Skits

 

Stockton war nervös, dumm und rücksichtslos. Seine rotgeränderten Augen wanderten stets umher, seine Hände berührten wie die eines Kindes alles was in Reichweite stand, und seine Wutausbrüche kamen häufig und unvermittelt. Er war ein Mensch, der auf einer Forschungsstation nichts zu suchen hatte. Aber er hatte Geld.

„Schau dir diese Viecher an.“ Mit einem dünnen, vom Tabak gelb gefärbten Zeigefinger pochte er gegen die Seitenscheibe. Draußen sprangen grünblaue Bälle neben uns her. „Denken wohl, wir haben was zu essen dabei.“

Ich stellte die Geschwindigkeit höher. Je eher diese Fahrt vorbei war desto besser. Die Skits blieben zurück und verschwanden im Staub, den die sechs mannshohen Räder aufwirbelten. Ich schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie diesen Namen vielleicht für immer behalten würden, für den unsre schwedische Köchin verantwortlich war. Als gestern, kurz vor der Landung, das erste Mal einigermaßen scharfe Bilder eines dieser Wesen über den Monitor liefen, betrat sie zufällig den Raum, und kaum hatte sie einen Blick auf die schwabbelige, grünblaue Haut mit den vielen kleinen Saugnäpfen geworfen rief sie „Skit!“, was auf Schwedisch soviel heißt wie „Scheiße!“.

„Was denken Sie“, riss er mich aus meinen Gedanken, „ob die zerplatzen, wenn sie gegen die Frontscheibe knallen?“

Offenbar suchte er ein Gespräch, ich hatte keine Chance. „Es wäre nicht gut, wenn wir eins töten. Wir wissen noch nicht, wie sie sich verhalten, wie intelligent sie sind ...“

„Wenn sie intelligent sind, werden sie nicht gegen die Scheibe knallen!“ Ein quäkendes Lachen drang aus seiner Kehle. Die Qualität seines Humors und seine eigene Einschätzung dieser Qualität klafften derart weit auseinander, dass seine Wutausbrüche manchmal erträglicher waren als seine Witze. Trotzdem war mir seine gute Laune ganz recht, denn wenn das hier auch ein Reinfall würde, wäre er vermutlich pleite. Schlechtgelaunt könnten wir ihn dann noch genügend erleben.

Eine Weile war nur das leise Surren der Solarbatterie zu hören. Die große Ebene schimmerte rot vor uns, und hinter uns wirbelte ein Schleier aus rotem Dunst. Der Horizont bildete eine scharfe Linie zu dem tiefblauen Himmel, an dem auch tagsüber einige Sterne zu sehen waren. Als sich Zacken in diese Linie schoben, wurde Stockton wieder unruhig.

„Glauben Sie, dass dieser Torreny was drauf hat?“

Ich nickte. „Er ist der beste Geologe, den ich kenne.“

„Wir werden ja sehen, wie gut er ist.“

„Es war nur ein Grob-Scan. Da kann man nichts Sicheres sagen.“

„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass es für ihn besser wäre, wenn wir was finden!“

„Wir sind Wissenschaftler! Um den Planeten systematisch zu erforschen ...“

„Systematisch erforschen! Was glauben Sie, warum ich mein Geld hier reinstecke.“ Sein Gesicht war jetzt so rot wie seine kurzgeschorenen Haare. „Die Affen von der Regierung rücken Fördergelder nur für wissenschaftliche Forschungsprojekte raus, ansonsten wäre ich mit einer ganz anderen Mannschaft losgezogen. Und das hätte ich auch gemacht, wenn ich gewusst hätte, wie ergiebig euer systematisches Rumgewurstel ist. Eure Forscherei hat mich ruiniert! Dieser aufgeblasene McFerguson lacht sich schlapp wenn ich mit leeren Händen wiederkomme. Ich will endlich Ergebnisse sehen, die sich zu Geld machen lassen, keine“, er rollte mit den Augen, “Forschungsergebnisse.“ Sein gelber Zeigefinger stieß unsanft in meine Schulter. „Und zwar schnell!“

Ich wusste, es wäre besser, nicht zu antworten. Trotzdem hörte ich mich sagen: „Wissen ist wichtiger als Geld! Und mit dem nötigen Wissen können wir auch die Rohstoffe besser abbauen.“

„Haha! Sie können gern Ihr Wissen verkaufen, ich halte mich an die Rohstoffe.“

So unerträglich sein Humor auch war, einen Wutausbruch konnte ich jetzt nicht riskieren. Also konzentrierte ich mich auf die Hügelkette am Horizont, die schnell näher kam, und freute mich auf den Heimflug. Der Start war in zwölf Stunden, und in drei Wochen würde ich Stockton hoffentlich das letzte Mal gesehen haben. Schließlich, nachdem ich mir einige weitere geistreiche Bemerkungen angehört hatte, hielten wir am Fuß eines Hügels.

Keins der Messgeräte an Bord deutete auf eine Gefahr hin. Stockton nahm dies als Zeichen, dass wir in absoluter Sicherheit waren, ich seufzte, und wenige Minuten später marschierten wir ein Geröllfeld hinauf. Hier und da ragten Felszacken empor. Alles hatte die gleiche rote Färbung wie der Sand in der Ebene.

„Verdammt langweiliger Planet“, sagte Stockton. Durch das Atemröhrchen, das nicht genau in seinen Hals eingepasst war, klang die Stimme noch quäkender. Er lief voran mit einer Geschwindigkeit, die man diesem schmächtigen Männlein nicht zutraute. Mit seinem orangefarbenem Overall und seinen roten Haaren verschmolz er fast mit der Landschaft, lediglich die weißen Hände und das Gesicht stachen hervor. Ich versuchte mir vorzustellen, er wäre ein Lebewesen, ein Tier, perfekt an diesen Lebensraum angepasst, welches wir in unsrem Labor untersuchen würden.

Er drehte sich um. „Wir werden ordentlich einsacken, was?“ Quäkendes Lachen. „Aber sind Sie sicher, dass es hier ist? Sieht ja alles gleich aus.“

„Über den Sattel dort, dann sind wir da.“

Stockton erreichte den Sattel etwa zwanzig Schritte vor mir. Er blieb stehen.

Als ich ihn erreicht hatte, sah ich warum. Vor uns lag ein langgezogenes Tal. Steile Felswände begrenzten es an den Seiten, und in der Rinne, welche den Boden des Tals bildete, glitzerte etwas, wahrscheinlich ein Bach. Direkt vor uns breitete sich ein ebensolches Geröllfeld aus, wie wir es gerade erklommen hatten. Die gleichmäßige rote Färbung war hier von unzähligen grünblauen Punkten durchsetzt.

„Skits“, sagte ich. „Unmassen von ihnen! Sieht aus wie der ideale Platz für eine Forschungsstation.“

„Und da müssen wir durch?“

„Es müsste ziemlich genau in der Mitte des Hanges sein.“

Stockton atmete tief ein und zog die VX-2 aus dem Halfter an seinem Gürtel. „Ich bring diesen Torreny um, wenn er mich verarscht hat.“ Dann stapfte er los. Auf seinen Mut war er mindestens ebenso stolz wie auf seine Witze. Wahrscheinlich war er aber einfach zu blöd, die Gefahren abzuschätzen, die aus der Konfrontation mit einer fast unbekannten Spezies resultieren konnten. Hazenfield war auf diese Weise ums Leben gekommen, und Abrun hatte seinen Arm eingebüßt durch eine unglückliche Willkommensgeste der Frethorianer.

Inzwischen war Stockton bei den ersten Skits. Sie lagen meist etwa zwei Meter auseinander und gingen ihm bis zur Hüfte. Er schritt durch sie hindurch, als wären sie die langweilige Ausstattung eines Vergnügungsparks. Wenn ich mich nicht zum Gespött der Mannschaft machen wollte, musste ich hinterher. Trotzdem blieb ich stehen.

Da glaubte ich, ein kurzes Glitzern zu bemerken an den Skits, welche sich gerade im Umkreis von Stockton befanden, wie von tausenden kleiner Spiegelscherben. Im nächsten Moment war nichts mehr davon zu sehen. Ich verfluchte meine Ängstlichkeit, und ich verfluchte Irene, die mich verlassen hatte, weil ich kein Draufgänger war.

„Was soll’s“, sagte ich und ging los. Stocktons Oberkörper bewegte sich bereits auf die Mitte des Skit-Waldes zu, er musste die Stelle fast erreicht haben. Aus der Nähe erschienen die Skits wie überdimensionales Spielzeug mit ihrer glatten, grünblau gefleckten Oberfläche, die sich stets ein wenig bewegte, und den Saugnäpfen, oder was auch immer diese schüsselartigen, klebrig aussehenden Öffnungen darstellten. Die Ruhe war gespenstisch. Ich befand mich inmitten tausender Lebewesen und hörte nur das Geräusch meiner eigenen Schritte auf dem Geröll.

Ein Schrei. Langgezogen hallte er von den Bergen wider. Stockton war verschwunden. Ich riss meine VX-2 aus dem Halfter und rannte los, dahin, wo ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das Surren eines Bosonenstrahls ertönte, danach wütende Schreie. Ohne daran zu denken, dass die Strahlen auch mich treffen konnten, eilte ich weiter, bis ich an den Rand einer Art Lichtung in diesem Skit-Wald kam. Auf einer Fläche von reichlich zehn Quadratmetern standen hier keine Skits, allerdings hingen ihre Fetzen über den roten Steinbrocken und der Boden war fast einheitlich mit einer glibberigen Masse bedeckt. Es stank wie eine Mischung aus verwesendem Aas und verbrannten Haaren. Inmitten dieses Chaos’ saß Stockton. Die VX-2 hielt er noch in seiner erhobenen rechten Hand, die Linke hatte er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt. Er zitterte und sein orangener Overall glänzte, voll mit glibberigem Schleim.

„Was ist passiert“, rief ich. Erst da schien er mich wahrzunehmen, ließ seinen Blick jedoch sofort wieder wild umherirren. Langsam richtete er sich auf. Mit einer Geste des Ekels wischte er sich einige Schleimreste aus dem Gesicht. Er würgte und übergab sich auf den stinkenden Schleim zu seinen Füßen.

„Höllenbrut“, knurrte er. Dann wischte er sich über den Mund und stand auf. „Tja, die Chance auf eine friedliche Kontaktaufnahme haben wir wohl verpasst.“

Er warf mir einen Blick zu, um zu sehen, ob ich von der coolen Bemerkung beeindruckt war. Dann scharrte er mit den Füßen im Schleim. „Es ist hier, ich hab’s gesehen!“ Plötzlich warf er sich zu Boden und hob einen faustgroßen Stein in die Luft. Der Stein glänzte gelb, aber nicht vom Schleim. „Gold!“ Seine Augen sprangen fast aus ihren Höhlen. „Gold! Dieser Torreny ist doch ein famoses Kerlchen.“

„Lassen Sie uns verschwinden, bevor wir richtig Ärger kriegen.“

„Dann helfen Sie mir hier.“ Einige der Skits, welche den Rand der ‚Lichtung’ bildeten, hatten begonnen, leicht zu pulsieren.

„Verflucht, wir können sterben!“

„Glauben Sie ich will leben mit dem Wissen, das hiergelassen zu haben? Haben Sie eine Ahnung vom Goldpreis?“ Er wühlte weiter im Boden, während er sprach, und steckte Goldbrocken in die Gürteltasche.

„Dann fliegen Sie eben wieder hierher. Und wenn wir mehr über die Skits wissen ...“

„Ha! Wenn wir mehr wissen, wird die Behörde zum Schutz erdähnlicher Planeten den Hang zum Reservat machen und Goldabbau verbieten.“

„Dann wird sie auch Grund dazu haben! Verdammt, sie kommen!“

Tatsächlich bewegten sich einige Skits langsam in unsre Richtung. Stockton sprang auf, die VX-2 wieder in der Hand. Die Tasche mit dem Gold zog ihn zur Seite, trotzdem war er erstaunlich flink. Er rannte an mir vorbei. Bevor er den ersten Skit erreichte, traf ihn ein Tentakel, ‚abgefeuert’ aus einer Saugnapföffnung. Drei Skits stürzten sich auf ihn und zerplatzen, sobald der Bosonenstrahl seiner VX-2 sie berührte. Das glibberige, schwere, warme, stinkende Innere ergoss sich über Stockton, auch mich erreichten einige Spritzer. Er war auf die Knie gesunken, rappelte sich aber sofort wieder auf und hastete weiter. Der Tentakel hatte den Ärmel seines Overalls aufgerissen und einen blutigen Striemen hinterlassen. Wir hatten noch ein zweihundert Meter breites Meer dieser Schleimbeutel vor uns. Wir rannten, dass die Atemröhrchen gerade genug Sauerstoff einfangen konnten. Ich achtete stets darauf, nie vor Stockton zu laufen, der auf alles schoss, was sich vor ihm bewegte. Die Skits sprangen auf uns zu, und einige wären genau auf uns gelandet, hätten wir sie nicht abgeschossen. So landete nur der Schleim auf uns. Manche Skits begnügten sich damit, ihre widerhakenbesetzten Tentakel auf uns zu schleudern. Gierig sogen wir die stinkende Luft ein, schossen, streiften Tentakel ab, wichen umherfliegenden Schleim- und Hautfetzen aus, rannten. Mit einem Mal war Ruhe. Wir schleppten uns noch ein kleines Stück, dann sanken wir japsend zu Boden.

Stockton sah erbärmlich aus. Mit Schleim überzogen wie ein frisch geborenes Fohlen, blutige Striemen überall dort, wo ein Tentakel den Overall aufgerissen hatte, kniete er neben mir, nach vorn gebeugt, die Handflächen auf dem Boden, und würgte. Auch mir war übel, und ich bot mit Sicherheit kein besseres Bild. Das Skit-Meer hatte sich wieder beruhigt, lediglich eine etwa zehn Meter breite und zweihundert Meter lange Schneise zeigte unsren Weg an. An ihrem Rand standen die Skits, als wäre nichts geschehen.

„Widerwärtiges, mieses, verschissenes Viehzeug!“ Stockton versuchte, in Richtung der Skits zu spucken, aber sein Mund war zu trocken.

Glücklicherweise hatten wir zwei Patronen für den Desinfektor im Wagen. Frisch gesäubert trat ich aus der Desinfektorkabine, streifte die blaue Latzhose über, die ich unter dem Rücksitz gefunden hatte und blinzelte in die tiefstehende, rote Sonne.

Auf dem Beifahrersitz, in einem weißen Laborkittel und langen, ausgebeulten Unterhosen, kicherte Stockton vor sich hin. „Das war es wert, oder?“ Er hatte die Goldklumpen in seinen Schoß geschüttet, wo sie sich wie in einem Nest zusammendrängten. Sie waren alle etwa gleich groß.

Dass wir einige dieser Lebewesen getötet hatten, fiel für ihn offenbar nicht ins Gewicht. Ich startete die Maschine und wir fuhren los. Noch sechs Stunden bis zum Raumschiff, das weitläufig genug war, um Stockton aus dem Weg gehen zu können.

„Was Widerwärtigeres kann noch kein Mensch erlebt haben, hä?“

Ich nickte und schmunzelte in mich hinein, bezog seine Äußerung auf etwas anderes.

Die Goldklumpen glänzten im Licht der untergehenden Sonne. „McFerguson beißt sich in den Arsch, das sag ich Ihnen! Hat mich einen Spinner genannt, weil ich Forschungsexpeditionen finanziere. Und jetzt ist der Spinner der Gewinner!“

Er wog einen Klumpen in der Hand. „Allein damit könnte ich fünf weitere Expeditionen bezahlen. Verdammt hart verdient, aber das macht die Frucht umso süßer. Ahiii!“ Ein Tentakel fuhr aus dem Klumpen und verpasste ihm einen roten Streifen im Gesicht. Er warf ihn in den Fußraum und kletterte auf seinen Sessel. Das restliche Gold kullerte auf die Sitzfläche. Ich stoppte den Wagen.

Das Gold auf dem Sitz begann, weißen Schaum abzusondern, wie ein überkochender Topf Milch, nur dass Milch nicht stank wie verwesendes Aas. Ein Klumpen brach auseinander, Schleim spritzte uns ins Gesicht, und heraus kam ein golfballgroßer Skit, dessen winzige Tentakel über die Sitzfläche tasteten.

„Scheiße, Mann, was soll das?“ Stocktons Gesicht war jetzt weiß wie die Exkremente eines Eukarpiden.

Ich lachte. „Das ist kein Gold, das sind ihre Eier!“

„Das sind doch keine Eier!“

„Es sind ja auch keine Hühner.“ Der kleine Skit tastete sich weiter vor, versuchte, die Lehne hinaufzuspringen, auf welche sich Stockton geflüchtet hatte.

„Sehen Sie nur“, sagte ich, „er denkt, Sie sind seine Mama.“

„Halten Sie den Mund, Mann. Halten Sie bloß den Mund!“