Abschied
Geduckt hastete ich durch die einen Meter hohen Grashalme. Trotz ihrer Höhe boten sie nicht genügend Sichtschutz. So würden mich meine Verfolger rasch entdecken.
Schnell! Weiter!, trieb ich mich an. Ich vermeinte das Summen ihrer Fluggeräte schon zu hören. Verzweifelt warf ich einen Blick über meine Schulter.
Die grüne Pyramide Ancora stieg mit atemberaubender Geschwindigkeit in den Himmel.
Blick wieder nach vorne!
Ich erkannte in zweihundert Metern Entfernung den kleinen Hain, den ich mir als Ziel ausgewählt hatte. Dort, zwischen den hohen Arasisbäumen mit ihrem blaugeäderten Herbstlaub würde ich mich vor ihnen verbergen können und dem vermeintlich Unausweichlichen entgehen. Ich musste es nur bis zu den schwarzen Kristallhöhlen schaffen, hinein in die Tiefen Teseros, die mich verbergen und schützen würden.
Mit hartem Griff umklammerte ich die kleine Handfeuerwaffe. Sie behinderte mich weder bei der Flucht, noch strahlte sie verräterische Emissionen aus, so lange ich sie nicht aktivierte. Weitere technische Geräte hatte ich nicht bei mir. Auch den Gleiter hatte ich zurückgelassen, damit sie mich nicht aufspüren konnten.
Konzentriere dich, rief ich mich zur Ordnung. Ich musste es schaffen. Jedes Bild, das meine Netzhaut aufnahm, trieb mich an. Tesero selbst gab mir Kraft. Sein warmer Boden, aus dem Pflanzen in allen Formen und Farben wuchsen. Piero und Viola, die beiden Monde des Planeten, standen hoch am Himmel und leuchteten rot und grün auf mich hinab. Wie Warnleuchten, die mein Herz schmerzhaft zusammenschrumpfen ließen.
Ich kam ins Straucheln und fiel vornüber. Heftig schlug ich zuerst mit dem Kinn, dann mit der Nase auf. Ein stechender Schmerz schoss die Nasenspitze hoch zur Wurzel; Tränen stiegen mir in die Augen. Vorsichtig richtete ich mich wieder auf.
Zwei schillernde Waranreiher flatterten kreischend über den Himmel. Ihre blaugelben Flügel spannten sich verräterisch über mir.
Erschrocken legte ich mich auf den Boden. So leise wie möglich spie ich Erde und Dreck aus und lauschte. Außer dem heftigen Pochen in meiner Nase und dem Singen der Sternenwinde hörte ich nichts.
Der Wind schien mir zuzuwispern: „Lauf, Luce, lauf. Oder du hörst meine Lieder nie wieder.“
Ich kam in die Hocke und blickte angespannt hinter mich. Es war niemand da.
Kann das sein? Haben sie meine Spur verloren? Ich konnte es nicht glauben. Noch war ich nicht in Sicherheit. Ich musste die Höhlen erreichen, musste mich in den weit verzweigten Gängen verbergen, die warm und feucht waren, wie lebendige Wesen.
Ich rannte wieder los und blickte mich im Rennen um, doch von meinen Verfolgern war keine Spur zu sehen.
Dann das leise Summen von Flugaggregaten. Ich zitterte. Schmerzhaft schlug mein Knöchel gegen einen Stein. Beinahe stürzte ich ein weiteres Mal auf das Gesicht, doch ich konnte mich im letzten Moment mit den Handflächen abfangen.
Endlich hatte ich zumindest den Hain erreicht und drückte mich hastig hinter einen schlanken Baumstamm. Nur noch wenige Raumlängen zum Eingang der Höhlen.
Mein Atem ging flach und schnell. Zu schnell. Ich zwang mich zu einem ruhigeren Atemrhythmus, schloss die Augen und lauschte. Waren da nicht Schritte? Dumpfer Widerhall auf dem harten Boden?
Das Sirren war verstummt. Also waren sie gelandet und ich hatte wirklich Schritte vernommen. Der frische Geruch der Arasisbäume drang in meine Nase.
Tesero, ich gebe dich nicht auf!
Vorsichtig richtete ich mich halb auf und schlich auf den Fußballen tiefer in den Hain.
Eine Stimme ließ mich erstarren. Ich lauschte, hörte aber nur das Zwitschern einiger Kamivögel und das Rauschen des Windes. Vorsichtig setzte ich meinen Weg fort. Wieder hörte ich eine Stimme. Sie war leise und das Gesagte unverständlich, doch ich war mir sicher, dass sie einem meiner Verfolger gehörte.
Ein Ast knackte, ich sah einen Schemen, und rannte ohne nachzudenken los. Nur noch eine Baumlänge! Zweige peitschten durch mein Gesicht, hinterließen beißende Wunden.
Ich schlug mit der Schulter gegen Baumstämme, stolperte über moderndes Geäst. Jetzt bloß nicht fallen! Nicht so kurz vor dem Ziel!
Hinter mir rief einer meiner Verfolger, er hatte mich entdeckt!
Ein Schuss peitschte dicht an mir vorbei. Ich hetzte meiner Freiheit entgegen.
Meine Hand mit der Waffe fuhr nach hinten. Für einen gezielten Schuss war keine Zeit. Hastig aktivierte ich den Strahler und feuerte. Entsetzte Rufe. Vielleicht hatten sie nicht gedacht, dass ich so weit gehen würde. Hatten nicht verstanden, was Tesero mir bedeutete.
Als ich kurz zurückblickte, sah ich meine Verfolger nahen. An der Spitze rannte Dario.
Sein halblanges schwarzes Haar wehte um seinen kantigen Kopf. Wütend brüllte er, ich solle aufgeben. Er hob seine Waffe und schoss. Nur knapp verfehlte mich der Blitz des Nervenschockers. Warum waren sie nicht in Ancora geblieben?
Noch immer stieg die grüne Pyramide in die Höhe, zwischen den Monden hindurch.
Steigt schneller! Verschwindet! Lasst mir meinen Frieden!, flehte ich in Gedanken.
Ich konnte den markani-umrankten Eingang der Höhle schon sehen. Wenn ich erst in der Finsternis des Labyrinthes war, würde ich Dario und seine Häscher schnell abhängen. Ich biss die Zähne zusammen. Wenn ich nur noch drei Schritte schaffte, konnte ich springen. Eins, zwei ...
Ein Schlag durchzuckte mein Knie. Ein weiterer Schlag traf meinen rechten Arm, den linken, das andere Bein. Ich stürzte ohne den Halt der taub gewordenen Beine.
Über mir erschien Darios kantiges Gesicht zwischen den Baumkronen. Er musterte mich mit unbewegter Miene, seine Waffe im Anschlag. Meine Flucht war beendet.
*
Darios Blick war weder eiskalt, noch hart wie Stein; eher unbeteiligt. Er wollte mir nichts Böses, sondern tat nur seine Pflicht. Dennoch wünschte ich ihn in diesem Moment bis ans andere Ende des Universums.
„Luce“, sagte er. „Es wird Zeit nach Hause zu gehen.“ Er nickte seinen drei Begleitern zu, wobei sich das durch die Blätterdecke fallende Licht der Sonnen in seinen dunkelbraunen Augen spiegelte.
Die Männer bewegten sich auf mich zu, um mich hochzuheben. Ein, zwei von ihnen vielleicht mit etwas Mitgefühl, denn sie packten mich vorsichtig. Giacomos Mundwinkel zuckten.
„Nein!“, schrie ich. „Bitte nicht! Dario, hab doch Mitleid mit mir! Versteh mich doch. Ich will nicht von hier weg. Hier ist meine Heimat, nicht in Ancora.“ Ich fühlte wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Ancora. Das war kalter Stahl. Grelles Kunstlicht. Abwesenheit von Gerüchen und Geräuschen.
Wie hinter einem Schleier sah ich Dario den Kopf schief legen.
„Bitte“, flehte ich. „Lasst mich hier.“
„Ich habe meine Befehle. Direkt vom Kommandanten. Du weißt, dass ich nicht anders kann. Selbst wenn ich deine Beweggründe verstehe.“ In seiner rauen Stimme schien ein Hauch von Mitgefühl zu klingen. Vielleicht konnte ich ihn doch überzeugen. Auch wenn er keineswegs der Typ war, der sich leicht erweichen ließ.
„Aber ich bin hier zuhause…“ Meine Finger krallten sich kraftlos ins Erdreich.
„Dario… ich verstehe Luce. Tesero ist uns eine Heimat geworden. Nicht jeder kann sich damit abfinden, dass die Periode des Planetenlebens vorüber ist“, vernahm ich Giacomos weiche Stimme.
Dario seufzte. Tief und resignierend. Würde er nachgeben? Von seinem Vorhaben abweichen, mich auf jeden Fall zurück nach Ancora zu bringen? Würde er das erste Mal in seinem Leben einen Befehl des Kommandanten nicht ausführen? Ihm Glauben machen, dass es ihm nicht gelungen sei, mich zurückzubringen?
Ein Funkgerät rauschte. Giacomos Stimme war bittend.
„Ancora wartet auf eine Antwort, Dario. Kann ich eine Misserfolgsmeldung durchgeben?“
Ich zitterte am ganzen Körper und meinte selbst in meinen tauben Gliedmaßen ein Vibrieren spüren zu können. Was würde Dario antworten? Würde er meinen Wunsch erfüllen?
Dario zögerte.
Nacheinander blickte ich hektisch in die Gesichter der Männer. Auch sie warteten gespannt auf Darios Antwort, hielten die Luft erwartungsvoll an.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brustdecke, schlug mir bis zum Hals. Hastig hob und senkte sich mein Brustkorb.
Dario öffnete den Mund, atmete mit einem kurzen Stoß aus.
„Nein.“ Dario riss Giacomo das Funkgerät aus der Hand.
Schluss. Aus. Am Ende aller Hoffnung. Das war es gewesen. Mit nur einem Wort hatte Dario mein Leben zerstört.
„Wir haben ihn, und kehren in wenigen Minuten zurück nach Ancora.“ Dario blickte zu mir herab. „Du weißt, dass ich nicht anders kann, Luce. Und du solltest dich deiner Verantwortung stellen. Du bist der Sohn des Kommandanten, und hast deswegen eine besondere Vorbildfunktion.“
Giacomo sah mich nicht an. Er injizierte mir das Mittel gegen den Nervenschock, damit ich mich wieder bewegen konnte, während Dario die Erfolgsmeldung durchgab.
„Dario“, flüsterte ich mit belegter Stimme. Mein Hals fühlte sich trocken und rau an. Krämpfe unterdrückten Weinens schüttelten meinen Körper. „Bitte lass mich noch Abschied nehmen.“
Mein Häscher blickte hoch zum rotvioletten Himmel, sah dann auf seine Uhr.
„Du hast drei Minuten.“
*
Wir hatten den Hain verlassen. Von meinen Wächtern eskortiert stieg ich auf einen kleinen Hügel, von dem aus man die Quarzebene der Ugarda sehen konnte. Der laue Abendwind streichelte meine Haut und wehte mir einige hellbraune Strähnen ins Gesicht. Ich schloss für einen Moment die Augen und ließ mich von den letzten Strahlen der untergehenden Abendsonnen berühren.
Die Grillen zirpten in der Grasebene hinter uns, der Sternenwind sang eine Klage. Ein Waranreiher stieß einen dumpfen Ruf aus. Mein Blick schweifte über die in rotviolettes Licht getauchte Grasebene, hin zum Horizont, die roten Wolken und Ancora.
Es war ein erhabener Anblick, die dunkelgrüne Pyramide majestätisch emporsteigen zu sehen. Aber es war auch ein trauriger Anblick. Er bedeutete Abschied für immer.
Das grünfarbene Metall glänzte im Schein der beiden Sonnen. Erdmassen, Bäume, ganze Wälder stürzten von dem riesigen Gebilde hinab in die Tiefe.
Rasend schnell schien Ancora nun kleiner zu werden. Was mir vor Minuten noch quälend langsam erschien, verging nun scheinbar in wenigen Augenblicken.
Bellacasa, das Schloss auf der Spitze der Pyramide, das mir und den anderen so lange als Wohnort gedient hatte, lag schon in der Dunkelheit des blauen Oberhimmels und der schwarzen Wolken, die das Unheil angekündigt hatten.
Bald würden Eiskristalle die Steine des Schlosses bedecken und die Wälder in ewiger Kälte erstarren.
Eine schwere Traurigkeit stürzte auf mich herab, wie das Leben von Ancora herabfiel.
Über Bellacasa stand Piero der Narbengesichtige, links davon Viola die Schöne. Eigentlich standen die beiden Monde in einer guten Konstellation. Ihre hellen Strahlen würden die Milarven zum Schlüpfen bringen und bald würden Schmetterlinge in allen Farben des Regenbogens über die Ebenen flattern. Doch ich würde fort sein.
Im Hain schrie eine Krähe dreimal – Drei, die Unglückszahl. Mir kam es vor, als würde nicht nur ich den Planeten verlassen, sondern er auch mich. Und stimmte das nicht? Ich strich zärtlich über die Grashalme, pflückte eine rosafarbene Blüte und roch ihren schweren, süßlichen Duft. Ein Schmetterling setze sich auf sie und ich betrachtete ihn wehmütig.
Der Sternenwind umwehte mich ein letztes Mal. Wieder schienen seine leisen Lieder mir Worte ins Ohr zu flüstern.
Reiß dich zusammen. Versuch es mit Würde zu tragen. Deine Flucht ist misslungen.
Mit ruhigen Schritten trat ich meinem Schicksal entgegen.
„Scheiden tut weh“, sagt man. Und das ist wahr.
Ein Transmitterfeld flackerte tiefschwarz vor mir auf und zerstörte den letzten romantischen Augenblick. Der Schmetterling floh und Kälte erfasste meinen Körper.
Dario trat von hinten an mich heran.
Ich ließ die Blüte fallen und trat in das Transmitterfeld.
*
Der Übergang war ein Schock. Von der warmen Oberfläche Teseros in die kalte Umgebung der blanken Stahlwände Ancoras. Piepen, Zischen und Dröhnen ersetzten das Rauschen des Windes, das Zirpen der Grillen und Zwitschern der Vögel.
Steif stand ich da, das Transmitterfeld hinter mir erlosch. Dario legte die Hand auf meine Schulter und sah mich durchdringend an.
„Du solltest dich deiner Verantwortung stellen. Du bist der Sohn des Kommandanten, und hast deswegen eine besondere Vorbildfunktion. Werde ihr gerecht“, wiederholte er seine Worte.
„Scheiße, Dario! Steckt dir deine Verantwortung doch sonst wohin!“
Er ging ohne ein weiteres Wort, und ich war allein. Mit meinem Gram und meiner Trauer. Ich rief ein Hologramm auf, mit dem ich den Abschied von Tesero verfolgen konnte. Auch wenn es noch so schmerzte, war es wie ein innerer Zwang, den Planeten ein letztes Mal zu sehen.
Erst jetzt, als ich Tesero in der Schwärze des Alls verblassen sah, wurde mir endgültig bewusst, dass ich meine Heimat nie wieder sehen würde.
Ich würde für lange Zeit keinen Planeten mehr zu Gesicht bekommen. Vielleicht sogar nie mehr in meinem Leben.
Wie eine blau, grün und weiß funkelnde Perle entfernte sich Tesero immer weiter unter uns.
Tatsächlich war es so, und nicht umgekehrt, wie es vom Planeten her ausgesehen hatte. Der Planet setzte nach langer Zeit seine Wanderung durch die Tiefen des Weltalls fort. Erhellt und erwärmt von den ihn umkreisenden Kunstsonnen, reiste Tesero bis er den nächsten Ankerplatz erreichen würde, um dort wieder für Jahrzehnte Rast einzulegen.
Und ich blieb auf Ancora zurück, wie der Gravitationsanker in der Sprache der Ahnen hieß. Mit Sehnsucht und Heimweh, obwohl diese kalten Wände mein wahres Zuhause sein sollten.
Ich schritt den Gang entlang, kam an den Stasisfeldern vorbei, in denen wir bald ruhen würden, bis eine Aufgabe uns aus der Starre holte. Eine einzelne Träne rann über meine Wange, eine Perle, dem schimmernden Tesero gleich, nur unendlich kleiner. Sie tropfte von meinem Kinn und zerschellte auf dem blanken Metallboden.
Trauernd und hoffnungslos blickte ich auf den glitzernden Fleck. Wenn wir aus dem Schlaf erwachten, war vielleicht die Zeit gekommen, dass der nächste Planet an Ancora anlegte.
Tesero aber, meine geliebte Heimat, würde es nicht sein.