Die erste Science Fiction Geschichte überhaupt

 

Schon in der Steinzeit beobachteten die Menschen die Natur. Sie sammelten Wissen und zogen Schlüsse daraus. Sie betrieben also Wissenschaft.

Es konnte nicht ausbleiben, dass eines Tages jemand Spekulationen darüber anstellte, wie sich diese Wissenschaft weiterentwickeln könnte. Vielleicht in Form einer Geschichte über einen Wissenschaftler und seine Entdeckungen…

 

Vor 9.500 Jahren, ein Dorf irgendwo in Vorderasien, abends.

 

„Sitzt nicht so griesgrämig ums Feuer! Denkt nicht dauernd an eure krachenden Mägen. Der alte Kurro wird euch jetzt eine Geschichte erzählen:

Es ist noch nicht lange her, da lebte ein Mann namens Morl in einem kleinen Dorf. Es war ein Dorf wie das unsere – ein paar Dutzend Hütten an einem Hang. Genau wie wir waren die Menschen dort bereit, Neues auszuprobieren.

So hatten auch sie mehrere Felder angelegt und Gerste und Linsen angebaut. Genau wie dir, Hassur, tat ihnen der Rücken weh am Abend, wenn sie mit der Hacke den Boden bearbeitet hatten. Sie quälten sich bei der Ernte mit den Sicheln, die nie scharf genug waren. Ganz zu schweigen vom Mahlen der Körner.

Das alles war jedoch nicht so schlimm. Sie arbeiteten hart, aber sie hatten die Bäuche voll. Jedenfalls am Anfang. Sie ernteten genug, um Vorräte anzulegen und Saatgut aufzubewahren. Was meinst du, Sennah? Ja, sie machten es wie wir – sie füllten die Körner in Gruben und deckten sie gut ab, der Regen kam nicht hinein.

Doch keine Abdeckung konnte die verfluchten kleinen Teufel fernhalten, die pelzigen, mit den langen nackten Schwänzen. Es fing harmlos an – ein paar Mäuse, die aus dem Wald kamen, von den Leckerbissen angelockt. Dann ein paar mehr … und schließlich gab es rund um die Vorratsgruben ein Mauseloch neben dem anderen. Wie ihr wisst, fressen zehn Mäuse nicht viel Korn. Zehn mal zehn – da merkt man schon, dass es weniger wird. Wenn es aber viele Male zehn mal zehn sind… Aber das brauche ich euch nicht zu erzählen! In Morls Dorf war es so schlimm wie bei uns. Was die pelzigen Teufel nicht gleich fraßen, verschleppten sie. Und was sie nicht verschleppten, verdreckten sie mit ihrem Kot.

Na klar, Tiglat, die Menschen in dem Dorf versuchten all das, was wir auch probiert haben. Viele, viele haben sie erschlagen, mit Knüppeln und Steinen. Sie haben auch einige Nester ausgeräuchert. Doch die Biester waren zu flink und zu schlau. Es wurde immer schwieriger, sie zu erwischen.

‚So geht das nicht’, sagte Morl schließlich. ‚Wir werden dieser Plage nicht Herr, wenn wir hinter den Viechern herjagen. Für jede Maus, die wir töten, werden zehn neue geboren.’

‚Wie sollen wir es also machen?’, schrieen die anderen Dörfler.

‚Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde darüber nachdenken!’

‚Dann denke schnell, Oberschlauer, bevor wir alle verhungert sind! Bald ist Aussaat und wir haben fast keine Vorräte mehr!’

Es war Morl schon klar, dass ihm schnell etwas einfallen musste! Das Dorf aufgeben, wieder herumziehen, wildes Getreide suchen und mehr von der Jagd leben – das war keine Lösung. Es waren viele Kinder geboren worden, in den Jahren, als es noch wenige Mäuse und ordentlich zu essen gab. Und es gab nicht mehr so viele Gazellen wie früher.

Nun war es aber bei Morl so, dass er Ruhe brauchte, um nachzudenken. Daher ging er weg von dem lärmenden Dorf, in den Wald, den Berg hinauf. Weiter oben stand nur noch hie und da ein Baum, mit Büschen, Gras und Felsen dazwischen.

Morl machte es sich bequem, lehnte sich mit dem Rücken an einen verkrüppelten Stamm und überlegte. Wäre es wohl möglich, die Lagergruben besser zu verschließen? Das Holz der Deckel feiner zu behauen, so dass es keine Spalten gab? Dann würden sich die Mäuse einfach durch die Erde wühlen.

Oder – wenn sie einen Wassergraben rund um die Vorräte anlegte? Unsinn, das Wasser würde versickern, womöglich noch in die Gruben hinein, so dass die Körner verschimmelten.

Morl starrte vor sich hin, auf einen kleinen Gecko, der vor ihm saß, ohne das Tier zu sehen.

Schwupp! Unversehens war der Gecko weg. An ihrer Stelle ringelte sich eine Schlange. Morl fuhr zusammen. Dann musste er grinsen. Kein Grund, zu erschrecken! Es gab viele Schlangen auf dem Berg. Dass sie Geckos fraßen, war nicht neu.

Aber plötzlich wurden seine Augen schmal. Die Schlange frisst Geckos, dachte er, und Geckos waren etwa so groß wie Mäuse. Mäuse waren sehr flink, aber Schlangen auch.

Und Schlangen waren dünn. Wo eine Maus hineinkriechen konnte, kamen sie auch durch. In jedes Mauseloch.

Aber fraßen sie tatsächliche Mäuse? Immerhin gab es auch Unterschiede zwischen Maus und Gecko. Geckos hatten keinen Pelz, ihr Kopf war breiter, der Körper anders geformt.

Es gab nur einen Weg, es herauszufinden: Einen Versuch.

Das verstehst du nicht, Hassur? Nun, er hatte erkannt, dass darüber nachdenken nicht genug war. Er musste es ausprobieren, es versuchen - eben ‚einen Versuch machen’.

Er kehrte also zurück ins Dorf – die Schlange war längst verschwunden – und kehrte am nächsten Tag mit einer toten Maus wieder. Das war kein Problem. Ein paar Dumme, die sich leicht fangen ließen, gab es unter den vielen kleinen Teufeln immer.

Er legte den Kadaver auf einen Stein und setzte sich in der Nähe hin. Der Pelz der Maus war voll Blut. Vielleicht lockte das die Schlange besonders an?

Und da kam sie schon. Länger als der Arm eines Menschen, aber dünner, schob sie sich vorsichtig durch das Gras. Hübsch sah sie aus, dachte Morl, schwarzweiß gemustert, wie sie war.

Sie näherte sich der Maus, ganz langsam. Ihr Kopf bewegte sich hin und her. Die Zunge schnellte aus dem Maul, verschwand wieder.

Dann sprang die Schlange vor, packte die Beute – und ließ sie wieder los, würdigte sie keines Blickes mehr. Kurz wandte sie sich zu Morl hin, züngelte in seine Richtung, und glitt davon.

Morl war sehr enttäuscht. Der Unterschied zwischen Geckos und Mäusen war der Schlange offenbar sehr wichtig. Nichts zu machen.

Oder hatte es eine Rolle gespielt, dass die Maus tot, der Gecko aber lebendig gewesen war? Morl beschloss, noch einen Versuch anzustellen.

Diesmal beeilte er sich. Nicht nur, weil ihn die anderen Dorfbewohner angetrieben hatten. Nein, auch seine Neugier trieb ihn voran.

Wenige Stunden später kam er mit einer Maus in der Faust zurück, die noch kräftig zappelte. Er hatte den Stein ganz vorsichtig geworfen, hatte sie nur an einem Bein verletzt. Das war gut, dachte er, sie würde nicht allzu schnell davonlaufen können. Schließlich musste sich die Schlange auf diese Beute vielleicht erst einstellen. Er hatte hier oben noch keine Mäuse gesehen.

Diesmal legte er die Maus nicht einfach hin. Er wartete geduldig, bis er die Schlange wieder sah. Dann warf er ihr die Maus hin, ein Stück vor ihrem Kopf.

Das pelzige Tier flitzte sofort davon. Trotz der Verletzung war es sehr schnell – etwa gar zu schnell? Schon war es in einem Loch verschwunden. Aber die Schlange kam hinterher. Jetzt war auch sie weg.

Morl hielt den Atem an. Er wartete fünf, zehn, zwei mal zehn Herzschläge. Und da kam die Schlange wieder heraus, zwischen den Zähnen die Maus.

Sie glitt auf eine Felsplatte, ließ die Beute fallen, die nur noch schwach zuckte. Dann besah sie die Maus von allen Seiten, als überlegte sie, wie sie den Leckerbissen am besten verschlingen könnte. Ein blitzschnelles Zustoßen – und auf dem Stein blieben nur ein paar Blutstropfen.

Ob sie versteht, dass ich ihr die Maus gebracht habe?, fragte sich Morl. Er trat näher. Die Schlange zögerte, suchte dann das Weite.

Was? Warum sie nicht sitzen geblieben ist? So schnell geht das nicht, Pirra!

Einen Mond lang ging Morl hinauf auf den Hang, Tag für Tag, und brachte Mäuse für die Schlange. Er wurde ein Meister im Mäusefangen, verletzte die Viecher kaum noch, aber so flink sie auch waren – die Schlange schnappte sie alle.

Jedes Mal ließ sie sich mehr Zeit, bevor sie davon glitt, wenn Morl herankam. Und schließlich blieb sie, wo sie war, und züngelte ihm entgegen.

Ganz langsam hockte sich Morl vor ihr hin. Er streckte seine Arme aus – und die Schlange kroch an ihnen entlang, glitt in seine Felljacke und rollte sich an seiner Brust zusammen.

Es fiel ihm auf, dass sie um die Leibesmitte etwas dicker war. Vielleicht würde sie bald Junge zur Welt bringen? Vorsichtig legte er den Arm um seine neue Freundin und trug sie ins Dorf.

Was seine Mitbewohner gesagt haben, Sennah? Viele erschraken. Schlangen waren ihnen unheimlich. Morl nahm ihnen das feierliche Versprechen ab, keine Steine zu werfen, dann setzte er die Schlange bei den Lagergruben ab.

Es dauerte nicht lange, da liebten die Dorfbewohner das elegante Tier, das sie zu früher oder später Stunde fast immer mit einer Maus im Maul sahen. Die Schlange wurde immer dicker, doch das waren nicht nur die vielen Leckerbissen. Sie legte hinter der Grube ihr Nest an, und schon bald waren es zehn Schlangen, die auf Mäusejagd gingen. Das Saatgut blieb von da an fast unberührt, die nächste Ernte war reich, und die Menschen lebten in Morls Dorf glücklich und zufrieden.

Sie waren ihm sehr dankbar. ‚Was möchtest du als Belohnung?’, fragten sie ihn.

‚Gebt mir Zeit’, antwortete er. ‚Ich möchte in jedem Mond fünf Tage frei haben, keine Feldarbeit, kein Dreschen, kein Ausbessern von Werkzeug.’

‚Das scheint uns bescheiden’, meinten die anderen. ‚Was willst du denn mit dieser Zeit anfangen?’

‚Beobachten, nachdenken, Versuche machen’, sagte Morl. ‚Vielleicht finde ich dabei wieder etwas heraus, was uns nützt! Aber auf jeden Fall macht es mir großen Spaß.’

Und sie gaben ihm seine fünf Tage, in jedem Mond.“

 

* * * * * * * * * * *

 

Die Geschichte hatte die Menschen aufgeheitert, sie hatten ihre Sorgen vergessen. Zufrieden murmelnd standen sie auf, löschten das Feuer und verzogen sich in ihre Hütten.

Nur die alte Sennah blieb sitzen und starrte nachdenklich in die Asche.

Schlangen, so ein Unsinn, die sind uns Menschen doch viel zu fremd. Die werden nie unsere Freunde werden. Aber die Idee mit dem ‚Versuch’ ist nicht schlecht…

Sennah dachte an ein Huschen, ein Flitzen auf leisen Pfoten – weit weg vom Dorf, in dem lichten Wald, wo sie Kräuter sammelte. Manchmal sah sie die Wildkatze, die oben auf einem Felsen lauerte und sie unverwandt anstarrte.

Und manchmal sah sie die Katze rennen, mit einer zappelnden Maus zwischen den Zähnen. Keine Frage, ob sie Mäuse fraß.

Aber es würde nicht leicht sein, sich mit ihr anzufreunden.

Von der letzten Gazelle waren noch ein paar Innereien über. Die würde sie morgen mitnehmen. Und sie würde einen Versuch anstellen. Wie dieser Morl.