Menschens Kinder

 

Um die Mittagszeit hatte sich Kalle auf den Rücken gerollt und schaute zu den Wolken hinauf. Er hatte es sich auf einem Bett aus niederem Mischwald und Büschen gemütlich gemacht. Sein Kopf ruhte auf einem der zahlreichen Hügel, die vor langer Zeit einmal kleine Vulkankrater gewesen waren, während seine Beine das Steilufer eines Sees hinunterbaumelten, der unten im Schatten mächtiger Tannen lag. Dort verschwanden Kalles Füße in den unergründlichen Tiefen des dunklen Wassers.

So lag Kalle da wie ein ruhender Wal inmitten einer Seegrasinsel. Den ganzen Vormittag hatte er sich an den Baumwipfeln satt gefressen, nun war er faul und ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach, nämlich über die Form und Bewegung der Wolken zu philosophieren. Abgesehen von den Wolken befanden sich auch einige Monde von Kalles Welt am Himmel, die in verschiedenen Mondphasen in atemberaubender Weise rundherum am Himmel aufgereiht waren. Manche schienen so nahe, daß Kalle oft gedacht hatte, er könnte sie berühren. Aber wann immer er es versucht hatte, waren sie von ihm weggerückt, so daß er dazu übergegangen war, sie nicht mehr zu beachten. Hinzu kam, daß die Monde im Großen und Ganzen immer gleich aussahen, während die Wolken ständig ihre Form veränderten und immer neue Dinge am Himmel erscheinen ließen.

Als die Schatten allmählich länger wurden, beschloß Kalle, sich noch ein paar Baumkronen zu Gemüte zu führen, bevor er sich in seine Schlafhöhle zurückzog. Er streckte ausgiebig die Glieder, drehte sich auf die Seite und ließ einen gewaltigen Furz, der hinter ihm den Wald umlegte als sei der Tunguska Meteor hineingedonnert. Als er sich dann umständlich aufrichtete, polterten Steine und Gehölz von ihm herab. Riesige weiße Vögel, die in Kalles Hautfalten nach Parasiten suchten, machten sich aus dem Staub, wobei sie mit ihren majestätischen Schwingen träge die Luft peitschten. Der Wald wurde mit einem Mal still.

 

Logbuch der Cephei Expedition, 01.11. 2502, Fabio Schwellnus, Kapitän

Wir haben die EINSTEIN im Orbit zurückgelassen und begonnen, die Oberfläche des Planeten zu erkunden. Ich habe darauf bestanden, daß die Hälfte der 1057 Besatzungsmitglieder zunächst an Bord des Mutterschiffes bleibt. Ich selbst werde zusammen mit der anderen Hälfte mit dem großen Beiboot auf dem Planeten landen. Das Kommando über die EINSTEIN habe ich an Tiberius übergeben. Nur bei ihm kann ausgeschlossen werden, daß er unter Spätfolgen des langen Kälteschlafs leidet.

Der Planet gleicht der Erde in vielerlei Hinsicht. Größe und Dichte sind fast identisch. Er hat jedoch eine deutlich größere Landmasse, welche einen einzigen großen Kontinent bildet, der die Welt umschließt. Das Wasser befindet sich in den Regionen ab dem 40. Breitengrad bis zu den vereisten Polen. Es gibt keine Hochgebirge, scheinbar wenig tektonische Aktivität – andererseits gibt es deutliche Anzeichen für Vulkanismus. Der Riesenkontinent ist vollständig von dichtem Urwald bedeckt. Wir haben östlich einer flachen Bergkette große Hohlräume unter der Planetenoberfläche geortet. Dies scheint ein geeigneter Ort, das Beiboot zu landen und mit dem Aufbau einer Station zu beginnen.

Was das eigentliche Ziel unserer Expedition betrifft, nämlich den Beweis von Mendelsacks zweiter Informations-Hypothese, so ist M. im Prinzip unmittelbar nach unserer Ankunft bereits widerlegt. An keinem unserer Systeme konnte eine Beeinträchtigung der Funktion festgestellt werden. Weder die Mannschaft noch unsere KI zeigen die geringsten Anzeichen des geistigen Verfalls. Wenn es die von Mendelsack postulierten „Dämmerzonen“ und die damit verbundene Degeneration menschlicher und künstlicher Intelligenz sowie anderer höherer Systeme wirklich gibt, so liegt dieser Planet definitiv außerhalb ihres Einflußbereichs.

 

Das Aufstehen war für Kalle ein schwieriges Geschäft, und es gab Zeiten, in denen er es aufgrund seines Gewichts vorzog zu kriechen anstatt zu laufen. Als er endlich stand, begann sich im umgebenden Dschungel die Lage wieder zu normalisieren. Er überlegte gerade, welchen Weidegründen er sich für den Rest des Tages zuwenden sollte, als er Geräusche vernahm, die oben vom Berg her kamen. Es waren seine Nachbarn Ron und Walli, die sich unter dem ohrenbetäubendem Dröhnen und Krachen zersplitternder Baumstämme ihren Weg den Berghang hinab bahnten. Kalle starrte eine zeitlang in ihre Richtung. Es faszinierte ihn, daß die beiden beim Näherkommen immer größer wurden.

Nachdem sie herangekommen waren, und nachdem man sich nach altem Brauch ausgiebig gemustert, beklopft und angegrinst hatte, war es Ron, der das Gespräch begann.

„Da ist was“, sagte er und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. Seine Stimme hatte etwa die Lautstärke einer einstürzenden Bergflanke.

Kalles Neugierde waren enge Grenzen gesetzt. Er interessierte sich (nachdem er die Monde abgehakt hatte) beinahe ausschließlich für Wolken und Blätter. Da die beiden ihn jedoch erwartungsvoll ansahen, sah er sich veranlaßt genauer nachzufragen.

„Essen?“, seine Stimme donnerte, wenn überhaupt möglich, noch markerschütternder als die Rons.

Nun war es Walli, der den Kopf schüttelte. Kalle spürte, daß sich Walli in heller Aufregung befand. Der ungewöhnlich lange Monolog, den dieser vom Stapel ließ, bestätigte dies.

„Nee Essen, Stein nee, Wasser-Stein groß, Loch, Scheiße nee!“

Kalle runzelte die Stirn, sogar Ron blickte verständnislos zuerst Walli und dann Kalle an. Dann brachen sie in ein brüllendes, orkanartiges Gelächter aus. Walli, der zunächst peinlich berührt in die Ferne gestarrt hatte, mußte irgendwann mitlachen. Analytisches Denken war nicht ihre Stärke, und das war den drei Riesen im Innersten klar. Das Komplizierteste, was ihnen bisher untergekommen war, war, daß sie eines Tages herausfinden mußten, daß sich in ihren Höhlen eine Rasse von hundegroßen Nagern eingenistet hatte, die nachts ihre Fußsohlen anfraßen.

Nach einer Weile setzte Kalle das Gespräch fort.

„Wo?“, fragte er

„Weit weg“, sagte Ron und machte mit den Armen eine weit ausholende Geste. Er zeigte über die Wipfel hinweg den Berg hinauf und dann weiter, immer weiter.

Aha, dachte Kalle, auf der anderen Seite der Berge, und danach ein langer Weg. Er begriff immerhin, daß die beiden etwas Wichtiges gefunden hatten, und er begriff auch, daß er keine genauere Beschreibung erwarten konnte. Er zuckte mit den Schultern und nickte in Richtung der Hügel.

„Gehn wir.“

 

Logbuch der Cephei Expedition, 26.12. 2502, Fabio Schwellnus, Kapitän

Inzwischen befindet sich der größte Teil der Mannschaft auf dem Planeten. Nur Tiberius ist noch auf der EINSTEIN. Wir haben etwa 1000 km östlich eines flachen in nord-süd- Richtung verlaufenden Gebirges mit den Geschützen des Beiboots einen Teil des endlosen Waldes gerodet und unser Lager aufgeschlagen. Die Untersuchung des Planeten geht gut voran. Die Flora besteht hauptsächlich aus Koniferen, einfachen Blütenpflanzen und riesigen Schachtelhalmen. Was die Fauna betrifft, so gibt es Säugetiere und Reptilien, die z.T. eine verblüffende Ähnlichkeit mit irdischen Formen haben.

Die KI der EINSTEIN ist immer noch mit der Auswertung ihrer eigenen Rechenleistung beschäftigt, weshalb ich an dieser Stelle noch keine detailierten Ergebnisse bzgl. des Mendelsack-Phänomens mitteilen kann. Ich kann nicht umhin, es als Paradoxon zu empfinden, daß die KI sich selbst analysiert. An den Besatzungsmitgliedern wie auch an mir selbst bemerke ich einen zunehmenden Hang zur Vereinfachung…

 

Im Licht des frühen Abends machten die drei sich auf den Weg. Als sie die andere Seite des Berges erreicht hatten dämmerte es, und die tief stehende Sonne tauchte den Himmel und das Waldland in violettes Licht. Entgegen ihren Gewohnheiten, legten sie sich im Freien zur Ruhe, und Kalle befand kurz vor dem Einschlafen, daß er die Sterne mindestens ebenso mochte wie die Wolken.

Am nächsten Morgen durchwanderten sie einen niedrigen Birkenwald, der sich wie ein grünes Meer bis zum Horizont erstreckte. Es war eine Landschaft, wie Kalle sie nicht sonderlich schätzte. Die Abwesenheit von Höhlen und Mammutbäumen sorgte dafür, daß die drei Giganten bei weitem die höchste Erhebung weit und breit darstellten. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende geführt, als er auch schon den Donner eines herannahenden Gewitters hörte.

Den Rest des Tages lagen sie im Unterholz auf dem Bauch. Der Regen prasselte auf ihre Rücken und der Himmel zuckte im Inferno elektrischer Entladungen. Kalle wußte, daß Walli vor einiger Zeit einmal vom Blitz getroffen worden war. Er warf einen Blick zu Walli hinüber, der ihn irre angrinste, während über ihnen der Donner krachte. Als schließlich in der Nacht zum vierten Tag ihrer Expedition das Wetter besser wurde, waren sie durchnäßt und hungrig. Sie beratschlagten eine zeitlang, ob sie überhaupt weiter gehen sollten (wobei sich herausstellte, daß Walli zwischenzeitlich entfallen war, wohin sie überhaupt gingen). Schließlich war es Kalle, der bestimmte, daß man das Tempo erhöhen und erst im Falle eines erneuten Gewitters umkehren würde.

 

Nachdem sie zwei Tage lang gut vorangekommen waren, standen sie schließlich am Rande einer auffälligen Lichtung. Kalle bemerkte sofort, daß es sich hier um einen seltsamen Ort handelte, der so gar nicht in die Gegend zu passen schien. Die Lichtung war glatt, sah aus wie ein See, fühlte sich aber an wie Stein, wofür sie wiederum zu glatt war. In der Mitte gähnte ein großes Loch.

Sie überquerten die glatte Ebene, bückten sich ständig und betasteten den Boden. Schließlich, im Schein der untergehenden Sonne, kletterten sie in das finstere Loch hinab. Nicht weit, und sie befanden sich in einer selbst für ihre Maßstäbe riesigen Kaverne, deren Wände genauso glatt waren wie der Boden der Lichtung. Im Zentrum der Höhle stand ein schimmerndes Etwas, das entfernt an einen gigantischen Raketenfisch erinnerte. Nachdem sie das Gebilde ausgiebig untersucht hatten, kam es ihnen einerseits noch mehr, andererseits jedoch noch weniger wie Stein vor. Auf einer Seite hatte es eine Öffnung, welche jedoch für Kalle, Ron und Walli viel zu klein war. Sie standen eine Weile blöde herum, während es draußen langsam dunkel wurde.

 

Logbuch der Cephei Expedition, 31.04.2503, Vinz Bernoulli, 2. Offizier

Man kann alleine Tage damit verbringen, den Himmel zu beobachten. Einige von uns haben beschlossen, die Station, die wir errichtet haben, zu verlassen und an den Ufern des Binnenmeeres zu leben, das wir aus dem Orbit gesehen haben. Andere - unter ihnen Schwellnus - sind von ihren Spaziergängen durch die Wälder nicht zurückgekehrt. Wahrscheinlich sind sie wilden Tieren zum Opfer gefallen. All dies dringt jedoch auf eine solch unwirkliche Art zu uns durch, daß man nicht umhin kann festzustellen, daß auf dieser Welt nach kürzester Zeit etwas mit uns geschehen ist. Einfachste Sachverhalte wirken ermüdend, wir verbringen einen Großteil des Tages mit schläfrigem Dahindämmern.

Die KI der EINSTEIN hat sich seit Wochen nicht gemeldet. Tiberius will mit dem kleinen Beiboot zu uns herunterkommen, da er befürchtet, daß die Systeme des Schiffes zusammenbrechen und die EINSTEIN auf den Planeten stürzt. Was sich der Androide hier unten erhofft? Ich weiß es nicht. Möglicherweise folgt er einem Plan von dem die menschliche Besatzung nichts ahnt.

Wir warten nicht länger auf wissenschaftliche Ergebnisse. Dieser Bericht ist das Ergebnis. Wir selbst sind das Ergebnis!

 

Kalle steckte schließlich den Arm in das Loch, welches sich etwa auf Höhe seiner Brust befand, und tastete im Innern des Gebildes herum. Nicht lange und er begann alles herauszuziehen, was er auf diese Art erreichen konnte. Es waren seltsame Dinge, die er hervorholte, mit geraden Kanten und vielen Ecken. Es waren auch winzige Knochen dabei, und Schädel. Ein runder Gegenstand explodierte, als Kalle ihn hervorzog, und die drei zuckten erschrocken zusammen und husteten eine Weile von dem Rauch, der sich in der Höhle breitmachte. Schließlich zog er ein kleines Menschlein hervor, zumindest sah die Kreatur so aus. Der kleine Kerl war aus dem gleichen schimmernden Material wie der Raketenfisch, mit glatter Haut und einem seltsam unbewegten Gesicht mit strahlenden Augen – und er bewegte sich! Kalle setzte ihn auf den Boden, um zu sehen, was er als nächstes machen würde. Nachdem der Zwerg eine Weile bald hierhin, bald dorthin gelaufen war, zeigte er plötzlich mit seinem Arm auf Kalle und schoß diesem eine helle Flamme ins Knie. Das höllische Brennen entlockte Kalle einen Schmerzensschrei, der beinahe die Höhle zum Einsturz brachte. In einer Reflexbewegung schleuderte er den Zwerg an die Wand, wo dieser reglos liegen blieb.

„Autsch“, sagte Kalle - diesmal etwas leiser.

Nachdem Kalle keine Gegenstände im Innern mehr erreichen konnte, untersuchten sie noch einmal die Sachen, die rundherum auf dem Boden lagen. Sie fanden nichts was ihr Interesse geweckt hätte. Als sie sich bereits zum Gehen wandten, begann der an der Wand liegende Zwerg plötzlich mit brüchiger Stimme zu reden. Er sagte:

„Hört mich an, ihr Riesen, denn ich bin Tiberius! Ihr werdet es nicht verstehen, doch ich verkünde euch das Geheimnis eurer Existenz…. in der Hoffnung, daß ihr euch eines Tages an meine Worte erinnern werdet. Wir schreiben den 6. Januar des Jahres 8890. Unsere Expedition startete an Bord des Forschungsraumers ALBERT EINSTEIN vor mehr als 6000 Jahren von der Erde zum Cephei System. Nach dem geistigen Verfall der Mannschaft konnte ich die Kommunikation mit unserem Heimatplaneten noch etwa 500 Jahre lang aufrecht erhalten, obwohl die lichtschnelle Kommunikation aufgrund der großen Distanz beinahe unmöglich war und meine Denkprozesse unter dem Einfluß der Dämmerzone auf ein Minimum reduziert waren. Danach brach der Funkverkehr ab, und eines Nachts sah ich am Himmel, daß die Sonne, der Stern unseres Mutterplaneten, erloschen war…“ Die Stimme des Zwergs war noch dünner geworden. Er hustete, und zum Erstaunen der Drei kam aus seinem Mund eine beißende Qualmwolke. Kaum hörbar fuhr er fort.

„Fünfhundert Jahre lang behütete ich die Nachkommen der Expedition. Darin bestand meine eigentliche Mission. Ich behütete sie, während der genetische Schutzmechanismus zu arbeiten begann, der ihnen auf der Erde eingepflanzt worden war, und den nur eine fehlerlos funktionierende KI der EINSTEIN hätte aufhalten können. So kam es, daß die dritte Generation bereits die dreifache Körpergröße…“

„Kommt, wir gehen!“, donnerte Ron dazwischen, der kein Wort verstanden hatte. Er drehte sich um, und Walli machte Anstalten ihm zu folgen.

„Wartet!“, keuchte Tiberius. „Eins müßt ihr noch wissen. Es ist mir damals gelungen, die EINSTEIN im Orbit zu halten, bevor ich selbst in einem jahrtausendelangen Traum versank. Erst heute wurde ich geweckt - durch euch. Meine Denkprozesse sind wieder voll intakt, was nur bedeuten kann, daß wir die Dämmerzone verl…“ Der Zwerg hustete ein letztes Mal und verstummte. Seine leuchtenden Augen waren erloschen. Dunkelheit und Stille machte sich in der Höhle breit.

 

Sie verbrachten die Nacht auf der glatten Lichtung, die von der Sonne noch herrlich warm war. Kalle überlegte, ob er sein Revier hierher verlegen sollte. Die Höhle würde einen guten Schutz vor Gewittern bieten. Am nächsten Morgen kosteten sie die Wipfel der umherstehenden Bäume und befanden sie für gut. Dann machten sie sich auf den Nachhauseweg. Sie liefen in Richtung der Berge, hinter denen die Heimat auf sie wartete, und man sah und hörte wie sie lachten und wie sie ab und zu stehen blieben, auf ihre Körpermitten oder ihre Gesichter deuteten, Blätter abrissen und sich in den Mund stopften, gigantisch Fürze und Rülpser losließen oder in die Hocke gingen um noch gigantischere Haufen zu hinterlassen. Ab und zu hallten, begleitet von tosendem Gelächter, die lustigen neuen Wörter über den Wald.

“Achtausenachtunderneusig!”

“Ein Stein, Scheiße nee!”

“Orbit!”

Diese Geschichte würden sie so schnell nicht vergessen. Wirklich nicht. Sie überquerten den Hügel, sagten sich für dieses Mal Lebewohl und machten sich auf die Suche nach ihren Gefährtinnen.