreste des Raubzuges eines Ichthyotoden stritten.
Samuel Kaden hob die Hand und ließ den schneeweißen Sand durch die Finger rieseln. Wie lange war er schon hier? Zwei Monate? Drei Monate? Jedes Mal, wenn er hier lag und dem Farbenspiel der Blätter zusah, die hoch über seinem Kopf die Sonnenstrahlen filterten, verlor er jegliches Zeitgefühl. Es war, als ob er nie an einem anderen Ort gewesen wäre, nie etwas anderes getan hätte als dem Flüstern der Wellen zu lauschen und die Wärme des Bodens auf seiner Haut zu spüren, die sich anfühlte wie die Berührung eines lebendigen Wesens.
Das Schnarren des Funkgerätes riss Samuel aus seinen Gedanken.
“Wir warten auf dich, Sam.”
Trotz des schlechten Empfanges erkannte er Abbys Stimme sofort. Er mochte die Exobiologin. Sie stellte Fragen, machte sich ihre eigenen Gedanken. Über das, was sie hier taten. Und vor allem warum sie es taten. Gutgelaunt bestätigte er den Anruf und stand auf. Als er den Sand aus den Kleidern klopfte, fiel sein Blick auf einen verwaschenen Schatten, der sich am Horizont im Gegenlicht abzeichnete. Er kniff die Augen zusammen und starrte über das Meer. In seinem Bauch bildete sich ein Knoten, der seine Stimmung schlagartig verdüsterte. Er wusste nicht genau was ihn störte. Aber er fühlte, dass die Insel dort draußen anders war als alles, was er bisher gesehen hatte. Die Aufnahmen der Fernerkundung zeigten einen winzigen Fleck aus Vulkangestein am Rande einer Wasserwüste, die fast den ganzen Planeten bedeckte. Ein einziger Berg, dessen Hänge von Dschungelpflanzen überwuchert waren, erhob sich mehrere tausend Meter über eine schroffe Steilküste und verlieh dem Eiland eine schmale Silhouette, die aus den Wogen hervorstach wie ein erhobener Zeigefinger. Obwohl auf den Bildern nichts Ungewöhnliches zu sehen war, nur Geröll, Urwald und eine Tierart, die entfernt an irdische Makaken erinnerte, kam ihm die Insel zutiefst fremdartig und doch auf eine verwirrende Art vertraut vor.
Er riss sich von dem Anblick los und tappte Richtung Lager. Unwillig schüttelte er den Kopf. Fremdartig, dachte er. Natürlich. Deswegen war er doch hier. Zweitausend Lichtjahre von zu Hause entfernt. Eigentlich müsste er froh sein, über etwas Unbekanntes, vielleicht sogar Bedrohliches zu stolpern. Und sei es nur eine kleine Insel. Weil alles andere .. Mit dem Fuß stieß er an einen Kieselstein, der gemächlich davon rollte und schließlich in einem Pflanzengeflecht hängen blieb. Samuel ging in die Knie und betrachtete den grünen Teppich genauer. Sphagnum squarrosum, erkannte er. Eine Moosart. Er lachte laut auf. Dieser Planet war so langweilig wie die Wettervorhersage von gestern. Alles war irgendwie bekannt, vorhersehbar und enttäuschend. So wie alle anderen fremden Welten, die sie bisher entdeckt hatten. Aber vielleicht gab es hier einen überwucherten Felsbrocken mitten im Meer, der anders war. Fremd. Wirklich fremd.
Die Einsatzbesprechung war so eintönig wie immer. Die fünf Frauen und Männer des Teams hatten sich in dem schmutziggrauen Plastikwürfel versammelt, der als Büro, Küche und Gemeinschaftsraum diente. Jack Sadiras, der Explorationskommandant, tat sehr beschäftigt, wedelte mit Karten und Tabellen, während er mit ernster Stimme die Missionen für die nächste Woche einteilte. Samuel schaute schläfrig in die ausdruckslosen Gesichter der anderen Crewmitglieder. Was Jack plante, war völlig nutzlos, Beschäftigungstherapie. Die Bots hatten das meiste bereits erledigt, schneller und präziser, als es je ein Mensch gekonnt hätte. Genau genommen waren sie hier alle überflüssig. Die Exploration fremder Welten war mittlerweile ein Standardprogramm, voll automatisiert. Die Wissenschaftler waren nur als Reserve dabei, als Notfallsystem, falls etwas passieren sollte, was die künstliche Intelligenz der Bots überfordern würde. Wobei es für Samuel nicht vorstellbar war, wie das jemals geschehen könnte. Nicht nach den Erfahrungen der letzten Jahrhunderte. Die Menschheit hatte mehr als tausend Planeten erkundet, vermessen, Flora und Fauna katalogisiert und Kolonien gegründet. Aber immer stießen sie auf Vertrautes. Erdähnliche Welten, besiedelt mit Abarten bekannter Pflanzen und Tiere. Die selbe DNA, die selbe Evolution. Überall. Nur etwas fehlte. Bewusstsein. Homo Sapiens war mutterseelenallein, gefangen in einem unendlichen Universum des Immergleichen. Gefangen in einem Universum, das längst erklärt und verstanden war, von den kleinsten Bausteinen des Atoms bis hin zu den kosmischen Kräften, die Galaxien und Sonnen formten. Und mit jeder neuen Welt, die sich bei der Erkundung als Abklatsch der guten alten Erde herausstellte schwand die Hoffnung, in den Weiten des Alls etwas zu finden, was dem menschlichen Verstand Widerstand leistete, was größer und erhabener war. Eine andere Intelligenz vielleicht. Oder einen Gott.
Jacks Stimme versank zu einem Murmeln und Helena erschien. Wie sie als Fünfjährige über den Rasen tollte und mit ihrem braunweißen Mischlingshund Nachlauf spielte. Samuel begann zu zittern. Er wusste, was als nächstes kam. Aber so oft er es auch versuchte, er konnte sie nicht aufhalten. Die Bilder. Da war der Wagen, dessen Fahrer verbotenerweise im Stadtgebiet auf Manuellsteuerung ging. Wie der nachtschwarze Kasten die Leitplanke durchbohrte und auf sie beide zuschoss. Wie seine Tochter durch die Luft gewirbelt wurde und mit einem hässlichen Krachen auf den Asphalt aufschlug. Wie er vor ihr kniete und in die leeren Augen blickte, auf den blutigen, geschundenen Körper, der noch vor wenigen Sekunden sein Kind gewesen war. Wie er die Hände vor sein Gesicht schlug und darauf warte, aus diesem Alptraum aufzuwachen. Und wartete, und wartete ...
“Alles in Ordnung?”
Samuel schreckte hoch und starrte Abby an. Er schluckte. “Doch, doch”, erwiderte er und rieb sich die Augen. “Ich bin nur etwas ... übermüdet.” Die Exobiologin schaute besorgt. “Das ist nicht gut. Vor allem wenn wir rüber zur Insel fahren.”
“Wohin? Zur Insel?”
Abby lachte und entblößte eine Reihe makelloser Zähne. Verschwörerisch blickte sie sich um und begann zu flüstern.
“Du hast geschlafen! Lass es bloß nicht Jack merken, du weißt wie er ist!”
“Zur Insel ... “ stotterte Samuel verwirrt. “Schon klar. Aber erst in ein paar Tagen, oder?”
“Genau.” Abby schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. “Sieh zu, dass du bis dahin wieder fit bist. Wäre doch schade, wenn du das versäumst ...”
“Schade, ja.” Samuels Gedanken drehten sich im Kreis. Warum denn zur Insel? Es gab auf diesem verdammten Planeten mehrere tausend Quadratkilometer festes Land, genug Orte, um sich als Explorer austoben zu können, wenn es denn unbedingt sein musste. Wie kam Jack auf Idee, zur Insel zu fahren? Gab es etwas das ihn hinzog? Etwas, das Samuel auch gespürt hatte, wenn auch nur vage? Der Boden unter seinen Füßen begann zu schwanken. Er war tatsächlich müde. Er sollte sich hinlegen und versuchen zu schlafen. Falls Helena ihn ließ.
Die Pritsche war hart und durchgelegen. Aber es störte ihn nicht. Samuel starrte zur Decke. Sechs Monate nach dem Unfall hatte er sich wieder für ein Explorationsteam beworben, aber es gab Einwände. Man bezweifelte, dass er wieder stabil genug war, eine Menge Schlipsträger redeten von Stressresistenz und Frustrationstoleranz. Aber er blieb hartnäckig und schließlich einigte man sich auf einen Psychotest als Bedingung für seinen Wiedereinstieg. Er musste unwillkürlich grinsen, als er daran zurückdachte. Die Bürohengste hatten völlig übersehen, dass er Neuroinformatiker war. Wenn überhaupt jemand wusste, welche Antworten die Analysemaschinen erwarteten, dann war er es. Vier Wochen nach den erfolgreichen Tests war er wieder an Bord eines Schiffes. Das war vor zwei Jahren und seit dieser Zeit quälte ihn die Frage warum Helena sterben musste. Tragisch, hatten sie zu ihm gesagt, die Ärzte und Psychologen. Tragisch, aber nicht zu ändern. Ein schleuderndes Auto, ein unglücklicher Zufall. Samuel spürte einen scharfen Stich in der Herzgegend. Das erklärt alles und nichts, dachte er. Vor allem ergab es keinen Sinn. Aber hier draußen ... Irgendwo hier musste es etwas geben, das alle Teile, so grausam und ungerecht sie auch erscheinen mögen, zu einem großen Bild zusammenfügte. Zu einem großartigen, erhabenen Plan, für dessen Gelingen Helenas schreckliches Ende notwendig war. Samuel spürte eine wilde Hoffnung in sich aufsteigen. Helena war nicht umsonst gestorben. Sie war nicht Opfer eines sinnlosen Zufalls. Es gab eine überragende Intelligenz, die Helenas Tod entschieden hatte. Einen Gott, unergründlich in seinen Entschlüssen, geheimnisvoll und unnahbar, aber doch vernünftig. Nur wo war dieser Gott? Auf welchen Planeten lebte er?
Die frische Luft war noch feucht und der Tau tropfte von den Blättern. Samuel stand am Ufer. Es war seine liebste Zeit, der frühe Morgen, wenn die Nacht noch nicht vorüber war aber sich der neue Tag bereits bemerkbar machte. Die Insel war in Nebelschwaden gehüllt, die ersten Schreie der erwachenden Tierwelt wehten herüber. Er dachte an Jack. Warum wollte er auf die Insel? Spürte er auch, dass es dort etwas gab, was sie nicht erwarteten, was die Bots nicht erwarteten? Etwas wirklich Neues, unendlich Wertvolles, wonach die Menschen seit Jahrhundertausenden suchten? Etwas, das dem Leben und Sterben einen Sinn verlieh? Jack ist zielstrebig und gründlich, dachte er. Wenn er erst einmal drüben war, würde er alles analysieren und dokumentieren. Er würde in jede Höhle kriechen und jeden Baumwipfel absuchen. Wenn es auf der Insel etwas gab, würde Jack es finden. Und falls nicht? Samuel wurde es plötzlich kalt. Vielleicht täuschte ihn sein Gefühl und Jack irrte sich ebenfalls. Vielleicht war die Insel doch nur ein gewöhnlicher Steinhaufen auf einem gewöhnlichen Planeten. Jack würde es herausfinden. Dann wären sie um eine Hoffnung ärmer. Die Menschheit wäre wieder alleine in einem grausamen und sinnlosen Universum. Und er auch. Samuel setzte sich und schlang die Arme um seine Knie. Er starrte gedankenverloren auf die Schaumkronen der Wellen, die in der Morgendämmerung langsam sichtbar wurden. Dann raste ein schwarzer Wagen auf ihn zu.
Der Sandstrand war gewaltig und zog sich rings um den einzigen Kontinent. Abby und Samuel folgten barfuss der Wasserlinie. Sie kontrollierten ein paar der Sonden, die verschiedene Umweltparameter sammelten und eigenständig auswerteten. Die Überprüfung war völlig unnötig, wie alles was sie taten, aber Jack wollte es so und zu seiner eigenen Überraschung stellte Samuel fest, dass es ihm gefiel, gemeinsam mit Abby in den Sonnenuntergang zu laufen.
“Du kannst sie nicht vergessen, oder?”
Abbys Stimme durchbrach die Stille wie ein Kanonenschlag. Samuel hob die Schultern und heuchelte Unverständnis. “Was meinst du?”
Die Exobiologin antwortete nicht. Schließlich gab er nach. “Doch, schon. Ich bin darüber hinweg”, log er. “Du weißt doch: Die Zeit heilt alle Wunden.”
Abby blickte ihn skeptisch an, aber dann gab sie sich mit der Antwort zufrieden" Eine Zeit lang liefen sie schweigend weiter, dann platzte Samuel schließlich heraus: “Warum um alles in der Welt will Jack zu der Insel?”
“Nicht Jack will es, Sam. Der Computer will es. Die Insel ist einer der zufällig ausgewählten Kontrollpunkte für die Bioanalyseroutine. Wir sollen nachschauen, ob die Bots sich nicht vertan haben.”
Samuel biss sich auf die Unterlippe. “Aber ausgerechnet die Insel ... Ich meine, was glaubst du, werden wir finden?”
Ein spöttisches Lächeln zuckte über Abbys Gesicht. “Na das, was wir überall finden. Jede Menge Bäume, ein paar neue Affenarten und einen Haufen Getier mit sechs, acht oder tausend Beinen. Das Übliche eben.”
“Aber ist das nicht schrecklich? Müssen wir denn überall hingehen? Jeden Stein umdrehen, nur um festzustellen, das nichts drunter ist? Wo bleibt denn da noch Platz für ...”
Er hob die Arme und seufzte. “Herrgott, ich weiß auch nicht.”
Nachdenklich drehte Abby den Kopf und blickte auf das Meer hinaus. “Ich verstehe, was du meinst. Aber dafür ist jetzt zu spät. Damals, als der erste Neandertaler ein Feuer entfacht hat, hätten wir es uns noch anders überlegen können. Aber jetzt müssen wir immer weiter, von einem Stein zum anderen.”
“Und was passiert, wenn wir den letzten Stein umgedreht und nichts gefunden haben?”
“Dann mein Lieber .. ”, sie wandte sich ihm wieder zu und schaute ihn mit traurigen Augen an, “ ... haben wir verdammtes Pech gehabt.”
Und Helena Tod wäre völlig sinnlos, ergänzte er für sich. Er blickte zur Insel hinaus, hinter der eine blutrote Scheibe im Meer versank. Plötzlich spürte er, wie eine Träne an seiner Wange herunterlief.
"Du musst sie vergessen." Abbys Stimme war ruhig und sie betonte jedes einzelne Wort. "Du kannst nicht immer nur in der Vergangenheit leben."
Samuel spürte, wie ein glühender Ball in ihm aufstieg und in seinem Kopf explodierte.
"Was weißt du denn schon", schrie er. "Du verstehst nichts. Ihr alle versteht nichts." Die Exobiologin wollte ihn berühren, aber er schlug ihre Hand weg. Dann starrte er in ihr fassungsloses Gesicht und in seinem Inneren legte jemand einen Schalter um. Ohne die Vergangenheit gibt es keine Zukunft. Er musste verhindern, dass Jack, der Computer oder wer auch immer alles durchleuchteten, ausgruben, entzauberten und dann zu den Akten legten. Samuel drehte sich wortlos um und lief in die Nacht hinein. Er blieb erst wieder stehen, als der fehlende Sauerstoff sein Gehirn darin hinderte, ihn weiter zu quälen.
Er hatte vorgeben, sich den Fuß verstaucht zu haben und so lange das linke Bein nachgezogen, bis Jack ihn darum gebeten hatte, in der Station zu bleiben. Jetzt saß vor dem Schirm der Fernerkundungssatelliten und zoomte aus der Vogelperspektive das Hovercraft heran, das gerade Fahrt aufnahm. Sie würden bis zur Insel nur wenige Minuten brauchen, und es hatte ihm einige Anstrengung gekostet, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber ganz sicher war er sich nicht, und so blickte er nervös auf die eingeblendete Uhrzeit, während die Sekunden dahintröpfelten wie zähes Schmieröl. Jetzt, dachte er. Aber nichts geschah. Das Fahrzeug glitt über die spiegelglatte Wasseroberfläche und wurde immer noch schneller. Samuel schrie vor Enttäuschung und schlug mit der Faust gegen den Schirm, der kurz flackerte. Dann plötzlich sah er, wie das Luftkissen des Hovercraft zusammenbrach und das käfigartige Gefährt wie ein Stein in den Fluten versank. Ein paar Sekunden später erschienen orangerote Flecken auf der Wasseroberfläche. Samuel stellte die Vergrößerung ein und sah vier Gestalten in Schwimmwesten, die hilflos mit Armen und Beinen zappelten. Jack, du verdammter Narr, dachte er. Warum hast du ihnen nicht beigebracht still zu halten? Er schwenkte die Kamera ein paar Mal hin und her, dann sah er auch schon die weißen Schaumspuren des lchthyotodenrudels, das sich zielstrebig näherte. Aus dem Lautsprecher der Funkübertragung klang unverständliches Geschrei. Samuel beugte sich vor und schaltete die Anlage ab. Es wird schnell gehen, dachte er. Dann lehnte er sich zurück und fühlte sich so leicht, als wäre eine tonnenschwere Last von ihm abgefallen. Wenn das Explorationsteam nicht zurückkehrte, würde der Planet zur verbotenen Zone erklärt werden. In den nächsten zwei- bis dreihundert Jahren würde kein weiteres Schiff mehr landen. Er hatte das Geheimnis der Insel gerettet. In diesem Universum, in dem alles erklärbar und erforschbar war, gab es nun einen Ort, der unberührt blieb. Eine kleine Insel, auf der Gott wohnte und ungestört daran arbeiten konnte, alles einen Sinn zu geben. Das war er Helena schuldig.