Mitten in das Leben

„Das Geschoß ist ihm in die Brust gedrungen, mitten in das Leben, was freilich nur Zufall ist …“

Karl May, Die Sklavenkarawane

 

Das Flattern seiner Augenlider war möglicherweise auf leichte Läsionen im limbischen System zurückzuführen. Auch durfte man annehmen, dass sein jahrelanger Droxx-Konsum diverse Legionen von Purkinjezellen in der Kleinhirnrinde niedergemacht hatte. Aber der Mann war ganz offensichtlich noch weit davon entfernt, Schwierigkeiten mit seiner motorischen Koordination zu bekommen. Er nahm die Waffe hoch, brachte den Hautflügler in die Zieloptik und schob den Zeigefinger auf den Auslöser. Nur etwas ruhiger hätte er die Waffe halten mögen. Intuitiv begann er langsamer und tiefer zu atmen. Er spürte, dass er sich in diese Ruhe zwingen musste. Nur so würde er zuverlässig jenes Kreischen, Zwitschern und Trällern ausschalten, das ihn in den Wahnsinn trieb. Der leicht gezähnte Hornschnabel des Hautflüglers sprang immer wieder auf, und jedes Mal bestürmte es seinen Schädel wie Feuer, jedes Mal blitzte es in seinen Gehörgängen und zerrte an seine Nerven.

Ruhig. Halt die Strahlenspritze ruhiger 

Noch verschob sich der silbrige Körper des Tieres in der Zieloptik. Seltsam, wie das dunkle, dumpfe Auge einfach nur dumpf war und nichts verriet. Vielleicht war da auch nichts. Nichts außer einem akustischen Inferno, das bis zur Dämmerung anhalten würde. Nein, würde es nicht. Der Mann hätte jetzt wohl sachte gegrinst. Ihm fiel nicht auf, dass er es nicht mehr konnte.

Tot. Das Auge ist schon tot.

Lichtschnell erschuf der Strahlschuss einen pampigen Kohleklumpen, der sprühend über ein paar Äste kaskadierte und auf die hellbraune Erde pompte. Ein paar Zweige erschraken in der Tiefe ihrer gejagten Moleküle, flackerten ängstlich und knisterten wortreich beschwichtigend. Die schwarze Halbkugel am Boden entließ drei schlangenförmige Feuergeister und gab dann nur noch graues Gas von sich. Kein Zwitschern, kein Trällern, kein Kreischen. Der Mann war erleichtert. Aber nicht völlig. Die Viecher rückten ja immer wieder nach. Anscheinend übte diese Spezies eine Art gleichmäßigen Diffusionsdruck aus. Verzichtete man auf den Abschuss, folgten womöglich gar keine weiteren Exemplare. Immerhin gab es eine kurzfristige Erleichterung und der Mann atmete tief aus. Wunderbare Stille. Nur ein wenig Wind wischte lahm um die schwarzen Häuser des Dorfes. Auch ein wenig Knistern noch, das langsam erstarb, bis die Zweige bloß mehr rauchten, so still und dünn wie die Reste des Hautflüglers. Einmal mischte sich eine Windbö in den steigenden Brodem, doch halbherzig genug, um nicht weiter zu stören. Kein Zwitschern, kein Trällern und Kreischen mehr. Einen Hautflügler abzuschießen hieß, sich eine kurzfristige Erleichterung zu verschaffen.

     Auch Droxx verschaffte Erleichterung. Solange man die DroxxoDisz drauf hatte. Genug Leute hatten sie verloren. Ein Droxxer ohne Selbstdisziplin war sehr bald ein toter Droxxer. Der Mann hatte es oft genug erlebt. Man durfte die Dosen niemals steigern. Ohne DroxxoDisz ging es nicht. Wer sie verlor, lieferte sich einer flinken kortikalen Atrophie aus. Auch Hippocampus und Mamillarkörper schrumpften. Das Kleinhirn machte sich kleiner, und vorm Einflug ins Nirwana fuhr man sämtliche Gedächtnissysteme runter, verfiel in Paranoia und zuckte im Muskelkrampf. Der Mann wusste es. Er hatte die DroxxoDisz immer ganz gut drauf gehabt. Doch jetzt ahnte er, sie verloren zu haben. Aber warum? In den letzten Tagen – oder waren es Wochen? – hatte er übermäßig gedroxxt. Vermutlich war sein Thiaminstoffwechsel gestört, aber konnte man sich so schnell das Gedächtnis wegschießen? Wie viel Droxx war eigentlich noch da? Er tastete sich ab. Nichts. Im Haus müsste noch ein Vorrat sein. Er würde ihn nicht brauchen.

Ich lass die Finger davon. Erstmal. DroxxoDisz kann man wiedergewinnen 

Der Mann schulterte die Strahlenwaffe und ging zurück zur Dorfstraße. Der Gestank war entsetzlich. Gegen die Hautflügler konnte er etwas unternehmen, aber gegen den Gestank? Er blickte auf das Beinpaar im Straßenstaub und hielt sich die Nase zu. Beinahe komisch, wie über den sorgsam geschnürten archaischen Kampfstiefeln mit ihren antistatischen Sohlen und versiegelten Nähten der lehmgelbe Kampfanzug bloß bis zur Hüfte reichte. Der auf elektronisch gesteuerten Polymeren basierende Stoff war sehr tauglich gegen mechanischen Beschuss, aber ganz offensichtlich nicht gegen starke Energiewaffen. Torso und Kopf des gepanzerten Kämpfers waren zu schwarzem Mist geschrumpft.

Der steht nicht mehr auf. Man streut irgendwas drüber, damit es nicht so stinkt. Was war das noch? Oder vergraben. Nein, nicht vergraben, es heißt – wie?

Der Mann stand unschlüssig auf der Dorfstraße. Seine Finger gaben die Nase frei, rutschten übers Kinn auf die Brust. Schließlich baumelte sein Arm an der Seite, und er schien selbst den Gestank vergessen zu haben. Ein Fetzen Papier hoppte aus dem Straßenstaub, kugelte verspielt mit einer Bö, klatschte breit ans Hosenbein und sank früh erschöpft zurück. Zehn Meter weiter hatte es einen anderen Kämpfer in den Asphalt gebrannt. Wie die lange Bremsspur eines Schwerlasters, und am tiefsten Punkt befand sich das unordentliche Grab des karbonisierten Kombattanten.

     „Beh!“, rief der Mann. Und dann leiser: „Es heißt begraben.“

     Sein Blick erfasste das Papier zu seinen Füßen. Schließlich hob er es auf.

     „Bürger“, sagte der Mann. „Von“, sagte der Mann. „Karakiir!“, las der Mann. Er hatte tatsächlich den Namen seines Heimatplaneten vergessen gehabt. Bairaa d, fiel ihm ein. So hatte Karakiir früher geheißen. Er ließ das Flugblatt segeln. Immerhin konnte er noch lesen. Vielleicht hatte er doch noch kein DroxxoMinus unter seiner Schädeldecke (wie es im entsprechenden Jargon hieß). Vielleicht war es noch nicht zu spät.

DroxxoDisz kann man zurückgewinnen 

Was war das? Der Mann riss das Strahlengewehr von der Schulter und spähte in den südlichen Himmel. Er konnte es hören. Er hörte einen Hautflügler auf 1500 Meter Entfernung.

Komm her – komm her – komm her. Du willst mich fertig machen. Du schaffst es nicht. Komm nur her.

Es trällerte, es zirpte, es schrie. Immer lauter. Es wollte den Platz, den freigewordenen Platz, es wollte sich da niederlassen, um ihm das Hirn zu zerkreischen. Und dann sah er das Tier. Noch war es sinnlos durch die Zieloptik zu peilen. Das Vieh musste erst landen, im Flug war es nicht zu treffen. Der Hautflügler kreiste über einem Baum am Südrand des Dorfes. Er kreiste. Fast schien es, als ob er es sich noch überlegte. Als ob er die Gefahr des Mannes spürte, der töten wollte. Er kreiste. Er kreischte: wütend. Er schoss davon. Der Mann senkte die Waffe. Er atmete aus. Er atmete ein. Er brauchte Droxx.

Nur ein klitzekleines Krümelchen. Kann den Schaden doch nicht vergrößern. DroxxoDisz kann man zurückgewinnen.

Der Mann schulterte die Waffe. Er drehte sich langsam im Kreis und schrubbte sein verfilztes Haar. „Verdammt …“ Er hatte vergessen, wo sein Haus stand. Sie sahen alle gleich aus. Gleich schwarz und verheert. Vermutlich litt er – wie viele Droxxer sonst auch – unter einer Störung im Kohlenhydratstoffwechsel aufgrund einer erniedrigten Transketolaseaktivität. Dennoch musste seine retrograde Amnesie einigermaßen merkwürdig und untypisch anmuten. Er wandte sich schließlich nach links. Einem unbestimmten Impuls folgend, steuerte er auf ein Haus zu, das vielleicht seines war. Notfalls musste er alle Häuser durchsuchen. So viele waren es nicht. Kaum dass er sie berührt hatte, fiel ihm die schwarzgebrannte Tafel der Tür entgegen, streifte ihn an der Schulter und schlug in den Staub. Dunkelgraue Flocken wirbelten hoch und ein Gestank wie aus der Hölle hüllte ihn ein. Er würgte, stützte sich auf seine Oberschenkel, sah einem Schleimfaden nach, der schließlich riss und den Staub benetzte. Dann richtete er sich auf und betrat den kurzen Flur. Er watete in Asche. Der Spiegel war heil geblieben und doch zeigte er kein bekanntes Gesicht. Vielleicht war es nur zu dunkel hier. Aber doch nicht düster genug, um zu übersehen, dass sich das Gesicht im Spiegel dichter mit Schweißtropfen belud. Ein schwaches Zittern überkam das fremde Antlitz. Der Mann riss sich los und spähte in die mehrfach geritzte Dämmerung des anstoßenden Raums. Langsam ging er weiter im weichen Aschengrund und betrat das Zimmer. Die Fensterläden waren geschlossen, doch Bairaa, die Sonne Karakiirs, schoss ein paar Strahlen durch Bruchöffnungen des Hauses. Im geschärften Licht schwebten die Partikel der Großen Müdigkeit, der Großen Vergeblichkeit, des Großen Abschieds. Der Mann sah zwei Leiber gebackenen Brotes, zu stark gebackenen Brotes, verbrannten Brotes. Er sah einen kleinen Streifen geblümten Stoffs. Tatsächlich war von der Frau nichts anderes als dieser Fetzen Stoff heil geblieben. Er musste wieder würgen und spukte Galle. Da war nichts anderes, das er spucken konnte. Er fragte sich, ob er eine Frau und zwei Kinder gehabt hatte. Er wusste es nicht. Er bewegte sich tiefer in den Raum.

     „Nach den Galaktischen Statuten, die im ersten Neusäkulum unter Federführung des Imperiums verfasst wurden und somit von ihm zweifelsohne anerkannt werden, erstreckt sich das Hoheitsgebiet unabhängiger planetarer Staaten …“

     Der Mann hob die DigiZeitung, auf die er getreten war, aus der Asche. Unverwüstlich waren diese Dinger. Als ob auch die Zeiten unversehrt geblieben wären. Überm Text, der vom Sprachmodul mit einer weichen Altstimme ausgegeben wurde, zeigten die Flüssigkristalle einen Gasriesen. Der Mann versank im Bild der Kugel: Pastelltöne, wie das Kleid der Frau.

     „… ist also gar keine Frage, dass mit unserer Unabhängigkeit die Inbesitznahme sämtlicher Planeten und Ressourcen des Bairaa-Systems einhergeht. Die Väter der Galaktischen Statuten legten besonderen Wert auf diese Regelung, da die Vergangenheit oft genug bewiesen hatte, dass die politische Unabhängigkeit durch Versagung einer wirtschaftlichen zum Scheitern verurteilt ist. Somit steht es außer Frage, dass das bedeutende Helium-3-Vorkommen des Gasplaneten Rumalia, den die Älteren noch unter dem Namen Bairaa g kennen …“

     Sogar im Zeitraffer animiert. Behaglich schoben sich die Schichten umeinander, berührten sich zärtlich, lösten sich ineinander, waren beieinander, umflossen sich in weiten Spiralen, wie tändelnd, wie liebend, wie suchend, wie findend. Behutsam legte der Mann die DigiZeitung in die Asche zurück.

Nur ein klitzekleines Krümelchen.

Er ging zum schwarzmarmorierten Schrank, öffnete ihn, Asche und Scherben, Scherben und Asche. Rechts war eine Schubladenkonsole mehr oder minder verschont geblieben. Der Mann riss die oberste Lade raus. Nichts. Wäsche, Handtücher, Kram. Die nächste: Kram, Kram, Kram.

     „… jüngsten Drohungen des Imperiums, die darin gipfelten, ein Exempel zu statuieren und die komplette Infrastruktur Karakiirs zu zerstören, wenn wir an unserer Unabhängigkeitserklärung festhalten, sieht die Regierung gelassen entgegen. Dennoch wurden …“

     Er ging in die Knie und zerrte die unterste Schublade heraus: Haarbürsten, Spangen, Kram. Er ließ sich nieder, und der Kolben seiner Waffe stieß in die Asche, dass sie ihn sprühend einhüllte. Er lehnte seine Schulter gegen das Schränkchen. Nur ein Klitzekleines! Sein Oberkörper begann wie ein altmodischer Verbrennungsmotor zu ruckeln. Seltsam, wie getrennt er von seinem eigenen Weinen war. Er hatte nicht mehr geweint seit – wann? Heißes Abwasser pitschte auf seine Handrücken und schuf helle Inseln in der Staubkruste. Die Inseln zerliefen, vergrößerten sich, wurden zu Festland. Zu festem flüssigen Land. Er weinte sein Land, seinen Planeten heraus.

     „… in einem Schnellverfahren das Waffengesetz geändert, um zivilen Patrioten die Möglichkeit zu geben, sich gegen Übergriffe zu wehren, wenn es denn tatsächlich zum Schlimmsten kommen sollte, was die Regierung allerdings als äußerst unwahrscheinlich ansieht. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Katalog an Verhaltensmaßnahmen …“

Karakiir, was ist passiert? Ich bin nichts als eine alte Droxx-Birne.

Der Mann hätte jetzt wohl sachte gegrinst. Ihm fiel nicht auf, dass er es nicht mehr konnte. Er rappelte sich hoch, stieß an die unterste Schublade, fiel fast hin und humpelte zurück in den Flur.

     „… unbestätigten Meldungen ist die fünfte Imperiums-Flotte bereits unterwegs nach Karakiir. Weiter wurde berichtet, dass die Großtransporter der Flotte mit den neuen planetaren Kampfgleitern der Rochen-Klasse beladen wurden. Diese Mordwerkzeuge verfügen neben ihren hochenergetischen Strahlkanonen über so genannte Akustik-Schocker. Diese leistungsstarken Tongeneratoren sind als ein perfides Mittel der Kriegsführung anzusehen, da die hochfrequenten Geräuschemissionen zu nichts anderem dienen, als Angst und Schrecken beim Gegner zu verbreiten. Patrioten, die sich zum Kampf stellen wollen, wird empfohlen, sich vorsorglich mit Ohrstöpseln aus Wachs oder Ähnlichem zu versorgen.“

     Der Mann trat ins Freie und beschattete sogleich seine Augen. Bairaa schien hell und warm. Die dunkle Straßenfront wartete auf ihn. Da waren noch einige Häuser, die er zu durchsuchen hatte. Ein klitzekleines Krümelchen Droxx musste doch aufzutreiben sein.