Kulturschock
Das war es dann wohl…
Peter starrte auf den schwarzen Monitor, über dem sich eine kleine Rauchfahne zu kräuseln begann. Das Bild der Planetenoberfläche war mit einem Blitz verschwunden, er konnte nicht mehr sehen, was sich da draußen tat. Die kleinen Scheiben waren durch den Asteroidenhagel blind geschmirgelt. Das war aber auch nicht nötig, er wusste es ohnehin. Sein Raumgleiter raste auf die Oberfläche des Planeten zu, steuerlos und unaufhaltsam, nachdem die Kollision mit einem Asteroiden alle Technik zum kollabieren gebracht hatte. Aber selbst wenn es ihm gelungen wäre, den Gleiter auf dem Planeten notzulanden, es hätte ihm nichts genutzt, denn die Instrumente hatten einen toten, kalten Stein ohne Atmosphäre angezeigt, der keine Rettung wäre.
Vorbei…
Sein Blick fiel auf den in dieser Umgebung irgendwie anachronistisch wirkenden Bilderrahmen, der an einer Instrumentenkonsole klebte. Seine Frau lächelte ihn darauf strahlend an. Seine verstorbene Frau.
„Bald bin ich wieder bei dir, Joanna, sehr bald schon!“ murmelte Peter, dann schloss er die Augen.
Die Atemluft wurde dünner, der Gravitationsausgleich arbeitete nur noch unzulänglich, er verlor das Bewusstsein…
Er atmete einmal tief durch. Seidige Luft strömte in seine Lungen, der Geschmack von Salz lag darin und die Gerüche von Meer und Wald. Er konnte einen sachten Lufthauch auf seiner Haut spüren, der sich wunderbar warm anfühlte. Sein Bewusstsein nahm nun auch das Licht wahr. Es musste sehr hell sein, wenn es sogar durch seine geschlossenen Augenlider drang.
Eine sanfte Berührung auf seiner Brust ließ ihn erschauern, er fühlte sich wohl. Die warme Hand, die ihm über den Brustkorb fuhr, hatte etwas Beruhigendes und Einnehmendes.
„Joanna!“ murmelte er, doch in diesem Augenblick wurde er sich der Realität bewusst. Der Versuch zu sprechen versetzte ihm einen schmerzhaften Stich, der von seinem Gesicht durch seinen gesamten Körper fuhr. Dieses Weiterleiten des einen Schmerzes ließ ihn wahrnehmen, dass sein ganzer Körper ein einziger Schmerz war und er stöhnte laut auf. Seine Augen konnte er jedoch nicht öffnen.
Es war dennoch kein Traum gewesen, die Hand auf seiner Brust verstärkte ihren Druck, unterband so seinen schmerzvollen Versuch, sich zu bewegen. Dazu entströmte der Handfläche plötzlich eine wohlige Wärme, die seinen ganzen Körper erfasste und die Schmerzen wieder verschwinden ließ.
Nicht bewegen!
Woher war diese Aufforderung gekommen? Er war sich sicher, sie vernommen zu haben, konnte aber keine Aussage treffen, von wem oder auch nur woher. Welche Stimme war das? Sie hatte wie seine eigene geklungen, als ob man sich selbst sprechen hört.
Wieder formten sein Lippen Worte, doch dieses Mal waren die Schmerzen erträglich. Was ist passiert?
Er war sich nicht sicher, ob er diese Worte tatsächlich hörbar ausgesprochen hatte und wartete umso gespannter auf eine Antwort.
Du bist mit deinem Stahlschiff abgestürzt. Wir haben verhindert, dass du mit ihm vergehst.
Wieder eine klare Antwort, die er gut verstand. Dieses Mal konnte er sie sogar lokalisieren. Sie war in seinem Kopf. Aber sie war nicht über seine Ohren dorthin gekommen. Jemand sprach über seine Gedanken mit ihm.
Was?
Er versuchte seinen Kopf zu drehen und die Augen zu öffnen. Wieso lag er an einem Strand in der Sonne und atmete saubere Luft, obwohl ihm die Instrumente seines Gleiters eine tote Welt angezeigt hatten?
Die Hand, die auf seiner Brust geruht hatte, fuhr zu seinem Gesicht hoch und strich über seine Augenlider. Nun konnte er sie mühelos öffnen, sie schnappten auf wie Rollos. Was er sah, rief widersprüchliche Empfindungen in ihm hervor. Neben ihm kniete ein seltsames, aber eindeutig humanoides Geschöpf und beobachtete ihn mit einem schwer zu deutendem Blick aus rotgoldenen Augen.
Die Haut des Wesens war grün und schien aus feinen Schuppen zu bestehen, denn wenn es sich bewegte, schillerte dieses Grün in einer unendlichen Variation aller ihm bekannten Farben. Der Körper war eher als zierlich zu bezeichnen und recht klein, auch wenn Peter in seiner Position keinen Vergleich zu sich selbst ziehen konnte. Er war geneigt, das Wesen als primitiv einzustufen, weil es vollkommen nackt war und nichts bei sich trug, das auf eine höher entwickelte Kultur hinwies.
Im nächsten Augenblick fragte er sich aber, wie er überhaupt schon wieder in der Lage war, derartige analytische Gedanken zu hegen, wo er doch gerade erst abgestürzt war und glaubte, tot zu sein.
Vielleicht war er es ja?
Das Wesen an seiner Seite legte den Kopf schief und seine Züge drückten Verwunderung aus. Du bist nicht tot! Das habe ich dir doch schon gesagt?
Wieder diese wortlose Kommunikation. Wie kam es, dass er die Sprache des Wesens verstand, oder besser: Warum konnte das Wesen seine Sprache sprechen? Peter war verwirrt, denn er war sich sicher, dass in dieser Galaxis noch nie zuvor terranische Forscher ihrer Tätigkeit nachgekommen waren.
Wie?
Der Gedanke war ihm kaum durch die Zellen seines Gehirns gekrochen, hatte noch nicht einmal die Bereiche seines Denkorgans erreicht, in denen Gedanken in gesprochene Worte umgesetzt werden, da erhielt er auch schon eine Antwort: Jedes Wort ist mit einem Bild verbunden, ich suche im sprechenden Teil deiner Gedanken nach den Bildern und setze sie zusammen, damit du mich verstehst, ich benutze also dein Gedächtnis um mit dir zu sprechen.
Verrückt, schoss es Peter durch den Kopf und er versuchte, sich aufzurichten. Das Wesen griff ihm unter die Schulter und half ihm dabei mit einer erstaunlichen Kraft, die er dem feingliedrigen Geschöpf gar nicht zugetraut hatte.
Endlich fähig, die Umgebung zu erfassen, sah sich Peter erst einmal seinen Körper an. Doch die erwarteten schweren Wunden und Knochenbrüche waren nicht vorhanden. Zwar waren noch ein paar rote Linien zu erkennen und seine zerrissene Kleidung war blutverschmiert, aber er sah nichts, was ihn ängstigen konnte. Er fühlte sich nicht wohl, ihm war schlecht und er war stark geschwächt, aber er war am Leben und vollständig.
Warum?
Ich habe dich geheilt, sieht noch nicht fertig aus, aber das mache ich noch, wenn ich geschlafen habe.
Peter sah das Wesen neben sich entgeistert an. Es wirkte in der Tat erschöpft, aber es lächelte zufrieden und enthüllte dabei ein beeindruckendes Gebiss, das an jenes eines terranischen Wolfes erinnerte.
Wie?
Das Wesen streckte ihm seine langen, schmalen Hände entgegen und legte sie auf seinen Oberschenkel an dem noch eine gezackte rote Linie prangte. Offensichtlich war dort ein großes Stück Haut abgerissen gewesen, doch außer der feinen Linie und Flecken getrockneten Blutes in den Haaren an seinen Beinen wies nichts mehr auf eine Verletzung hin.
Peter beobachtete genau, was die Hände bei ihm bewirkten und war verblüfft über ihre Form. Das Wesen hatte zwei Daumen an jeder Hand, dafür aber nur zwei weitere Finger mit je drei Gelenken, die in scharfen Klauen endten. Sie wurden sehr sacht auf seinen Schenkel gelegt und eine wohlige Wärme durchströmte das fast taube Bein. Es kribbelte leicht, das Gefühl für sein Bein war wieder da – und die Narbe verschwunden, als das Wesen die Hand wieder weg nahm.
Peter schüttelte ungläubig den Kopf. „Phantastisch!“
Er bemerkte, dass er das erst Mal seit seinem Erwachen seine Stimme gebraucht hatte und sein seltsamer Gefährte riss verwundert die Augen auf. Offensichtlich klang seine Art zu sprechen seltsam für ihn.
„Sprecht ihr denn gar nicht? Unterhaltet ihr euch nur über eure Gedanken?“
Erst jetzt bemerkte Peter, dass das Wesen auch einen langen, kräftigen Schwanz besaß, weil dieser bedächtig hinter dem in der Hocke sitzenden Humanoiden hin und her durch den feinen, dunklen Sand strich. Der Schwanz schien eine Art dritte Hand zu sein, denn alles, was im Sand verborgen lag, wurde bei der ständigen Bewegung betastet oder auch umwickelt und angehoben.
Doch, auch, aber dann verstehst du uns nicht, weil du nicht in meine Gedanken sehen kannst. Aber wir unterhalten uns auch auf deine Art.
„Hast du einen Namen? Wie nennen dich die anderen? Ich bin Peter!“
Ich werde... Wind genannt. Es kam etwas zögerlich, als müsse er erst in Peters Gedächtnis nach den richtigen Bildern suchen, die seinen Namen passend übersetzten. Gleichzeitig sprach das Wesen und Peter begriff, das es wohl keinen Sinn hatte, zu versuchen, diese Sprache zu lernen. Es waren Geräusche, die seine Stimmbänder ganz sicher kaum zustande bringen würden.
„Wie hast du das gemacht, Wind?“ fragte Peter daher weiter und wies auf sein Bein. Das echsenartige Wesen zuckte mit den Schultern.
Du funktionierst nicht anders als ich. Ich weiß, wie ein Körper gebaut ist und kann ihn Kraft meiner Gedanken so formen, wie er selbst es machen würde, hätte er die Kraft dazu. Das ist Heilung. Ich bin ein Lebendformer. Ich kann auch Pflanzen wachsen lassen, ich muss ihnen nur meine Kraft geben und ihnen sagen, was sie damit machen soll.
Eine Art Telekinese also, dachte Peter bei sich und Wind nickte bekräftigend. Das verursachte ein mulmiges Gefühl, weil es ihm klar machte, dass Wind die ganze Zeit seine Gedanken kontrollierte.
Ist gut, ich ziehe mich zurück. Wenn du kommunizieren willst, dann gibt mir ein Zeichen.
Peter schwankte. Ihm war nicht klar, ob seine erste Annahme über die primitive Entwicklungsphase dieses Volkes richtig war. Einerseits liefen sie herum wie die ersten Affenmenschen auf der Erde, andererseits lag in dem, was Wind alles von sich gab, eine Abgeklärtheit, die ihresgleichen suchte.
In diese widersprüchlichen Gedanken versunken sah Peter sich um. Wind schien sich tatsächlich aus seinem Kopf zurückgezogen zu haben, denn er kommunizierte nicht mehr mit ihm.
Nicht weit von ihm lag sein Raumgleiter an einem traumhaften Strand, wie man ihn auf der Erde nicht mehr finden konnte. Das Schiff wirkte nicht, als sei es ein vom Himmel gefallenen Wracks. Eher wie ein Schiff, das man an diesen Gestaden hatte stranden lassen. Zwei weitere Geschöpfe von Winds Art kletterten darauf herum und inspizierten es gründlich. Mit Erstaunen bemerkte er, dass die beiden Kletterer dabei scheinbar alle Löcher in der Keramikhülle... zuwachsen ließen?
Peter schrak zusammen, als sich noch jemand näherte. Wind drehte sich nur träge um und sprach etwas in dieser seltsam gutturalen Tonart und sein Schwanz fuhr dem Neuankömmling entgegen, fuhr ihm damit durch das glitzernde, weiße, seidige Haar, das auch Peter im Nacken kitzelte.
Es war ein Weibchen und an ihren üppige Brüsten erkannte Peter, dass die fremde Art trotz der echsenhaften Gestalt wohl auch zu den Säugetieren gezählt werden musste. Die Frau war ebenfalls nackt und schien sich dafür nicht im geringsten zu schämen. Musste sie auch nicht, wie Peter zu seinem eigenen Erstaunen bemerkte. Selbst für seinen Geschmack war sie attraktiv, trotz der nicht ganz menschlichen Attribute. Das sein Mund staunend offen stand, wurde ihm erst bewusst, als sei ihm mit einem strahlenden Lächeln unter das Kinn griff und seinen Unterkiefer hoch drückte.
Gefalle ich dir, Fremder?
Statt einer Antwort nickte Peter nur wie verzaubert.
Meine Schwester, sie wird Wolke genannt.
Peter bemerkte Winds Worte zwar, hatte aber nur Augen für Wolke.
Sein Auftrag kam ihm wieder in den Sinn. Er war ausgeschickt worden, um Planeten zu suchen, auf denen die Menschen der überbevölkerten Erde siedeln konnten. Voraussetzung war, dass sich auf den Planeten keine zivilisierten, humanoiden Völker gab, die Ärger machen konnten. Und eigentlich hatte er diese Welt schon abgehakt, weil sie seinen Instrumenten nach unbewohnbar war... Was ging hier eigentlich vor?
Peter bemerkte Winds breites Grinsen, das ihn wieder erschauern ließ, weil er dabei seinen stattlichen Fang so weit entblößte.
Warum ist für euch, die ihr Gefäße aus Metall und Glas und Ton benötigt, um durch den Weltraum zu reisen, alles primitiv, das keine Kleidung trägt, Häuser und Waffen baut und keine Flugmaschinen braucht?
Bevor Peter antworten konnte, wurde Wind plötzlich durchsichtig und verschwand schließlich. Hektisch sah er sich um, doch er konnte Wind nirgendwo entdecken. Wolke tippte ihm auf die Schulter und wies auf einen Felsen, weit entfernt am Ende des Strandes. Dort stand Wind und winkte ihnen zu. Verschwand dann sofort wieder und kniete kurz darauf wieder neben Peter.
Ein paar von uns können sich, sofern sie schon mentalen Kontakt zu einer anderen Welt hatten, sogar weite Strecken durch das All teleportieren. Wir haben so schon einmal unseren Lebensraum gewechselt, als die Sonne unserer Welt starb. Wir brauchen all die Technik nicht, die du zu den Attributen der Zivilisation zählst. Wie du an deinem eigenen Leib erfahren hast, kann ich alle Verletzungen heilen, sobald ich die Anatomie eines Körpers erfasst habe und kann auch die meisten Krankheiten bekämpfen. Wozu also brauche ich Medikamente oder technisches Gerät?
Dort drüben an deinem Raumschiff, das sind zwei Totformer. Sie können totes Material formen, Stein oder Metall oder Erde. Sie haben verhindert, dass dein Fluggerät abstürzte wie ein Stein und reparieren es gerade.
Oh, und was dich besonders interessieren dürfte: Wir haben auch zwei Beeinflusser unter uns. Sie sorgen dafür, dass kein Gerät in der Lage ist, unsere Welt genau zu analysieren. Für alles Technische ist diese Welt dadurch ein toter Felsklumpen. Eine... Tarnkappe.
Peter sank in sich zusammen und starrte auf den Sand zwischen seinen Füßen. Was ist Zivilisation? Die Ausbeutung eines Planeten und der Fortschritt der Technik? Oder die Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten, die bewirkten, dass man die Ressourcen der eigenen Welt vorteilhaft nutzen konnte?
Willst du wieder nach Hause?
Überrascht sah Peter auf. Das kam von Wolke.
Wir könnten das Schiff wieder reparieren und in den Weltraum heben! Irgendwann würde man dich sicher finden. Aber...
„Der Planet wird ja sicher auch auf den Geräten anderer Schiffe nur ein toter Klumpen sein... Oh, ihr habt Bedenken, dass ich jemandem was erzählen könnte? Nein... das tue ich ganz sicher nicht...“
Sein Blick blieb auf Wolke hängen, die ihn neugierig mit schief gelegtem Kopf betrachtete. Sie streckte die Hand aus und Peter entdeckte den kleinen Bilderrahmen mit Joannas Foto in ihren Klauen. Du willst also wieder zurück? Zu ihr?
Peter verstand. „Joanna ist tot... sonst wäre ich nicht zu diesem Flug aufgebrochen! Das ist nur eine Erinnerung...“ Peter nahm Wolke das Bild aus der Hand und betrachtete es traurig.
Wolke strich ihm über die Wange und er sah das Weibchen überrascht an.
Dann kannst du doch auch bleiben? Du kannst zwar nicht deine geistigen Kräfte nutzen wie wir, aber wir würden dir schon helfen.
Peter wandte sich Wind zu, der ihn abwartend ansah. Dann ging sein Blick weiter, über den wundervollen Strand, das herrliche Wasser, den verwunschenen Wald. Eine traumhafte Umgebung...
„Ein bisschen wie bei Robinson Crusoe...“, murmelte er und lachte über die verständnislosen Blicke der beiden Fremden. „Die beiden da können ihre Reparaturarbeiten abbrechen... schätze, man kann das alte Wrack anders verwenden. Ich bleibe! Was soll ich denn noch auf der Erde, Joanna ist ja nicht mehr da!“
Dann komm! Wir zeigen dir unsere Welt. Ich glaube, du wirst dich bald ganz wie zuhause fühlen.
Wolke streckte Peter die Hand entgegen und half ihm auf, dann staunte sie über seine Größe. Ihr Lächeln hatte aber etwas sehr Verführerisches.
Etwas regte sich in Peter, dass er glaubte mit Joanna begraben zu haben und er lächelte selig.
„Daran hege ich seltsamerweise nicht den geringsten Zweifel... wenn ich den Kulturschock verwunden habe...“