Welt der rosa Berge

 

Das Wasser schwappte ganz leicht über den Rand in das Boot. Ganz entfernt war das Grollen des sich zurückziehenden Gewitters zu hören. Der Mann, der auf dem Boden des kleinen Schiffes mit dem Kopf nach unten lag, begann zu husten. Jeder Atemzug tat ihm weh. Auch die offene Wunde auf seiner Brust schmerzte höllisch. Röchelnd versuchte er sich zu erheben, aber es gelang ihm nicht. Alle Kraft war aus seinem Körper gewichen, nur der starke Überlebenswille ließ ihn den Kopf zur Seite drehen, so dass er auf einem kleinen, etwas erhöht liegenden Sack zu liegen kam. So rettete er sich vor dem Tod durch Ertrinken.

 

Karl wusste nicht, wie lange er schon in dieser kleinen Holzschale dem wild tobenden Meer ausgeliefert war, als er wieder erwachte.

Er verspürte einen starken Durst, sein Hals brannte. Mit übermenschlicher Anstrengung hob er seine kaputten Glieder ein wenig an und traute seinen Augen nicht. Nicht weit von ihm lag ein Boot auf den jetzt ruhigen Wellen, an dessen Steuer eine Frau in einem weißen, langen Kleid stand.

Im selben Moment sackte sein Körper in sich zusammen; Karl war ohnmächtig geworden.

 

Als er wieder zu sich kam, lag er in einer Koje. Er spürte die Decke über seinem fast nackten Körper und merkte, dass sein Hals aufgehört hatte zu brennen. Es war dunkel um ihn herum und er konnte nur ahnen, wo er sich befand. Ob die Frau ihn an Bord geschafft hatte? Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hörte er leichte Schritte näher kommen. Die Kajütentür wurde quietschend geöffnet und sie kam herein. In dem schwachen Licht, das von oben in den kleinen Raum drängte, sah sie wie ein Engel aus. Nie hatte er eine schönere Frau gesehen. Lange blonde Haare umrahmten ein Gesicht von klassischer Schönheit. Traurige Augen voller Sanftmut sahen ihn sorgenvoll an. Sie eilte zu ihm und fasste an seine Stirn. Ihre Hand war zierlich und doch gab ihm diese kurze Berührung das Gefühl von unendlicher Geborgenheit. Sie sagte nichts, lächelte ihn aber beruhigend an. Dann reichte sie ihm einen Becher mit ein wenig Wasser und ließ ihn daran nippen. Mit Bestimmtheit zog sie dann das Gefäß zurück, obwohl er nach mehr Flüssigkeit verlangte und stellte den Becher außer Reichweite. Sie überprüfte den Sitz des Verbandes, der quer über seine breite Brust lief. Sie nickte und streichelte ihm über sein wirres, dunkles Haar.

 

Jäh wurde die Idylle beendet. Wie aus heiterem Himmel kippte das Boot zur Seite, so dass die junge Frau auf ihn fiel. Ein greller Blitz erleuchtete den Spalt unter der Kajütentür, fast gleichzeitig donnerte es, dass es nur so krachte. Ihre Augen trafen sich kurz - ihre entsetzt geweitet, seine verschwommen vom Schmerz – doch im selben Moment verlöschte das Licht der Lampe, die zu Boden gefallen war. Obwohl die Schmerzen in der Brust höllisch waren, genoss er es, ihren Körper auf seinem zu spüren.

Während das Schiff immer stärker hin und hergeschaukelt wurde, versuchte sie, zur Tür zu gelangen. Es blitzte und donnerte ohne Unterlass und der Wind heulte um das Boot. Für einen Moment schien der Sturm den Atem anzuhalten, um dann mit noch größerer Vehemenz loszulegen. Riesige Wassermassen rannen die Treppe herab.

Als seine Retterin aus der Kabine schlüpfte, stöhnte er ob ihres Leichtsinns auf und folgte ihr eiligst. Er sah sie im Mondlicht am Ruder stehen. Ihre Haare flogen im Wind und ihr Kleid bauschte sich auf, doch sie stand kerzengerade ihren Mann und versuchte, das Schiff durch den Sturm zu manövrieren. Verärgert über ihr törichtes Verhalten schickte er sich an, sich gegen den starken Wind zu ihr durchzukämpfen, als ihm der Atem gefror.

Wie aus dem Nichts war eine riesige Seeschlange aufgetaucht und packte die zarte Frau, noch ehe er irgendetwas sagen oder tun konnte. Sein Schrei blieb ungehört.

 

Fassungslos starrte er auf das wild um sich schlagende Meer, in dessen Tiefen das Ungeheuer verschwunden war, nachdem es seinen Körper um die junge Frau gewunden hatte.

Für einen Moment erwog er, ins Wasser zu springen und ihnen zu folgen, doch sein Verstand sagte ihm, dass dies ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen war.

 

Im ersten Morgengrauen legte sich der Sturm. Das Boot schaukelte nur noch leicht, als er an Deck kam. Verzweifelt starrte er auf die Wasseroberfläche, als ob er Kathy so herbeizaubern konnte. Ein Stück entfernt sah er plötzlich einen riesigen weißen Fisch, der an eine Meerjungfrau erinnerte. Ein Dugong? Was ihn aber noch mehr faszinierte, war, dass in dem Gebiet, in welchem das Tier schwamm, das Wasser an einer Stelle rosa gefärbt war, obwohl der Himmel keine Morgenröte zeigte, sondern grau in grau war. Seltsam!

Was sollte, was konnte er tun, um Kathy zu finden? Er musste mehr über diese Frau erfahren, herausfinden, was sie hier so allein mitten im Pazifik gemacht hatte. So durchsuchte er die Kajüten. Im Logbuch stand: Kapitän Frank Hanks. Als Eigner waren Frank und Kathy Hanks eingetragen. Kathy - der Name passte irgendwie zu ihr. Ob sie seine Frau war? Dutzende Pergamentrollen mit mathematischen und physikalischen Berechnungen, die ihm nichts sagten, lagen verstreut am Kapitänstisch. Schließlich fand er ein Buch, dessen Schrift er nicht lesen konnte, darin waren Bilder von rosa schimmernden Bergen im Meer und – er erschrak – auch eine Abbildung der grausamen Seeschlange. Mehrere Seiten waren herausgerissen worden. Die letzte Seite war beschädigt, aber er konnte noch erkennen, dass das Bild wohl einen riesigen weißen Fisch darstellen sollte. Er dachte an die Seekuh, die er eben gesehen hatte. Was ging hier vor? Er öffnete Schubladen und fand ein Tagebuch, das Kathy gehörte. Durfte er es lesen? Nach kurzem Zögern schlug er es auf. Und je mehr er ihre Worte in sich aufnahm, desto stärker fühlte er sich zu der fremden Frau hingezogen. Was für ein wunderbarer Mensch sie war. Er vergaß Zeit und Raum und fand erst wieder in die Gegenwart zurück, als er zu Ende gelesen hatte. Kathys Vater hatte offenbar auf der Suche nach dem Beweis von Parallelwelten den Tod gefunden. In einem kleinen Ort an der pazifischen Küste hatte der Wissenschaftler Monate zuvor bei einem Basar dieses alte Buch entdeckt, das ihn in seiner Vermutung bestätigte, dass die Menschen nicht die alleinigen Bewohner der Erde waren. Seither war er von der Idee besessen gewesen, dass es die Welt der rosa Berge gab.

Kathy hatte zunächst den Worten ihres Vaters keinen Glauben geschenkt, aber als dieser von einer Stelle im Pazifik berichtet hatte, an der das Meer rosa war, auch wenn der Himmel dunkel war, war sie stutzig geworden und hatte begonnen, die Existenz einer Parallelwelt in Betracht zu ziehen. So hatte sie ihren Vater auf dieser Reise begleitet. Kurz bevor sie Karl an Bord genommen hatte, war ihr Vater hier verschwunden. Hatte er die Pforte in die andere Dimension gefunden? Es hörte sich alles völlig verrückt an und doch schien etwas Wahres daran zu sein. Kathys letzter Eintrag stammte vom Tag zuvor. Immer wieder las er die wenigen Sätze durch: „Die Sorge um Vater macht mich krank. Was hat das alles zu bedeuten? Warum war er wegen der totalen Mondfinsternis, die nach seinen Berechnungen morgen Nacht sein soll, so aufgeregt? Seine Augen waren so voller Angst, als er den roten Mond erwähnte. Meinem Patienten geht es besser; das Fieber ist gesunken. Gott sei Dank! Ich weiß nicht, warum ich mich so zu ihm hingezogen fühle, aber es ist so. Vom ersten Augenblick an ...! Ich schäme mich, dass ich solche Gedanken habe, wo ich noch nicht einmal Vaters Schicksal kenne. Ich will schnell nach ihm sehen.“

 

Er musste zu ihr. Ohne zu überlegen sprang er in das kalte Wasser. Er schwamm zu der verfärbten Stelle und tauchte unter. Als er wieder an die Wasseroberfläche kam, tat sich vor ihm eine unwirkliche Welt auf: die rosa-weißen Berge aus dem Buch. Und jetzt verstärkte sich seine Hoffnung, Kathy hier zu finden.

 

Unschlüssig sah er nach oben. Es ging sehr steil hinauf. War dieser Berg überhaupt zu erklimmen?

Mutig begann er mit dem Aufstieg, doch bei all seinem guten Willen musste er doch einsehen: Selbst, wenn er nicht verletzt wäre, es war ein Ding der Unmöglichkeit. Deprimiert ließ er sich zurück ins Wasser gleiten. Was war nur aus ihm geworden? Er, der auf unzähligen Schifffahrten seinen Mut und seine Stärke unter Beweis gestellt hatte, war zu schwach, um der Frau zu helfen, der er so viel verdankte.

 

Er tauchte ein Stück. Vielleicht gab es einen Zugang unter Wasser. Das Wasser war hier sehr tief. Plötzlich sah er eine Öffnung im Berg. Kurzentschlossen schwamm er hindurch. Ein dunkler Tunnel, doch dann wurde es heller. Er kam zur Wasseroberfläche hoch, rettete sich auf einen Felsvorsprung. Er war sofort umringt von seltsamen Wesen. Es waren Zweifüßler mit dem federlosen Rumpf eines Menschen, einem Vogelkopf mit riesigem spitzen Schnabel. Die Füße waren die eines Vogels mit scharfen Krallen, während die Hände klauenartig waren.

Plötzlich traten sie zur Seite und ließen den Blick frei auf ein Wesen ihrer Art, dessen Äußeres sich aber deutlich von den anderen abhob. Offenbar handelte es sich bei ihm um das Oberhaupt der Vogelmenschen. Während die Körper der Masse grau waren und die Flügel einfarbig rosa, hatte er prächtige Schwingen, die in allen Regenbogenfarben schimmerten.

„Wo ist sie?“ Die Frage lag ihm auf der Zunge und so stellte er sie, obwohl er wusste, dass man ihn nicht verstehen würde. Um so erstaunter war er, als das Wesen vor ihm zu reagieren schien. Er bedeutete ihm zu folgen. Im Berg öffnete er eine Luke, indem er den Stein mit seinem Schnabel berührte und trat ein Stück zurück. Karl eilte an dem Vogelmensch vorbei und sah in das Fenster im Berg. Ein lautloser Schrei entsprang seiner Kehle. Sie war tatsächlich da und sie schien unversehrt zu sein, soweit er das aus dieser Entfernung beurteilen konnte. Sie hockte auf einem Stein und stierte in die Luft. Mein Gott sie lebte. Ein Wunder ...!

Er versuchte, dem Chef des Vogelclans klar zu machen, dass er die Frau zu sehen wünschte, doch der schüttelte nur den Kopf. Ohne nachzudenken beugte er sich nach vorn und klopfte an das Fenster; dabei schrie er aus Leibeskräften ihren Namen. Auf ein Zeichen des Chefs wurde er weggezerrt. Ein anderer erhob sich in die Luft, packte ihn am Hemd und flog mit ihm in die Höhe. Er landete auf der Spitze des Berges, die sich durch die Berührung mit dem Schnabel öffnete. Der Vogelmensch ließ Karl in das Berginnere hinab und flog davon. Verzweifelt trommelte der Gefangene an die hohen Scheiben im Stein, doch sie schienen unzerstörbar zu sein.

Doch dann beruhigte er sich selbst: Wenn sie Kathy oder ihn hätten töten wollen, hätten sie das längst getan.

 

Er hatte sich noch nie im Leben so hilflos gefühlt. Er hier oben, sie ganz unten im Berg, wie sollte er ihr da helfen können. Nach einer Ewigkeit öffnete sich das „Dach“ des Raumes und ein Vogelmensch kam mit Kathy in sein Gefängnis. Karl sprang hoch, wollte sie umarmen, doch die Wache verhinderte es. „Wie geht es Dir?“, fragte er aufgeregt und merkte nicht einmal, dass er sie duzte. „Ach Karl ...! Ich bin so froh, dass ich dich noch einmal sehen darf ...! Ich habe so große Angst!“ Sie begann zu erzählen und nach und nach verstand Karl: Die Schlange hatte Kathy in die andere Dimension getragen, deren Bewohner seit vielen Jahrhunderten auf die Erfüllung einer Weissagung warteten, dass nämlich eine Jungfrau den Zugang zu der Menschenwelt öffnen würde. Voraussetzung war dafür, dass das Oberhaupt der Vogelmenschen eine Jungfrau der Menschen in der Nacht des roten Mondes in Besitz nahm. Das hatte sie sich aus den herausgerissenen Seiten des Buches zusammengereimt, die sie nach dem Verschwinden ihres Vaters in seinen persönlichen Unterlagen gefunden hatte. Offenbar wollte er sie vor seiner Tochter verstecken.

Karl fragte sich, ob es gut war, wenn diese seltsamen Wesen die Welt bevölkerten. Nicht ihre Andersartigkeit, was das Aussehen betraf, spielte hier bei seinen Überlegungen eine Rolle. Vielmehr befürchtete er die Vernichtung dieser Kreaturen, da sie auf der Erde als phantastische Eindringliche angesehen werden würden. Im günstigsten Fall würde man sie gefangen halten und in einer Art Zoo präsentieren, was sicher auch kein wünschenswertes Leben darstellte. Aber wenn er ehrlich war, hatte er natürlich das größte Problem damit, dass Kathy ihre Unschuld opfern sollte für den Traum der Vogelmenschen. Wer wusste schon, was für Folgen eine Penetration durch dieses Wesen für Kathy haben würde. Was war, wenn er sie schwängerte, eine Frucht in ihrem Körper reifte, die anderen Blutes war? Kathy konnte sterben. Nein, es war undenkbar, er musste Kathy hier wegbringen, so schnell es ging. Es blieb nicht mehr viel Zeit, denn die totale Mondfinsternis war heute Nacht.

Fieberhaft arbeiteten seine Gedanken. Die Vogelmenschen konnten über die Berge nicht hinaus, solange die Prophezeiung nicht wahr geworden war.

Beim Anblick des Vogelmenschen hatte er eine Idee. Er erinnerte sich dadurch nämlich an die Begegnung mit dem Schamane Unga, der ihm aus Dankbarkeit in die Welt des Schamanismus eingeführt hatte. Er war damals für ein halbes Jahr auf der kleinen Eingeboreneninsel festgehalten worden, weil sein Schiff repariert werden musste. Um sein eigenes Krafttier zu finden, musste man eine Reise ins Ich unternehmen. Dabei hatte er erfahren, dass sein Krafttier der Elefant war. Unga hatte ihm auch gezeigt, wie man sich durch mentale Kraft – auf Bewusstseinsebene – die Stärke seines Krafttieres zunutze machen konnte.

Karl hatte jetzt nur wenig Zeit, sich in Trance zu versetzen, aber es musste ganz einfach funktionieren. Es war ihre einzige Chance.

Er schleuderte einen Becher vor die Füße des Vogelmenschen, wodurch dieser kurz abgelenkt war. Dann ergriff er Kathys Hand, schloss die Augen, konzentrierte sich auf das Bild des Elefanten und rannte mit ihr gegen die riesigen Fensterscheiben, Kathy hinter sich herziehend. Und es geschah, was er gehofft hatte. Das Glas zerbrach in tausend Stücke und sie beide stürzten hinab in die Tiefe. Hoffentlich war das Wasser überall so tief, wie er es bei seiner Ankunft an einer Stelle festgestellt hatte. Da die Berge fast senkrecht hinunter verliefen, bestand insoweit keine so große Gefahr. Als sie in das Wasser tauchten, war der erste Teil geschafft. Wie durch ein Wunder waren sie fast unverletzt geblieben. Vor einer Verfolgung durch die Vogelmenschen blieben sie tatsächlich verschont. Fieberhaft suchte er eine dunkelblaue Stelle im Wasser. Dort gab er Kathy zu verstehen, dass sie tauchen mussten, um in ihre Welt zu gelangen. Aber da war die riesige Wasserschlange, die Kathy schon einmal geraubt hatte. Aus dem Turm hatte er beobachten können, dass sie durch die Öffnung im Berg hin- und herschwamm. Offenbar war sie die einzige Verbindung der Vogelmenschen zur Außenwelt. Er betete, dass sie nicht auftauchen würde, aber offenbar hatte Gott unter Wasser keine Ohren, denn im selben Augenblick, als sie an die Wasseroberfläche kamen, sahen sie das gefürchtete Untier. Sie schwamm im Kreis um sie herum, verfolgte jede ihrer Bewegungen. Als Kathy einmal kurz Karls Hand losließ, um sich das Haar zurückzustreifen, schoss die Schlange vor und wollte die Frau ergreifen. Karl hatte eine Eingebung. Vielleicht konnte die Schlange Kathy nur dann ergreifen, wenn sie alleine war. Schließlich sollte sie ihrem Volk doch eine Jungfrau bringen und keine Geliebte, die an einen Mann gebunden war. So hielt Karl Kathys Hand fest und er würde sie nicht loslassen, bis sie auf ihrem Schiff und in Sicherheit waren.

 

Es war eine übermenschliche Tortur, aber sie schafften es an Bord des Schiffes. Dort ließen sie sich auf die Planken fallen, aber niemals trennten sich ihre Hände. Als sie wieder zu Kräften kamen, schlichen sie sich in die Kajüte, wo sie sich liebten. Als sie viel später Hand in Hand das Deck betraten, war die Schlange verschwunden. Kathy war keine Jungfrau mehr und so uninteressant für das Ritual der Vogelmenschen geworden.

 

Und im Schein des roten Mondes schwor Karl sich, Kathy nie mehr loszulassen.