SVP 2-4

 

Ich hätte mir in den Arsch beißen können. Wo zum Teufel war ich hier? Wieso war ich so ausgetickt? Und das bei meinen Kenntnissen von interstellaren Raumschiffen?

Längst tat mir der Streit mit Vater leid. Aber ich wusste schon, warum mir nichts an seiner Speditionsfirma lag. Raumschiffe, fremde Welten, andere Kulturen ... Ha! Nun hatte ich meinen ersten eigenen Raumflug hinter mir. Bums! Eine Katastrophe! Und nur, weil mein Dickschädel nicht kleiner war als seiner.

 

"Du willst, dass ich Pilot werde, so wie du? Du willst, dass ich für andere Leute irgendwelchen Mist zwischen den Planeten herumkutschiere? Vielleicht sollte ich dann schon mal üben!" Gern hätte ich mit der automatischen Haustür geknallt.

 

War dieser scheiß Planet unbewohnt? Hier gab es nichts. Ausgerechnet in einer kalten Wüste war ich abgestürzt. Oder wie immer man diese Gegend auch nennen wollte. Es war ja auch keiner da, der sie irgendwie hätte nennen können. Außer mir. Mistwüste! Aber nicht einmal Mist zeugte hier von Leben. Wenigstens konnte man die Luft atmen. Viel mehr erinnerte nicht an Zuhause. Das Zuhause, von dem ich nie im Leben fort gewollt hatte.

 

Rein in Vaters DB ILKS7. Wie oft hat er mich, als ich kleiner war, gezwungen, ihn auf seinen Flügen zu begleiten. Immer musste ich neben ihm im Cockpit sitzen und mir seine Erklärungen anhören. Nie habe ich wirklich zugehört und jedes Mal, wenn er mich zum Selberfliegen überreden wollte, solange geschrien, bis er seine Vater-Sohn-Mission aufgab. Aber es war doch ein bisschen was hängen geblieben. Genug, um den Frachter zu starten und mich mit ihm zu verpissen.

 

Nicht gerade gut bewachsen. Die paar Pflanzen konnten kaum aus dem Sand rausschauen. Nur hier und da ein paar größere. Sahen ein bisschen aus wie die Kakteen in Mutters Gewächshaus. Die hatten es wenigstens schön warm.

 

Vater lief auf die Plattform und fuchtelte mit den Armen. Ich wünschte mir, dass er mein Winken und das breite Grinsen in meinem Gesicht sehen könnte. Tja, jetzt hast du Angst um deinen fast erwachsenen Sohn!

 

Ob es auf diesem Drecksplaneten auch einmal wärmer würde? Oder heller? Im Moment war das Gegenteil der Fall. Scheinbar wurde es Nacht. Aber es gab sowieso nichts zu sehen.

 

Die Wut war bald verflogen. Mir ging es ähnlich. Ich kannte mich mit Raumkarten gar nicht aus. Von Navsystemen hielt Vater nichts. Zum ersten Mal wurde mir klar, welche Dummheit ich begangen hatte.

 

Die Nacht war zum Vergessen. Wenigstens hatte ich die Decke aus dem Frachter mitgenommen. War trotzdem vor Zittern kaum zum Schlafen gekommen. Immerhin hielt sich der Wind in Grenzen. Aber wirklich Tag wurde es nicht. Ausgerechnet ich war auf so einem Planeten gelandet, wo ich doch die bis zu sechzehn Stunden Sonne auf Terda immer so genossen hatte.

 

Es war mir nichts anderes übrig geblieben: Ich musste nach dem Weg fragen. Die Instrumente behaupteten, der Planet sei bewohnbar. Ich hoffte auf Menschen oder wenigstens andere Bewohner, die mir helfen könnten. Aber für die Landung brauchte es wohl mehr als meine Minimalkenntnisse.

 

Endlich zeigte sich doch so etwas wie Tageslicht. Würde sicher nicht lange andauern. Vor mir etwas im Sand: Spuren!

 

 

Den Spuren folgen, solange man sie noch sehen konnte. Es waren nur unförmige Abdrücke im Sand. Keine Ahnung, welches Wesen sie in die Wüste gezaubert hatte. Oder wie lange das her sein könnte. Aber der Planet war nicht der erste, der mir zeigte, wie wenig Ahnung ich von irgendwas hatte. Doch eines war sicher: Derjenige, der hier gegangen war, hatte ein Ziel gehabt. Die Spur bildete eine beinahe schnurgerade Linie. Wo ging es hin? Was zum Teufel erwartete mich am Ende der Spur?

Verdammter Hunger. In dem scheiß DB hatte ich nichts zu essen gefunden. Zumindest nicht in dem Teil der Kiste, den man noch betreten konnte. Ein letzter Schluck aus der Feldflasche. Wenigstens die war an Bord gewesen. Die Spuren verschwanden. Der Wind! Sollte ich hier elendig zugrunde gehen? Aber da vorne: eine Hütte? Zivilisation?

 

Die Hütte war vollkommen leer. Kein Bett, kein Tisch, kein Stuhl, nichts. Nicht die Spur einer Feuerstelle.

Ein Metallschild an der Wand: SVP 2-4.

Scheiße! Raus hier! Weg hier! Runter von dem Höllenplanet! War da eine Bewegung? Wurde ich schon beobachtet? Nur wenige Meter bis zum Sturz. Meine Glieder steif. Zurück! Nur noch kriechend. In die Hütte. In die hinterste Ecke der Hütte. Konnte sie mich schützen? Wohl kaum.

 

 

SVP! Hier konnte mir Schlimmeres zustoßen, als in der Wüste zu verhungern. 2-4 ... Wie war das mit den Nummern? Hätte ich in der Schule nur besser aufgepasst! Aber wer konnte damit rechnen, mal auf einem SVP zu landen? Kein Mensch käme freiwillig auch nur in die Nähe dieses Planeten. Wenn man hier festsaß, waren die Überlebenschancen gleich Null.

 

Grausame Gerüchte über die Bewohner: Blutrünstige Bestien, voll des Hasses auf alles und jeden. Angepasst an das Leben auf dem lebensfeindlichen Planeten. Ein Leben im Chaos. Anarchie der Bandenkriege. Frei von Mitgefühl, gefangen in tierischen Instinkten. Fressen und gefressen werden.

 

Scheiße! Heulte ich etwa? Mein siebzehnter Geburtstag. Einen Monat noch. Ich würde ihn nicht mehr erleben. Das war jetzt sicher. Was sollte ich tun, bis zu meinem unweigerlichen Ende? Hier bleiben? In die Wüste zurück? Hier wie dort hätte ich Glück, würde ich einfach verdursten. Wie lange? Drei, vier Tage? Eine Woche? Aber auch auf einem SVP musste es irgendwo einen Fluss geben. Raff dich auf! Die Hütte hilft dir nicht. Stimmen.

Hörte ich Stimmen? Waren sie in meinem Kopf? Nein.

 

 

Frauen! Jetzt war klar, wofür die 2-4 stand. Der vierte Strafvollzugsplanet für Schwerverbrecherinnen. Hier lud die Menschheit nur den weiblichen Abschaum ab. Schließlich sollte sich der Abfall der Gesellschaft nicht auch noch vermehren. Die Abgeurteilten konnten froh sein, wenn sie hier auch nur annähernd ein normales Lebensalter erreichten.

Hatte ich jetzt bessere Chancen? Durfte ich nicht froh sein, nicht auf einem SVP 1-x gelandet zu sein? Frauen, was immer sie auch ausgefressen hatten, konnten doch wohl kaum so brutal sein wie Männer. Wahrscheinlich musste ihnen ein Mann sogar sehr willkommen sein. Und ich war immerhin fast einer. Endlich ein bisschen Hoffnung. Die Stimmen waren schon ganz nah. Ich erwartete sie in meiner Ecke.

 

Sie waren zu fünft. Ihre Haarfarbe kaum zu entschlüsseln, verdreckte Lumpen am Leib. Sie standen mitten im Raum und starrten mich an. Ihre Blicke aus den ausgehungerten Augen verrieten mir eines: Ich hatte mich geirrt! Ein SVP 1-x wäre das Paradies gewesen.