Sternenträume

 

Es war still und finster. Die Kälte der sternenlosen Weiten zwischen den Galaxien gefror seinen Körper und nur der durchsichtige Kokon aus magisch verstärkter Energie hielt ihn am Leben. Ein Gefängnis im Zentrum des Universums ohne Licht, ohne Hoffnung. Nichts war ihm geblieben, selbst der erlösende Tod blieb ihm verwehrt, und dennoch lächelte er, denn auch wenn seine Sinne erloschen waren, so war sein Geist noch immer stark und lebendig. Selbst hier, in der totalen Einsamkeit sah er sie vor seinem geistigen Auge. Ihr kurzes, rötliches Haar, das strahlte wie der Sonnenaufgang, ihr schlanker, zierlicher Körper, der so voller Kraft und Tatendrang war, ihre funkelnden Augen, ihr zärtliches Lächeln. Das alles hatte sich in seine Erinnerungen gebrannt und bewahrte ihn davor wahnsinnig zu werden. Er wusste, dass er sie nie wieder sehen würde, aber sie lebte, weil er sich für sie geopfert hatte, und sie würde ewig leben, in seinen Träumen und Erinnerungen, solange er hier trieb.

Es war still und dunkel und er war alleine am Rande des Zentrums des Universums. Ein einsamer Punkt, ein Träumer.

 

„Eure Stimme hat in diesem Rat kein Gewicht Mensch. Auch wenn eure Magie mächtig sein mag, so stammt ihr nur aus einem Sklavenvolk“, empörte sich die krächzende Stimme eines kleinen Wesens, dessen dichtes, langhaariges Fell die Körperform nur erahnen ließ. Tausende Blicke richteten ihre Aufmerksamkeit auf die beiden ungleichen Gestalten, die sich mitten in der gewaltigen Kuppel aus Stein und Metall, auf einem kleinen, schwebenden Podest, ein Duell der Worte lieferten. „Ihr scheint zu vergessen, dass die Menschen vor sechs Jahren in die Gemeinschaft der freien Völker aufgestiegen sind. Auch wenn die Nadzin seit Jahrhunderten eine Stütze des Kaiserreichs sind, so haben wir nun die gleichen Rechte und auch Pflichten, und ich sehe es als meine Pflicht, den Rat meine Einwände gegen das geplante Vorhaben vorzutragen“, erwiderte der deutlich größere Mensch, dessen kurze, braunen Haare schon leicht von grauen Strähnen durchzogen waren. Seine blauen Augen fixierten den Nadzin, dessen orange-gelbes Fell vor Erregung zitterte. „Botschafter Torall ihr seid so kurzsichtig wie alle Menschen“, feixte das Fellwesen und fügte dann mit abwertender Stimme hinzu, „das erste Mal seit 43 Jahren gibt es eine Möglichkeit den Krieg zu beenden und ihr habt nichts anderes im Sinn, als diese Möglichkeit zu torpedieren. Was will man auch von einem Barbaren erwarten.“ „Ich sehnen den Frieden ebenso herbei wie ihr, aber wie könnt ihr denken, dass die C’chet verhandeln wollen? Ein Volk, dessen einziger offizieller Kontakt mit uns eine Kriegserklärung war? Es ist, …“

„…beschlossene Sache, die Verhandlungen werden in sieben galaktischen Standardtagen eröffnet.“ Die leise hauchende Stimme hatte den Redefluss des Menschen mit der Gewalt eines Orkans unterbrochen. Schweigen trat an die Stelle des sonst sonoren Brummens der vielen Unterhaltungen der Ratsmitglieder, als die weiß strahlende Erscheinung auf dem alles überblickenden Kaiserbalkon Gestalt annahm. Eine große Frau, deren zarter, makelloser Körper im gleißenden Licht der Kuppel durchsichtig schimmerte. Ihr bodenlanges Haar wehte spielerisch in einem unspürbaren Wind und eine Schlange aus glitzerndem blauem Stoff schlang sich um ihre Blöße. „Eure Hoheit“, begrüßten die beiden Kontrahenten die Kaiserin, welche auf dem Thron Platz nahm und vorerst keine Anstalten machte, weiter in die Debatte einzugreifen. „Damit ist wohl alles gesagt“, wandte sich der Botschafter der Nadzin wieder an seinen menschlichen Gegenspieler, “eure Sorge um die Kaiserin ehrt euch, aber eure Zeit vor dem Rat ist nun vorüber.“ Wütend schnaubte der Mensch und sein Blick wanderte vom Fellwesen zur erhabenen Erscheinung der Kaiserin. Selbst über die gut hundert Meter Entfernung konnte er ihre Präsenz spüren und für einen Moment schien es ihm, als würde ihr Blick den seinen suchen. Seufzend schüttelte er den Kopf: „Ich hoffe, dass euer Leichtsinn uns nicht ins Verderben stürzt. Botschafter, wenn der Rat es wünscht, gehe ich.“ Schwungvoll drehte er sich auf den Absätzen um und ging die wenigen Schritte zum Materietransporter, welcher ihn in die Räumlichkeiten der menschlichen Botschaft des Planeten brachte.

 

Langsam versank die gewaltige rote Sonne hinter dem fernen Horizont und tauchte die kristallenen Bauten der Stadt in ein kräftiges Rot. Noran mochte den Sonnenuntergang von Fenwara. Deshalb hatte er auch diesen Teil der Hauptstadt als Liegeplatz der Botschaft gewählt. Doch heute schien es ihm, als sehe er auf ein Meer von Blut hinab. Je tiefer der Stern sank, desto kräftiger wurden die Farben, ehe er ganz verschwand und dem Nachthimmel Platz machte. „Es ist nicht gut für dich, wenn du dir so viele Sorgen machst, Noran.“ Die Stimme wirkte in dem ruhigen Abendschauspiel ungleich lauter als sie wohl war, dennoch zauberte sie ihm ein Lächeln aufs Gesicht. Der Mensch drehte sich um und blickte in das Gesicht der jungen Frau, die sich an den Rand des steinernen Springbrunnens gesetzt hatte und mit ihrer Hand vorsichtig über die Wasseroberfläche strich. „Es ist nicht gut für dich auf dem kalten Stein zu sitzen“, gab er ihr zurück und ihre grünen Augen funkelten ihn belustigt an. Lange sahen sich die beiden stumm an, ehe sich ihre Blicke von einander los rissen und Noran das Schweigen brach. „Du warst gestern nicht an der Seite der Kaiserin,“ stellte er, an das Geländer gelehnt, fest. „Ich hatte noch etwas zu erledigen. Wie ich hörte durftest du nur kurz sprechen“, erwiderte Lumeria und ihr Blick wanderte auf die Wasseroberfläche. „Verdammt, sie hat mich abgewürgt bevor ich meine Pläne dem Rat vortragen konnte“, fauchte er und fügte dann ruhiger und enttäuschter hinzu, „sie traut mir nicht. Die Ratsmitglieder und Lords der Alten Völker verachten mich, weil ich ein Mensch bin.“ Die Cyreen sah wieder zu Noran. „Sie fürchten dich“, meinte sie leise und musterte sein überraschtes Gesicht. „Sie fürchten deine Art der Magie und den Einfluss, den du auf die ehemaligen Sklaven hast. Der Adel munkelt sogar, dass du Ansprüche auf den Kaisertitel stellen könntest.“ Noran lachte bitter auf. “Ich und Kaiser.“ Lumeria stand auf und ging zu Noran, um sich auf das Geländer zu stützen und auf die Stadt hinabzusehen. „Du unterschätzt dich. Die Abschaffung der Sklaverei wird dir angerechnet. Die Siege, die du im Kampf gegen und für das Kaiserreich errungen hast, haben dir viel Respekt eingebracht, auch bei der Kaiserin, deshalb teilt sie deine Besorgnis über das Friedensangebot.“ Noran stand neben ihr und betrachtete die kleine Cyreen, die nur wenige Äußerlichkeiten von einer menschlichen Frau unterschieden. „Tut sie das?“ fragte er forschend. „Ja, auch wenn es nicht so aussieht“, antwortete Lumeria und sah zu ihm auf. „Ich bin seit Wochen unterwegs in ihrem Auftrag. Als die C’chet die Kampfhandlungen einstellten und ihr Angebot unterbreiteten, waren alle überrascht. Als sie sich zurückzogen, waren wir im Stab voll Hoffnung. Selbst die kritischen Stimmen verstummten langsam, aber als du dich skeptisch gezeigt hast, wurde die Kaiserin nervös.“ Noran nickte nachdenklich und drehte sich um, um wieder die Lichter der Stadt zu beobachten. „Jedenfalls beauftragte sie einige vertrauenswürdige Personen damit, einen Plan zu ersinnen, falls es eine Falle ist. Ich kann dir nicht sagen, was sie ersonnen haben, aber es muss etwas gewaltiges sein.“ Sie schwieg einen Moment und die nächtlichen Geräusche der Stadt drangen leise zum Botschaftsgebäude hinauf. Über dem Horizont erschien allmählich eine milchigtrübe Wolke, gefolgt von einem von Urgewalten zerbrochenen Mond. „Die Kaiserin will, dass du bei ihr auf dem Schiff bist, wenn die Delegation auf die C’chet trifft“, fuhr sie leise fort und betrachtete dabei den gespaltenen Mond. „Wie geht es deinem Kind?“, unterbrach Noran sie und blickte sie dabei lächelnd an. Irritiert erwiderte Lumeria den Blick. „Es geht ihr gut. Sie ist ein richtiges Energiebündel geworden“, meinte sie schließlich und musste bei dem Gedanken an ihre Tochter lächeln. „Sie wird in friedlicheren Zeiten aufwachsen als wir“, sagte er nachdenklich und fügte dann hinzu, „wann soll ich zum Flaggschiff wechseln?“ Noch überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel erwiderte die Frau: “Die Flottille trifft morgen ein. Ich gebe dir Bescheid, wann wir mit der Fähre abfliegen.“ Er nickte und legte dabei einen Arm um ihre Schultern, um sie leicht an sich zu drücken.

 

„Kurs setzen. Koordinieren sie den geplanten Sprung mit dem Rest der Flotte.“ Die Befehle des groß gewachsenen Mannes im Rang eines Kanaten, dessen weiße Uniform perfekt saß und von diversen Auszeichnungen geschmückt war, hallten über die Brücke des Schlachtschiffes. Die Offiziere bestätigten und begannen die Befehle in die Tat umzusetzen. Schnell und präzise verrichtete die 36 Mann starke Brückencrew ihre Arbeit, so dass sich der ältere Nebulaner zu den Gästen auf seiner Brücke umdrehen konnte und stolz meldete: “Meine Kaiserin, in wenigen Stunden werden wir den Sprung ins Etek System vollführen.“ Die Kaiserin nahm die Meldung ohne sichtliche Regung auf. Ihre Erscheinung mochte nicht so eindrucksvoll sein wie vor dem Rat, dennoch wusste jeder der ihr begegnete um ihren Status. „Ich werde mich in meine Gemächer zurückziehen. Rufen sie mich, wenn wir den Neutralen Raum erreichen,“ meinte sie schließlich und wandte sich nach einer Ehrerbietung Rarinars ab, um, gefolgt von ihrem Stab und ihrer Leibgarde, die Brücke des Schiffes zu verlassen. Als der Tross durch das große Brückenschott verschwand, stach dem Kanaten eine kleine Rothaarige ins Auge, die sich aus dem Stab der Kaiserin gelöst hatte und darauf wartete, dass der Nebulaner zu ihr kam. Wortlos fiel sie ihm um den Hals, als er nahe genug war und gab ihm einen innigen Kuss. Langsam lösten sich die Beiden von einander. „Du warst lange unterwegs Lumi“, meinte er und betrachtete seine Frau. „Musstest du deswegen gleich wieder in den aktiven Dienst wechseln?“, schalt sie ihn sanft und musterte die besorgten Gesichtszüge des Nebulaners. „Ich dachte, dass wäre der sicherste Weg dich mal wiederzusehen“, witzelte er leise und sein Blick wanderte über die Brücke und blieb an einer in eine graue Robe gehüllte Gestallt hängen, die vor einem der vielen Sichtfenster aus veltronischen Glas stand und die fernen Sterne betrachtete. „Wie ich sehe, hast du ihn auch hergeschleppt“, meinte Rarinar deutlich kühler. „Er ist ein fähiger Magier und Kommandant. Aber keine Sorge, er ist nur als Beobachter dabei“, meinte sie und schmiegte sich an die Brust ihres Mannes. Rarinar betrachtete den Menschen mit gemischten Gefühlen. Er achtete seinen ehemaligen Kampfgefährten, dennoch hatten sich die beiden im Laufe der Jahre voneinander entfernt, nicht zuletzt wegen der Heirat zwischen Lumeria und ihm. „Ich hoffe, es wird für ihn beim Beobachten bleiben.“

 

Schnell aber ohne Hast eilte er durch die Gänge des Kreuzers. Das Beben und Vibrieren der Panzerung, das stetig zunahm, je näher er der Brücke kam, beunruhigte ihn nicht, denn aus Erfahrung wusste er, dass die Hauptenergie des Kampfes immer auf die Kommandozentrale gerichtet war. Wie er es vermutet hatte, war es nie zu den Verhandlungen gekommen. Noch auf dem Weg zum Treffpunkt war die Delegation des Kaiserreichs in einen Hinterhalt geraten und wäre durch die angreifende Streitmacht vernichtet worden, hätte die Kaiserin nicht einen Trumpf in der Hinterhand gehabt. Mit ihrer Macht und der Unterstützung ihrer Erzmagier hatte sie es geschafft ein Wurmloch zu öffnen, das die bereitstehende Flotte des Kaiserreichs in die Schlacht trug. Es mussten wohl an die zehntausend Schiffe sein, die sich nun gegenüberstanden und um das Überleben ihrer Zivilisation kämpften. Das Zischen des Schotts riss Noran aus seinen Gedanken und ihm bot sich das gewohnte Bild von Hektik, Aufregung und Pflichterfüllung, das er schon so oft gesehen hatte. Sofort fielen ihm die beiden wichtigsten Schauplätze der Schlacht ins Auge. Zum einen war da das sphärische Hologramm, dessen Wirrwarr aus verschiedenfarbigen Punkten, dem Kommandanten des Schiffes und seinem taktischen Offizier einen Überblick über den Stand des Kampfes liefern sollte. Nur mit Mühe konnte er Rarinar auf der anderen Seite des Hologramms ausfindig machen, welcher mit stoischer Ruhe Befehle gab. Etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig, denn der Koloss der Kaiser-Klasse war alles andere als dazu geeignet, zwischen den Massen an kleinen Schiffen zu manövrieren. Dennoch war der Kommandokreuzer nicht nur dazu da um als Befehlszentrale zu dienen, nein, seine Größe und Feuerkraft hielt das Flaggschiff des Feindes in Schach.

Zum anderen war da die Plattform der Magier, die es in dieser Form nur auf dem riesenhaften Kreuzer gab. Im Normalfall hatte ein Schiff einen Kundigen an Bord, der die Zusammenarbeit von Magie und Technik sicherstellte. Kampfschiffe besaßen, je nach Größe, einen bis drei Kampfmagier, deren Aufgabe es war ihr eigenes Potential in das Schiff zu speisen, durch Jahrhunderte perfektionierte technische Einrichtungen zu verstärken und dann gezielt gegen den Gegner zu lenken, oder zu verhindern, dass eine solche Attacke das eigene Schiff traf. Doch dieses Schiff besaß zwölf dieser Männer und Frauen, die im Kreis standen und durch ein unsichtbares Band mit dem Schiff verbunden waren. In ihrer Mitte schwebte die Kaiserin, eingehüllt in ein schwaches goldenes Glimmen, das sie wie eine zweite Haut umgab und ein Zeichen dafür war, welche Energie hier am Werke war.

„Sie wird es nicht schaffen, Noran“, flüsterte plötzlich eine Stimme neben ihm und mit einer überraschten Miene wandte er sich zu der Sprecherin. Die Cyreen blickte gebannt zu dem Zirkel der Magier. „Die zwei mächtigsten Wesen dieser Galaxie kämpfen gegeneinander, niemand kann den Ausgang dieser Schlacht voraussehen“, meinte er ruhig und betrachtete Lumeria, deren Augen Angst und Sorge widerspiegelten. „Sie weiß es, Noran. Die Kaiserin weiß, dass sie verlieren wird“, flüsterte die Empatin. „Dann werden wir wohl alle sterben“, hörte er sich sagen und der Blick, dem sie ihm zuwarf, bohrte sich in seinen Geist. Noran versuchte aufmunternd zu lächeln. „Keine Sorge, sie wird die Königin der C’chet besiegen, aber nun geh zu deinem Mann. Er wird dich brauchen“, meinte er mit fester Stimme und Lumeria rang sich ein Lächeln ab. Sachte nickte sie und ging zu ihrem Mann, um seinen linken Arm mit ihren Händen zu umschließen und sich an seine Seite zu drücken, was Rarinar zuerst unwillig, dann aber mit einem gutmütigem Nicken akzeptierte, um mit seiner Rechten durch ihr Haar zu streichen.

Noran atmete tief durch. Hier war kein Platz mehr für ihn. Lumerias Gabe hatte sie nicht getäuscht, die Kaiserin wurde von Minute zu Minute schwächer. Noch einmal sog er die Luft tief ein, dann wandte er sich ab, um die Brücke zu verlassen. Seine Entscheidung war gefallen.

 

Sein Körper war erfroren, seine Sinne verloschen und nur die in ihm gespeicherte Energie hielt ihn noch am Leben. Energie, die er einst aus dem Material und der Besatzung des C’chet Flaggschiffes riss. Selbst die Königin des Feindes konnte sich dieser einen Fähigkeit nicht erwehren, die nur er besaß. Je stärker sie sich gegen ihn gestellt hatte umso mehr Magie und Energie hatte er in sich auf gesogen und am Ende blieb von dem einstigem Koloss nicht mehr als eine Erinnerung all jener die ihn gesehen hatten. Doch sein Sieg war auch eine Niederlage gewesen, denn seine Gabe hatte sich verselbstständigt und alle Materie, die ihm zunahe kam wurde zerlegt und aufgesogen. Niemals würde nach Hause zurückkehren können, nie wieder würde er das Wesen im Arm halten für welches er sich geopfert hatte. Nur träumen, das konnte er. Sich erinnern an die Zeit, als er noch der Mensch Noran war, an seine Freunde und an Lumeria, für die er alles aufgegeben hatte.

Es war still und dunkel und er war alleine am Rande des Zentrums des Universums. Ein einsamer Punkt, ein Träumer.